Karsten Hutwelker über Vereinspolygamie und rheinische Derbys

»Auf meinem Trikot stand Wandervogel«

Karsten Hutwelker ist Zeitzeuge des letzten rheinischen Derbys und hat bei 17 verschiedenen Vereinen gespielt. Ein längst überfälliges Gespräch.

Karsten Hutwelker, Sie wissen, warum wir Sie sprechen wollen?
Nein.

Kleiner Tipp: Es geht um Sonntag.
Ah, um Fortuna gegen Köln?

Sie standen beim letzten rheinischen Derby im April 1999 auf dem Rasen.
Derbys vergisst man nie! Das ist von der Atmosphäre und sportlichen Rivalität her eine einmalige Sache. Ein ganz besonderes Gefühl, von dem sich keiner frei machen kann. Man will der Region ein Erfolgserlebnis verschaffen.

Ihr FC verlor durch zwei Tore von Marek Lesniak im Rheinstadion. Können Sie sich noch an den eigenen Torschützen erinnern?
(Pause) Das ist schwer. Vielleicht Holger Gaißmayer?

Es war Georgi Donkov.
Ach, der Donkov!

Nun kommt es zur Wiederauflage. Hätten Sie sich die Paarung schon Ende der letzten Saison als Relegationspartie gewünscht?
Das wäre sicherlich das Highlight eines ganz verrückten Saisonfinales gewesen – Zündstoff pur. Aber nach den Relegations-Vorfällen zwischen Düsseldorf und Berlin ist es vielleicht auch ganz gut, dass es in so einem brisanten Spiel nicht um Existenzen geht, sondern »nur« um Punkte am zweiten Spieltag.

Beide Teams haben neue Trainer. Wen sehen Sie momentan vorn?
Den ganz großen Wurf traue ich nach jetzigem Stand den Fortunen zu, weil sie die gewachsenere Mannschaft haben. Köln hat einen sehr jungen Kader und ist um ein ruhigeres Umfeld bemüht. Die können sicherlich oben reinrutschen, aber generell ist Düsseldorf besser aufgestellt.

Viele Zweitligatrainer setzen auf den FC als einen der Aufstiegsfavoriten. Das würden Sie also nicht unterschreiben?
Favorit auf gar keinen Fall. Eventuell als Überraschungsteam wie zum Ende der letzten Saison unter Holger Stanislwaski. So einen Lauf braucht man als junge Mannschaft, aber jedes Negativerlebnis kann die auch wieder umwerfen. Legt der FC einen Stotterstart wie letztes Jahr hin, glaube ich nicht, dass er in dieser zweiten Liga eine tragende Rolle spielt.

Ist das der Brisanz des Derbys abträglich?
Nein. Das werden zwei Spiele ohne Tabellenbezug, in denen pure Emotionen bei den Spielern und Fans zu erleben sind.

Nimmt die heutige Generation Derbyrivalitäten überhaupt noch so wahr?
Ich denke, dass die heutigen Spieler das genauso mitbekommen wie wir damals. Gerade in unserer Region, in der es so viele Derbys gibt.

Schade. Wir öffnen so gern die »Früher war alles besser«-Schublade.
(Lacht) Nichtsdestotrotz wachsen die meisten Spieler nicht mehr hier auf und bekommen die Historie dadurch nicht mehr in dem Maße mit. Beeindruckend wird das so oder so, aber früher war die Bedeutung größer.

Sie sind 1999 knapp vor dem Derby als ehemaliger Fortuna-Nachwuchsspieler nach Köln gewechselt.
Richtig.

Kennen Sie die Geschichte von Luis Figo, nachdem er zum verhassten Rivalen gewechselt ist?
Ich hab da mal was gelesen...

Es flog ein abgetrennter Schweinekopf.
Stimmt!

Haben Sie damals etwas zu spüren bekommen?
Nein. Die Fans kamen nicht ran, damals spielten wir ja noch im Müngersdorfer Stadion mit Laufbahn und Graben, das muss man dazu sagen. Außerdem war es damals schon fünf bis sechs Jahre her, dass ich bei Fortuna gespielt habe.

Relativiert eine schwere Erkrankung wie in Ihrem Fall solche Dinge wie Derbyrivalitäten?
Definitiv. Ich will nicht sagen, dass dieser schwere Schicksalsschlag (im August 2006 wurde Knochenkrebs diagnostiziert, d. Red.) gut für mich war, aber ich habe dadurch viel gelernt. Die Gesundheit ist das absolut Wichtigste, das kann ich nach 20 Jahren als Profi definitiv sagen.



