28.08.2012

Kay Herrmann vom Fanprojekt Chemnitz im Interview

»Unsere Fans zeigen Zivilcourage«

Die »Affenlaute« aus dem Chemnitzer Fanblock während des DFB-Pokalspiels gegen Dynamo Dresden vor acht Tagen hallen noch immer nach. Im Interview spricht Kay Herrmann vom Fanprojekt Chemnitz erstmals ausführlich über Probleme und Entwicklungen der Szene.

Interview: Alex Raack Bild: Imago


Kay Herrmann, während des Erstrundenspiels im DFB-Pokal zwischen Chemnitz und Dynamo Dresden wurde der dunkelhäutige Dynamo-Stürmer Mickael Poté aus dem Chemnitzer Block mit Affenlauten rassistisch beleidigt. Ein Sonderfall oder hat die Chemnitzer Fanszene ein Problem mit rassistischen und fremdenfeindlichen Tendenzen?
Vorweg sei gesagt, dass wir uns ganz klar von den rassistischen Entgleisungen und der illegal gezündeten Pyrotechnik, im Rahmen des Pokalspiels distanzieren und dieses Handeln verurteilen. Die Arbeiterwohlfahrt Chemnitz als Träger des Fanprojektes verfolgt seit jeher ein Leitbild, das auf Grundwerte wie Toleranz und Gerechtigkeit fußt. Dass es in Teilen unserer Fanszene durchaus Probleme bezüglich fremdenfeindlicher Tendenzen gibt, haben einige Vorfälle in der Vergangenheit gezeigt. Seit den Ereignissen im Rahmen des Spiels gegen Türkiyemspor Berlin im Jahr 2008 (u.a. skandierten Teile des Chemnitzer Fanblocks ausländerfeindliche Parolen, d. Red.), war jedoch ein deutlich positiver Trend zu verzeichnen.

Inwiefern?
Das belegen unter anderem aktuelle Entwicklungen in der Innenpolitik des Freistaates Sachsen. Erst vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass das Sächsische Innenministerium die Polizeipräsenz im Rahmen von Fußballspielen zurückfahren möchte. Wenn das tatsächlich geschieht, hat das auch mit der konsequenten Fanarbeit zu tun. Durch diese seien, so hat es das Innenministerium mitgeteilt, heute weniger Ausschreitungen in den sächsischen Stadien festzustellen. Zu einer ähnlichen Einschätzung kam kürzlich auch der Regionale Ausschuss Sport und Sicherheit in Chemnitz auf kommunaler Ebene. Diese Fakten sind Belege für eine erfolgreiche Arbeit.    




Trotzdem: Die Fanszene des Chemnitzer FC hat seit Jahren nicht den besten Ruf: 2008 wurde bekannt, dass der Fanklub »Ultras Chemnitz 1999« in Kontakt mit der rechtsradikalen Gruppierung NS-Boys stand. Das Fanprojekt Chemnitz existiert seit 2007. Mit welchen Maßnahmen versuchen Sie, auf die Chemnitzer Fanszene einzuwirken?
Vorab eine Bemerkung. Wir möchten um Verständnis bitten, dass wir als Sozialarbeiter in einigen Bereichen nur eingeschränkte Aussagen treffen können, welche konkreten Fangruppierungen zuzuordnen sind. Soziale Arbeit hat immer auch etwas mit Vertrauensschutz zutun. Zur Frage: Neben unseren jugendclubähnlichen offenen Räumen begleiten wir die Fans auch zu Heim- und Auswärtsspielen. Diesbezüglich haben wir natürlich Kontakt zu sehr großen Teilen der Fanszene. Da wir aber ein Projekt der Jugendarbeit sind, konzentrieren wir uns folglich auf Jugendliche. Auf dieser Basis treffen wir dann individuelle Entscheidungen, wer für uns noch als pädagogisch erreichbar gilt. Mit diesen Jugendlichen arbeiten wir dann mit dem Ziel eines positiven Generationenwechsels. Somit verstehen wir uns als klassisches Präventionsprojekt. Wir bieten beispielsweise auch Schulprojekte zum Thema Gewaltprävention an. 


Torsten Rudolph vom Fanprojekt Dresden sagt: »Wer tatsächlich hofft, 
dass die unsäglichen ´Affenlaute´ in deutschen Stadien ausgestorben 
sind, ist weltfremd. Passieren kann das überall – natürlich auch bei 
uns in Dresden.« Welche Arbeit können Fanprojekte leisten, um solche 
Vorfällen vorzubeugen?
Als Projekt der Jugendarbeit vertreten wir, wie gerade erwähnt, den Ansatz eines positiven Generationenwechsels. Fußball ist ein Bereich, welcher für viele Jugendliche ein spannendes Experimentierfeld darstellt. Somit haben wir es mit vielen jungen Menschen zutun, die wöchentlich neu ins Stadion kommen. Sie finden dabei eine Kurve vor, die von verschiedenen Gruppen besetzt ist. Viele von ihnen sind kreativ orientiert, einige zeigen aber auch problematisches Verhalten. Unsere Aufgabe besteht darin, mit pädagogischen Mitteln die Ressourcen der positiv agierenden Gruppen so zu stärken, dass sie für Jugendliche attraktiv bleiben und diese sich eben an jenen Gruppen orientieren. 

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