Kim Kulig im Interview

»Figo ist mein Idol«

Von all den Spielerinnen, die mit Blick auf die WM 2011 in die Nationalelf drängen, ist Kim Kulig am weitesten. Hier spricht sie über Cristiano Ronaldos Millionen, die schlimmste Gelbe Karte ihres Lebens und warum sie zur Kripo wollte Kim Kulig im Interview

Stimmt es, dass Ihr Idol Luis Figo ist? 

Ja, das stimmt.

Warum gerade Figo? 

Ich hab ihn mit acht Jahren das erste Mal spielen sehen, das war sogar ein Spiel Portugal gegen Deutschland, glaube ich. Dabei ist er mir gleich aufgefallen und hat ein richtig geiles Tor geschossen. Danach war ich Fan von ihm, insbesondere während seiner Zeit bei Real Madrid. Im Grunde bin ich es immer noch, auch wenn er mittlerweile aufgehört hat.

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Gibt es Parallelen im Spiel? 

Früher vielleicht, als ich noch auf der gleichen Position gespielt habe, im rechten Mittelfeld. Da habe ich immer zu Figo aufgeschaut und versucht, so zu spielen wie er. Man darf ja auch nicht vergessen, dass er ein sehr mannschaftsdienlicher Spieler ist, Vorbereiter und Torschütze zugleich. Das hat mich inspiriert.

Wie würden Sie Ihr Spiel beschreiben? 

Ich komme ja eigentlich aus dem Sturm und spiele beim Hamburger SV offensiver als in der Nationalelf, doch ich glaube, dass mir die Sechserposition, die ich hier ausfülle, gut gefällt. Man hat das Spiel in der Hand, muss nach vorne und hinten arbeiten. Ich bin technisch gut und habe ein sauberes Passspiel. Das Defensivverhalten muss noch besser werden.

Ist es Zufall, dass Ihr großes Idol ein Mann ist und keine Frau? 

Ist doch klar, dass ich früher öfter Männer- als Frauenfußball gesehen habe. Frauenfußball war im Fernsehen nicht wirklich präsent, da ist es normal, dass man sich jemanden zum Vorbild nimmt, den man häufiger spielen sieht. Inzwischen sieht das ein bisschen anders aus, da hat auch der Frauenfußball seine Stars.

Wie sind Sie zum Fußball gekommen? 

Fußball war eigentlich erst nur mein Drittsport. Ich habe Leichtathletik gemacht und bin BMX gefahren.

Als Leistungssport? 

Sagen wir mal so, ich war gut dabei. Ich hätte sicher auch eine Leichtathletikkarriere beginnen können. Aber dann haben wir immer auf dem Schulhof mit den Klassenkameraden gekickt, und die meinten, ich solle mal mit zum Training kommen. Meine Eltern haben das erst nicht erlaubt, weil ich ja bereits zwei Sportarten betrieben habe. Ich bin aber heimlich zum Training gegangen, danach hat der Trainer bei meinen Eltern angerufen und sie überredet. Ab da war Fußball mein dritter Sport, nach Leichtathletik und BMX.

Wann hat sich das umgekehrt? 

Mit BMX habe ich aufgehört, weil es zu gefährlich war. Meiner Mutter war das auch lieber, als sie sah, wie sich bei einem Rennen jemand den Lenker in den Bauch gerammt hat. Am Fußball hat mich aber auch fasziniert, dass es ein Mannschaftssport ist, das liegt mir viel mehr. Wenn ein Leichtathletikwettkampf war und nebenan haben die Jungs gekickt, habe ich lieber dort zugesehen. Also habe ich irgendwann nur noch Fußball gespielt.

Was fasziniert Sie daran? 

Das Mannschaftsgefühl. Man gewinnt zusammen, man verliert zusammen, teilt schöne und manchmal auch bittere Momente. Bei der Leichtathletik fand ich es irgendwann langweilig, im Kreis zu laufen und die anderen immer nur rechts und links neben mir zu haben. Mit einem Ball hat man außerdem mehr Spaß als mit einem Staffelholz.

Nerven die Mitspielerinnen nicht, wenn man aus einer Einzelsportart kommt? 

