Karl-Heinz Rummenigge über Heynckes, Westfalen und Literatur

»Jeder ist ersetzbar«

Karl-Heinz Rummenigge bastelt als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern an seinem Lebenswerk. In unserer Ausgabe #139 sprachen wir mit ihm über die Macht der Münchener in Europa, seine Ratschläge an Michel Platini und das fürstliche Aufgebot zum Abschied von Jupp Heynckes.

Daniel Delang
Heft: #
139

Karl-Heinz Rummenigge, sind Sie aktuell der glücklichste Klubboss der Welt?
Dem Klub geht es gut, wir spielen guten Fußball. Aber am meisten imponiert mir, dass in diesem Jahr bei uns keiner ausgeflippt ist.

Jetzt stapeln Sie aber tief.

Nein, ich finde es wirklich klasse, dass wir uns in dieser Saison gleich doppelt ein Beispiel am FC Barcelona der vergangenen Jahre genommen haben.

Das heißt?
Dass wir auf höchstem Niveau gespielt haben, ohne durchzudrehen.

Dabei gehören im barocken München traditionell die großen Emotionen doch dazu?
Das könnten Sie auch über das stolze Katalonien sagen. Zum Fußball gehört wie allgemein zum Leben eine gute Portion Demut. Besonders wenn man große Ziele hat. Und diese Demut stelle ich aktuell im gesamten Verein fest.

Sie sind nun seit elf Jahren Vorstandsvorsitzender des FC Bayern. Eine Phase, in der sich vieles im Profifußball getan hat. Hat die Arbeitsintensität zugenommen?
Der gesamte Arbeitsaufwand ist in den zurückliegenden Jahren permanent angestiegen. Doch ich sehe dies positiv. Solange der FC Bayern oben ist, gibt es viel zu arbeiten.

Lange hatten Sie Uli Hoeneß im Vorstand an Ihrer Seite. Was ist der zentrale Unterschied zwischen Ihnen beiden?

Ich bin schon qua Herkunft völlig anders. Lippstadt ist eine der niederschlagintensivsten Gemeinden dieses Landes. In diesem Klima habe ich die ersten 18 Jahre meines Lebens verbracht. Und verglichen mit München ist das eine komplett andere Welt. Aber sie hat mir sehr gefallen und mich geprägt.

Sie verstehen sich trotz so vieler Jahre in Bayern noch immer als Ostwestfale?
Ja, denn ich empfinde auch im Erfolgsfall große Erdung. In den Neunzigern war der »FC Hollywood« hier stilprägend. Alles war laut und grell. Mir hätte es gefallen, wenn wir mehr im Stillen genossen hätten. Aber das entspricht nicht der bayerischen Mentalität. Die Sonne scheint, die Alpen glühen, die Wirtschaft boomt, der FC Bayern ist erfolgreich. Alles ist wunderbar! Womöglich auch ein bisschen besser als im Rest des Landes. Das braucht diese Region für ihr Selbstverständnis – ich allerdings nicht.

So dass Sie mitunter auch mal etwas miesepetrig wirken.
Das kann schon sein.

In dieser Saison kann niemand dem FC Bayern vorwerfen, abgehoben zu sein. Wieso hat das Team keinen Moment lang die Konzentration verloren?
Jupp Heynckes hat das perfekt gemacht: Nach schlechten Spielen hat er die Jungs gelobt, nach guten hat er sie geerdet. So perfekt, dass keiner auf die Idee gekommen ist, abzuheben.

Das heißt, er musste die Mannschaft sehr oft erden?
Das war wahrscheinlich das Schwerste. Immer wieder die richtigen Worte zu finden, obwohl es nahezu perfekt lief.

Ist ein Grund für den Zusammenhalt zwischen Trainer und Mannschaft, dass alle Beteiligten wissen, dass diese Beziehung am 30. Juni 2013 endet?
Wir haben die Verpflichtung von Pep Guardiola vor Beginn der Rückrunde verkündet. Aber wir erleben in dieser Saison den Trainer Jupp Heynckes mit großer Qualität und Konzentration. Er will Titel gewinnen. Und die Mannschaft will, dass dieser wunderbare Mann den perfekten Abgang bekommt.

