Kevin Kuranyi über Stuttgart, Scheißfragen und Mayonnaise

»Ich hoffe, die Wunden sind verheilt«

Nach zwei Jahren in Moskau kehrt Kevin Kuranyi am Mittwoch in der Europa-League-Qualifikation mit Dynamo Moskau zu seinem Ex-Verein VfB Stuttgart zurück. Ein Gespräch über Sehenswürdigkeiten, Mayonnaise und Pussy-Riot.

Kevin Kuranyi, zuallererst bitte ich Sie um Entschuldigung.
Wieso, was haben Sie getan?

Vor Ihrer Rückkehr nach Stuttgart haben Sie doch sicherlich einen Interview-Marathon hinter sich. Das muss doch nerven, wenn man sich eigentlich auf das Fußballspielen konzentrieren möchte. Mal ehrlich, welche Frage können Sie nicht mehr hören?
Hm, darf ich wirklich nur eine nennen (lacht). Nein, im Ernst, ich verstehe, dass das eine besondere Situation ist. Immerhin kehre ich im Europapokal zu meinem Heimatverein zurück. Ist doch klar, dass das Interesse da größer ist.
                
Am Mittwoch spielen Sie mit Ihrem Klub Dynamo Moskau gegen den VfB Stuttgart. Kann man sagen, Sie kommen endlich wieder nach Hause?
Natürlich, Stuttgart ist meine Heimat. Dort habe ich einen Großteil meiner Jugend verbracht, bin Profi geworden, meine Familien und sehr viele Freunde wohnen noch dort. Ich freue mich riesig, wieder zurückzukommen und alle wiederzusehen. Für mich war auch immer klar, dass ich nach meiner Karriere nach Stuttgart zurückkehren werde. Stuttgart ist meine Stadt!

Kennt man das als Profifußballer überhaupt: eine Heimat? Oder ist die immer dort, wo der nächste Vertrag winkt?
Als Profi ist man im Grunde immer auf Wanderschaft. Wir hatten in der letzten Saison allein in der Liga zwanzig Auswärtsspiele. Das heißt zwanzig Mal Koffer packen, zwanzig Mal Reisen, zwanzig Mal ein anderes Hotel. Deswegen ist es wichtig, dass man sein Zuhause hat. Einen Ort, an dem man sein Privatleben führt. Und das muss für mich immer da sein, wo ich spiele. Früher war es Stuttgart, dann Gelsenkirchen, jetzt eben Moskau. Ich finde es toll hier, habe mich schnell eingelebt und komme super zurecht.

Wenn man so will, sind Profis im Grunde wie Zimmermänner: Sie machen Ihre Ausbildung im heimatlichen Betrieb, gehen dann hinaus in die weite Welt und kehren irgendwann in Ihr Heimatdorf zurück.
Ja, genau. Als Profi lernt man von der ganzen Welt. Wir haben zum Beispiel über zehn verschiedene Nationalitäten in der Mannschaft: Australier, Argentinier, Russen, nicht zuletzt ich als Deutscher. Da kann man schon während einer Trainingseinheit eine halbe Weltreise machen. Aber an einer Stelle passt der Vergleich zum Handwerker nicht: Ich kenne keinen Profi, dem ich ohne Zweifel einen Hammer in die Hand drücken würde. (lacht)

Sie leben seit zwei Jahren in der Millionenmetropole Moskau. Was vermissen Sie im Alltag am beschaulichen Stuttgart?
Hier kann man nicht mal eben zum Bäcker an der Ecke gehen, weil alles so unglaublich groß ist. In Stuttgart ist man überall innerhalb von 15 Minuten. Wenn man hier Pech hat, steht man drei Stunden im Stau. Die kurzen Wege, dieses Vertraute, das vermisse ich an Stuttgart schon ein bisschen.

Derzeit herrscht in Moskau Aufruhr wegen des harten Urteils gegen die Punkband »Pussy Riot«. Kriegen Sie so etwas überhaupt mit?
Natürlich liest man davon, ich habe auch Bilder von den Protesten gesehen. Aber ich bitte Sie um Verständnis, dass ich mich zu diesem Thema nicht äußern möchte.

Sie sind zwar mit Ihrer Mannschaft nur kurz in Stuttgart. Bleibt denn da Zeit, um den Kollegen eine kleine Stadtführung anzubieten?
Ich habe schon nachgefragt, ob das geht, aber es sieht eher schlecht aus. Wir müssen schnell zurück nach Moskau und uns auf die Liga konzentrieren.

Aber, wenn Sie könnten, was würden Sie Ihren Mitspielern unbedingt zeigen?
Ich würde die kleine Tour vorschlagen: Rauf auf den Fernsehturm, dann zum Stäffele, später ein Eis am Schlossplatz und zum Abschluss dann ein bisschen Shopping auf der Königsstraße.

Überwog denn die Freude, als Sie vom Los hörten oder waren Sie eher traurig, weil Sie Ihren Ex-Klub schon so früh aus dem Wettbewerb werfen müssen?
Ich habe mich zuallererst gefreut, weil es für mich ein besonderes Spiel wird. Aber natürlich hätte ich mir einen leichteren Gegner in der Qualifikation gewünscht. Stuttgart hat eine sehr gute Mannschaft gegen die wir es schwer haben werden.