Ich kenne das ja aus meiner Familie, ich habe fünf Geschwister. Da lernt man, sich anzupassen.

Sie sind mit 17 Jahren aus Sindelfingen zum Hamburger SV gewechselt. War das hart, gerade weil Sie eine solch enge Verbindung zur Familie haben? 

Natürlich war das schwer, aber es war auch nötig. Aus meiner Sicht musste ich Erste Liga spielen. Den Trainer beim HSV kannte ich, weil er mich bereits in der Württemberg-Auswahl trainiert hatte. So hatte ich zwar eine große Distanz nach Hause, aber wenigstens einen vertrauten Coach. Später haben sich dann auch ein paar süddeutsche Bundesligisten gemeldet, doch da hatte ich schon in Hamburg unterschrieben und habe das auch nicht bereut.

Das heißt, ein möglicher Wechsel zum 1. FFC Frankfurt, der im Frühjahr für Wirbel sorgte, ist vom Tisch? 

Auf jeden Fall. Von Frankfurt aus wäre mit der Familie vieles einfacher gewesen, aber ich werde meinen Vertrag in Hamburg erfüllen und bin auch nach wie vor sehr zufrieden dort.

Hat sich Ihr Medienberater Siegfried Dietrich, zugleich Manager des 1. FFC Frankfurt, mittlerweile mit dem HSV und dem DFB ausgesprochen? 

Keine Ahnung. Einige Personen haben sich nicht korrekt verhalten und die Sache unnötig öffentlich gemacht.

Wer genau? 

Eigentlich möchte ich nicht mehr darüber reden. In der Sache ist einiges blöd gelaufen, aber das ist mittlerweile vom Tisch.

War es eine interessante Erfahrung, als 19-jährige mit so etwas in der Öffentlichkeit zu stehen? 

Man darf sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, was die Leute jetzt von mir denken, weil ich ohnehin dazu neige, mir Gedanken zu machen. Aber jetzt bleibe ich in Hamburg, basta, und werde dort alles geben. Was in einem, drei oder fünf Jahren ist, wird man sehen.

Was war das größte Erlebnis Ihrer bisherigen Karriere? 

Bis zur Europameisterschaft in Finnland die U 20-WM in Chile, mein erstes großes Turnier, bei dem wir die Bronzemedaille geholt haben. Die Zeit dort hat mich geprägt, wir waren eine coole Mannschaft, und ich durfte auch bereits erfahren, was es heißt, bei einem wichtigen Spiel auf der Tribüne zu sitzen.

Weshalb? 

Ich war wegen der zweiten Gelben Karte gesperrt. Ich durfte nicht mal auf die Bank und habe mich wie eine Schwerverbrecherin gefühlt. In meinem ganzen Leben habe ich, glaube ich, vier oder fünf Gelbe Karten gesehen, und zwei davon bei der U 20-WM.

Hadern Sie, ob das Team mit Ihnen das Endspiel erreicht hätte? 

Ich war fest davon überzeugt, dass wir ins Finale kommen. Aber wir haben einen echt blöden Tag erwischt, und wenn ich mitgespielt hätte, wäre der Tag wahrscheinlich genauso blöd gewesen.

War es aufregend, vor so vielen Zuschauern zu spielen? Das kannten Sie aus der Bundesliga ja nicht. 

Es war großartig, vor allem, weil die Chilenen auch uns angefeuert haben. Beim Finaltag waren 17000 Zuschauer da, auch im Spiel gegen Brasilien war das Stadion voll. Da ist es schon komisch, eine Woche später in der Bundesliga wieder vor 1000 Leuten zu spielen.

Hat es Sie überrascht, so bald danach für die A-Nationalelf nominiert zu werden? 

Damit gerechnet habe ich jedenfalls nicht.

Hat die Bundestrainerin persönlich angerufen? 

Ich stand ja vorher schon mal im Kader, beim Europameisterschafts-Qualifikationsspiel in Kassel gegen Wales. Da rief Frau Neid an und sagte, dass sich eine Spielerin verletzt hat und ich kommen müsse. Ich wollte eigentlich gerade in die Schule, stattdessen habe ich meine Sachen gepackt und bin direkt zur Nationalmannschaft gefahren.