Heynckes selbst schien von der Art, wie der Klub über seine Ablösung entschieden hat, nicht unbedingt angetan.
Es würde mir auch nicht gefallen, wenn seit Monaten über meinen Nachfolger diskutiert wird. Aber ich hatte im Januar ein Gespräch mit Jupp, das sehr schwierig war. Aber im Kern waren wir uns am Ende einig.

Was haben Sie denn gesagt?
Dass es wie überall auch beim FC Bayern für einen Trainer zwei Ausgänge gibt: den durchs große Tor oder den durch den Hinterausgang.

Eine Ausgangsposition, die ihm sehr wohl bewusst sein wird.
Wissen Sie, Louis van Gaal war auch ein sehr guter Trainer, aber er musste den Klub durch den Hinterausgang verlassen. Weil Dinge passiert waren, die eine weitere Zusammenarbeit unmöglich machten. Ich will aber, dass Jupp Heynckes aus München in einer Kutsche mit vier weißen Schimmeln durchs große Tor verabschiedet wird. Und ich sah es auch als meine Verantwortung, dass es so kommt.

Ihre Aussagen zeugen von Machtbewusstsein. Wann in Ihrem Leben haben Sie gelernt, so mit Macht umzugehen?
Ich hatte das große Glück, nach meiner Karriere in Ruhe in diesen Job hineinzuwachsen, und mit Uli Hoeneß einen sehr guten Lehrmeister. Als wir vor zehn Jahren einen neuen TV-Vertrag aushandelten, gab es innerhalb der DFL Schlachten um den Verteilungsschlüssel. Wir als FC Bayern fühlten uns schlecht behandelt. Real Madrid erlöste damals 150 Millionen Euro jährlich durch Fernsehrechte, Juventus Turin 120 Millionen, die englischen Klubs bekamen 80 Millionen, und wir wurden mit 15 Millionen Euro abgespeist. Da habe ich laut und deutlich gesagt: Wie sollen wir mit so wenig Kohle international bestehen? In dieser Diskussion bin ich vor viele Wände gerannt und habe mir blutige Nasen geholt, aber ich habe immer weitergemacht. Wie oft bin ich nach Hause gekommen, meine Frau hat gefragt, was los sei und ich habe nur gesagt: »Heute nicht mehr ansprechen – bin stocksauer.« In diesen Konflikten habe ich sehr viel gelernt.

Den Begriff »Funktionär« empfinden Sie angeblich als Beleidigung.
Nicht nur angeblich, der Begriff ist eine Beleidigung. Denn ich habe mich nie als Politiker verstanden.

Dem FC Bayern sagt man jedoch seit jeher eine gewisse Nähe zur CSU nach.
Das hat aber nichts mit mir zu tun. Ich würde nie in einer Partei oder in einem Verband arbeiten. Für mich stehen der Klub und der Fußball im Fokus. Das Grummeln im Magen vor großen Spielen, der Ärger und die Freude auf der Tribüne, das ist meine Welt.

Was aber sind Sie, wenn Sie kein Funktionär sind? Der verlängerte Arm des Sports?
Ich trage längst eine ganz andere Verantwortung. Wir müssen den Laden vorbereiten, einen sauberen Transfermarkt machen und einen Toptrainer einstellen. Aber wir müssen den Laden auf unserem Niveau auch refinanzieren. Wir bewegen uns auf Augenhöhe mit Klubs, die Umsätze von 400 oder 500 Millionen fahren, sich aber von Mäzenen und Scheichs subventionieren lassen. Also über Geld verfügen, das wir hier nicht haben. Ich muss also zusehen, dass wir nicht nur sportlich, sondern auch kaufmännisch mit solchen Vereinen mithalten.

Haben Sie manchmal schlaflose Nächte wegen Geld?
Heute nicht mehr.

Früher?
Öfter. Allerdings nicht aus Sorge, die Kohle nicht ranschaffen zu können, sondern weil mir sportliche Krisen zu schaffen machten.

Beim FC Bayern gilt aber schon ein zweiter Platz in der Meisterschaft als Krise.
Wenn wir vorher alles daran gesetzt haben, Meister zu werden, kann mir auch so eine Platzierung zu schaffen machen. Stimmt. Aber konkret erinnere ich mich, in der Saison 2006/07 öfter wachgelegen zu haben.