Mit Cacau steht immerhin noch ein ehemaliger Mitspieler aus Ihren Stuttgarter Zeiten im Kader. Gab es bereits eine erste Kontaktaufnahme?
Cacau ist nicht der Einzige, den ich wiedertreffe. Mit Fredi Bobic habe ich sogar noch in der Nationalmannschaft gespielt, mit Tim Hoogland später beim FC Schalke. Dennoch lässt man sich vor so einem Spiel in Ruhe. Da gibt es keine Sticheleien. Außerdem werden auch viele Freunde und Verwandte von mir im Stadion sein. Ich freue mich einfach, alle mal wieder in den Arm zu nehmen.

Es gibt also einen kleinen Kuranyi-Fanblock. Wie schätzen Sie sonst die Reaktionen der Fans ein, die Ihnen seinerzeit den Abgang zum FC Schalke sehr übel genommen haben?
Ich weiß, dass mein Weggang damals vielen Fans nicht gefallen hat. Aber das ist schon viele Jahre her. Heute bin ich bei Dynamo Moskau, es ist eine andere Situation. Aber dennoch kann ich die Reaktionen der Fans nicht einschätzen. Ich hoffe, dass die Wunden von damals verheilt sind und sie sich auch ein bisschen freuen, mich wiederzusehen.

In Russland sind Sie äußerst beliebt, wurden im letzten Jahr sogar als beliebtester Spieler ausgezeichnet. Bei Dynamo sind Sie mittlerweile Mannschaftskapitän. Wie überrascht waren Sie über diese Wahl?
Es gab keine Wahl, der Trainer hat mich einfach ernannt. Dennoch ist dieses Amt eine große Ehre für mich, weil es zeigt, dass ich mich als Mensch weiterentwickelt habe. Ich bin älter geworden und habe auch durch meine Rolle als Familienvater gelernt, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Ich hoffe, dass ich der Mannschaft mit meiner Erfahrung auf und neben dem Platz weiterhelfen kann.

Wie muss man sich Kevin Kuranyi als Kapitän vorstellen? Sind Sie eher der toughe Leitwolf oder die gute Seele?
Ich muss mich in diese Rolle erst einmal rein finden. Das ist wirklich Neuland für mich. Aber grundsätzlich versuche ich, der Mannschaft mit allem zu helfen, was ich habe. Und wenn es mal laut werden muss, dann kann ich das auch. Es ist aber sicher nicht meine Art, meinem Mitspieler im Spiel an den Kragen zu gehen, nur um den harten Hund zu markieren.

Was war denn Ihre erste Amtshandlung? Gab es eine Samba-Stunde in der Kabine?
Nein, ich habe einen kleinen Mannschaftsabend organisiert. Es ist wichtig, dass man sich auch außerhalb des Platzes versteht. Deswegen waren wir Essen und haben uns einfach mal privat unterhalten.

In Deutschland galten Sie auf und neben dem Platz immer als äußerst diszipliniert. Können Ihre Kollegen auch da von Ihnen lernen?
Das sind alles Profis, denen muss ich nicht erklären, was in ihrem Job wichtig ist. Dennoch gab es anfangs im Verein ein paar Dinge, die mich verwundert haben. Da habe ich dann schon nachgefragt, ob das denn alles so sein müsse.

Nennen Sie uns ein Beispiel?
Das waren Kleinigkeiten. Vor den Spielen gab es zum Beispiel Mayonnaise beim Essen. Oder die Spieler sind alle in ihrer Privatkleidung zum Spiel gekommen. Das kannte ich aus Deutschland nicht. Deswegen habe ich nachgefragt, ob so etwas wirklich sinnvoll sei und ein paar Vorschläge gemacht. Mit der Zeit wurden diese Sachen dann tatsächlich geändert. Das zeigt doch auch, dass ich mit meiner Erfahrung durchaus helfen kann.

Sportlich läuft es dennoch nicht rund für Ihr Team. Ihre Mannschaft startete mit fünf Niederlagen und nur einem Tor in die Saison. Wie sehr schmerzt da der Abgang von Andrej Voronin in die Bundesliga?
Andrejs Weggang kam überraschend. Aber wenn man einen Spieler seiner Klasse abgibt, dann wäre es gut, wenn für einen passenden Ersatz gesorgt wird. Nun müssen wir uns neu sortieren. Ich hoffe, dass dies mit unserem neuen Trainer Dan Petrescu gelingt und alles wieder ruhiger wird. Ich habe wirklich nur Gutes über ihn gehört.

Trotz der sportlich schwierigen Situation haben Sie bis 2015 bei Dynamo verlängert. Geht Kevin Kuranyi in Moskau in Fußball-Rente?
Ich habe hier langfristig unterschrieben, weil der Verein auf einem sehr guten Weg war. Jetzt stecken wir in einer kleinen Krise. Aber ich glaube weiter daran, dass wir sportlichen Erfolg haben können. Denn ich habe auch gelernt, dass im Fußball alles sehr, sehr schnell gehen kann. Was gestern schlecht war, kann morgen schon wieder gut sein. Wichtig ist es, sich auf seine Leistung zu konzentrieren.

Und wenn Sie am Mittwoch in Stuttgart merken, wie schön es hier in Deutschland ist, bleibt eine vorzeitige Rückkehr nach Deutschland dennoch ausge...
Stop!

Was ist los?
Sie wollten doch wissen, welche Frage ich nicht mehr hören kann.

Ja, genau.
Sie haben Sie gerade gestellt: Die Frage, ob ich mir eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen kann. Im Fußball soll man niemals nie sagen, aber ich konzentriere mich jetzt voll auf Dynamo Moskau. Was die Zukunft dann bringt, wird sich zeigen. Und wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Zum Thema Nationalmannschaft habe ich auch schon viel zu viele Fragen beantwortet: Da gibt es nicht Neues zu vermelden. (lacht)

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