27.09.2009

Kim Kulig im Interview

»Figo ist mein Idol«

Von all den Spielerinnen, die mit Blick auf die WM 2011 in die Nationalelf drängen, ist Kim Kulig am weitesten. Hier spricht sie über Cristiano Ronaldos Millionen, die schlimmste Gelbe Karte ihres Lebens und warum sie zur Kripo wollte

Interview: Maike Schulz und Jens Kirschneck Bild: Imago
Hat sich Ihr Medienberater Siegfried Dietrich, zugleich Manager des 1. FFC Frankfurt, mittlerweile mit dem HSV und dem DFB ausgesprochen? 

Keine Ahnung. Einige Personen haben sich nicht korrekt verhalten und die Sache unnötig öffentlich gemacht.

Wer genau? 

Eigentlich möchte ich nicht mehr darüber reden. In der Sache ist einiges blöd gelaufen, aber das ist mittlerweile vom Tisch.

War es eine interessante Erfahrung, als 19-jährige mit so etwas in der Öffentlichkeit zu stehen? 

Man darf sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, was die Leute jetzt von mir denken, weil ich ohnehin dazu neige, mir Gedanken zu machen. Aber jetzt bleibe ich in Hamburg, basta, und werde dort alles geben. Was in einem, drei oder fünf Jahren ist, wird man sehen.

Was war das größte Erlebnis Ihrer bisherigen Karriere? 

Bis zur Europameisterschaft in Finnland die U 20-WM in Chile, mein erstes großes Turnier, bei dem wir die Bronzemedaille geholt haben. Die Zeit dort hat mich geprägt, wir waren eine coole Mannschaft, und ich durfte auch bereits erfahren, was es heißt, bei einem wichtigen Spiel auf der Tribüne zu sitzen.

Weshalb? 

Ich war wegen der zweiten Gelben Karte gesperrt. Ich durfte nicht mal auf die Bank und habe mich wie eine Schwerverbrecherin gefühlt. In meinem ganzen Leben habe ich, glaube ich, vier oder fünf Gelbe Karten gesehen, und zwei davon bei der U 20-WM.

Hadern Sie, ob das Team mit Ihnen das Endspiel erreicht hätte? 

Ich war fest davon überzeugt, dass wir ins Finale kommen. Aber wir haben einen echt blöden Tag erwischt, und wenn ich mitgespielt hätte, wäre der Tag wahrscheinlich genauso blöd gewesen.

War es aufregend, vor so vielen Zuschauern zu spielen? Das kannten Sie aus der Bundesliga ja nicht. 

Es war großartig, vor allem, weil die Chilenen auch uns angefeuert haben. Beim Finaltag waren 17000 Zuschauer da, auch im Spiel gegen Brasilien war das Stadion voll. Da ist es schon komisch, eine Woche später in der Bundesliga wieder vor 1000 Leuten zu spielen.

Hat es Sie überrascht, so bald danach für die A-Nationalelf nominiert zu werden? 

Damit gerechnet habe ich jedenfalls nicht.

Hat die Bundestrainerin persönlich angerufen? 

Ich stand ja vorher schon mal im Kader, beim Europameisterschafts-Qualifikationsspiel in Kassel gegen Wales. Da rief Frau Neid an und sagte, dass sich eine Spielerin verletzt hat und ich kommen müsse. Ich wollte eigentlich gerade in die Schule, stattdessen habe ich meine Sachen gepackt und bin direkt zur Nationalmannschaft gefahren.

Schreibt der DFB in solchen Fällen eine Entschuldigung?

Keine Ahnung. Bei mir gab es nie Probleme, weil ich auf einem Sportgymnasium bin. Wenn man eine Einladung hat, ist das in Ordnung. Klassenarbeiten müssen nachgeholt werden.

Was bedeutet es für Sie, dass die WM 2011 in Deutschland stattfindet? 

