09.01.2010

Kevin Kuranyi im Interview

»Ich fühlte mich einsam«

Bleibt er? Wechselt er nach England? Wohin Kevin Kuranyi geht, weiß niemand. Woher er kommt, erzählt er hier: Der Stürmer über Klingelstreiche in Brasilien, Schlittschuhlaufen im Schwarzwald und die Rückkehr zu Jogi.

Interview: Dirk Gieselmann und Benni Kuhlhoff Bild: Imago

Kevin Kuranyi, Sie haben drei Staatsbürgerschaften. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Überall. Ich bin in Brasilien geboren, als Jugendlicher zog ich mit meiner Mutter nach Panama, und mit 15 schickte mich mein Vater nach Deutschland, wo er aufgewachsen ist. Ich trage von diesen Ländern je einen Teil in mir. Ich habe die Menschen dort kennengelernt und viel von ihnen übernommen.



Was hat Panama Sie gelehrt?

Das war keine leichte Zeit. Wir hatten wenig Geld und konnten uns gerade eben das Nötigste leisten. Schon bei den Schuhen wurde es knapp. Wenn sie durchgelaufen waren, habe ich sie mit einer Metallklammer zusammengehalten. Ich habe von dort eine gewisse Sparsamkeit mitgebracht und die Wertschätzung für das, was ich heute habe.

Und was ist noch brasilianisch an Ihnen?

Meine Gelassenheit. Brasilianer nehmen fast alles mit einem Lachen, obwohl das Leben dort oft schwierig ist, und machen das Beste daraus. Das hat mich geprägt.

Es gibt eine Schalker Sambagruppe. Die beschwert sich, dass Sie kein Rhythmusgefühl hätten.

Unverschämtheit! Ich bringe da einfach nur einen deutschen Rhythmus rein (lacht).

Sie gelten als geradezu penibel. Lassen Sie uns raten: Auch das ist der Deutsche in Ihnen.

Ich habe es gern ordentlich, das ist wahr. Nicht dass ich zu Hause mit der Heckenschere herumlaufe, aber wenn Sachen herumliegen, räume ich sie weg.

Bekommen das auch Ihre Kollegen zu spüren, etwa wenn Ivan Rakitic seinen Spind nicht aufräumt?

Kann schon vorkommen. Aber ich bin da jetzt auch nicht verrückt, ich halte nur gewisse Grundsätze ein. Auch Pünktlichkeit ist mir ziemlich wichtig.

Sie sind ein Spießer, Herr Kuranyi!

Selbst wenn. Bestimmte Grundsätze haben ihre Berechtigung und machen eine Gesellschaft sicher und zuverlässig. Es wird immer nur von den Brasilianern gesprochen, die Deutschland wieder verlassen, weil hier nicht so oft die Sonne scheint wie in Rio. Aber viele bleiben, weil sie das Leben hier sehr zu schätzen wissen.

Dennoch dürfte es ein Kulturschock für Sie gewesen sein, als Sie mit 15 nach Freudenstadt im Schwarzwald kamen.

Dort lag Schnee! Und die Kinder liefen Schlittschuh auf einem zugefrorenen See. Ich kannte nur Rollerblades an der Copacabana.

Hatten Sie Heimweh?

Anfangs sehr. Besonders wenn ich abends allein in meinem Zimmer war, fühlte ich mich einsam. Ich vermisste meine Eltern, meine Geschwister, meine Kumpels und die Dinge, die wir gemeinsam erlebt hatten: Auf der Straße kicken, rumhängen oder einfach nur Quatsch machen, Klingelstreiche zum Beispiel. Aber mein Vater wollte, dass ich sein Heimatland und seine Sprache kennenlerne. Dass das nicht leicht wird, war mir vorher klar. Ich bin ohnehin kein Typ, der Entscheidungen bereut. Wenn etwas geschehen ist, muss man das Beste daraus machen.

Wie sah Ihr Alltag in Deutschland aus?

Ganz schön anstrengend! Ich fuhr zwischen der Schule, dem Training beim VfB Stuttgart und zu Hause hin und her.

Und dort schauten Sie dann mit Ihren Gasteltern die »Lindenstraße«?

Wir haben nicht nur zusammen ferngesehen. Sie haben mich voll in ihr Leben integriert. Anfangs sprach ich kein Wort Deutsch, und schon nach ein paar Wochen konnte ich mich ganz gut verständigen. Heute träume ich sogar auf Deutsch. Ich bin meinen Gasteltern sehr dankbar, wir haben immer noch innigen Kontakt. Mein Gastbruder kommt mich ab und zu besuchen. Er ist immer Fan des Vereins, für den ich gerade spiele, und ist jetzt auch Schalker (lacht).

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