Kevin Boateng über das FA-Cup-Finale und die WM

»Ich brauche Vertrauen«

Kevin Boateng über das FA-Cup-Finale und die WMImago

Kevin-Prince Boateng, fühlen Sie sich als Held?

Kevin-Prince Boateng: Nein, wieso?

Weil Sie im Halbfinale des FA-Cups gegen Tottenham ein Tor vorbereitet und einen Elfmeter verwandelt haben. Der FC Portsmouth steht zwar vor dem finanziellen Ruin, doch Ihretwegen vor einem großen Triumph.


Kevin-Prince Boateng: Ein tolles Erlebnis, zweifelsohne. Aber ich habe gelernt, auf dem Boden zu bleiben.    

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Nach dem Elfmetertor sind Sie förmlich explodiert. Was haben Sie während des Anlaufs gedacht?

Kevin-Prince Boateng: Als ich mir den Ball zurechtlegte, hatte ich so viele Gedanken im Kopf. Also konzentrierte ich mich auf meinen Sohn und meine Frau. Ich widmete ihnen das Tor. Und ich glaube, deswegen bin ich auch so emotional geworden.

Gerd Müller sagte einmal: »Wenn’s denkst, ist’s eh zu spät.«

Kevin-Prince Boateng: Ich weiß, mein Trainer ist auch fast durchgedreht, als ich ihm erzählte, dass ich während des Elfmeters an andere Dinge gedacht habe. Er sagte: »Junge, du muss einfach schießen.« Doch in dem Moment brauchte ich irgendwie Halt. Es ging ja gegen meinen Ex-Klub, Tottenham Hotspur, und dort lief es nicht sonderlich gut für mich. Das war ein weiterer Grund, weshalb ich den Elfer unbedingt versenken wollte.

Spürten Sie Genugtuung?

Kevin-Prince Boateng: Ich habe in den vergangenen Monaten oftmals darüber nachgedacht, was bei Tottenham falsch gelaufen ist. Das Tor war demnach wie eine Erlösung. Als der Ball dann im Tor zappelte, konnte ich endlich mit meiner Zeit bei den Spurs abschließen.

Was haben Sie denn bei Tottenham falsch gemacht?

Kevin-Prince Boateng: Ich hatte aus meiner Berliner Zeit nicht gelernt. Ich machte vieles wieder so wie damals. Doch ich muss sagen, dass mich der Klub auch nicht fair behandelt hat. 

Ihre Mutter sagte einmal, Sie hätten Schwierigkeiten sich unterzuordnen.

Kevin-Prince Boateng: Das war früher so. Als Jugendlicher hatte ich tatsächlich Probleme mit Autoritäten – nicht nur beim Fußball. Doch heute weiß ich, dass man auch einer übergeordneten Idee folgen muss, wenn man Erfolg haben will. Das widerspricht auch nicht der Tatsache, dass ich ein Typ bin, der gerne vorweg geht und der seine Mannschaft zum Sieg führen möchte.

Beim FC Portsmouth hatten Sie von Anfang an diese Rolle: Führungsspieler. Ist dies ein Grund für Ihre durchweg guten Leistungen in der Mannschaft?

Kevin-Prince Boateng: Auf jeden Fall. Das Gefühl von Vertrauen ist ungemein wichtig für mich. Dieses Gefühl, einen Trainer hinter mir zu wissen, der mir Verantwortung zutraut, der mir zu verstehen gibt, dass ich der Kopf seines Teams sein kann. Auch wenn einige Leute meinen, ich sei für die Rolle des sogenannten Führungsspielers zu jung, ist es einfach so, dass ich dieser Rolle meinen besten Fußball spiele.

Aktuell geht es dem Verein finanziell schlecht. Als erster Klub der Premier-League-Geschichte hat er Insolvenz anmelden müssen. Inwiefern belastet Sie diese Situation?

Kevin-Prince Boateng: Es steht jeden Tag in der Zeitung, das ist auf Dauer nervig, klar. Doch es hat mich und die  Spieler nie wirklich belastet. Wir sind hier, um Fußball zu spielen. Um die Wirtschaftlichkeit des Vereins kümmern sich andere.

Drei Monate lang wurden die Gehälter später ausgezahlt. Denkt ein Spieler in solchen Situationen nicht als erstes an einen Vereinswechsel?