Der Anreiz mitzuspielen ist noch größer als sonst. Ich weiß, wie ich 2006 als Fan die ganzen Spiele auf dem Stuttgarter Schlossplatz verfolgt habe. Wie man im April bei unserem Länderspiel gegen Brasilien in Frankfurt gesehen hat, mit über 40 000 Zuschauern, könnte es 2011 ähnlich werden.

Es war das bestbesuchte Frauenfußballspiel in Deutschland überhaupt. War Ihnen diese Dimension bewusst? 

Überhaupt nicht, ich war nur aufs Spiel fokussiert. Später habe ich die Fernsehübertragung gesehen und gedacht: Krass, so viele Leute! Und du warst dabei.

Ihr Aufstieg verlief rasant. Gab es Momente der Angst, dem Druck nicht gewachsen zu sein?

Höchstens im Verein. In der Nationalmannschaft bin ich umgeben von hochkarätigen Spielerinnen, da ist die Verantwortung nicht so groß. Beim HSV bin ich die einzige A-Nationalspielerin und denke mir im Spiel oft: Komm, jetzt musst du aber mal was machen!

Gibt es Dinge, auf die Sie im Leben verzichten müssen? 

Ich habe weniger Freizeit als viele andere in meinem Alter, aber das ist schon in Ordnung. Ein Leben ohne Fußball kann ich mir ohnehin nicht vorstellen.

Wie oft trainieren Sie normalerweise? 

Wir haben viermal die Woche Mannschaftstraining, dazu werden zwei Vormittagseinheiten angeboten, und es steht jedem frei, darüber hinaus Sonderschichten einzulegen.

Die Nationalmannschaft ist unheimlich populär, die Bundesliga hat nichts davon. Wie kann man das ändern? 

Wenn immer mehr Länderspiele im Fernsehen gezeigt werden, kommen irgendwann vielleicht auch mehr Leute zu den Vereinen. Aber auch da sieht es ganz unterschiedlich aus: Die Zuschauerzahlen beim HSV lassen sich nicht mit denen in Frankfurt oder Duisburg vergleichen.

Liegt das daran, dass das HSV-Team ein Art Satellitenmannschaft eines Klubs ist, der sich über seine Männermannschaft definiert? 

Kann schon sein. Aber wir sind ja auch nicht so erfolgreich wie die Frauen von Bayern München, da kommen dann auch schon wieder mehr Leute. Ich glaube, es braucht eine langjährige Entwicklung. Die Vereine müssen mehr in den Fokus, sie sind die Basis von allem.

Werden Sie es noch erleben, dass in der Sportschau über Ihre Bundesligaspiele berichtet wird? 

Ab und zu kommen ja so Ein-Minuten-Berichte. Vielleicht wird es nach der WM 2011 besser, vielleicht entsteht noch mal ein Boom.

Kann eine durchschnittliche Bundesligaspielerin mittlerweile von Ihrem Sport leben? 

Während der Zeit der aktiven Karriere schon. Aber man kann sicherlich keine Million anhäufen wie  die Männer.

Wahrscheinlich nicht mal ’ne halbe.

Nee, man braucht ein zweites Standbein.

Suchen Sie schon nach einem? 

Jetzt ist erst mal wichtig, dass ich mein Abi schaffe. Wahrscheinlich werde ich auch nach der Karriere im Sport bleiben. Ich hätte es zwar auch interessant gefunden, zur Kriminalpolizei zu gehen, doch das ist mit dem Fußball nicht zu vereinbaren.

Sind Sie Tatort-Fan? 

Den gucke ich eigentlich immer. Egal, wer ermittelt.

Sie könnten ja nach der Karriere zur Kripo gehen. Wie lange wollen Sie denn spielen? 

Ich bin so fußballverrückt, dass ich so lange wie möglich spielen möchte. Momentan mache ich mir auch eher sportliche Gedanken als berufliche. Nach dem Abi 2010 werde ich mich wegen der WM erst mal ganz auf Fußball konzentrieren.

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