16.05.2011

Kevin Kuranyi über Stadionfluchten, Haare und Samba

»Der Luftballon ist geplatzt«

Die ganze Liga spricht über Diegos Flucht aus dem Stadion. Ein Thema, dass einst auch Kevin Kuranyi die Karriere verbaute. Während seiner letzten Saison auf Schalke trafen wir ihn zum Interview .

Interview: Dirk Gieselmann und Benni Kuhlhoff Bild: Thomas Rabsch
Sind diese Menschen für Sie ein Ruhepol im Leben?

Klar, wobei ich an erster Stelle natürlich meine eigene Familie, meine Frau und meine beiden Kinder nennen möchte. Bei ihnen bin ich der Kevin, der Papa, einfach nur ich.

Völlig abzuschalten, das gelingt Ihnen?

Sagen wir so: Ich versuche es. Natürlich gelingt mir das nicht immer. Manchmal bin ich auch zu Hause der Profifußballer. Andere Menschen in anderen Berufen nehmen ja genauso ihre Arbeit mit nach Hause. Andersherum bin ich in meinem Job nicht nur der Profi, sondern auch der Kevin.

Gibt es im Fußball ebenfalls familiäre Beziehungen?

Zumindest freundschaftliche. Als ich noch in Stuttgart spielte, gab es da einen ganz jungen Stürmer: Mario Gomez. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Ich bin ein bisschen älter als er und habe mich am Anfang um ihn gekümmert. Bis heute freue ich mich, wenn er gut drauf ist. Auch wenn wir in gewisser Weise Konkurrenten sind, sind wir Freunde.

Felix Magath begegnen Sie nun schon zum zweiten Mal. In Stuttgart machte er Sie zum Profi, nun trainiert er Sie beim FC Schalke. Ist auch er ein Freund?


Der Trainer sucht keine freundschaftlichen Beziehungen. Er ist auf Erfolg aus. Wenn man das auch ist, kann man eine sehr gute Zeit mit ihm haben. Die hatten wir schon in Stuttgart. Deshalb habe ich mich gefreut, als er beim FC Schalke 04 unterschrieben hat. Aber dann habe ich erstmal durchgeatmet, weil ich wusste: Das wird hart.

Obwohl Sie seit Jahren einer der Topscorer auf Schalke sind, scheinen Sie noch nicht so recht angekommen zu sein. Wenn es mal schlecht läuft, werden Sie als Erster ausgepfiffen.


Manche Leute picken sich nun mal einen Sündenbock raus und behalten ihn dann bei. Es gibt Tage, da denke ich: »Warum bloß ich?« Aber das bringt mich nicht weiter. Ich kann diese Fans eben nur durch Tore für mich gewinnen, und dazu ist es nötig, dass ich Pfiffe wegstecke, so gut es geht. Manchmal würde ich gern sagen: »Leute, es ist doch nur Fußball!« Aber solche Ansprachen können leicht falsch rüberkommen. Deshalb versuche ich, meine Lockerheit ohne Worte zu transportieren.

Wie schafft man es, locker zu bleiben, wenn einem schon nach zwei Minuten der Ball verspringt?

Es gibt keinen Mechanismus. Man muss laufen, kämpfen, einfach das tun, was die Leute hier sehen wollen. Ich habe mich ja schon vor meinem Wechsel mit dem Verein befasst. Deshalb wusste ich, dass ich mit meiner kämpferischen Art hierher passe. Zugegeben, es gab Momente, da habe ich gedacht: »Du bist hier falsch«. Aber ich gebe eben auch nicht so leicht auf. Deswegen bin ich noch hier.

Sie arbeiten für einen Stürmer viel in der Defensive. Weite Teile des Publikums haben dafür kein Bewusstsein.

Natürlich würde es mich freuen, wenn die Fans auch das schätzen würden, was man nicht zählen kann. Meistens aber suche ich die Schuld bei mir und frage mich: »Was habe ich falsch gemacht?« Die Leute haben ein Bild von mir, das es ihnen einfacher zu machen scheint, mich auszupfeifen. Aber dieses Bild entspricht nicht der Wirklichkeit.

Sie werden oft über Ihr Äußeres definiert, Ihren Bart und Ihre Haare.

Haare hat doch jeder! Und jeder muss sie sich irgendwie schneiden lassen. Mir sind andere Dinge wichtiger. Und ich weiß, dass ich auch ohne Bart nicht mehr Tore schießen würde. Mal ganz ehrlich: Ich bin doch mittlerweile alt genug, um als Mensch ernst genommen zu werden. Egal wie ich aussehe. Früher war mir Mode wichtiger, wie jedem jungen Menschen. Aber meine Werte haben sich verschoben, seit ich Vater von zwei Kindern bin.

Würden Sie Ihrem Sohn raten, Fußballer zu werden?

Ich würde ihn niemals unter Druck setzen. Er muss schon zu mir kommen und diesen Wunsch äußern. Unter uns: Talent hat er. Wir kicken zu Hause im Garten viel zusammen. Da besiegt er mich immer – glaubt er jedenfalls (lacht).

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