16.05.2010

Kevin Boateng über das FA-Cup-Finale und die WM

»Ich brauche Vertrauen«

Am Samstag kann der FC Portsmouth eine alptraumhafte Saison vergessen machen. Der Klub spielt im FA-Cup-Finale gegen Chelsea. Wir sprachen mit Kevin-Prince Boateng über Pompeys Chancen, Autoritätsprobleme und die WM.    

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Kevin-Prince Boateng, fühlen Sie sich als Held?

Kevin-Prince Boateng: Nein, wieso?

Weil Sie im Halbfinale des FA-Cups gegen Tottenham ein Tor vorbereitet und einen Elfmeter verwandelt haben. Der FC Portsmouth steht zwar vor dem finanziellen Ruin, doch Ihretwegen vor einem großen Triumph.


Kevin-Prince Boateng: Ein tolles Erlebnis, zweifelsohne. Aber ich habe gelernt, auf dem Boden zu bleiben.    



Nach dem Elfmetertor sind Sie förmlich explodiert. Was haben Sie während des Anlaufs gedacht?

Kevin-Prince Boateng: Als ich mir den Ball zurechtlegte, hatte ich so viele Gedanken im Kopf. Also konzentrierte ich mich auf meinen Sohn und meine Frau. Ich widmete ihnen das Tor. Und ich glaube, deswegen bin ich auch so emotional geworden.

Gerd Müller sagte einmal: »Wenn’s denkst, ist’s eh zu spät.«

Kevin-Prince Boateng: Ich weiß, mein Trainer ist auch fast durchgedreht, als ich ihm erzählte, dass ich während des Elfmeters an andere Dinge gedacht habe. Er sagte: »Junge, du muss einfach schießen.« Doch in dem Moment brauchte ich irgendwie Halt. Es ging ja gegen meinen Ex-Klub, Tottenham Hotspur, und dort lief es nicht sonderlich gut für mich. Das war ein weiterer Grund, weshalb ich den Elfer unbedingt versenken wollte.

Spürten Sie Genugtuung?

Kevin-Prince Boateng: Ich habe in den vergangenen Monaten oftmals darüber nachgedacht, was bei Tottenham falsch gelaufen ist. Das Tor war demnach wie eine Erlösung. Als der Ball dann im Tor zappelte, konnte ich endlich mit meiner Zeit bei den Spurs abschließen.

Was haben Sie denn bei Tottenham falsch gemacht?

Kevin-Prince Boateng: Ich hatte aus meiner Berliner Zeit nicht gelernt. Ich machte vieles wieder so wie damals. Doch ich muss sagen, dass mich der Klub auch nicht fair behandelt hat. 

Ihre Mutter sagte einmal, Sie hätten Schwierigkeiten sich unterzuordnen.

Kevin-Prince Boateng: Das war früher so. Als Jugendlicher hatte ich tatsächlich Probleme mit Autoritäten – nicht nur beim Fußball. Doch heute weiß ich, dass man auch einer übergeordneten Idee folgen muss, wenn man Erfolg haben will. Das widerspricht auch nicht der Tatsache, dass ich ein Typ bin, der gerne vorweg geht und der seine Mannschaft zum Sieg führen möchte.

Beim FC Portsmouth hatten Sie von Anfang an diese Rolle: Führungsspieler. Ist dies ein Grund für Ihre durchweg guten Leistungen in der Mannschaft?

Kevin-Prince Boateng: Auf jeden Fall. Das Gefühl von Vertrauen ist ungemein wichtig für mich. Dieses Gefühl, einen Trainer hinter mir zu wissen, der mir Verantwortung zutraut, der mir zu verstehen gibt, dass ich der Kopf seines Teams sein kann. Auch wenn einige Leute meinen, ich sei für die Rolle des sogenannten Führungsspielers zu jung, ist es einfach so, dass ich dieser Rolle meinen besten Fußball spiele.

Aktuell geht es dem Verein finanziell schlecht. Als erster Klub der Premier-League-Geschichte hat er Insolvenz anmelden müssen. Inwiefern belastet Sie diese Situation?

Kevin-Prince Boateng: Es steht jeden Tag in der Zeitung, das ist auf Dauer nervig, klar. Doch es hat mich und die  Spieler nie wirklich belastet. Wir sind hier, um Fußball zu spielen. Um die Wirtschaftlichkeit des Vereins kümmern sich andere.

Drei Monate lang wurden die Gehälter später ausgezahlt. Denkt ein Spieler in solchen Situationen nicht als erstes an einen Vereinswechsel?

Kevin-Prince Boateng: Es war nicht dramatisch, denn letztlich bekamen wir unser Gehalt. Wechselgedanken hatte ich die letzten Monate jedenfalls nie. Ich spiele für einen tollen Klub in der besten Liga der Welt. Was für eine großartige Chance. Und wenn jemand daran zweifelt, dass ich mich mit diesem Verein identifiziere, braucht er sich nur meinen Jubel nach dem Elfmeter im FA-Cup-Halbfinale anzusehen. Das war echte Freude. Das war so wichtig. Für den Verein, für mich.
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