Kevin Kuranyi über Stadionfluchten, Haare und Samba

»Der Luftballon ist geplatzt«

Die ganze Liga spricht über Diegos Flucht aus dem Stadion. Ein Thema, dass einst auch Kevin Kuranyi die Karriere verbaute. Während seiner letzten Saison auf Schalke trafen wir ihn zum Interview . Kevin Kuranyi über Stadionfluchten, Haare und SambaThomas Rabsch
Heft#98 01/2010
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Kevin Kuranyi, Sie haben drei Staatsbürgerschaften. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Überall. Ich bin in Brasilien geboren, als Jugendlicher zog ich mit meiner Mutter nach Panama, und mit 15 schickte mich mein Vater nach Deutschland, wo er aufgewachsen ist. Ich trage von diesen Ländern je einen Teil in mir. Ich habe die Menschen dort kennengelernt und viel von ihnen übernommen.

Was hat Panama Sie gelehrt?

Das war keine leichte Zeit. Wir hatten wenig Geld und konnten uns gerade eben das Nötigste leisten. Schon bei den Schuhen wurde es knapp. Wenn sie durchgelaufen waren, habe ich sie mit einer Metallklammer zusammengehalten. Ich habe von dort eine gewisse Sparsamkeit mitgebracht und die Wertschätzung für das, was ich heute habe.

Und was ist noch brasilianisch an Ihnen?

Meine Gelassenheit. Brasilianer nehmen fast alles mit einem Lachen, obwohl das Leben dort oft schwierig ist, und machen das Beste daraus. Das hat mich geprägt.

Es gibt eine Schalker Sambagruppe. Die beschwert sich, dass Sie kein Rhythmusgefühl hätten.

Unverschämtheit! Ich bringe da einfach nur einen deutschen Rhythmus rein (lacht).

Sie gelten als geradezu penibel. Lassen Sie uns raten: Auch das ist der Deutsche in Ihnen.

Ich habe es gern ordentlich, das ist wahr. Nicht dass ich zu Hause mit der Heckenschere herumlaufe, aber wenn Sachen herumliegen, räume ich sie weg.

Bekommen das auch Ihre Kollegen zu spüren, etwa wenn Ivan Rakitic seinen Spind nicht aufräumt?

Kann schon vorkommen. Aber ich bin da jetzt auch nicht verrückt, ich halte nur gewisse Grundsätze ein. Auch Pünktlichkeit ist mir ziemlich wichtig.

Sie sind ein Spießer, Herr Kuranyi!

Selbst wenn. Bestimmte Grundsätze haben ihre Berechtigung und machen eine Gesellschaft sicher und zuverlässig. Es wird immer nur von den Brasilianern gesprochen, die Deutschland wieder verlassen, weil hier nicht so oft die Sonne scheint wie in Rio. Aber viele bleiben, weil sie das Leben hier sehr zu schätzen wissen.

Dennoch dürfte es ein Kulturschock für Sie gewesen sein, als Sie mit 15 nach Freudenstadt im Schwarzwald kamen.

Dort lag Schnee! Und die Kinder liefen Schlittschuh auf einem zugefrorenen See. Ich kannte nur Rollerblades an der Copacabana.

Hatten Sie Heimweh?

Anfangs sehr. Besonders wenn ich abends allein in meinem Zimmer war, fühlte ich mich einsam. Ich vermisste meine Eltern, meine Geschwister, meine Kumpels und die Dinge, die wir gemeinsam erlebt hatten: Auf der Straße kicken, rumhängen oder einfach nur Quatsch machen, Klingelstreiche zum Beispiel. Aber mein Vater wollte, dass ich sein Heimatland und seine Sprache kennenlerne. Dass das nicht leicht wird, war mir vorher klar. Ich bin ohnehin kein Typ, der Entscheidungen bereut. Wenn etwas geschehen ist, muss man das Beste daraus machen.

Wie sah Ihr Alltag in Deutschland aus?


Ganz schön anstrengend! Ich fuhr zwischen der Schule, dem Training beim VfB Stuttgart und zu Hause hin und her.

