Kinder der Westkurve: DIe Geschichte der HSV-Fans

»Früher, mein Junge, war alles besser!«

Ein Buch direkt aus dem Block: Der 660-Seiten-Wälzer »Kinder der Westkurve - Die Geschichte der HSV-Fans« setzt Maßstäbe in Sachen Fanretrospektive.

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Thorsten Eikmeier, wie kommt man auf die Idee, neben seinem eigentlichen Beruf eine 660-Seiten-Chronik über die Geschichte der HSV-Fans zu schreiben?
Es ist wie so häufig: Schuld war nur der Alkohol.
 
Eine Bierlaune?
Absolut. Wenn man endlos lange Auswärtsfahrten mit Fans verbringt, kehrt man oft mit einem reichen Anekdotenschatz heim. Alte Herren erzählen vom Fandasein am Rothenbaum, jüngere Anhänger von ihrer Zeit in Block E oder auf der Nordtribüne, Althauer berichten von Wald- und Wiesenschlachten, Ultras von der Gegenwart. Allzu häufig sagten wir drei, vier Bier später: Wahnsinn, daraus müssten wir mal ein Buch machen! Wirklich angegangen sind wir das Projekt erst im Frühjahr 2008.
 
Haben Sie anfangs abschätzen können, was da auf Sie zukommt?
Überhaupt nicht. Unsere sieben Autoren sind ja eigentlich in anderen Jobs tätig. Wir sind weder hauptberuflich Journalisten oder Buchautoren, das ganze war ein Freizeitprojekt, an dem wir abends und am Wochenende gearbeitet haben. Wir waren natürlich auch vollkommen unerfahren, was es heißt, so ein Buch zu schreiben. Anfangs tönten wir also aus einer etwas naiven Fanperspektive: In einem Jahr sind wir fertig! Nach wenigen Wochen merkten wir aber schon, dass das nichts wird. Alleine die Suche nach Zeitzeugen oder Material aus der Vorkriegszeit gestaltete sich dermaßen schwierig, dass die Veröffentlichung immer weiter verschoben wurde. Wir haben immer wieder Aufrufe gestartet und die Leute animiert, damit sie uns Fotos, Zeitungsschnipsel, Pins oder Eintrittskarten schicken. Wir waren etliche Male im HSV-Museum. Wir haben wochenlang gescannt und abfotografiert. Am Ende haben wir über vier Jahre an dem Buch gearbeitet.

>> Lange Haare, lange Schals: Bilder aus »Kinder der Westkurve«
 
Mit den Zeitzeugen aus der Frühzeit hatten Sie schließlich doch Glück.
Das stimmt. Wir fanden irgendwann Oscar Algner, der seit über 80 Jahren Klub-Mitglied ist. Er besucht Spiele des HSV seit den dreißiger Jahren. Besonders schön fand ich seine Geschichte von einem HSV-Meisterschaftsspiel in Königsberg. Aigner befand sich damals an der Front in Ostpreußen und überredete seinen Offizier, ihm Urlaub zu gewähren. Er wollte seinen Vater in Königsberg besuchen, weil dieser dort geschäftlich unterwegs war. Er verschwieg natürlich, dass die beiden sich dort vornehmlich wegen des HSV-Spiels treffen wollten.
 
Welche Geschichten haben Sie außerdem überrascht?
Fast alles aus der Zeit vor 1980. Ich dachte ja lange Zeit, dass ich alles über die Geschichte der HSV-Fans weiß. Dann aber sitzt man bei Kaffee und Kuchen bei Fan-Legenden und stöbert in alten Fotokisten oder Devotionalienschränken. Man hört Geschichten von Fanklubs, die früher ihre Bierkisten mit ins Stadion genommen haben oder von Hooligans, die ihre Waffen bei Ordnern oder sogar Polizisten am Eingang abgegeben haben, um sie danach wieder abzuholen.

Sie berichten in einem Kapitel auch über die Neonazis, die sich in den achtziger und neunziger Jahren in der Westkurve breitmachten. War sich die Autorengruppe von Anfang an einig, dieses Thema so ausführlich zu behandeln?
Uns war schnell klar, dass wir die politische Vergangenheit der Kurve thematisieren müssen. Auf diese Zeit ist niemand stolz, aber es gehört eben zur Geschichte der Fans. Gerade in den achtziger und neunziger Jahren waren Politik und Gewalt wirklich vorherrschende Erscheinungen in der Westkurve. Ich möchte nicht sagen, dass heute alles super ist, dennoch kann man festhalten, dass wir eine weltoffene und bunte Kurve sind. Auch weil man sich viele Jahre gegen die Rechten im Block gewehrt hat.
 
