Kevin Kuranyi, Serdar Tasci Tasci und Patrick Ebert in Moskau

»Oh Gott, sind die alle böse!«

Warum wechselt ein Fußballprofi im besten Alter nach Russland? Für die Juli-Ausgabe von 11FREUNDE unterhielten wir uns mit den Moskau-Legionären Serdar Tasci, Kevin Kuranyi und Patrick Ebert über die Macht des Geldes, Schnee im Mai und Handgranaten.

Fyodor Savintsev
Heft: #
152

Die Herren, gestern herrschte in Moskau dichtes Schneetreiben. Im Mai. Heimweh?
Serdar Tasci: Das war wirklich eine Riesen-Überraschung. In Deutschland war es schon warm, und hier schneit es auf einmal wieder. Aber Heimweh? Nein.
Patrick Ebert: Wenigstens ist der Schnee nicht liegengeblieben, das hätte mich echt frustriert. Allerdings bin ich erst so kurz hier, da denke ich nicht an Rückkehr. Den Schnee überlebe ich schon.

Hat Sie jemand vor der Fremde gewarnt?
Ebert: Meine Mutter war etwas in Sorge. »Patrick«, sagte sie, »wenn du schon gehen musst, nimm bitte einen guten Freund mit, so bist du nicht alleine!« Ich habe auf sie gehört, mein Kumpel David ist mit mir hier und nimmt mir vieles ab.
Tasci: Allerdings macht es eine Entscheidung ja nicht unbedingt einfacher, wenn man vorher viele Leute fragt.

Herr Kuranyi, Sie spielen seit 2010 in Moskau. Hätten Sie den beiden geraten zu kommen?
Kevin Kuranyi: Warum nicht? Viele Menschen, die noch nie hier waren, reden von vornherein schlecht über Moskau. Dabei ist es eine Top-Stadt.
Tasci: Das Einzige, was mich nervt, ist das Verkehrschaos. Aber das ist irgendwie logisch, hier leben über elf Millionen Menschen. Aus einer sechsspurigen Straße wird schnell mal eine zwölfspurige.

Schnee, Staus: Welche Vorurteile haben sich außerdem bestätigt?
Kuranyi: Bei den ersten Begegnungen mit Russen habe ich viele Klischees im Kopf gehabt. »Oh Gott, sind die alle verschlossen und böse«, dachte ich anfangs. Ich fand auch die ersten Mannschaftsessen mit den Familien seltsam. Da haben meine Mitspieler mir die Hand gegeben, meiner Frau aber nicht. Ich dachte damals, Russen behandeln Frauen abfälliger. Aber so ist das gar nicht gemeint.
Ebert: So bin ich anfangs auch durch die Stadt gelaufen. Die Frauen wirken oft wie Anhängsel ihrer finsteren Männer.
Kuranyi: Doch ich sage dir: Die erscheinen manchmal nur so abweisend. Wenn du die Leute hier besser kennenlernst und eine Freundschaft entsteht, sind es die offensten und ehrlichsten Menschen.
Tasci: Ich muss auch zugeben, dass ich anfangs noch etwas skeptisch war. Und jetzt? Es ist nicht wie in Deutschland, aber ich bin zufrieden.

Was ist denn anders?
Tasci: Ich komme aus Stuttgart, einer Stadt mit 600 000 Einwohnern. In Moskau leben hingegen mehr als elf Millionen Menschen, das ist eine Metropole. Aber darauf habe ich mich eingestellt. Ich habe den Wechsel nicht bereut.
Ebert: Mir war neu, dass man vor dem Training ständig gewogen wird.
Kuranyi: Echt? Bei Dynamo ist es nicht so streng.
Ebert: Bei Spartak ist das extrem. Als ich in Moskau ankam, mussten wir jeden Tag auf die Waage. Jetzt zweimal die Woche, mindestens.
Tasci: Vor einiger Zeit ging ja sogar das Gerücht um, dass Spieler von Moskauer Klubs pro 100 Gramm Übergewicht 100 Dollar zahlen müssen.
Ebert: Im Endeffekt ist doch jeder Spieler professionell genug, um selber auf seinen Körper zu achten. Zu viel Piroschki (russische Teigtaschen, d. Red.) und Wodka sollte man als Profi eh nicht zu sich nehmen. Ob da permanent eine Gewichtskontrolle nötig ist, weiß ich nicht. Aber hier ist es nun mal so.