Und dort schauten Sie dann mit Ihren Gasteltern die »Lindenstraße«?

Wir haben nicht nur zusammen ferngesehen. Sie haben mich voll in ihr Leben integriert. Anfangs sprach ich kein Wort Deutsch, und schon nach ein paar Wochen konnte ich mich ganz gut verständigen. Heute träume ich sogar auf Deutsch. Ich bin meinen Gasteltern sehr dankbar, wir haben immer noch innigen Kontakt. Mein Gastbruder kommt mich ab und zu besuchen. Er ist immer Fan des Vereins, für den ich gerade spiele, und ist jetzt auch Schalker (lacht).

Sind diese Menschen für Sie ein Ruhepol im Leben?

Klar, wobei ich an erster Stelle natürlich meine eigene Familie, meine Frau und meine beiden Kinder nennen möchte. Bei ihnen bin ich der Kevin, der Papa, einfach nur ich.

Völlig abzuschalten, das gelingt Ihnen?

Sagen wir so: Ich versuche es. Natürlich gelingt mir das nicht immer. Manchmal bin ich auch zu Hause der Profifußballer. Andere Menschen in anderen Berufen nehmen ja genauso ihre Arbeit mit nach Hause. Andersherum bin ich in meinem Job nicht nur der Profi, sondern auch der Kevin.

Gibt es im Fußball ebenfalls familiäre Beziehungen?

Zumindest freundschaftliche. Als ich noch in Stuttgart spielte, gab es da einen ganz jungen Stürmer: Mario Gomez. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Ich bin ein bisschen älter als er und habe mich am Anfang um ihn gekümmert. Bis heute freue ich mich, wenn er gut drauf ist. Auch wenn wir in gewisser Weise Konkurrenten sind, sind wir Freunde.

Felix Magath begegnen Sie nun schon zum zweiten Mal. In Stuttgart machte er Sie zum Profi, nun trainiert er Sie beim FC Schalke. Ist auch er ein Freund?


Der Trainer sucht keine freundschaftlichen Beziehungen. Er ist auf Erfolg aus. Wenn man das auch ist, kann man eine sehr gute Zeit mit ihm haben. Die hatten wir schon in Stuttgart. Deshalb habe ich mich gefreut, als er beim FC Schalke 04 unterschrieben hat. Aber dann habe ich erstmal durchgeatmet, weil ich wusste: Das wird hart.

Obwohl Sie seit Jahren einer der Topscorer auf Schalke sind, scheinen Sie noch nicht so recht angekommen zu sein. Wenn es mal schlecht läuft, werden Sie als Erster ausgepfiffen.


Manche Leute picken sich nun mal einen Sündenbock raus und behalten ihn dann bei. Es gibt Tage, da denke ich: »Warum bloß ich?« Aber das bringt mich nicht weiter. Ich kann diese Fans eben nur durch Tore für mich gewinnen, und dazu ist es nötig, dass ich Pfiffe wegstecke, so gut es geht. Manchmal würde ich gern sagen: »Leute, es ist doch nur Fußball!« Aber solche Ansprachen können leicht falsch rüberkommen. Deshalb versuche ich, meine Lockerheit ohne Worte zu transportieren.

Wie schafft man es, locker zu bleiben, wenn einem schon nach zwei Minuten der Ball verspringt?

Es gibt keinen Mechanismus. Man muss laufen, kämpfen, einfach das tun, was die Leute hier sehen wollen. Ich habe mich ja schon vor meinem Wechsel mit dem Verein befasst. Deshalb wusste ich, dass ich mit meiner kämpferischen Art hierher passe. Zugegeben, es gab Momente, da habe ich gedacht: »Du bist hier falsch«. Aber ich gebe eben auch nicht so leicht auf. Deswegen bin ich noch hier.

Sie arbeiten für einen Stürmer viel in der Defensive. Weite Teile des Publikums haben dafür kein Bewusstsein.

Natürlich würde es mich freuen, wenn die Fans auch das schätzen würden, was man nicht zählen kann. Meistens aber suche ich die Schuld bei mir und frage mich: »Was habe ich falsch gemacht?« Die Leute haben ein Bild von mir, das es ihnen einfacher zu machen scheint, mich auszupfeifen. Aber dieses Bild entspricht nicht der Wirklichkeit.