Warum?
Wir wurden Vierter in der Meisterschaft, obwohl wir fast 80 Millionen Euro in den Transfermarkt investiert hatten, die wir dann im UEFA-Cup refinanzieren mussten.

Es heißt, bei Ihnen im Vorstand wird nie abgestimmt, sondern alles ausdiskutiert.
Bei Abstimmungen gibt es immer Gewinner und Verlierer. Und wenn sich ein Transfer im Nachhinein als richtig oder falsch herausstellt, wird eine Seite stets denken: »Habe ich’s doch gewusst.«

Sind die Diskussionen im Vorstand langwieriger geworden, seit Matthias Sammer dabei ist?
Gar nicht. Unsere Vorstandsdiskussionen waren immer intensiv. Was meinen Sie, wie wir uns hier die Köpfe heiß geredet haben, als es darum ging, Stefan Effenberg ein zweites Mal zu verpflichten? Der war nicht unbedingt ein Aushängeschild für den Verein, ein streitbarer Typ. Da haben wir ewig diskutiert und längst nicht jeder war glücklich, dass er wieder kommt. Aber am Ende haben alle gespürt, dass es das Beste für den FC Bayern ist. So ist es bis heute: Es wird ausgiebig diskutiert, aber am Ende ist das Votum einstimmig.

Sie erwähnen das Magengrummeln vor Spielen. Der Legende nach flößte Ihnen schon Dettmar Cramer vor Ihren ersten Einsätzen im Bayern-Trikot Cognac ein, damit die Nervosität vergeht.
Vor großen Spielen komme ich heute noch morgens mit einem mulmigen Gefühl ins Büro, das sich stündlich steigert. Deshalb sehe ich zu, an diesen Tagen vielen Verpflichtungen nachzukommen, um abgelenkt zu sein.

Journalisten sagen Ihnen nach, Sie hätten ein fotografisches Gedächtnis, was Spiele anbetrifft.
Tun sie das?

Angeblich können Sie noch Jahre später Spiele en détail nacherzählen.
Das sind vor allem Erinnerungen aus dem Beginn meiner Laufbahn. Es gibt da Niederlagen, die bis heute an mir nagen. Siege feiert man, aber von Niederlagen lernt man fürs Leben.

Welches Match nagt besonders an Ihnen?
Ich muss immer noch an ein Viertelfinale im Europacup der Landesmeister 1977 in Kiew denken. Das Hinspiel in München hatten wir 1:0 gewonnen. Ich war ganz gut drauf. In der zweiten Halbzeit, so um die 75. Minute, spiele ich am Strafraum drei Gegner aus und laufe allein auf den Torwart zu, knalle drauf, doch der Ball prallt dem Keeper an die Schulter. Wäre der drin gewesen, hätten wir womöglich den vierten Landesmeistercup in Folge geholt. So aber gab es einen Konter. Tor für Kiew. 1:0. Nach Wiederanstoß bekommt Dynamo einen Elfmeter zugesprochen. 2:0. Auf Wiederschauen.

Und solche Dinge verfolgen Sie bis heute?
Einige. Aber auch die Ereignisse im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich sind ein Film, der mir nicht aus dem Kopf geht.

»Mon Dieu, Rummenigge«.
Ich kenne all diese Geschichten. Wissen Sie, was mein Freund Michel Platini sagt, wann immer er mich trifft?

Nein.
Nicht etwa »Hallo Kalle«, er sagt nur eine Zahl: »Quatre-vingt-deux« – ’82. Es ist furchtbar. Wenn das Gespräch auf dieses Match kommt, geht in ganz Frankreich die Stimmung in den Keller.

Wie schlafen Sie nach Niederlagen?
Da habe ich ein probates Mittel gefunden, das mir das Einschlafen erleichtert.

Das da wäre?
Ich lese mich müde.

Mit dem Sportteil vom Vortag?
Mit historischen Krimis. Aktuell lese ich von Ken Follett »Winter der Welt«, da tauche ich für eine Stunde in eine andere Dimension ab und schlummere irgendwann weg.