Gleichzeitig achten die Vereinsbosse strikt darauf, dass ihre Spieler nicht in Nachtklubs gehen. In einer 11-Millionen-Stadt kann man doch sicherlich gut untertauchen?
Tasci: Es ist bei jedem Verein so. Das kann ich auch verstehen. Die Fans unterstützen dich überall, auch wenn sie 1000 Kilometer weit fahren müssen, sie erwarten Leistung. Und wenn es nicht gut läuft, dann solltest du dich lieber aufs nächste Training konzentrieren.

Sie klingen alle so vernünftig.
Kuranyi: Früher habe ich es nicht immer geschafft, vernünftig zu sein. Jetzt wird’s besser. (Lacht.) Ich bin reifer. Das wirkt sich auch auf den Fußball aus. Vor vier Jahren wurde nicht besonders auf Pünktlichkeit geachtet, die Spieler kamen zum Training in irgendwelchen T-Shirts, und beim Essen standen Mayonnaise und Ketchup auf dem Tisch. Das ist fatal für Profisportler. Das habe ich dann vorsichtig angesprochen, und vieles hat sich daraufhin geändert.
Tasci: Ich kann mir vorstellen, dass das vor vier Jahren anders war. Doch heute arbeiten die Vereine und Spieler viel professioneller. Auf Disziplin wird genauso geachtet wie in Deutschland.
Ebert: Man wird auch älter und lernt aus seinen Fehlern. In Berlin war ich überhaupt nicht professionell, das sage ich ganz ehrlich. Da bin ich oft um die Häuser gezogen und hatte vielleicht auch nicht den richtigen Freundeskreis. Mittlerweile überlege ich dreimal, ob ich ausgehe oder nicht.

In Deutschland hängen Ihnen immer noch Ihr Rowdyimage und die Nacht nach, in der Sie mit Kevin-Prince Boateng Autospiegel abgeschlagen haben sollen. Gehen Sie der Bundesliga deswegen aus dem Weg?
Ebert: Natürlich habe ich eine rauschende Vergangenheit. Die Leute, die mich kennen, wissen aber, was ich für ein Kerl bin: Ein ganz normaler Junge, der was im Kopf hat. Was Fans oder auch Journalisten von mir denken, spielt für mich eigentlich keine Rolle. Ich verstecke mich auch nicht vor Deutschland. Vielleicht spiele ich eines Tages wieder
in der Bundesliga.

Spanien haben Sie auch recht überhastet verlassen.
Ebert: Ich hatte anfangs ziemlich gute Gespräche mit dem Trainer und dem Präsidenten von Valladolid. Sie sagten mir damals zu, dass ich nach einem Jahr aus dem Vertrag aussteigen könne. Im Endeffekt haben sie mich nicht gehen lassen, und das hat mich sehr enttäuscht. Spartak hat sich in dieser Zeit sehr um mich bemüht, gerade der ehemalige Trainer Waleri Karpin. Die Mannschaft stand damals auf dem dritten Platz und wollte international mitspielen, das hat mir imponiert.

Herr Tasci, Sie sollen mit türkischen Vereinen verhandelt haben.
Tasci: Die Türkei ist durchaus noch ein Ziel. Zum jetzigen Zeitpunkt kommt das aber noch nicht in Frage, vielleicht später.

Schnee im Frühsommer, bärbeißige Menschen, eine neue Sprache – und der Fußball ist auch nicht internationale Spitzenklasse. Sind Sie harte Hunde oder war Geld der Köder?
Tasci: Das Geld hat auch eine Rolle ge-spielt. Denn Fußball ist unser Beruf. Aber wichtiger ist das Sportliche – und das stimmt.
Kuranyi: Geld war auch bei mir ein wichtiger Punkt. Mein Vertrag bei Schalke wurde nicht verlängert. Da habe ich mir gesagt: »Dynamo ist ein großes Abenteuer, aber auch finanziell eine einmalige Chance.«

Sie sollen 5,7 Millionen Euro pro Jahr verdienen.
Kuranyi: Da wird viel geschrieben. Aber wenn man nichts anderes gelernt hat, muss das jetzt verdiente Geld vielleicht auch in Zukunft reichen. Ich habe eine große Familie und versuche, für viele von ihnen da zu sein. Das macht mir große Freude, und ich glaube, das würde jeder von uns machen, wenn er könnte.
Ebert: In Spanien hatte ich ein Angebot von einem Verein, der im Tabellenmittelfeld stand, mir aber nur ein Drittel des Geldes gezahlt hätte, das ich von Spartak bekomme. Wenn du also hier die Möglichkeit hast, Titel zu gewinnen, international mitzuspielen und dazu gutes Geld zu verdienen, warum sollte ich das nicht annehmen? Ich bin jetzt auch nicht mehr 22 Jahre alt.