Welchen Ansatz haben Sie bei dem Kapitel gewählt?
Wir haben vornehmlich dokumentiert und erzählt, wie es dazu kommen konnte, dass die Neonazis eine solche Präsenz im Block hatten. Ebenso verhält es sich mit dem Kapitel über die Rivalen. Wir hätten 20 Seiten darüber schreiben können, wie blöd wir den FC St. Pauli finden, doch das konnte nicht unser Anspruch sein. Auch hier haben wir aufgezeigt, wie es überhaupt zu dieser Rivalität kam und wie sich diese entwickelt hat.
 
Häufig schwingt in den Erzählungen älterer Fußballfans eine Verklärung der Vergangenheit mit. Können Sie nach den vielen Interviews sagen, ob früher alles besser war?
Tatsächlich haben wir diese Antwort sehr häufig gehört: »Früher, mein Junge, war alles besser.« Ich denke, dass früher vor allem vieles anders war. Früher konntest du dich zum Beispiel nicht beim ersten Spiel in den Block E stellen. Es gab ausgeprägte Hierarchien. Man ging anfangs auf die Süd- oder Haupttribüne, dann tastete man sich über die Nebenblöcke an den Fanblock ran. Heute stehen junge Ultras bisweilen schon nach ein oder zwei Wochen mittendrin. Wobei ich nicht sagen will, dass das schlecht ist.
 
Doch es gibt auch Parallelen zur damaligen Zeit.
Was den Support angeht, ja. Wir haben Fotos von Fans aus den frühen Sechzigern gefunden, die ähnliche Stilmittel benutzen wie heute die Ultras. Auf einem sieht man etwa HSV-Anhänger bei einem Spiel gegen Burnley. Sie halten einen Doppelhalter hoch, auf dem steht: »Burnley kämpft wie ein Tiger, der HSV bleibt Sieger!« Auf anderen sieht man Doppelhalter mit Slogans wie »Wir wollen Flutlicht!« Schön auch die Erinnerungen von einigen Fans, die immer darauf aus waren, die größte Fahne im Block zu besitzen. Die Mütter dieser Fans mussten damals eifrig nähen.

>> Lange Haare, lange Schals: Bilder aus »Kinder der Westkurve«
 
Sie gehen seit Anfang der neunziger Jahre regelmäßig zum HSV. Sind Sie bei der Arbeit an dem Buch eigentlich mal wehmütig geworden?
Durchaus. Vor allem, weil ich nie den Gewinn eines Titels live miterlebt habe. Als ich die Geschichten von den Fans der späten siebziger oder frühen achtziger Jahre gelesen habe, spürte ich eine Art Demut. Besonders faszinierend in diesem Zusammenhang sind die Aussagen einiger HSV-Fans vor dem Landesmeister-Finale 1983. Da sagte einer, dass sie nicht mit nach Athen fahren wollten, weil sie ob der Europapokal-Endspiele in den Jahren zuvor ein wenig müde geworden seien. Sie wollten aufs nächste Jahr warten.
 
Das Buch hat bislang fast ausschließlich positives Feedback bekommen. Denken Sie schon über eine zweite Auflage nach?
Vor dem Buch haben wir gesagt: Wir wollen hier nichts Halbes machen. Ein solches Buch macht man nur einmal – und deswegen muss hier alles rein. Nun rufen aber häufiger Leute an, die weitere Anmerkungen und Geschichten haben. Besonders schön sind die Fans mit Elefantengedächtnis. Manchmal rufen Leute an, die sagen: »Du, Thorsten, auf Seite soundso schreibt ihr von 1500 Auswärtsfans beim Spiel in Mönchengladbach. Es waren aber nur 1350. Das weiß ich ganz sicher!« Wir versuchen bei der nächsten Auflage solche Fehler zu vermeiden.

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»Kinder der Westkurve« ist im Verlag »Hamburger Schriftmanufaktur« erschienen. Es kostet 39,90 Euro und kann über die Verlagsseite bestellt werden. Eine Rezension findet ihr in der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE. Jetzt am Kiosk!

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