Auch in den turbulenten Tagen, als die Steueraffäre um Uli Hoeneß bekannt wurde?
Ich habe mir in dieser Zeit die Frage gestellt, wie ich meinem Freund Uli helfen kann. Ich mag mir Bayern München ohne Uli Hoeneß gar nicht vorstellen.

Medial hat sich der FC Bayern dabei gewohnt clever verhalten. Unmittelbar nach dem Wochenende, als die Hoeneß-Causa rauskam, wurde der Transfer von Mario Götze vermeldet.
Da täuschen Sie sich. Diese Information kam nicht vom FC Bayern oder aus unserem Umfeld.

Sondern?
Eine Quelle war offenbar Manchester City, die auch an Götze dran waren. Unsere Recherchen ergaben, dass da wohl jemand, der jemanden kennt, nach einem Glas Rotwein geplaudert hat.

Der Götze-Transfer macht die Hoffnung nicht größer, dass die Bundesliga in der nächsten Saison wieder spannender ist.
Zwanzig Punkte Vorsprung in der Meisterschaft sind kein Emotionsförderer, da haben Sie recht. Auch uns ist klar, dass die Liga vor allem von der Emotion lebt. Allerdings kommt mir diese Diskussion etwas zu früh.

Dass der FC Bayern auf Jahre die Liga dominieren wird?
Schon vergessen, dass der FC Bayern in den zurückliegenden zwei Jahren nicht Deutscher Meister war? Das spricht nicht für die totale Dominanz. Stattdessen ist der BVB zwei Mal in Folge Meister geworden – und da hat sich auch niemand beschwert.

Sie sind also eher auf der Seite von Matthias Sammer, der sagt, er wolle um jeden Preis Titel abräumen.
Es ist ein Spagat. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren gewinnt wieder ein deutscher Verein einen internationalen Titel. Die Bundesliga hat sich mühsam auf Platz drei im europäischen Ranking vorgearbeitet. Um dort zu bleiben, brauchen wir zwei, drei Klubs, die international ganz oben mitmischen. Eine logische Folge ist, dass es in der Bundesliga ein Leistungsgefälle gibt. Und Mario Götze ist nun mal eine Verstärkung für unseren Kader.

Allerdings schwächen Sie mit der Verpflichtung auch den wichtigsten Konkurrenten in der Liga.
In der Bundesliga gibt es nur einen beschränkten Kreis von Qualität. Es ist doch klar, dass Spieler, die wir haben wollen, eher in Dortmund oder Leverkusen als bei Abstiegskandidaten spielen. Und der Markt, wo wir uns vorzugsweise bedienen, ist nun mal die Bundesliga.

Dabei ist der FC Bayern längst ein internationaler Klub, was sein Personal anbetrifft.
Es gibt keinen Spitzenklub in Europa, wo so viele Stammspieler aus dem eigenen Nachwuchs und dem eigenen Land spielen, wie beim FC Bayern. Wir kaufen im Ausland nur, wenn wir meinen – wie bei Javi Martinez –, dass es in Deutschland keine Alternative auf dieser Position gibt. '

Schlechte Nachrichten für alle BVB- und Leverkusen-Fans.
Dabei verfügt der FC Bayern bereits über einen Kader, der für zwei Spitzenteams in der Bundesliga reichen würde. Es ist nicht – wie Hans Joachim Watzke sagt – das Geschäftsmodell des FC Bayern, andere Mannschaften zu schwächen. Wir versuchen unsere Qualität zu steigern, unabhängig davon, wo ein Spieler herkommt.

Aha.
Ich sage Ihnen, Mario Götze hätte Dortmund mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nach dieser Saison verlassen. Die Frage war nur: Geht er zum FC Bayern oder nach England? Manchester City und der FC Arsenal haben sich sehr um ihn bemüht. Und in Manchester spielt Geld bekanntlich auch keine große Rolle. Er war de facto auf dem Markt. Deshalb war es unsere Pflicht, uns mit ihm zu befassen.

Den mit Abstand höchsten Spieleretat in der Bundesliga nach dem FC Bayern hat der VfL Wolfsburg.
Ist es nicht traurig, wie wenig dort aus den Möglichkeiten gemacht wird? Ich möchte nicht den Finger in die Wunde legen, wenn ein Klub bei seinen Transfers danebengelegen hat. Sowas kommt bei uns auch ab und an mal vor. Vereine müssen versuchen, in einen positiven Kreislauf einzusteigen.

