Katja Kraus über den Umgang mit Macht

»Ich wäre heute ein besserer HSV-Vorstand«

Katja Kraus hat sich nach ihrer Entlassung als Vorstand beim Hamburger SV zurückgezogen und ein Buch geschrieben. Es heißt »Macht« und geht um den Verlust derselbigen. Der Fußball ist für sie eine Welt der Gehetzten, permanenter Überforderung und trotzdem großartig.

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Katja Kraus, Sie haben für Ihr Buch mit Politikern, Wirtschaftsmanagern und Künstlern gesprochen, wo gab es die größten Ähnlichkeiten zum Fußball?
In der Politik. Einerseits wegen der enormen öffentlichen Resonanz, aber auch weil Gewinnen und Verlieren von Beginn an Teil des Systems ist. Wirtschaftsmanager hingegen sind vor allem darauf konditioniert, Erfolge zu verkünden und stetig zu steigern. Die Zwangsläufigkeit von Niederlagen ist in der Wirtschaft nicht gelernt, während man in der Bundesliga permanent mit Enttäuschungen, Ablehnung oder auch Entlassungen konfrontiert ist.

Kann man sich daran gewöhnen?
Manche entwickeln tatsächlich Techniken und legen sich ein dickes Fell zu. Anderen gelingt das nicht, daher gibt es auch im Fußball viele Ausprägungen von Überforderung und psychischen Erkrankungen.

Bei Spielern, bei Trainern, bei Managern?
Wer unter diesem stetigen Druck steht, ist gefährdet. Auch deshalb, weil Menschen rasant in Positionen geraten, für die ihnen die Erfahrung und auch oft das Rüstzeug fehlen. Ein exzellenter linker Verteidiger ist nicht unbedingt ein guter Trainer oder Sportchef. Er hat sich vielleicht noch nicht mit Psychologie, mit Didaktik, mit Menschenführung beschäftigt, aber er muss in jeder Situation vor einer Mannschaft stehen und Kraft und Kompetenz vermitteln. Über eigene Ängste und Zweifel hinweg.

Haben Sie persönlich sich überfordert gefühlt?
Ich hatte nicht dieses Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit, aber natürlich habe ich mich verantwortlich gefühlt für ein Thema, das für viele eine enorme Bedeutung hat. Trotzdem bin ich jeden Tag mit Freude zur Arbeit gegangen und habe den Druck nicht in seiner ganzen Wucht empfunden. Ich habe viele Dinge zur Normalität erklärt, die einfach nicht normal sind. Das wurde mir allerdings erst bewusst, nachdem ich einen Schritt zur Seite gemacht hatte.

Hatten Sie seitdem Angebote aus der Bundesliga?
Es gab und gibt Kontakt. Aber mir war klar, dass ich diesen Einschnitt nutzen wollte, um einen anderen Weg zu gehen. Ich wollte das Buch, das ich lange schon im Kopf hatte, unbedingt schreiben. Außerdem halte ich Perspektivwechsel und Auszeiten für wichtig. Man übergeht die Reflexion und damit auch die Chance zur Entwicklung, wenn man unmittelbar eine neue Aufgabe annimmt. Ich hatte in den letzten beiden Jahren jedenfalls wieder Raum für Gedanken, Auseinandersetzungen und Gespräche, den ich lange nicht hatte. Diese Phasen sind prägend, und auch wenn ich diesen Beweis nicht mehr erbringen muss, ich wäre mit den Erfahrungen und dem Abstand sicher heute ein noch besserer HSV-Vorstand.

Warum?
Weil ich mich allzu sehr von der Hysterie des Geschäfts habe treiben lassen. Kleinigkeiten zu wichtig genommen habe. Was ein Spieler hier gesagt, eine Zeitung dort geschrieben hat. Die Fähigkeit zu relativieren, das Tempo auch mal rauszunehmen, ist mir immer mehr abhandengekommen. Da hatte ich einen anderen Anspruch.

Aber ist es nicht überall so?
Klar, es sei denn, man hat die vergangenen beiden Jahre bei Borussia Dortmund verbracht. Ansonsten ist die ganze Branche getrieben. Auch große Siege werden allzu schnell vom Tagesgeschehen überholt. Wir mussten uns in Hamburg oft dazu ermahnen, Erfolge auch mal zu feiern, weil schon die nächste Aufgabe bevorstand.

Würde es denn überhaupt anders gehen?
Es ist schwer, die Geschwindigkeit der Berichterstattung und die Härte der Beurteilung sind wohl nicht mehr zurückzudrehen. Eine gewisse Solidarität im Umgang miteinander innerhalb der Liga wäre sicher hilfreich, damit sich alle ein wenig wohler fühlen. Im Moment habe ich aber das Gefühl, dass jeder froh ist, wenn er den Staffelstab der Krise an den Nächsten weiterreichen kann.

Aber wo liegt dann eigentlich der Reiz der Macht im Fußball?
Ich habe mich nicht machtvoll gefühlt. Aber zu sehen, wie die ganze Stadt vor großen Spielen pulsiert und mitverantwortlich dafür zu sein, das ist großartig. Außerdem mag ich einfach Management, zu gestalten und zu entscheiden. Wenn ich mir früher einen Traumjob hätte malen sollen, wäre es dieser gewesen.

Sie haben für Ihr Buch aus dem Fußball nur mit Thomas Hitzlsperger gesprochen, warum sind es nicht mehr?
Ich habe das Fußballgeschäft über 20 Jahre von innen erlebt und wollte einfach mehr aus anderen Bereichen erfahren. Außerdem spreche ich in meinem Buch über Lebensbrüche.

Aber die gibt es doch bei Spielern, Trainern und Managern reihenweise.
Dazu muss der Betroffene den Bruch aber auch als solchen für sich kennzeichnen.

Und das passiert nicht?
Die eigene Geschichte lässt sich fast immer so erzählen, dass sie glorios aussieht. Sie können sich in Situationen des Scheiterns ausschließlich mit Menschen umgeben, die Sie in Ihrer Wahrheit bestätigen. Im Fußball gibt es zudem den großen Vorteil, dass man schnell an anderer Stelle wieder bei Null anfängt.

Möchten Sie denn wieder zurück?
Ich mag mein Leben gerade sehr, so wie es ist, und möchte daran nichts verändern. Aber ich liebe Fußball, vielleicht kommt irgendwann wieder eine andere Zeit.

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