Kein Helm, kein Schlagstock: Berns Polizei rüstet beim Fußball ab

»Wir wirkten zu aggressiv«

Robocop war gestern: Berns Polizei setzt bei Fußballspielen Beamte ein, die ohne Schlagstock und Helm auskommen. Wir sprachen mit Jürg Straubhaar, Chef des Berner Dialogteams, über aggressive Kollegen und fehlende Erfahrung im Umgang mit Fans.

Jürg Straubhaar, seit einiger Zeit verfolgt die Berner Polizei eine neue Strategie bei Fußballspielen: Statt in Schutzpolizei-Montur erscheinen Beamte in normaler Uniform und einer neonroten Weste. Wieso?
Jörg Straubhaar: Die Fronten zwischen Fans und Polizei hatten sich in der jüngeren Vergangenheit extrem verhärtet. Die Polizeiaufgebote wurden sukzessive aufgestockt und die Auseinandersetzungen nahmen zu. Man hat sich von beiden Seiten nur noch als Gegner wahrgenommen. Niemand sprach mehr miteinander. Das wollten wir ändern.

Und deswegen treten Sie nun weniger martialisch auf?
Jörg Straubhaar: Wir haben über all die Jahre die sogenannte 3D-Strategie verfolgt: Dialog, Deeskalation, Durchgreifen. Dabei sollte der Dialog am Anfang stehen. De facto wurde aber nie gesprochen. Wir wirkten zu aggressiv. Ich habe mich oft tierisch über Kollegen geärgert, die hart eingriffen, wenn noch die Möglichkeit eines Dialoges bestand.

Für den Fan wirken Polizisten mit Schild, Panzer, Schlagstock und Helm nicht gerade dialogbereit.
Jörg Straubhaar: Er wirkt anonym, das stimmt.

Fehlt den Schutzpolizisten auch die Erfahrung im Umgang mit den Fans?

Jörg Straubhaar: Es klingt immer so einfach: Sprecht mit den Leuten. Leuten in meinem Alter – ich bin 55 – fällt das leichter. Doch viele Beamte sind erst Anfang 20. Und anders als in Deutschland haben sie keine spezielle Ausbildung für Einsätze bei Fußballspielen. Die hiesigen Polizisten arbeiten im normalen Streifendienst und werden dann am Wochenende zu Spielen abgezogen. Deswegen ist das Projekt anfangs auch gescheitert. 

Wann war das?
Jörg Straubhaar: 2006. Deutschland hatte bei der WM Anti-Konflikt- und Kommunikationsteams eingesetzt. In Bern haben wir das danach einige Male versucht, doch es funktionierte nicht. Die Polizisten fühlten sich ohne Schutz nicht wohl. Wegen der angesprochenen Entwicklung haben wir uns in dieser Saison noch einmal zusammengesetzt. Auch mit Fanvertretern der jeweiligen Vereine, die uns ihre Wünsche mitteilten. Nun haben wir Polizisten in diesen Einheiten, die viel besser geschult sind. Wir haben mit den Dialogteams mittlerweile zehn Spiele begleitet.

Dabei starteten sie mit einem Risikospiel.
Jörg Straubhaar: Richtig. Das erste Spiel war Young Boys Bern gegen Servette Genf. Die Schutzpolizei wartete die ganze Zeit in Autos oder hielt sich in einiger Entfernung auf, eine Straße weiter oder hinter einem Häuserblock. Wenn es also wirklich zu Randalen oder Schlägereien kommt, kann sie auf unser Signal eingreifen. Beim Spiel gegen Servette Genf blieb es aber ruhig.

Gab es denn andere Spiele, bei denen die Schutzpolizei eingreifen musste?
Jörg Straubhaar: Bisher nicht. Vergangenes Wochenende spielten die Young Boys  gegen den FC Zürich, das war ebenfalls ein Risikospiel. Es gab ein paar kleinere Vorfälle. Auf dem Weg zum Zug griffen etwa Zürcher Fans in das Gleisbett und steckten Steine ein. Ich überlegte kurz, ob wir die Schutzpolizei benötigten. Schließlich entschieden wir uns aber gegen einen Einsatz. Sie sollten nur ein bisschen näher kommen. Die Zürcher Fans konnten mit Gesprächen dazu bewegt werden, die Steine wieder zurückzulegen.

Sie wollen nun die Schutzpolizei abrüsten. Ist das ein Modell für die ganze Schweiz?
Jörg Straubhaar: In der Schweiz hat jeder Kanton die Hoheit über solche Entscheidungen. Bern als Bundesstadt hat aber bei vielen Dingen eine Vorreiterrolle und auf die hoffe ich auch dieses Mal. Denn ich denke, dass sich die Dialog-Teams bislang bewährt haben. Wir wollen die Teams auch aufstocken auf etwa 50 Leute – und zugleich die Schutzpolizei weiter minimieren. Ich wünsche mir Verhältnisse wie früher.

Früher war es nicht weniger gewalttätig.
Jörg Straubhaar: Es gab Zeiten, da war es weitaus ruhiger. Und es gibt auch andere große Events, da kommen wir immer noch ohne Polizei-Hundertschaften aus. Beim Eishockey etwa.

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