Schreibt der DFB in solchen Fällen eine Entschuldigung?

Keine Ahnung. Bei mir gab es nie Probleme, weil ich auf einem Sportgymnasium bin. Wenn man eine Einladung hat, ist das in Ordnung. Klassenarbeiten müssen nachgeholt werden.

Was bedeutet es für Sie, dass die WM 2011 in Deutschland stattfindet? 

Der Anreiz mitzuspielen ist noch größer als sonst. Ich weiß, wie ich 2006 als Fan die ganzen Spiele auf dem Stuttgarter Schlossplatz verfolgt habe. Wie man im April bei unserem Länderspiel gegen Brasilien in Frankfurt gesehen hat, mit über 40 000 Zuschauern, könnte es 2011 ähnlich werden.

Es war das bestbesuchte Frauenfußballspiel in Deutschland überhaupt. War Ihnen diese Dimension bewusst? 

Überhaupt nicht, ich war nur aufs Spiel fokussiert. Später habe ich die Fernsehübertragung gesehen und gedacht: Krass, so viele Leute! Und du warst dabei.

Ihr Aufstieg verlief rasant. Gab es Momente der Angst, dem Druck nicht gewachsen zu sein?

Höchstens im Verein. In der Nationalmannschaft bin ich umgeben von hochkarätigen Spielerinnen, da ist die Verantwortung nicht so groß. Beim HSV bin ich die einzige A-Nationalspielerin und denke mir im Spiel oft: Komm, jetzt musst du aber mal was machen!

Gibt es Dinge, auf die Sie im Leben verzichten müssen? 

Ich habe weniger Freizeit als viele andere in meinem Alter, aber das ist schon in Ordnung. Ein Leben ohne Fußball kann ich mir ohnehin nicht vorstellen.

Wie oft trainieren Sie normalerweise? 

Wir haben viermal die Woche Mannschaftstraining, dazu werden zwei Vormittagseinheiten angeboten, und es steht jedem frei, darüber hinaus Sonderschichten einzulegen.

Die Nationalmannschaft ist unheimlich populär, die Bundesliga hat nichts davon. Wie kann man das ändern? 

Wenn immer mehr Länderspiele im Fernsehen gezeigt werden, kommen irgendwann vielleicht auch mehr Leute zu den Vereinen. Aber auch da sieht es ganz unterschiedlich aus: Die Zuschauerzahlen beim HSV lassen sich nicht mit denen in Frankfurt oder Duisburg vergleichen.

Liegt das daran, dass das HSV-Team ein Art Satellitenmannschaft eines Klubs ist, der sich über seine Männermannschaft definiert? 

Kann schon sein. Aber wir sind ja auch nicht so erfolgreich wie die Frauen von Bayern München, da kommen dann auch schon wieder mehr Leute. Ich glaube, es braucht eine langjährige Entwicklung. Die Vereine müssen mehr in den Fokus, sie sind die Basis von allem.

Werden Sie es noch erleben, dass in der Sportschau über Ihre Bundesligaspiele berichtet wird? 

Ab und zu kommen ja so Ein-Minuten-Berichte. Vielleicht wird es nach der WM 2011 besser, vielleicht entsteht noch mal ein Boom.

Kann eine durchschnittliche Bundesligaspielerin mittlerweile von Ihrem Sport leben? 

Während der Zeit der aktiven Karriere schon. Aber man kann sicherlich keine Million anhäufen wie  die Männer.

Wahrscheinlich nicht mal ’ne halbe.

Nee, man braucht ein zweites Standbein.

Suchen Sie schon nach einem? 

Jetzt ist erst mal wichtig, dass ich mein Abi schaffe. Wahrscheinlich werde ich auch nach der Karriere im Sport bleiben. Ich hätte es zwar auch interessant gefunden, zur Kriminalpolizei zu gehen, doch das ist mit dem Fußball nicht zu vereinbaren.

Sind Sie Tatort-Fan? 

Den gucke ich eigentlich immer. Egal, wer ermittelt.

Sie könnten ja nach der Karriere zur Kripo gehen. Wie lange wollen Sie denn spielen? 

