23.06.2013

Karl-Heinz Rummenigge über Heynckes, Westfalen und Literatur

»Jeder ist ersetzbar«

Karl-Heinz Rummenigge bastelt als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern an seinem Lebenswerk. In unserer Ausgabe #139 sprachen wir mit ihm über die Macht der Münchener in Europa, seine Ratschläge an Michel Platini und das fürstliche Aufgebot zum Abschied von Jupp Heynckes.

Interview: Tim Jürgens Bild: Daniel Delang

Den Begriff »Funktionär« empfinden Sie angeblich als Beleidigung.
Nicht nur angeblich, der Begriff ist eine Beleidigung. Denn ich habe mich nie als Politiker verstanden.

Dem FC Bayern sagt man jedoch seit jeher eine gewisse Nähe zur CSU nach.
Das hat aber nichts mit mir zu tun. Ich würde nie in einer Partei oder in einem Verband arbeiten. Für mich stehen der Klub und der Fußball im Fokus. Das Grummeln im Magen vor großen Spielen, der Ärger und die Freude auf der Tribüne, das ist meine Welt.

Was aber sind Sie, wenn Sie kein Funktionär sind? Der verlängerte Arm des Sports?
Ich trage längst eine ganz andere Verantwortung. Wir müssen den Laden vorbereiten, einen sauberen Transfermarkt machen und einen Toptrainer einstellen. Aber wir müssen den Laden auf unserem Niveau auch refinanzieren. Wir bewegen uns auf Augenhöhe mit Klubs, die Umsätze von 400 oder 500 Millionen fahren, sich aber von Mäzenen und Scheichs subventionieren lassen. Also über Geld verfügen, das wir hier nicht haben. Ich muss also zusehen, dass wir nicht nur sportlich, sondern auch kaufmännisch mit solchen Vereinen mithalten.

Haben Sie manchmal schlaflose Nächte wegen Geld?
Heute nicht mehr.

Früher?
Öfter. Allerdings nicht aus Sorge, die Kohle nicht ranschaffen zu können, sondern weil mir sportliche Krisen zu schaffen machten.

Beim FC Bayern gilt aber schon ein zweiter Platz in der Meisterschaft als Krise.
Wenn wir vorher alles daran gesetzt haben, Meister zu werden, kann mir auch so eine Platzierung zu schaffen machen. Stimmt. Aber konkret erinnere ich mich, in der Saison 2006/07 öfter wachgelegen zu haben.

Warum?
Wir wurden Vierter in der Meisterschaft, obwohl wir fast 80 Millionen Euro in den Transfermarkt investiert hatten, die wir dann im UEFA-Cup refinanzieren mussten.

Es heißt, bei Ihnen im Vorstand wird nie abgestimmt, sondern alles ausdiskutiert.
Bei Abstimmungen gibt es immer Gewinner und Verlierer. Und wenn sich ein Transfer im Nachhinein als richtig oder falsch herausstellt, wird eine Seite stets denken: »Habe ich’s doch gewusst.«

Sind die Diskussionen im Vorstand langwieriger geworden, seit Matthias Sammer dabei ist?
Gar nicht. Unsere Vorstandsdiskussionen waren immer intensiv. Was meinen Sie, wie wir uns hier die Köpfe heiß geredet haben, als es darum ging, Stefan Effenberg ein zweites Mal zu verpflichten? Der war nicht unbedingt ein Aushängeschild für den Verein, ein streitbarer Typ. Da haben wir ewig diskutiert und längst nicht jeder war glücklich, dass er wieder kommt. Aber am Ende haben alle gespürt, dass es das Beste für den FC Bayern ist. So ist es bis heute: Es wird ausgiebig diskutiert, aber am Ende ist das Votum einstimmig.

Sie erwähnen das Magengrummeln vor Spielen. Der Legende nach flößte Ihnen schon Dettmar Cramer vor Ihren ersten Einsätzen im Bayern-Trikot Cognac ein, damit die Nervosität vergeht.
Vor großen Spielen komme ich heute noch morgens mit einem mulmigen Gefühl ins Büro, das sich stündlich steigert. Deshalb sehe ich zu, an diesen Tagen vielen Verpflichtungen nachzukommen, um abgelenkt zu sein.

Journalisten sagen Ihnen nach, Sie hätten ein fotografisches Gedächtnis, was Spiele anbetrifft.
Tun sie das?

Angeblich können Sie noch Jahre später Spiele en détail nacherzählen.
Das sind vor allem Erinnerungen aus dem Beginn meiner Laufbahn. Es gibt da Niederlagen, die bis heute an mir nagen. Siege feiert man, aber von Niederlagen lernt man fürs Leben.

Welches Match nagt besonders an Ihnen?
Ich muss immer noch an ein Viertelfinale im Europacup der Landesmeister 1977 in Kiew denken. Das Hinspiel in München hatten wir 1:0 gewonnen. Ich war ganz gut drauf. In der zweiten Halbzeit, so um die 75. Minute, spiele ich am Strafraum drei Gegner aus und laufe allein auf den Torwart zu, knalle drauf, doch der Ball prallt dem Keeper an die Schulter. Wäre der drin gewesen, hätten wir womöglich den vierten Landesmeistercup in Folge geholt. So aber gab es einen Konter. Tor für Kiew. 1:0. Nach Wiederanstoß bekommt Dynamo einen Elfmeter zugesprochen. 2:0. Auf Wiederschauen.

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