Kevin Großkreutz über Maloche, Leidenschaft und Mario Götze

»Meinen Traum habe ich nie aufgeben«

Seine große Liebe schickte ihn fort, doch er kam wieder. Heute ist Kevin Großkreutz der Lokalheld beim BVB. Und würde sich am liebsten selbst zujubeln. Für das 11FREUNDE SPEZIAL »Rivalen an der Ruhr« (jetzt im Handel) trafen wir ihn zum großen Interview.

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Spezial Nr. 5

Kevin Großkreutz, hatten Sie je eine andere Möglichkeit, als den BVB zu lieben?
Nein, das liegt bei mir in den Genen. Ur-Opa, Opa, Oma, Vater, Mutter – sie alle standen schon auf der Südtribüne. Wir sind nun mal eine Familie von Borussen.

Ihr Vater Martin war Schlosser auf der Zeche Minister Stein, ein Malocher.
Auch da bleibe ich ja irgendwie in der Familientradition. Ich denke, dass meine Spielweise zeigt: Ich weiß, was Arbeit bedeutet. Obwohl ich nicht unter Tage bin.

Wollten Sie immer schon Fußballer werden?
Solange ich denken kann, habe ich davon geträumt, für den BVB zu spielen.

Wann wurde Ihnen klar, dass sich dieser Traum wirklich erfüllen könnte?
Das war in der B-Jugend bei Rot Weiss Ahlen, damals wurde ich von Werner Lorant hochgezogen und durfte mit der ersten Mannschaft trainieren. Da wusste ich: Ich kann es packen!

In Ahlen vielleicht.
Meinen Traum, für den BVB zu spielen, habe ich auch im Münsterland nicht aufgegeben.

Ihre Liebe muss wirklich groß sein. Man hatte Sie 2002, das waren Sie 14 Jahre alt, beim BVB für zu leicht befunden und fortgeschickt.
Das war schon eine riesige Enttäuschung. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Aber ich habe immer unterschieden: Ich war zwar in diesem Moment sauer auf den Jugendtrainer, der mich nicht mehr wollte, aber niemals auf den Verein als Ganzes.

Als Sie schon mit Ahlen in der zweiten Liga spielten, sind Sie trotzdem noch zu den Auswärtsspielen der Borussia gefahren.
Hartes Programm. Einmal war ich am Samstagnachmittag mit den Kumpels bei 1860 München, bin nachts mit dem Bus zurückgefahren, und Sonntagnachmittag stand ich in Ahlen auf dem Platz. Ich war so erschöpft und schlecht drauf, dass unser Trainer Christian Wück mir solche Ausflüge für die Zukunft verbot.

Und, haben Sie sich daran gehalten? 
Jetzt kann ich’s ja sagen: nein. Schöne Grüße an Christian Wück, wenn er das hier liest. Ich konnte nicht anders, Trainer!

Im Frühjahr 2009 kam tatsächlich der Anruf: Der BVB wollte Sie zurück.
Oh ja! Da bin ich mit meinen Eltern durchs Haus gehüpft vor lauter Freude. 

Heute sind Sie in der Mannschaft der Integrationsbeauftragte: Mit den Neuzugängen fahren Sie durch die Stadt und zeigen ihnen die schönsten Ecken, die sie ohne Ihre Hilfe wohl gar nicht als solche erkennen würden.
Ja, ob Shinji Kagawa oder Henrikh Mkhitaryan: Ich bringe den Jungs bei, was es bedeutet, Borusse zu sein.

Was bedeutet es denn?
Leidenschaft, Herz – und Arbeit. Dortmund war eine Malocherstadt und ist es vom Gefühl her immer noch. Deswegen setze ich mich mit meinen neuen Kollegen nicht nur ins Café, sondern zeige ihnen die Zechen. Und auch auf dem Platz versuche ich, ihnen die Malochermentalität vorzuleben: sich reinhängen, alles geben, einander helfen. Ich weiß, wo ich herkomme und was ich zu tun habe.

Manchmal erteilen Sie den Neuen sogar Gesangsstunden.
Das gehört auch dazu. Mit dem Micki habe ich letzten Sommer im Trainingslager das Zimmer geteilt und ihm gleich morgens beim Aufwachen die Vereinslieder vorgesungen. Ich möchte meine Leidenschaft übertragen. Denn in Dortmund kann man nur mit Leidenschaft spielen. Wer keine hat, braucht es hier gar nicht erst zu versuchen.

Gab es Spieler, die diese Leidenschaft nicht hatten und es dennoch beim BVB versuchten?
In den Jahren, in denen ich hier Profi bin, war kein einziger dabei. Die Jungs hauen sich alle hundertprozentig rein.

