01.07.2011

Kein Alkohol in der Kurve? Autor Peter Richter ist dagegen

»Ohne Bier sollte niemand ins Stadion«

Der hessische Innenminister Boris Rhein fordert ein Alkoholverbot in deutschen Fußballstadien. Peter Richter, Autor des Buchs »Über das Trinken«, sagt: Bier und Fußball gehören zwingend zusammen. Ein Gespräch über deutsche Kulturgüter.

Interview: 11Freunde Bild: Imago


Und das geht nicht ohne Alkohol?

Peter Richter: Es ist eine Erhöhung des eigenen Daseins, wenn man trinkt. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man einen Sieg feiern soll, ohne ein alkoholisches Getränk. Ebenso wenig kann ich mir vorstellen, wie man ohne Alkohol eine schmerzhafte Niederlage ertragen soll. Wie sollen Fußballgesänge zustande kommen, ohne dass die Kehle gut geölt ist? Wie soll man sich diese Fußballgesänge anhören, ohne dass man selber ordentlich einen im Turm hat? Das ist der Grund, warum in die Stadien zwingend Alkohol gehört. Es ist wie beim Karneval: Sehr vieles macht erst Spaß ab einem gewissen Promillelevel. Damit es Spaß machen kann, braucht es einen gewissen Grundwahnsinn.

Rhein fordert das Verbot, weil er die Gewalt eindämmen will, die häufig erst durch Alkohol entsteht.

Peter Richter: Prinzipiell ist das natürlich richtig: Wer trinkt, hat weniger Hemmungen auch mal zuzuschlagen. Aber, um es flapsig zu formulieren: Wer besoffen ist, haut auch häufiger daneben. Kann sein, dass Alkohol aggressiver macht, aber er macht gleichzeitig auch harmloser. Ein besoffener Mob ist nichts Schönes. Aber ein besoffener Mob ist nichts im Vergleich zu einem absolut nüchternen Mob, der es auf Gewalt anlegt. Die Hooligans, die in de Neunzigern so viel die Rede war, waren überwiegend gut durchtrainiert und völlig nüchtern. Wer sich noch prügeln will, trinkt eher nicht, sondern holt sich seinen Kick aus der Gewalt.

Ein Alkoholverbot ist also der falsche Weg?

Peter Richter: Ich meine nur, man muss es differenzierter betrachten. Was Rhein gesagt hat ist das, was ein CDU-Politiker zu sagen hat, kurz bevor er in den Urlaub fährt. Die Bevölkerung, die am Wochenende mit der S-Bahn zum Stadion fährt und auf angetrunkene Fans trifft, kriegt immer das Gefühl: Bitte lieber Staat, schütze uns vor diesen Horden voller Urmenschen! Das können Familienväter sein oder Bankangestellte, nur mit Trikot oder Kutte werden sie zu Urmenschen. Das ist ja der Spaß an der Sache. Die Forderung ist populistisch, weil sie natürlich nicht ausreicht. Es müsste dann auch ein Alkoholverbot rund ums Stadion geben.

Das fordert Rhein ja auch: Verbot schon in der S-Bahn.

Peter Richter: Genau, es müsste aber noch sehr viel großräumiger sein. Viele Stadien sind ja umgeben von einer Gastronomie, die sich extra für die Spiele aufgestellt hat. Wenn man Fußballtraditionalist ist, trifft man sich mit Freunden, trinkt was vor dem Spiel, dann geht man rein – und kriegt plötzlich nichts mehr zu trinken: Es ist wahnsinnig teuer, wahnsinnig kompliziert, mit Chipkarte und solchem Kram, und wahnsinnig deprimierend, weil Dünnbier. Wenn dann deine Mannschaft noch schlecht spielt, ist die Gefahr, dass Du aggressiv wirst, eigentlich doch viel größer als wenn Dir jemand ein Bierchen reicht und sagt: komm, schluck den Ärger runter.

Was denn nun?


Peter Richter: Es kann natürlich sein, dass man durch Alkoholverbote tatsächlich die Gewalt ein wenig ausbremst. Aber man muss sich immer um die Verhältnismäßigkeit sorgen: Was geht damit noch verloren? Warum gehen Leute denn überhaupt noch in Fußballstadien? Gehen sie da wirklich nur hin, um das Spiel zu sehen? Nein. Als ich früher regelmäßig beim FC St. Pauli war, habe ich mein Bier getrunken, meine Wurst gegessen, mich mit den Fans unterhalten – und das über weite Strecken eher mit dem Rücken zum Spielfeld, weil es nicht mit anzusehen war.

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