28.08.2012
Kay Herrmann vom Fanprojekt Chemnitz im Interview
»Unsere Fans zeigen Zivilcourage«
Die »Affenlaute« aus dem Chemnitzer Fanblock während des DFB-Pokalspiels gegen Dynamo Dresden vor acht Tagen hallen noch immer nach. Im Interview spricht Kay Herrmann vom Fanprojekt Chemnitz erstmals ausführlich über Probleme und Entwicklungen der Szene.
Interview:
Alex Raack
Bild: Imago
Nach den »Affenrufen« von Chemnitz
Reden ist Gold
Täuscht der Eindruck, oder haben speziell Vereine aus der ehemaligen DDR vermehrt Probleme mit rassistischen oder rechtsradikalen Fußballfans?
Prinzipiell ist natürlich erst einmal zu bemerken, dass dies kein typisches beziehungsweise ausschließliches ostdeutsches Problem ist. Der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer hat jedoch bereits vor einigen Jahren in seinem Konzept der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« die in Ihrer Frage formulierte These gestützt.
Zu welchem Ergebnis ist er gekommen?
Verkürzt kann man sagen, dass sich die Menschen in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung an verschiedenen Stellen ungerecht behandelt, beziehungsweise benachteiligt fühlen. Diese gefühlte Benachteiligung wird oftmals auf Minderheiten projiziert und äußerst sich beispielsweise in fremdenfeindlichen Tendenzen. Die Fußballstadien sind in diesem Fall als Spiegel der Gesellschaft zu begreifen. Dass vor diesem Hintergrund ein solcher Eindruck entstehen kann, (dass speziell Vereine aus der ehemaligen DDR ein Fanproblem haben, d. Red.) wäre demnach folgerichtig.
Ihr Kollege aus Dresden sagt: »Helfen kann eigentlich nur Zivilcourage.« In Chemnitz sollen einige Fans sogar versucht haben, gegen die rassistischen Rufe anzusingen. Wie viel Zivilcourage kann ein Fanblock überhaupt leisten?
Die Ultras Chemnitz haben während des Spiels von der ersten bis zur letzten Minute lautstark die eigene Mannschaft unterstützt und damit große Teile des Publikums mitgerissen. Sie haben sich eben nicht an diesen Schmährufen beteiligt. Aus meiner Sicht haben sie mit diesem Verhalten gezeigt, dass sie sich mit den rassistischen Rufen nicht identifizieren. Das ist genau die Form von Zivilcourage, die ein Fanblock in so einer Situation leisten kann. Wer im Stadion war, der hat dies auch deutlich vernommen. Ende der neunziger Jahre gab es solche Interventionen noch nicht.
Als Alheilmittel gegen verbale oder nonverbale Gewalt auf den Rängen wird häufig der so genannte »Selbstreinigungsprozess« in den Kurven genannt. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?
Ich möchte beim Thema »Selbstreinigungsprozess« den Begriff des Freiraumes ins Zentrum stellen. Freiraum in Bezug auf Themen, welche die Jugendlichen rund um ihre Leidenschaft Fußball begleiten. Zum Beispiel Pyrotechnik. Diesbezüglich offen einen Dialog zu führen, setzt natürlich eine gewisses Vertrauen aller handelnder Akteure voraus. Nur so kann es gelingen, Jugendlichen ein Gefühl der Verantwortungsbereitschaft zu vermitteln, Verantwortungsbereitschaft eben für ihre Kurve. Wer Verantwortung trägt, engagiert sich für die Sache und handelt entsprechend. Wenn den Jugendlichen diese Option nicht eingeräumt wird, ist die Gefahr natürlich groß, dass sie sich anderweitig betätigen und abweichendes Verhalten zeigen. Darum ist es auch so wichtig, Jugendliche in Aushandlungsprozesse mit einzubeziehen. Die Realität sieht leider anders aus. Wir sehen die derzeitigen Haltungen von Politik und DFB äußerst kritisch. Der Trend geht scheinbar in die Richtung mehr über Fans zu sprechen als mit ihnen. Das erschwert wiederum den gewünschten Selbstreinigungsprozess.
Die Beleidigungen gegen den Dresdener Poté werden auch deshalb so intensiv wahrgenommen, weil die Rufer den DFB-Pokal und damit die mediale Präsenz als Bühne nutzten. Was können der Verein und seine Fans dafür tun, dass der beschädigte Ruf des Chemnitzer FC wieder aufpoliert wird?
Die Chemnitzer Fans haben bereits einige Tage später gezeigt, dass sie sich von den Vorfällen distanzieren. Als Zeichen gegen Rassismus wurden beim Heimspiel gegen Wehen Wiesbaden rote Plakate hochgehalten, um Rassismus symbolisch die Rote Karte zu zeigen. Außerdem wurde ein Brief verlesen, der von Fanclubs unterzeichnet wurde und eben diese Botschaft der konsequenten Einforderung von Toleranz mit Worten untermauert hat. Natürlich müssen diesen symbolischen Akten nachhaltige Taten folgen. Und das funktioniert meiner Meinung nach am besten über die Selbstregulierung des Fanszene.
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Gemeinsam mit Janine Seibold leitet Kay Herrmann das von der AWO Chemnitz getragene Fanprojekt Chemnitz seit seiner Gründung im Jahr 2007. Das Interview mit Kay Herrmann wurde per E-Mail geführt.