Das bedeutet?
Dass sie in der Lage sein müssen, sichere Transfers zu machen. Manuel Neuer oder Frank Ribéry waren sichere Transfers. Auch Mario Götze ist eine Verpflichtung, die zwar viel Geld kostet, dieses aber zu einhundert Prozent wert ist.

Warum schaffen es andere Großstadtklubs nicht, eine Konkurrenz zu den Bayern darzustellen?
Ich kann Hans-Joachim Watzke verstehen, wenn er sagt, Bayern ist das Land, in dem Milch und Honig fließen. Aus seiner Sicht stimmt das. Aber die Voraussetzungen in Hamburg sind nicht schlechter als bei uns. Der natürliche Konkurrent des FC Bayern in der Bundesliga müsste Hamburg, Stuttgart oder Berlin heißen – als Stadt, als Klub, als Umfeld.

Von Uli Hoeneß sagt man, er sei erst zufrieden, wenn der FC Bayern in zehn Jahren zehn Mal Meister geworden ist.
Natürlich wollen wir Meister werden. Gerne auch sehr oft, aber es wird nicht ständig mit zwanzig Punkten Vorsprung sein.

Wie oft denn?
Wenn wir im Schnitt jedes zweite Jahr Meister werden, bin ich hochzufrieden. Aber es kommt auf das »Wie« an. Wissen Sie, welche die schönste Meisterschaft war, die ich je als Verantwortlicher des FC Bayern gewonnen habe?

Wir sind gespannt.
Der Titelgewinn in der Saison 2000/01, als wir in Hamburg in der 94. Minute mausetot auf der Erde lagen und durch einen Freistoß wiederbelebt wurden. Das war emotional nicht zu überbieten.

In Schalke wird man Ihnen diese Bewertung als Zynismus auslegen.
Dann verstehen Sie mich falsch. Ich hatte tiefes Mitleid mit Rudi Assauer, wie er dort weinend auf dem Balkon stand. Glauben Sie mir, ich weiß, wie brutal so eine Niederlage in letzter Sekunde ist.

Sie leben in einer seltsamen Ambivalenz: Einerseits wollen Sie nicht dauernd mit zwanzig Punkten Vorsprung Meister werden, andererseits wollen Sie mit dem FC Bayern international ein Top-Klub sein, weil Sie es generell nicht ertragen, auch mal Zweiter zu werden. Ein Drahtseilakt.
Aber ein Drahtseilakt, der Spaß macht. Wir versuchen Erfolg zu haben, ohne die Wurzel des Fußballs aus den Augen zu verlieren. Natürlich muss man kluge Transfers machen, aber das Wichtigste sind die Emotionen des Spiels. Der Fußball muss über allem stehen.

Gefährdet die Kommerzialisierung den Fußball?
Vieles ist professioneller geworden, aber in mancher Hinsicht überdreht es.

Worin besteht aus Ihrer Sicht diese Gefahr?
Michel Platini hat mich vor kurzem gefragt, warum die Europa League nicht von der Stelle kommt und die Popularität des Wettbewerbs so gering ist. Das ist einfach zu erklären: Grundsätzlich muss der Fußball eine größere Bedeutung haben als das Marketing. Der Wettbewerb muss sportlich attraktiv sein, dann kann das Marketing den Rahmen bilden. Nicht umgekehrt. So sehen wir es beim FC Bayern: Wenn wir attraktiven Fußball spielen, werden wir nie Probleme haben, die Kohle für einen Transfer zusammenzukriegen.

UEFA-Chef Platini fragt den Bayern-Boss also um Rat.
Der FC Bayern wird inzwischen in Europa als Erfolgsmodell gesehen. Schließlich haben wir dreimal in vier Jahren das Champions-League-Finale erreicht, und dieser sportliche Erfolg ist komplett aus Eigenmitteln finanziert. Als wir jetzt im Viertelfinale nach Turin kamen, wollten alle meine italienischen Freunde wissen: »Wie kriegt ihr das hin?«

Und was haben Sie geantwortet?
Dass wir keine Zauberer sind. Das Wichtigste ist, nicht besserwisserisch rüberzukommen. Aber natürlich sind die Stadien in Deutschland und das Lizenzierungssystem ein großer Vorteil gegenüber Italien.

