Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch über St. Pauli und Kalle Del'Haye

»Fußball ist ein dreckiges und nuttiges Geschäft«

Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch ist seit vielen Jahren Dauerkartenbesitzer des FC St. Pauli. Sein Plattenlabel »Grand Hotel Van Cleef« liegt nur einen Bierbecherwurf entfernt vom Millerntor-Stadion entfernt.

Grand Hotel van Cleef

Marcus Wiebusch, wenn der FC Bayern München eine Band wie, sagen wir, Bon Jovi ist. Welche Band wäre der FC St. Pauli?
Eine knüppelharte Punk- oder Hardcore-Band bestimmt schon lange nicht mehr. Eher eine sehr eigene, geschmackvolle Indie-Band mit dem Herz am rechten Fleck, die auch was zu sagen hat. Aber grundsätzlich finde ich es schwierig, Musik mit Fußball zu vergleichen. Ein Beispiel: Die Toten Hosen und Fortuna Düsseldorf kriege ich nur ganz schwer zusammen. Auf der einen Seite ist da der ambitionierte Zweitligist, der ein schönes Stadion hat, bei dem ich aber keinerlei Punk-Spirit entdecken kann. Und andererseits sind da die Toten Hosen, denen man viel vorwerfen kann, aber sie kommen immer noch ursprünglich aus dem Punk.
 
...und waren 2001 Trikot-Sponsor bei Fortuna Düsseldorf. Ist so etwas auch für Ihre Band Kettcar oder ihr Plattenlabel Grand Hotel Van Cleef denkbar? Trikotsponsor des FC St. Pauli?
Leider eine Utopie. Wir bewegen uns ja in einer Branche, in der Geld überhaupt kein Thema mehr ist. Aber wenn ich Geld wie Heu hätte, könnte ich mir durchaus vorstellen, auch einen Fußballverein zu unterstützen.
 
Wo gibt es Parallelen zwischen Ihrer persönlichen Biografie und der des Kiez-Klubs?
Der FC St. Pauli ist ein Verein des Volkes. Ich gehe seit 1989 regelmäßig zu den Spielen, bin seit Mitte der neunziger Jahre Dauerkartenbesitzer und habe die unterschiedlichsten Strömungen miterlebt. Und was sich komplett mit meinem Naturell und Charakter deckt, ist, dass der Verein eine klare Vorstellung davon hat, wie man mit Menschen umgehen sollte. Stichwort Rassismus und Homophobie. Außerdem gibt es hier eine sehr aktive Fanszene, die sich einmischt, auch bestimmte Forderungen stellt. Natürlich sitzen im Stadion auch stramme CDU-Wähler bis homophobe Vollidioten, aber ihr Gedankengut bricht sich nicht Bahnen. Das finde ich sehr angenehm. Ich kann ins Stadion gehen ohne zu befürchten, dass farbige Spieler beschimpft werden.
 
Manche sehen auch folgende Parallele zwischen Ihrem Werdegang und dem FC St. Pauli: Sie haben früher in einer Punk-Band gespielt und machen heute Indie-Pop, der auch dem Mainstream gefällt. Die »Hamburger Morgenpost« schrieb vor zwei Jahren über Ihre Band: »Kettcar klingen mittlerweile wie eine alternative Version von Pur – für die coolen Leute aus dem Schanzenviertel«. 
Ohne dem Schreiber zu Nahe treten zu wollen, aber der hat keine Ahnung von Musik. Wirklich. Wer unser Werk mit Kettcar verfolgt, weiß, dass wir sehr heterogene Alben abgeliefert haben. Wir haben weiche, romantische Songs wie »Balu«, politische Sachen wie »Deiche«, Gesellschaftskritisches wie »Graceland« oder einen wahnsinnig deprimierenden Song wie »Am Tisch« geschrieben. Ich wüsste nicht, wo da die Parallelen zu Pur sein sollen.
 
Das heißt im Umkehrschluss, dass Sie auch keine Angst vor der fortschreitenden Kommerzialisierung beim FC St. Pauli haben?
Nein, ich glaube, das ist eine Notwendigkeit. Die wirtschaftlichen Zwänge im modernen Profifußball gehe ich lieber ein, anstatt wie Fortuna Köln oder Rot-Weiß Essen irgendwo in der Regionalliga zu versickern. Klar, es gibt romantische St. Pauli-Fans, die glauben, man könnte einen Spieler wie Max Kruse halten, weil das hier so ein geiles rebellisches »To the heart«- Umfeld ist. Totaler Quatsch. Max Kruse geht dahin, wo er am meisten Geld verdienen kann.
 
Wie oft schaffen Sie es ins Stadion?
Ich kann nicht jedes Spiel sehen, das ist klar. Wir sind so ein Kern von acht Leuten, der immer hingeht und die freien Dauerkarten an Freunde und Bekannte verleiht. Meine Kettcar-Kollegen sind auch alle dabei, außer unser Drummer Christian. Man glaubt es nicht, aber er ist HSV-Fan.
 
Das Büro Ihres Labels »Grand Hotel Van Cleef« liegt in unmittelbarer Nähe vom Millerntor-Stadion entfernt. Wie wichtig ist Ihnen diese Nähe?
Für mich ist es tatsächlich ein i-Tüpfelchen. Für mich war es wichtig, dass wir nah dran sind an verschiedenen Musikclubs wie dem »Knust«, dem »Uebel & Gefährlich« oder dem »Grünen Jäger«. Vor den Spielen treffen wir uns auch immer im »Grand Hotel« und trinken ein bisschen was. Wenn wir uns das Büro irgendwann nicht mehr leisten können, dann ziehe ich mit einem weinenden Auge in einen anderen Stadtteil, der weiter draußen liegt.
 