Haben Sie keine Sorge, in Deutschland in Vergessenheit zu geraten?
Kuranyi: Wieso? Wenn man Champions League spielt, bleibt man im Gespräch.

In der vergangenen Spielzeit haben nur ZSKA Moskau und Zenit St. Petersburg in der Champions League gespielt. In der kommenden Saison wird Dynamo in der Europa League und Spartak überhaupt nicht international spielen.
Tasci: Wir sind mit der Überlegung hergekommen, international zu spielen. Ich will jedenfalls mit Spartak Champions League spielen, das hat dieses Jahr nicht geklappt, aber das ist mein Anspruch.
Kuranyi: Trotzdem: Euer Verein spielt seit vielen Jahren in internationalen Wettbewerben. Bei Dynamo merkt man, dass diese Erfahrung noch fehlt. Perspektivisch wollen wir natürlich alle in die Champions League.
Tasci: Für Spartak ist gerade eine verpatzte Saison zu Ende gegangen. Wir lagen nach der Hinrunde einen Punkt hinter dem Tabellenführer, haben es aber in der Rückrunde nicht geschafft, dran zu bleiben. Nach 2001 wollen wir endlich wieder Meister werden und Champions League spielen.

Wofür stehen Spartak und Dynamo?
Ebert: Bei uns sagt der Name schon alles: Spartak, Spartaner, wir sind die Kämpfer.
Tasci: Außerdem ist Spartak der »Volksverein« und russische Rekordmeister. Anders als in Deutschland hast du hier Oligarchen, denen die Vereine gehören. Allerdings bleiben diese Männer meistens im Hintergrund. Auch unser Präsident, Leonid Fedun, nahm sich uns nur einmal zur Brust, kurz vor Saisonende, als wir nicht gut dastanden. Da hat er uns erzählt, wie wichtig Spartak ist – oder sein sollte. Und dass wir nicht dahin gehören, wo wir gerade stehen.
Kuranyi: Bei uns gibt es viele Generäle und ehemalige Polizei-Funktionäre.
Tasci: Wie sind die so?
Kuranyi: Bis jetzt hat sich keiner negativ bemerkbar gemacht. Als ich bei Dynamo anfing, haben sie mich einmal zum Schusstraining abgeholt. Ich dachte, es geht zum Fußball, aber die fuhren mit mir auf den Schießplatz und hielten mir Pistolen und Handgranaten entgegen. Wir sollten sehen, wie russische Spezialeinheiten trainieren. So ist das eben in einem Polizeiverein. Dieses Ritual ist Teil der Dynamo-Tradition, dem hätte ich mich nicht entziehen können.

Dynamo hat einen Zuschauerschnitt von nicht mal 8000. Vermissen Sie die große Kulisse?
Kuranyi: Wenn wir gegen Spartak spielen, kommen immerhin 25 000 Fans. Dennoch: Das ist ein Unterschied, an den ich mich erst gewöhnen musste. Ich war von Schalke ja jede Woche 50.000 bis 60.000 Zuschauer gewohnt.

Russische Fans haben einen zweifelhaften Ruf. Spartak musste wegen Ausschreitungen einige Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen, und auch bei Zenit St. Petersburg gab es zuletzt einen Spielabbruch nach Zuschauer-Krawallen.
Kuranyi: Die Fans sind in manchen Stadien wirklich extrem. Es wirkt manchmal wie in Deutschland vor 20 Jahren. In Sankt Petersburg werden dunkelhäutige Spieler schon mal mit Affenrufen begrüßt. Ich habe als Ausländer mit lateinamerikanischen Wurzeln bis jetzt allerdings keine Probleme gehabt.

Die russische Liga gilt wegen der langen Distanzen zwischen den Austragungsorten zudem als ziemlich kräftezehrend.
Kuranyi: Kennen Sie Lutsch-Energija Wladiwostok? Von Moskau nach Wladiwostok sind es knapp 10.000 Kilometer. 10.000 Kilometer, neun Flugstunden und sieben Zeitzonen für ein einziges Auswärtsspiel! Glücklicherweise ist dieser Klub abgestiegen, bevor ich 2010 nach Russland kam. Die längste Auswärtsfahrt dauert nun vier Stunden per Flugzeug: von Moskau bis ins sibirische Tomsk.