Kevin-Prince Boateng: Es war nicht dramatisch, denn letztlich bekamen wir unser Gehalt. Wechselgedanken hatte ich die letzten Monate jedenfalls nie. Ich spiele für einen tollen Klub in der besten Liga der Welt. Was für eine großartige Chance. Und wenn jemand daran zweifelt, dass ich mich mit diesem Verein identifiziere, braucht er sich nur meinen Jubel nach dem Elfmeter im FA-Cup-Halbfinale anzusehen. Das war echte Freude. Das war so wichtig. Für den Verein, für mich.
Ihnen hängt immer noch das Image des unartigen Bengels aus Berlin nach. Waren die alten Berliner Geschichten nicht ein gefundenes Fressen für die englische Yellowpress?

Kevin-Prince Boateng: Diese Schublade wird nur in Deutschland aufgemacht. In England haben mich die Leute ganz anders empfangen. Als ich nach England kam, scherte sich niemand um meine Vergangenheit. Ich war Kevin-Prince Boateng aus Deutschland, der Fußballspieler. So nahm man mich wahr. Vielleicht half es auch, dass ich gut Englisch spreche und daher offen auf meine Mitspieler und auch auf die Journalisten zugehen konnte.

Sind Sie reifer geworden?

Kevin-Prince Boateng: Durchaus. Ich bestreite gar nicht, dass ich in der Vergangenheit Fehler gemacht habe. Doch eines ist sicher: Mir passieren solche Dinge wie in Dortmund und Berlin nicht mehr.

Welche Dinge meinen Sie?

Kevin-Prince Boateng: Über gewisse Dinge will ich nicht mehr sprechen. Bleiben wir also beim Fußball: Da bin ich beim BVB oftmals unglücklich in Zweikämpfe gegangen, dumme Situationen. Mir wurde vorgehalten, dass ich diese Fouls absichtlich begehe. Doch so war es nicht, es waren einfach unglückliche Zweikämpfe. Und wer mich kennt, weiß, dass ich nie jemand absichtlich verletzen würde.

Haben Sie Ihr Spiel umgestellt?


Kevin-Prince Boateng: Ich versuche, ein bisschen bedachter ins Spiel zu gehen. Das heißt nicht, dass ich mit weniger Feuer ins Spiel gehe, doch ich verhalte mich überlegter in Zweikämpfen. 

Welchen Anteil hat Ihr Trainer an Ihrer neuen Spielweise?

Kevin-Prince Boateng: Als ich ankam, spielte ich noch unter Paul Hart. Er begegnete mir sehr freundlich, nicht von oben herab. Das war wichtig für mich. Ich spürte einen beiderseitigen Respekt. Dann fragte er mich, welche meine Lieblingsposition sei. Ich antwortete, dass ich am liebsten hinter den Spitzen spiele, und er stellte mich dort auf. Selten habe ich einen Trainer erlebt, der so auf seine Spieler zugeht.

Hat sich unter Avram Grant etwas geändert?

Kevin-Prince Boateng: Mit Avram Grant ist es ähnlich. Er lässt mich zumeist hinter den Spitzen spielen, gelegentlich auch auf den Außenbahnen. Und er ist ehrlich zu mir, spricht mit mir. Zum Beispiel sagt er mir ohne Umschweife, dass ich noch Probleme in der Defensive habe und hilft mir dabei, diese zu beheben.

Wie ist es mit der Mannschaft?

Kevin-Prince Boateng: Da ich von Tottenham Hotspur kam, einem großen Klub in England, war der Respekt von Anfang an da. Ich war sofort einer von ihnen. Und als ich in meinem ersten Pflichtspiel gleich ein Tor schoss, wusste ich: Ich bin angekommen. Ein gutes Gefühl. Und das ist immer noch da. Wir gehen mehrmals die Woche zusammen essen, oft mit zehn oder zwölf Jungs. Freundschaften unter den Spielern sind hier viel üblicher als in Deutschland. Dort ist alles viel unverbindlicher.

Mit wem verstehen Sie sich am besten?

Kevin-Prince Boateng: Mit Danny Webber, der von Sheffield United kam. Wobei ich eigentlich alle meine Mannschaftskollegen mag. Die sind cool, locker drauf.

