06.04.2013

Katja Kraus über den Umgang mit Macht

»Ich wäre heute ein besserer HSV-Vorstand«

Katja Kraus hat sich nach ihrer Entlassung als Vorstand beim Hamburger SV zurückgezogen und ein Buch geschrieben. Es heißt »Macht« und geht um den Verlust derselbigen. Der Fußball ist für sie eine Welt der Gehetzten, permanenter Überforderung und trotzdem großartig.

Interview: Christoph Biermann Bild: Imago

Katja Kraus, Sie haben für Ihr Buch mit Politikern, Wirtschaftsmanagern und Künstlern gesprochen, wo gab es die größten Ähnlichkeiten zum Fußball?
In der Politik. Einerseits wegen der enormen öffentlichen Resonanz, aber auch weil Gewinnen und Verlieren von Beginn an Teil des Systems ist. Wirtschaftsmanager hingegen sind vor allem darauf konditioniert, Erfolge zu verkünden und stetig zu steigern. Die Zwangsläufigkeit von Niederlagen ist in der Wirtschaft nicht gelernt, während man in der Bundesliga permanent mit Enttäuschungen, Ablehnung oder auch Entlassungen konfrontiert ist.

Kann man sich daran gewöhnen?
Manche entwickeln tatsächlich Techniken und legen sich ein dickes Fell zu. Anderen gelingt das nicht, daher gibt es auch im Fußball viele Ausprägungen von Überforderung und psychischen Erkrankungen.

Bei Spielern, bei Trainern, bei Managern?
Wer unter diesem stetigen Druck steht, ist gefährdet. Auch deshalb, weil Menschen rasant in Positionen geraten, für die ihnen die Erfahrung und auch oft das Rüstzeug fehlen. Ein exzellenter linker Verteidiger ist nicht unbedingt ein guter Trainer oder Sportchef. Er hat sich vielleicht noch nicht mit Psychologie, mit Didaktik, mit Menschenführung beschäftigt, aber er muss in jeder Situation vor einer Mannschaft stehen und Kraft und Kompetenz vermitteln. Über eigene Ängste und Zweifel hinweg.

Haben Sie persönlich sich überfordert gefühlt?
Ich hatte nicht dieses Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit, aber natürlich habe ich mich verantwortlich gefühlt für ein Thema, das für viele eine enorme Bedeutung hat. Trotzdem bin ich jeden Tag mit Freude zur Arbeit gegangen und habe den Druck nicht in seiner ganzen Wucht empfunden. Ich habe viele Dinge zur Normalität erklärt, die einfach nicht normal sind. Das wurde mir allerdings erst bewusst, nachdem ich einen Schritt zur Seite gemacht hatte.

Hatten Sie seitdem Angebote aus der Bundesliga?
Es gab und gibt Kontakt. Aber mir war klar, dass ich diesen Einschnitt nutzen wollte, um einen anderen Weg zu gehen. Ich wollte das Buch, das ich lange schon im Kopf hatte, unbedingt schreiben. Außerdem halte ich Perspektivwechsel und Auszeiten für wichtig. Man übergeht die Reflexion und damit auch die Chance zur Entwicklung, wenn man unmittelbar eine neue Aufgabe annimmt. Ich hatte in den letzten beiden Jahren jedenfalls wieder Raum für Gedanken, Auseinandersetzungen und Gespräche, den ich lange nicht hatte. Diese Phasen sind prägend, und auch wenn ich diesen Beweis nicht mehr erbringen muss, ich wäre mit den Erfahrungen und dem Abstand sicher heute ein noch besserer HSV-Vorstand.

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