23.06.2013

Karl-Heinz Rummenigge über Heynckes, Westfalen und Literatur

»Jeder ist ersetzbar«

Karl-Heinz Rummenigge bastelt als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern an seinem Lebenswerk. In unserer Ausgabe #139 sprachen wir mit ihm über die Macht der Münchener in Europa, seine Ratschläge an Michel Platini und das fürstliche Aufgebot zum Abschied von Jupp Heynckes.

Interview: Tim Jürgens Bild: Daniel Delang


Und solche Dinge verfolgen Sie bis heute?
Einige. Aber auch die Ereignisse im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich sind ein Film, der mir nicht aus dem Kopf geht.

»Mon Dieu, Rummenigge«.
Ich kenne all diese Geschichten. Wissen Sie, was mein Freund Michel Platini sagt, wann immer er mich trifft?

Nein.
Nicht etwa »Hallo Kalle«, er sagt nur eine Zahl: »Quatre-vingt-deux« – ’82. Es ist furchtbar. Wenn das Gespräch auf dieses Match kommt, geht in ganz Frankreich die Stimmung in den Keller.

Wie schlafen Sie nach Niederlagen?
Da habe ich ein probates Mittel gefunden, das mir das Einschlafen erleichtert.

Das da wäre?
Ich lese mich müde.

Mit dem Sportteil vom Vortag?
Mit historischen Krimis. Aktuell lese ich von Ken Follett »Winter der Welt«, da tauche ich für eine Stunde in eine andere Dimension ab und schlummere irgendwann weg.

Auch in den turbulenten Tagen, als die Steueraffäre um Uli Hoeneß bekannt wurde?
Ich habe mir in dieser Zeit die Frage gestellt, wie ich meinem Freund Uli helfen kann. Ich mag mir Bayern München ohne Uli Hoeneß gar nicht vorstellen.

Medial hat sich der FC Bayern dabei gewohnt clever verhalten. Unmittelbar nach dem Wochenende, als die Hoeneß-Causa rauskam, wurde der Transfer von Mario Götze vermeldet.
Da täuschen Sie sich. Diese Information kam nicht vom FC Bayern oder aus unserem Umfeld.

Sondern?
Eine Quelle war offenbar Manchester City, die auch an Götze dran waren. Unsere Recherchen ergaben, dass da wohl jemand, der jemanden kennt, nach einem Glas Rotwein geplaudert hat.

Der Götze-Transfer macht die Hoffnung nicht größer, dass die Bundesliga in der nächsten Saison wieder spannender ist.
Zwanzig Punkte Vorsprung in der Meisterschaft sind kein Emotionsförderer, da haben Sie recht. Auch uns ist klar, dass die Liga vor allem von der Emotion lebt. Allerdings kommt mir diese Diskussion etwas zu früh.

Dass der FC Bayern auf Jahre die Liga dominieren wird?
Schon vergessen, dass der FC Bayern in den zurückliegenden zwei Jahren nicht Deutscher Meister war? Das spricht nicht für die totale Dominanz. Stattdessen ist der BVB zwei Mal in Folge Meister geworden – und da hat sich auch niemand beschwert.

Sie sind also eher auf der Seite von Matthias Sammer, der sagt, er wolle um jeden Preis Titel abräumen.
Es ist ein Spagat. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren gewinnt wieder ein deutscher Verein einen internationalen Titel. Die Bundesliga hat sich mühsam auf Platz drei im europäischen Ranking vorgearbeitet. Um dort zu bleiben, brauchen wir zwei, drei Klubs, die international ganz oben mitmischen. Eine logische Folge ist, dass es in der Bundesliga ein Leistungsgefälle gibt. Und Mario Götze ist nun mal eine Verstärkung für unseren Kader.

Allerdings schwächen Sie mit der Verpflichtung auch den wichtigsten Konkurrenten in der Liga.
In der Bundesliga gibt es nur einen beschränkten Kreis von Qualität. Es ist doch klar, dass Spieler, die wir haben wollen, eher in Dortmund oder Leverkusen als bei Abstiegskandidaten spielen. Und der Markt, wo wir uns vorzugsweise bedienen, ist nun mal die Bundesliga.

Dabei ist der FC Bayern längst ein internationaler Klub, was sein Personal anbetrifft.
Es gibt keinen Spitzenklub in Europa, wo so viele Stammspieler aus dem eigenen Nachwuchs und dem eigenen Land spielen, wie beim FC Bayern. Wir kaufen im Ausland nur, wenn wir meinen – wie bei Javi Martinez –, dass es in Deutschland keine Alternative auf dieser Position gibt. '

Schlechte Nachrichten für alle BVB- und Leverkusen-Fans.
Dabei verfügt der FC Bayern bereits über einen Kader, der für zwei Spitzenteams in der Bundesliga reichen würde. Es ist nicht – wie Hans Joachim Watzke sagt – das Geschäftsmodell des FC Bayern, andere Mannschaften zu schwächen. Wir versuchen unsere Qualität zu steigern, unabhängig davon, wo ein Spieler herkommt.

Aha.
Ich sage Ihnen, Mario Götze hätte Dortmund mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nach dieser Saison verlassen. Die Frage war nur: Geht er zum FC Bayern oder nach England? Manchester City und der FC Arsenal haben sich sehr um ihn bemüht. Und in Manchester spielt Geld bekanntlich auch keine große Rolle. Er war de facto auf dem Markt. Deshalb war es unsere Pflicht, uns mit ihm zu befassen.
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