Wie ist Ihre Wahrnehmung als Vorsitzender der European Club Association (ECA)? Im Vorgängergremium, der G14, sollen die Bayern-Bosse anfangs verlacht worden sein.
Das hat sich sehr verändert. Früher war es nicht so leicht, bei Real Madrid oder Juventus Turin auf offene Ohren zu stoßen. Da wurden wir nicht großartig zur Kenntnis genommen. Aber wir haben uns trotzdem nie den Mund verbieten lassen.

Wie lief das ab?
Die Grabenkämpfe zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid waren immer sehr ausgeprägt. Besonders die Präsidenten Josep Lluis Nunez und Lorenzo Sanz waren sich spinnefeind, die Diskussionen stets nah an der Eskalation. Barcelonas Nunez hat ständig polemisiert, so dass sich Uli Hoeneß irgendwann bemüßigt sah, ihn mal strammstehen zu lassen. Da haben die Wände gewackelt. Danach war es für einige Sekunden totenstill.

Dann kam die Retourkutsche?
Im Gegenteil. In der Sitzung wurde der Vorfall unter den Teppich gekehrt. Aber im Rausgehen kam der schmächtige Nunez auf den damals schon schwergewichtigen Uli zu und sagte: »Wir haben ein Problem.« Ich hielt den Atem an. Dann umarmte er ihn und sagte: »Uli, die Übersetzer hier sind eine Katastrophe.« So kann man Probleme auch lösen.

Glauben Sie, dass der FC Bayern den europäischen Fußball so wie die Bundesliga dominieren kann?
Nein. Die Statistik der vergangenen Jahre beweist, dass es Dominanzen, wie Real Madrid sie in den Fünfzigern ausstrahlte oder Bayern und Ajax in den Siebzigern, heute nicht mehr gibt. Heute entscheiden zwei, drei Prozent über Sieg oder Ausscheiden. Wenn ein Lionel Messi keine absolute Top-Leistung abruft, bekommt auch der FC Barcelona Probleme. Das Niveau ist so eng, dass Anekdoten über Spiele entscheiden. Ich will mich da gar nichts ans Finale 2012 erinnern.

Aber die Chancen stehen gut, dass der FC Bayern nach der Einführung von »Financial Fairplay« langfristig eine gewichtige Rolle in Europa spielen wird.
Warten wir’s mal ab. Die Regelung soll ab 1. Juli 2014 greifen, aber ich bin sehr gespannt, ob sich alle Klubs daran halten werden, den Sport nur aus Eigenmitteln zu finanzieren.

Sie zweifeln?
Ich bin nicht sicher, ob es seriös umgesetzt wird. Schon jetzt wird mit großer Kreativität gearbeitet. Es sind einige Anwälte unterwegs, die nach Lücken in den Statuten suchen, ob die Einführung von »Financial Fairplay« juristisch mit den EU-Gesetzen überhaupt in Einklang zu bringen ist. Deshalb hoffe ich sehr, dass mein Freund Michel Platini, es wirklich schafft, seine Idee in die Tat umzusetzen.

Verfügt der FC Bayern auf europäischer Ebene über ausreichend Macht, um in dieser Frage mitzureden?
Als Vorsitzender der ECA habe ich natürlich Möglichkeiten. Wir haben 2009 in Manchester eine Generalversammlung mit Vertretern von 150 Klubs gemacht. Vereine wie der FC Chelsea oder Manchester City konnten sich damals nicht mal im Ansatz mit der Idee von »Financial Fairplay« anfreunden. Schließlich wird es für solche Vereine nicht einfach, das Break-even zu erfüllen. Da wurde hitzig diskutiert und es drohte aus dem Ruder zu laufen. Ich habe deshalb inständig an alle appelliert, für das Paket zu stimmen.

Wie sah das Abstimmungsergebnis aus?
Ich berief eine Kaffeepause ein. Ein politischer Schachzug, damit alle noch mal mit ihren Vertrauten plaudern können. Und dann haben wir uns einstimmig auf »Financial Fairplay« geeinigt. Ich bin Demokrat und auch bereit, mich Kompromissen zu beugen. Aber »Financial Fairplay« wird der Fußballwelt helfen, zur Rationalität zurückzukehren.