Sie werden oft über Ihr Äußeres definiert, Ihren Bart und Ihre Haare.

Haare hat doch jeder! Und jeder muss sie sich irgendwie schneiden lassen. Mir sind andere Dinge wichtiger. Und ich weiß, dass ich auch ohne Bart nicht mehr Tore schießen würde. Mal ganz ehrlich: Ich bin doch mittlerweile alt genug, um als Mensch ernst genommen zu werden. Egal wie ich aussehe. Früher war mir Mode wichtiger, wie jedem jungen Menschen. Aber meine Werte haben sich verschoben, seit ich Vater von zwei Kindern bin.

Würden Sie Ihrem Sohn raten, Fußballer zu werden?

Ich würde ihn niemals unter Druck setzen. Er muss schon zu mir kommen und diesen Wunsch äußern. Unter uns: Talent hat er. Wir kicken zu Hause im Garten viel zusammen. Da besiegt er mich immer – glaubt er jedenfalls (lacht).

Mit wem haben Sie das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft 2006 geguckt?

Mit ein paar Freunden in Panama. Und als Philipp Lahm das 1:0 gegen Costa Rica schoss, bin ich aufgesprungen und habe gejubelt. Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen ...

Der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte Sie nicht nominiert.

Es war hart. Es war schwierig. Es war schlecht für meine Karriere. Eine Woche lang hatte ich keine besonders gute Laune.

Sind Sie bewusst vor dem Trubel nach Panama geflüchtet?

Es war schlimm genug, nicht dabei zu sein. Da wollte ich mich nicht auch noch auf der Fanmeile herumtreiben.

Ein halbes Jahr später feierten Sie unter Klinsmanns Nachfolger Joachim Löw Ihr Comeback in der Nationalmannschaft. Sie schossen beide Treffer beim Sieg gegen Tschechien und waren gegen Dänemark sogar Kapitän. Sie schienen angekommen.

Ich habe mir meinen Platz zurück erkämpft. Was passiert war, wollte ich vergessen.

Dann kam das Qualifikationsspiel in Dortmund gegen Russland.

Das erste Spiel in meiner Karriere, das ich auf der Tribüne verbringen musste. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie es einem Schalker Spieler auf der Dortmunder Tribüne ergeht. Die Leute sagen Dinge, die alles andere als schön sind.

Sie verließen das Stadion und den Kreis der Nationalmannschaft.

Ja. Das war eine Kurzschlusshandlung. Es war wie ein Luftballon, der geplatzt ist: erst die Nichtnominierung für die WM, dann bekam ich keine richtige Chance bei der EM – und schließlich dieser Abend auf der Tribüne.

Ihr erster Gedanke am Morgen danach?

Die ganze Woche war nicht einfach. Aber auch sehr lehrreich. Ich habe gesehen, wer wirklich mein Freund ist. Einige hielten meine Reaktion für übertrieben. Aber wie gesagt: Das war eine Entscheidung aus dem Moment heraus. Nicht komplett rational. Einige Mitspieler aus der Nationalmannschaft haben mich verstanden – menschlich. Aber dass das karrieretechnisch unklug war, haben sie natürlich auch gewusst.

Waren Sie überrascht, als Löw zwei Tage später verkündete, dass Sie keine Zukunft mehr in der Nationalmannschaft haben?

Ja, das ging ziemlich schnell. Aber ich habe es auch schnell akzeptiert.

Warten Sie insgeheim auf einen neuen Bundestrainer, der Ihnen eine neue Chance gibt?


So denke ich nicht. Für mich ist die Frage: Wie kann ich es schaffen, einen Menschen und seine Meinung zu ändern? Es gibt nicht nur den Bundestrainer Löw und den Spieler Kuranyi, sondern auch die Menschen dahinter. Deshalb hoffe ich, dass ich eines Tages eine neue Chance bekomme.

Vor diesem Eklat hatten Sie auch auf Schalke keine leichte Zeit. Danach stand das Publikum voll hinter Ihnen.