Sie haben beim hundertjährigen Jubiläum des FC St. Pauli live im Stadion gespielt. Wahrscheinlich kein Auftritt wie jeder andere.
Für mich war es einfach eine große Ehre, dort zu spielen. Fettes Brot waren dabei, unsere Freunde von Slime, die wir natürlich noch von früher kennen. Es war einfach ein großer Tag mit einem tollen Rahmenprogramm. Ich würde das gerne noch mal machen.

 
Sven Brux, den Sicherheitsmanager des FC St. Pauli, luden Sie in den 90er-Jahren Jahren ein, mit Ihrer früheren Band ...But Alive einen Song aufzunehmen. Es gab sogar einen gemeinsamen Auftritt im Altonaer Kulturzentrum »Fabrik«.
Sven wollte eigentlich, dass ich den Song mit seinem Text singe. Es ging dabei um einen Benefizsampler, bei dem eine Reihe von Punk-Bands bekannte Songs neu vertexten. Er hatte etwas Bammel, dass er schief singen würde, aber das war uns total egal. Es ging ja primär darum, dass er etwas zu sagen hatte, deshalb haben wir ihn auf die Bühne geschleppt.
 
Gibt es im aktuellen Kader einen Spieler, mit dem Sie gerne zusammen musizieren würden?
Nee, leider nicht. Leider ist es selten so, dass ein geiler Fußballspieler auch einen geilen Musikgeschmack hat. Zum Beispiel ein Typ wie Sebastian Schachten. Den finde ich super, weil der hundertprozentig zum FC St. Pauli passt. Aber wetten, der hört Eros Ramazotti? Ach, was willst du machen... Die Spieler haben halt nicht die gleiche musikalische Sozialisation wie ich oder andere erfahren. Konzerte und Festivals besuchen ist halt für viele nicht denkbar. 
 
Wie oft kam es vor, dass die Dramen am Millerntor oder sonst wo in der Bundesliga als Inspiration für Ihre Songs dienten?
Noch nie. Ich habe nur einmal einen Fußball-Song geschrieben mit dem Titel »Erinnert sich noch jemand an Kalle Del’Haye?« Ach nee, »Entlassen vor der Winterpause« war auch noch dabei. Aber dann habe ich damit aufgehört, denn es ist schwer schwierig, die Art wie ich texte, auf den Fußball zu projizieren. Ich weiß, dass Fußball auch sehr stumpf ist. Es gibt Spieler, für die schreie ich mir jetzt meine Seele aus dem Leib, und nächste Saison wechseln die zum HSV. Es ein dreckiges Business und ein nuttiges Geschäft. Ich versuche aber über etwas Wahrhaftiges zu schreiben, das die Leute irgendwo berühren soll. Es gibt nur eine Sache beim Fußball, die nicht nuttig ist: die Fans.
 
Bleiben wir kurz bei Kalle Del’Haye, einem der größten Transferflops der Bundesliga-Geschichte. 1980 wechselt er von Mönchengladbach zu den Bayern für die damalige Rekordsumme von 1,3 Millionen Mark, um anschließend größtenteils auf der Bank zu versauern.
Er ist das Synonym für »wegkaufen und auffe Bank«. Dann hab ich die Metapher aufgestellt, dass es ganz schön bitter sein kann, wenn du von deinen großen Träumen und Zielen lebst und dich dann auf der Ersatzbank wiederfindest.
 
Zu Kalle Del’Haye sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß: »Wenn du bei uns nicht Stammspieler wirst, dann erschieße ich mich.«
Hat er echt gesagt? Na, dann hat er aber lange überlebt.
 
Warum haben Sie über Kalle Del’Haye und nicht über Michael Sternkopf gesungen?
Meine erste große Liebe war Gladbach. Ich bin 1968 geboren und in den siebziger Jahren hatte man nur die Wahl zwischen den Fohlen oder Bayern München. Obwohl ich aus Niedersachsen komme, war Eintracht Braunschweig für mich überhaupt kein Thema. Und der HSV war für mich ganz weit weg. Also wurde ich Gladbach-Fan und Kalle Del’Haye der Held meiner Jugend. Das war ganz, ganz schlimm, als er zu den Bayern wechselte. Das hat mir zum ersten Mal richtig das Herz gebrochen.
 
Wer ist der kommende Transferflop der Bayern?
Tymoschtschuk ist sicherlich etwas hinter den Erwartungen zurückgeblieben, oder? Aber ansonsten fällt mir niemand ein. Ich habe beim Champions-League-Finale auf Javi Martínez geguckt und dachte: Besser kann man nicht spielen, der ist jeden Cent Wert. Aber ich bin mir sicher, dass die Luft für jemanden wie Mario Mandzukic auch dünner wird. Auch für Robert Lewandowski, wenn er denn zu den Bayern geht.

Sprechen wir zum Schluss noch über Ihre fußballerischen Fähigkeiten: In einem Interview haben Sie mal gesagt: »Ich bin der Marcelinho des Indie-Rock mit der Torgefährlichkeit von Michael Ballack«. Hand aufs Herz: Wie viel hatten Sie getrunken?
Das habe ich niemals gesagt! (lacht) Sagen wir so: Bevor der Körper seinen Tribut forderte, habe ich jahrelang im Verein gespielt. Und zwar mitunter recht erfolgreich auf der Mittelstürmer-Position oder Linksaußen. Ich bin echt gut. Man kann das auch aktuell überprüfen, wie etwa letzten Sommer, als wir mit der Grand-Hotel-Mannschaft gegen die englische Band Young Rebel Set gespielt haben. Wir haben 2:3 verloren und ich habe mir leicht den Meniskuss angerissen. Beim diesjährigen Reeperbahn-Festival Ende September wird es endlich das Rückspiel geben. Und ich werde auch auflaufen.

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