Ich bin so fußballverrückt, dass ich so lange wie möglich spielen möchte. Momentan mache ich mir auch eher sportliche Gedanken als berufliche. Nach dem Abi 2010 werde ich mich wegen der WM erst mal ganz auf Fußball konzentrieren.

Hat sich die öffentliche Wahrnehmung verändert, seit Sie in der Nationalmannschaft spielen? Gibt es Fanpost, Autogrammwünsche, Groupies gar? 

Fanpost und Autogrammwünsche auf jeden Fall. Nach den HSV-Spielen kommen manchmal kleine Kinder, und bei meinen Eltern ruft ständig so ein komischer Typ an, der mich sprechen will. Aber natürlich geben die ihm nicht meine Nummer.

Wovon träumen Sie, wenn Sie an die WM 2011 denken? 

Einfach nur mitzuspielen. Und natürlich von einem Sommermärchen, bei dem die Stadien voll sind und der Frauenfußball auf ganz neue Weise im Mittelpunkt steht.

Sind alle Blicke schon so sehr auf 2011 gerichtet, dass es schwer fiel, die EM im Kopf zu behalten? 

Außenstehenden mag das so erscheinen, aber uns Spielerinnen war klar, dass in diesem Jahr Europameisterschaft war und dass wir da etwas reißen wollten.

Wird in der Nationalelf auf einem höheren Niveau gespielt als im Verein? 

Die Trainingseinheiten sind viel intensiver, viel schneller. Aber das ist ja auch klar: Wenn die Besten aus der Bundesliga da sind, die besten Deutschen, dann muss das Niveau hoch sein.

Was ist der größte Unterschied zwischen einem Länderspiel und einem Bundesligaspiel? 

Vor allem das Tempo. Wenn du gegen eine Top-Nation spielst, hast du elf hochkarätige Gegnerinnen gegen dich. In der Bundesliga gibt es größere Leistungsunterschiede, auch innerhalb der Teams.

Messen Sie sich lieber mit schweren Gegnern oder macht es auch Spaß, in der Bundesliga gegen einen schwächeren richtig schön aufzuspielen? 

Natürlich ist es immer besser, gegen Stärkere zu spielen. Wenn man da positiv auffällt, hat das einen größeren Wert.

Wären Sie gerne Cristiano Ronaldo? Oder fassen Sie sich an den Kopf, was bei den Jungs für Summen verhandelt werden? 

Das ist ein krasses Geschäft, wenn ein Mensch einfach mal so viel wert ist. Ich kann auch gar nicht sagen, ob das nicht zu viel Geld ist. Es ist einfach nur krass.

Müssen Sie sich noch Vergleiche mit dem Männerfußball anhören? 

Es passiert.

Nervt das? 

Männerfußball ist nicht gleich Frauenfußball. Wenn wir gegen 16-jährige verlieren, liegt es daran, dass das keine kleinen Jungs sind. Die sind schneller und kräftiger und überrennen uns einfach. Technisch können wir mithalten.

Gehen Sie regelmäßig ins Stadion und schauen sich Männerspiele an? 

Früher, als ich noch zuhause war, bin ich ganz oft zum VfB Stuttgart gegangen. Jetzt sind wir manchmal mit unserer Mannschaft bei den Heimspielen des HSV.

Dürfen Sie als Spielerin des Hamburger SV überhaupt VfB-Fan sein? 

Ich bin es einfach. Der HSV darf gegen jede Mannschaft gewinnen, außer gegen den VfB.

Haben Sie eine Marotte oder einen Aberglauben? 

Ich betrete immer zuerst mit dem rechten Fuß das Spielfeld, wenn ich einlaufe.

Warum? 

Hat sich so eingebürgert. Ich hab’ das früher mit einer Freundin gemacht, in Sindelfingen, und seitdem eigentlich immer. Sie übrigens auch.

Wären Sie lieber reich oder berühmt? 

Anerkennung ist mir wichtiger als Geld. Wenn ich mich entscheiden müsste, Weltmeisterin zu werden oder eine Million zu bekommen, würde ich Weltmeisterin sagen.

Wäre es eine Option, mal im Ausland zu spielen? 

Auf jeden Fall, aber nicht jetzt. Vielleicht nach der WM 2011.

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