01.07.2011

Kein Alkohol in der Kurve? Autor Peter Richter ist dagegen

»Ohne Bier sollte niemand ins Stadion«

Der hessische Innenminister Boris Rhein fordert ein Alkoholverbot in deutschen Fußballstadien. Peter Richter, Autor des Buchs »Über das Trinken«, sagt: Bier und Fußball gehören zwingend zusammen. Ein Gespräch über deutsche Kulturgüter.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Peter Richter arbeitete für die Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk und schrieb regelmäßig eine Kolumne für das Kunstmagazin Monopol. Heute ist er Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In seinem Buch »Über das Trinken« plädiert er für einen selbstbewussten Lebensgenuss und dafür, sich den Rausch auf keinen Fall nehmen zu lassen. Zuletzt arbeitete er im Team der »Harald Schmidt Show«. Ein Gespräch übers Trinken.

Peter Richter, sind Sie Fußballfan?


Peter Richter: Es ist ja leider so, dass man qua Geburt dazu verdammt ist, seinem Heimatverein anzuhängen. Das ist bei mir Dynamo Dresden. Was in den Achtzigern glanzvoll war, wurde in den Neunzigern ziemlich bitter – aber jetzt gibt es ja wieder Grund zur Freude.

Gehen Sie regelmäßig ins Stadion?

Peter Richter: Seit ich nicht mehr in Dresden lebe, habe ich es überall mal versucht: FC St. Pauli, Hertha BSC, Union – ich bin sogar zum BFC Dynamo gegangen, dem alten Erzfeind. So weltoffen bin ich! Generell gehe ich gerne zu Schlagerspielen und speziell solchen Partien, die noch mit dem DDR-Oberliga-Charme behaftet sind. Ich bin nicht der Typ, der sich eine Karte für Wolfsburg gegen Hoffenheim kauft.

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In Ihrem Buch weisen Sie auf die Gefahren der Nüchternheit hin und fordern das Recht auf Rausch ein. Was sagen Sie zu der Forderung des hessischen Innenministers Boris Rhein, Alkohol in Fußballstadien zu verbieten?

Peter Richter: Die Forderung überrascht mich nicht – sie ist aber natürlich trotzdem fatal. Das Bier, das in den meisten Stadien angeboten wird, ist ja ohnehin nur Leichtbier. Um davon wirklich besoffen zu werden, müsste man, glaube ich, Hektoliter trinken, so dass Stadionbesucher nur mit Bierholen und Toilettenbesuchen beschäftigt sind. Das ist vielleicht eine Taktik, die Leute von Schlägereien abzuhalten.

Warum ist die Forderung dann fatal?

Peter Richter: Weil für meine Begriffe Bier zum Fußball zwingend dazugehört. So wie Wein zum Beispiel nicht dazugehört, und Champagner auch nicht; vielleicht noch in den blöden VIP-Logen. Aber zum Fußball gehört Bier, diesen emotionalen Herausforderungen kann man mit einer Tasse Kaffee nicht adäquat begegnen. Denn, das sehen wir ja jetzt gerade bei der Frauen-WM, beim Fußball geht es eben nicht nur um das Spiel allein.

Worum geht es denn?

Peter Richter: Es geht schon auch darum, dass am Wochenende ein Ausnahmezustand hergestellt wird. Im Stadion wird die Komplexität der Welt runtergeschraubt. Männer dürfen wieder „wir“ und „die“ denken und schreien: Wir spielen gegen die. Die Leute schwenken Fahnen wie auf Mittelalter-Turnieren, das ist das denkbar einfachste Weltbild. Das ist alles wahnsinnig dumpf, atavistisch, urmenschenhaft – aber es ist vielleicht notwendig, dass das einmal in der Woche stattfindet, damit man im Alltag gesittet miteinander umgehen kann.

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