Wie unterhalten Sie sich auf diesen Reisen mit Ihren Mitspielern?
Tasci: Schwierig. Ich spreche noch kein Russisch, habe es aber auf jeden Fall vor. Schon weil man hier im Alltag und im Team gar nicht mit Englisch durchkommt. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Doch ist das neben dem Platz überhaupt wichtig? In den besseren Restaurants wird Englisch gesprochen.
Ebert: Ich war 14 Jahre bei Hertha, und nun habe ich die Chance, etwas Neues kennenzulernen. Neue Kulturen, neue Sprachen, neue Menschen. Daher will ich nicht nur in die High-Class-Restaurants, sondern auch was Einheimisches sehen. Neulich war ich in einer kleinen urigen Gaststätte, da gab es dann nicht mal eine englische Speisekarte. Dafür eine alte Oma mit wenigen Zähnen, die dann die Hähnchen über dem Rost jonglierte. Als ob die da drin leben würde. Und du sitzt da auf deinem Platz und schaust ihr dabei zu. Total witzig.
Kuranyi: Am besten, man bestellt dann was Einfaches – oder auf gut Glück.

Wie ist es auf dem Platz: Fluchen Sie auf Russisch?
Tasci: Ich kannte schon vor meinem Wechsel zu Spartak einige Schimpfwörter, weil ich in Stuttgart mit einem Weißrussen zusammengespielt habe ... (lacht)
Kuranyi: ... mit Alexandr Hleb. Der hat wirklich oft geschimpft. »Bljad«, Scheiße, das hat der 100 Mal pro Minute gesagt.
Ebert: Aber Jungs, das ist doch ein Allerweltswort. Das sagen die Russen auch untereinander in jedem zweiten Satz. »Bljad, ich bin heute einkaufen gewesen«, »Bljad, komm mal her!« Die echten russischen Schimpfwörter sind so schlimm, dass sie gar nicht übersetzbar sind.
Tasci: Allerdings sollte man auf dem Platz besser gar nicht fluchen. Jedenfalls nicht in Richtung des Schiedsrichters.
Ebert: Das stimmt, die Schiris sind hier anders. Da gibt es schon eine Gelbe Karte, wenn du den Mund aufmachst.

Haben Sie ukrainische Spieler in Ihrer Mannschaft?
Kuranyi: Andrej Woronin.

Wie geht es ihm?
Kuranyi: Ganz gut. Außer, dass er gerade verletzt war. Oder wollen Sie mit uns über Politik reden?

Gerne.
Kuranyi: Er hat mal erzählt, dass seine Familie noch in der Ukraine lebt und dass er dadurch natürlich viel mitbekommt, aber auf dem Platz ist das nicht wirklich Thema.
Tasci: Ich habe besorgte Anrufe aus Deutschland bekommen. Doch ich konnte nur sagen, dass es mir gut geht. Denn auch, wenn wir in Moskau leben: Als Fußballer bekommt man von den momentanen Unruhen in der Ukraine nicht viel mit.

Wirklich?
Tasci: Wissen Sie, wenn Journalisten hier mit mir reden, stellen sie Fragen zum Thema Fußball. Mich hat noch niemand über Politik befragt, Sie sind die Erste.

Herr Kuranyi, auf Ihrer Facebook-Seite werden immer wieder Kommentare wie »Boycott Russia« gepostet. Gehen Sie bewusst nie darauf ein?
Kuranyi: Was soll ich machen? Wir leben in Russland und werden von einem russischen Verein bezahlt. Uns jetzt da irgendwo reinzuhängen und zu einem Thema zu äußern, in dem wir uns gar nicht aus-kennen, finde ich nicht passend – zumal ich mich auch in Deutschland nie politisch geäußert habe.

Der Verein hat Ihnen einen Maulkorb verpasst?
Kuranyi: Nein. Aber sie haben sicher nichts dagegen, wenn die Spieler die eigene politische Meinung für sich behalten. Das ist auch eine Frage des Respekts.

Die Herren, was fehlt Ihnen eigentlich am meisten in Moskau?
Kuranyi: Ein richtiges Schwarzbrot und eine leckere Wurst.
Tasci: Bis jetzt eigentlich nichts. Aber fragen Sie mich mal nach vier Jahren.
Ebert: Ich würde gerne mal wieder einen guten Berliner Döner essen.

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