Wenn Sie nicht Fußball spielen oder essen gehen: Was machen Sie in Portsmouth?

Kevin-Prince Boateng: Ich lebe nicht in Portsmourth, sondern in Southampton, ganz einfach, weil das Trainingsgelände dort ist. Ja, was macht man dann? So viel Zeit habe ich ja gar nicht. Ich lese. Damit habe ich vor einiger Zeit angefangen. Unglaublich eigentlich. Lesen war nie so mein Ding.

Was lesen Sie gerade?

Kevin-Prince Boateng: Die Biografie von Bushido. Das interessiert mich eben. Ich habe sie von meiner Frau zum Geburtstag bekommen. Sie meinte, das ist kein schlechtes Buch – und sie hatte Recht. Ich mag diesen Aufstieg von ganz unten an die Spitze. Und dann diese Stadt-Beschreibungen, das war ja ähnlich mit den Bildern im Film, der auf dem Buch basiert. Es ist wie ein Spaziergang durch Berlin.
Zurück zum Fußball: Im FA-Cup-Finale spielt Portsmouth gegen den FC Chelsea. Das letzte Spiel ging 0:5 aus. Hat Portsmouth überhaupt eine Chance?

Kevin-Prince Boateng: Wir wissen, dass Chelsea eine der besten Mannschaften der Welt ist. Doch im Pokal, das ist wie in Deutschland, kann alles passieren. Wer hätte vor dem Halbfinale gegen Tottenham einen Cent auf Portsmouth gewettet? Sicher ist im Finale jedenfalls noch nichts.

Sicher scheint indes, dass das FA-Cup-Finale Ihr letztes Spiel im Trikot von Portsmouth sein wird. Gibt es schon konkrete Angebote von anderen Vereinen?

Kevin-Prince Boateng: Ich hoffe erstmal, dass wir den Cup holen. Und dann? Ich habe noch nichts gehört. Vielleicht bin ich nächste Saison immer noch bei Portsmouth.

Sie machen sich noch keine Gedanken?

Kevin-Prince Boateng: Nein. Ich freue mich auf den FA-Cup, dann auf die WM. Alles andere interessiert mich gerade nicht.

Bei der WM in Südafrika werden Sie auf Ihren Bruder Jerome treffen. Sprechen Sie über das bevorstehende WM-Vorrundenspiel Ghana gegen Deutschland?


Kevin-Prince Boateng: Ein paar Mal haben wir drüber geredet. Was heißt geredet? Eher geflachst. Wenn wir es, in die erste Elf schaffen, könnten wir tatsächlich direkte Gegenspieler sein. Eine seltsame Vorstellung.

Fiel es Ihnen eigentlich schwer, sich für eine Nationalmannschaft zu entscheiden?

Kevin-Prince Boateng: Letztendlich nicht, denn ich habe meine Perspektive in Deutschland nicht mehr gesehen. Ich steckte tief in der besagten Schublade und kam nicht wieder heraus. In Ghana hingegen hatte ich einen guten Ruf. Und ich wusste, dass mich der Verband im Trikot von Ghana sehen wollte. Ich habe immer wieder mit Anthony Baffoe telefoniert.

Mit welchem aktuellen Nationalspieler stehen Sie in Kontakt?

Kevin-Prince Boateng: Ich spreche gelegentlich mit Michael Essien. Stephen Appiah kenne ich auch sehr gut. Die Jungs sagen mir auch ständig, dass ich mir keine Sorgen machen brauche und dass sich die Ghanaer auf mich freuen.

Wie häufig waren Sie bisher in Ghana?

Kevin-Prince Boateng: Kein einziges Mal. Doch das wird sich jetzt ändern. Ich habe viele Onkels und Tanten dort, und sie sind alle mächtig stolz, dass ich für Ghana spielen werde. Und sie sind verdammt aufgeregt, weil ich nach Afrika komme.

Wie schätzen Sie Ghana im Vergleich zu anderen afrikanischen Teams ein?

Kevin-Prince Boateng: Ghana ist neben der Elfenbeinküste die beste Mannschaft des Kontinents. Die Elfenbeinküste ist vielleicht noch ein bisschen besser besetzt, die haben ja auf beinahe jeder Position einen Superstar. Doch vielleicht können wir für eine Überraschung sorgen.

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