Dass die Fans versucht haben, mich aufzubauen, hat mich total gefreut. Vielleicht war es sogar ein Wendepunkt in unserem Verhältnis. Ich fühle mich ihnen jedenfalls näher als vorher.

Das Schalker Team ist sehr jung. Welche Rolle nehmen Sie in diesem Gefüge ein?

Ich bin wie ein großer Bruder. Zurzeit ist Lewis Holtby mein Zimmerkollege. Er fragte mich neulich: »Kevin, wie komme ich in die Mannschaft?« Ich sagte: »Das ist nicht leicht. Aber drin zu bleiben ist noch schwieriger.« Ich spreche da aus Erfahrung. Bei mir selbst ging es ja auch nicht immer bergauf.

Warnen Sie einen jungen Spieler auch vor dem falschen Umgang?

Wenn man in der Öffentlichkeit steht, zieht man auch unseriöse Gestalten an. Komplett verhindern kann man das nicht. Aber ich versuche, die Jungs, so gut es geht, auf solche Gefahren hinzuweisen. Das Geschäft kann einen Menschen verändern, wenn er nicht aufpasst.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte?

Ich bin ein guter Geschäftsmann. Als Kind habe ich kleine Steine verkauft. Ganz hübsch, aber wertlos. Ich habe zu meinen Schulkameraden gesagt: »Hey, guck mal! Der würde deiner Freundin stehen!« Dann waren sie auf einmal ganz aufgeregt und haben mir die Dinger aus der Hand gerissen.

Lesen Sie den Wirtschaftsteil, um zu verstehen, wie es um die Finanzen des FC Schalke steht?

Ich lese die Berichte, aber was zählt, ist das, was der Verein mir sagt.

Die wirtschaftliche Situation ist nicht der einzige Unruheherd. Von Assauer bis Rafinha tummeln sich Schalker auch mal auf dem Boulevard.

Dass hier was los ist, macht den Verein doch so besonders. Manches nehmen wir Spieler schon ernst. Aber über vieles lachen wir uns auch kaputt, weil wir ja wissen, dass es eine Ente ist.

Würden Sie sich dem Rummel gern von Zeit zu Zeit entziehen?

Wie soll das gehen? Man erkennt mich nun mal auf der Straße. Vielleicht gehe ich beim nächsten Karneval als Kevin Kuranyi und sage: »Ich bin gar nicht der echte!« Im Ernst: Mir ist bewusst, dass der Fußball immer mehr zur Show wird. Das kann man gut finden oder schlecht. Ich als Spieler kann es eh nicht stoppen. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht darin untergehe.

Sie haben also keine Sehnsucht nach der guten alten Zeit ohne Fieldreporter, Videowürfel und »Doppelpass«?

Wenn die Leute von der guten, alten Zeit sprechen, dann vergessen sie, dass auch wir uns heute in den Dreck schmeißen und grätschen. Dass auch wir kämpfen und unsere Narben davontragen.

Sehen Sie sich in einer Linie mit dem großen Klaus Fischer?

Leider habe ich Klaus nicht mehr aktiv spielen sehen. Mittlerweile habe ich ihn natürlich kennengelernt. Er ist ein super Typ und hat mir viele Tipps gegeben, zum Beispiel: »Du musst an deinem Torschuss arbeiten, Junge!«

Fischer ist durch seine spektakulären Fallrückzieher in Erinnerung geblieben. Was wird von Ihnen bleiben?

Meine Kopfbälle. Und ein Titel. Aber da muss ich mich beeilen, ich habe nur noch ein Jahr Vertrag.

Ist eine Karriere ohne Titel unvollendet?

Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke, dann bin ich mit meiner Entwicklung zufrieden. Aber natürlich will ich Titel gewinnen, die Meisterschaft, die Champions League, die EM, die WM – was gibt es noch? Ach, ich glaube, das würde mir reichen. Wissen Sie, ich denke oft an meine Zeit in Panama. Damals hatte ich fast nichts, heute habe ich mehr als die meisten Menschen. Ich sollte mich also nicht beschweren.

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