28.06.2013

Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch über St. Pauli und Kalle Del'Haye

»Fußball ist ein dreckiges und nuttiges Geschäft«

Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch ist seit vielen Jahren Dauerkartenbesitzer des FC St. Pauli. Sein Plattenlabel »Grand Hotel Van Cleef« liegt nur einen Bierbecherwurf entfernt vom Millerntor-Stadion entfernt. Ein Gespräch über den schlechten Musikgeschmack vieler Fußballer, Kalle Del'Haye und kommerzielle Zwänge.

Interview: David Siems Bild: Grand Hotel van Cleef

Marcus Wiebusch, wenn der FC Bayern München eine Band wie, sagen wir, Bon Jovi ist. Welche Band wäre der FC St. Pauli?
Eine knüppelharte Punk- oder Hardcore-Band bestimmt schon lange nicht mehr. Eher eine sehr eigene, geschmackvolle Indie-Band mit dem Herz am rechten Fleck, die auch was zu sagen hat. Aber grundsätzlich finde ich es schwierig, Musik mit Fußball zu vergleichen. Ein Beispiel: Die Toten Hosen und Fortuna Düsseldorf kriege ich nur ganz schwer zusammen. Auf der einen Seite ist da der ambitionierte Zweitligist, der ein schönes Stadion hat, bei dem ich aber keinerlei Punk-Spirit entdecken kann. Und andererseits sind da die Toten Hosen, denen man viel vorwerfen kann, aber sie kommen immer noch ursprünglich aus dem Punk.
 
...und waren 2001 Trikot-Sponsor bei Fortuna Düsseldorf. Ist so etwas auch für Ihre Band Kettcar oder ihr Plattenlabel Grand Hotel Van Cleef denkbar? Trikotsponsor des FC St. Pauli?
Leider eine Utopie. Wir bewegen uns ja in einer Branche, in der Geld überhaupt kein Thema mehr ist. Aber wenn ich Geld wie Heu hätte, könnte ich mir durchaus vorstellen, auch einen Fußballverein zu unterstützen.
 
Wo gibt es Parallelen zwischen Ihrer persönlichen Biografie und der des Kiez-Klubs?
Der FC St. Pauli ist ein Verein des Volkes. Ich gehe seit 1989 regelmäßig zu den Spielen, bin seit Mitte der neunziger Jahre Dauerkartenbesitzer und habe die unterschiedlichsten Strömungen miterlebt. Und was sich komplett mit meinem Naturell und Charakter deckt, ist, dass der Verein eine klare Vorstellung davon hat, wie man mit Menschen umgehen sollte. Stichwort Rassismus und Homophobie. Außerdem gibt es hier eine sehr aktive Fanszene, die sich einmischt, auch bestimmte Forderungen stellt. Natürlich sitzen im Stadion auch stramme CDU-Wähler bis homophobe Vollidioten, aber ihr Gedankengut bricht sich nicht Bahnen. Das finde ich sehr angenehm. Ich kann ins Stadion gehen ohne zu befürchten, dass farbige Spieler beschimpft werden.
 
Manche sehen auch folgende Parallele zwischen Ihrem Werdegang und dem FC St. Pauli: Sie haben früher in einer Punk-Band gespielt und machen heute Indie-Pop, der auch dem Mainstream gefällt. Die »Hamburger Morgenpost« schrieb vor zwei Jahren über Ihre Band: »Kettcar klingen mittlerweile wie eine alternative Version von Pur – für die coolen Leute aus dem Schanzenviertel«. 
Ohne dem Schreiber zu Nahe treten zu wollen, aber der hat keine Ahnung von Musik. Wirklich. Wer unser Werk mit Kettcar verfolgt, weiß, dass wir sehr heterogene Alben abgeliefert haben. Wir haben weiche, romantische Songs wie »Balu«, politische Sachen wie »Deiche«, Gesellschaftskritisches wie »Graceland« oder einen wahnsinnig deprimierenden Song wie »Am Tisch« geschrieben. Ich wüsste nicht, wo da die Parallelen zu Pur sein sollen.
 
Das heißt im Umkehrschluss, dass Sie auch keine Angst vor der fortschreitenden Kommerzialisierung beim FC St. Pauli haben?
Nein, ich glaube, das ist eine Notwendigkeit. Die wirtschaftlichen Zwänge im modernen Profifußball gehe ich lieber ein, anstatt wie Fortuna Köln oder Rot-Weiß Essen irgendwo in der Regionalliga zu versickern. Klar, es gibt romantische St. Pauli-Fans, die glauben, man könnte einen Spieler wie Max Kruse halten, weil das hier so ein geiles rebellisches »To the heart«- Umfeld ist. Totaler Quatsch. Max Kruse geht dahin, wo er am meisten Geld verdienen kann.
 
Wie oft schaffen Sie es ins Stadion?
Ich kann nicht jedes Spiel sehen, das ist klar. Wir sind so ein Kern von acht Leuten, der immer hingeht und die freien Dauerkarten an Freunde und Bekannte verleiht. Meine Kettcar-Kollegen sind auch alle dabei, außer unser Drummer Christian. Man glaubt es nicht, aber er ist HSV-Fan.
 
Das Büro Ihres Labels »Grand Hotel Van Cleef« liegt in unmittelbarer Nähe vom Millerntor-Stadion entfernt. Wie wichtig ist Ihnen diese Nähe?
Für mich ist es tatsächlich ein i-Tüpfelchen. Für mich war es wichtig, dass wir nah dran sind an verschiedenen Musikclubs wie dem »Knust«, dem »Uebel & Gefährlich« oder dem »Grünen Jäger«. Vor den Spielen treffen wir uns auch immer im »Grand Hotel« und trinken ein bisschen was. Wenn wir uns das Büro irgendwann nicht mehr leisten können, dann ziehe ich mit einem weinenden Auge in einen anderen Stadtteil, der weiter draußen liegt.
 
Sie haben beim hundertjährigen Jubiläum des FC St. Pauli live im Stadion gespielt. Wahrscheinlich kein Auftritt wie jeder andere.
Für mich war es einfach eine große Ehre, dort zu spielen. Fettes Brot waren dabei, unsere Freunde von Slime, die wir natürlich noch von früher kennen. Es war einfach ein großer Tag mit einem tollen Rahmenprogramm. Ich würde das gerne noch mal machen.

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