Das war mal anders. Vor sechs Jahren wäre der BVB beinahe abgestiegen, die Truppe wirkte ziemlich emotionslos.
Eine schlimme Zeit. Ich kann mich noch an ein 0:1 in Bielefeld erinnern, hinterher standen wir auf dem vorletzten Platz. Da wären wir fast weg gewesen. Aber ich muss sagen: Obwohl wir 2002 sportlich viel besser dastanden, sogar Meister geworden sind, war diese Mannschaft auch nicht wesentlich leidenschaftlicher.

War Ihnen damals Leidenschaft etwa wichtiger als Titel?
Das ist immer noch so, ich bin ja auch immer noch Fan. Über Leidenschaft gewinnt man im Idealfall Titel. Aber nicht andersrum.

Sie sind jetzt Fan und Profi. Sind Sie also bei einem Sieg doppelt glücklich und bei einer Niederlage doppelt traurig?
Kann man so nicht sagen. Ich war schon als Fan so emotional, dass man das gar nicht mehr verdoppeln konnte.

Im Februar 2005 stand die wohl härteste Prüfung für alle BVB-Fans an: Dem Verein drohte angesichts von 98 Millionen Euro Schulden die Insolvenz.
Oh Gott, ja. Ich weiß noch, wie ich mit Vater und Oma zu Hause vor dem Radio saß und den Bericht von den Verhandlungen mit den Investoren in Düsseldorf verfolgte. Wir haben gebetet, dass alles gut wird.

Und es wurde gut. Heute gehört der BVB sogar zu den europäischen Spitzenteams – und Sie sind Stammspieler. Liegt das an Ihrem fußballerischen Talent oder vielmehr an Ihrem unbedingten Willen, Teil dieser Mannschaft zu sein?
Man muss beides haben. Die einen haben Talent, wollen aber nicht genug. Die anderen wollen, haben aber nicht genug Talent. Und dann wird es auch nichts.

Wenn man wie Sie immerzu alles gibt, ist man dann nicht irgendwann leer?
Ich nicht. Da ist immer noch was, das ich raushauen kann.

Angenommen, es reicht irgendwann doch nicht mehr und Ihnen droht eine Zukunft als Ersatzspieler – wäre ein Vereinswechsel für Sie denkbar?
Ich würde nicht einfach aufgeben und das Weite suchen. Aber natürlich will ich spielen, und nach einer Weile müsste ich mir dann schon Gedanken um meine Perspektiven machen.

Wenn Sie bei Vertragsverhandlungen Manager Michael Zorc gegenübersitzen, weiß der doch ganz genau, dass Sie unbedingt beim BVB bleiben wollen. Pokern können Sie da wohl kaum.
Machen Sie sich mal keine Sorgen: Wir bekommen für unsere Arbeit viel Geld. Und ich spiele beim richtigen Verein. Das zählt.

Welche Vereine aus der Bundesliga kämen denn neben dem BVB überhaupt noch für Sie in Frage?
Nicht viele. Ich glaube, mich würde es vielmehr nach England ziehen. Oder nach Schottland, zu Celtic Glasgow.

Ein ähnlich emotionaler Verein wie der BVB.
Positiv bekloppt, meinen Sie wohl! (Lacht.) Als ich vor einiger Zeit in Glasgow war, kam ich in einen Celtic-Pub. Als die Leute mich erkannten, sangen sie meinen Namen und gaben mir einen aus. Das war schon außergewöhnlich.

Im Schalker Trikot werden wir Sie wohl niemals sehen.
Da haben Sie richtig geraten.
Ihr Schalker Widerpart Manuel Neuer, wie Sie ein großer Fan seines Vereins, wechselte 2011 zum FC Bayern.
Das hat mich schon ziemlich überrascht.

Auch Ihr ehemaliger Kollege Mario Götze spielt jetzt in München.
Das war seine Entscheidung.

Und wie finden Sie diese Entscheidung?
Ich akzeptiere sie.

Sie sind plötzlich so einsilbig.
Ja.

Einen Transfer wie bei Neuer und Götze können wir uns bei Ihnen nur schwerlich vorstellen. Haben Sie sich den Jobmarkt nicht selbst ein bisschen zu klein gemacht?
So denke ich nicht. »Entscheidend iss auf’m Platz«, hat schon Adi Preißler gesagt – und auf dem Platz habe ich keinen Karriereplan.

Tja, wozu auch? Sie scheinen ja schon in ihrem persönlichen Paradies zu leben.
Ja, das stimmt. Ich spiele alle zwei Wochen vor mehr als 80 000 Zuschauern, stand mit dem BVB im Champions-League-Finale. Aber so richtig begreifen werde ich das wohl erst, wenn es vorbei ist.

Vermissen Sie es manchmal, auf der Südtribüne zu stehen?
Es geht. Ich werde ja wieder dahin gehen, wenn ich nicht mehr malochen muss.

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