Das Internet schreibt Ihnen 17 Vereine zu. Dürfen wir Sie »Wandervogel« nennen?
Mittlerweile kann ich drüber lachen. Damals hatte ich das nicht so gern, weil es zu jedem Wechsel eine Geschichte gab. Aber ich freue mich immer, Licht ins Dunkel bringen zu dürfen.

Wir hören ...
Damals als wir mit Fortuna abgestiegen sind, hatte der Verein für fünf Jahre meine Transferrechte und hat mich zur Weiterentwicklung Jahr für Jahr nur ausgeliehen. 1996 wollte ich dann nach Bochum. Von da an habe ich immer langfristige Verträge unterschrieben.

Die Sie nicht einhielten, weil ...
Das waren Dinge jenseits der Öffentlichkeit. Nach zwei Jahren in Bochum wollte mich Ewald Lienen in Köln zum Vorstopper umfunktionieren. Das wollte ich nicht und bin nach Saarbrücken gegangen. Dann kam der Lockruf aus Florenz, wo nach kurzer Zeit die Geburt meines Sohnes, der als Frühchen zur Welt kam, anstand. Mein Vater war berufstätig, meine Mutter hatte keinen Führerschein – also löste ich den Vertrag in Florenz auf, wobei ich dort wirklich gern drei Jahre geblieben wäre.

Wie ging es in Deutschland weiter?
Mit einer Genehmigung der UEFA durfte ich nach Braunschweig gehen, wo ich ein halbes Jahr umsonst gespielt habe, um überhaupt wieder Fuß zu fassen. Dann bekam ich einen Vertrag in Regensburg, der mit dem Abstieg in die Regionalliga ungültig wurde.

Meine Güte!
Glücklicherweise hatte ich anschließend noch drei Jahre in Augsburg und zwei in Österreich (SC Rheindorf Altach, d. Red.). In den letzten Jahren habe ich diversen Verbandsligisten dann den einen oder anderen Freundschaftsdienst erwiesen. Die Stationen zähle ich gar nicht mit.

Stehen unterm Strich 13 Vereine.
Sechs davon kamen durch die Ausleihen aus Düsseldorf zustande, da hatte ich mit 23 Jahren schon fünf oder sechs Vereine. Das war natürlich nicht förderlich. Also habe ich mich gegen den Titel »Wandervogel« gewehrt. Denn ziehen wir die Leihstationen ab, kommen wir auf sieben Vereine – in 20 Jahren Karriere ein normaler Wert.

Aber heute können Sie ja drüber schmunzeln.
Letztens hatten wir ein Wiedersehen in Bochum. Da durfte jeder seinen Namen auf dem Trikot selbst auswählen. Bei mir stand »Wandervogel«.

Wie kam Ihre Familie damit klar?
Irgendwann war es meiner Frau zu viel. Wir haben 1998 ein Haus in Köln gekauft, in dem wir bis heute wohnen. Die erste Hälfte meiner Laufbahn ist mir meine Familie aber gefolgt. So ist das nun mal. Jetzt, wo ich Trainer bin, wird sich das auch nicht ändern.

Wie steht es denn um einen neuen Job?
Nicht einfach. Ich hatte gehofft, mit der Fußball-Lehrer-Lizenz Angebote zu erhalten. Außer einem Regional- und einem Drittligisten war aber nicht viel dabei. Dort hat man sich anderweitig entschieden, was legitim ist. Es muss beiderseitig passen.

2002 schlugen Sie Ihre Zelte in Italien auf. Der AC Florenz war damals drittklassig.
Richtig. Als ich unterschrieben habe, war der Verein noch in der Serie B. Nach zwei Wochen Sonderurlaub waren wir plötzlich in der dritten Liga. Florenz wollte mich trotzdem und hat den Vertrag übernommen.

Wie kommt ein Spieler von Saarbrücken zum AC Florenz?
Das war kurios. Über den Zeugwart von Eintracht Frankfurt. Der kannte den Co-Trainer von Florenz, der wohl nach einer Handvoll deutscher Spieler fragte, die Interesse hätten, nach Italien zu wechseln.

Sie hatten Interesse, nehmen wir an.
Ich war total begeistert. Wie der Verein nach drei Tagen Probetraining übrigens auch von mir.

Was würden Sie Mario Gomez für seine Zeit dort raten?
Er soll so sein, wie er ist! Wer Leistung bringt, wird dort geliebt. Die Leute grüßen einen auf der Straße und lassen dich nicht mehr fallen. Nach vier Wochen wurde ich auf der Straße angesprochen, obwohl ich kein Wort Italienisch konnte. Ich habe mit Händen und Füßen versucht, den Wünschen gerecht zu werden.

Klingt sympathisch.
Eine sehr liebevolle Stadt, die für den Fußball lebt. Mario Gomez kann gar nichts falsch machen.

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