Das müssten die anderen Vereine ähnlich sehen.
»Financial Fairplay« wird von einigen nicht als Hilfe verstanden, sondern als Problem. Die Klubs müssen lernen, dass ihnen diese Regeln die Möglichkeit geben, unabhängig von einem Shareholder zu sein, der nach eigener Kassenlage Gelder investiert oder rauszieht.

Bleibt der europäische Fußball in der Welt langfristig der bedeutendste Markt? China, Russland und Brasilien holen auf.
Ich denke schon. Natürlich schreitet die Globalisierung voran, aber bei der letzten WM spielten 75 Prozent der Profis in Europa. Europa ist der Top-Kontinent, den der Fußball braucht. Der weltweite Fußball hat verstanden, dass man nicht gegen die ECA arbeiten kann – genauso wenig wie gegen die FIFA. Man kann nur mit ihr arbeiten und versuchen, die Dinge in Harmonie zu lösen.

Wie rezipieren Sie das Bild des FC Bayern in den Medien?
Ich lese morgens beim Frühstück die »TZ«. Im Büro schaue ich in unseren Pressespiegel. Wenn es mal hoch hergeht, lese ich auch etwas intensiver.

Die lustigste Headline im Zusammenhang mit dem FC Bayern?
Damals war ich stocksauer über den »FC Hollywood«, aber im Nachhinein muss ich zugeben, der Redakteur lag richtig. Basler, Effenberg, Matthäus, Herzog – das war einfach Hollywood.

Wie sehr verfolgt Sie Ihr einstiges »Killer-Kalle«-Image noch?
Der Autor, der diesen Begriff prägte, hat beim »Spiegel« große Karriere gemacht. Sicherlich auch wegen dieses Artikels. (Lacht.) Damals – das ist jetzt fast zwanzig Jahre her – habe ich mich furchtbar aufgeregt, aber im Fußball verblassen diese Dinge schnell. Insbesondere, wenn man beim FC Bayern arbeitet.

Der Auslöser war das Ränkespiel im Präsidium im Jahr 1994.
Ich fand es sehr ungerecht. Wir waren sportlich nicht unter den Top drei, wirtschaftlich sahen wir gerade noch die Nebelschlussleuchte. Wir holten Lothar Matthäus, und unser Schatzmeister musste bei drei Banken anrufen, um einen Kredit von drei Millionen Mark zu bekommen. Wir brauchten Aufbruchstimmung im Klub und einen Präsidenten mit Charisma. Franz Beckenbauer sollte es machen. Aber wie er nun mal ist, wollte er auf den Thron getragen werden. Unser damaliger Präsident Fritz Scherer wiederum war nicht bereit, von sich aus zurückzutreten. Es musste im Präsidium knallen. Aber dafür war ich weiß Gott nicht allein verantwortlich.

Haben Sie sich bei dem Herrn vom »Spiegel« beschwert?
Das hat meine Frau für mich erledigt. Sie hat dem Redakteur einen handschriftlichen Brief zukommen lassen, in dem sie beschrieb, wie sie mich im Garten beim Unkrautjäten beobachtet. Ein herrlicher Brief.

Wie müssen wir uns das vorstellen?
Sie schilderte, es würde ihr das Herz brechen, mir dabei zuzuschauen, wie ich da draußen den Efeu ermorde. Sie schrieb: »Lieber Herr ..., offensichtlich haben Sie meinen Mann durchschaut. Ein Killer durch und durch.« Ich habe mich kaputtgelacht.

Karl-Heinz Rummenigge, wann ist Ihr Lebenswerk als Vorstandsboss des FC Bayern vollendet?
Wenn Sie so fragen, könnte ich, sollten wir in diesem Jahr tatsächlich das Triple gewinnen, abdanken. Aber das hat sich inzwischen überholt, weil ich gerade meinen Vertrag als Vorsitzender bis 2016 verlängert habe. Ich habe eine hochinteressante und faszinierende Aufgabe.

Jemals mit dem Gedanken gespielt, alles hinzuwerfen?
Die Zeit, in der Jürgen Klinsmann Trainer war, hat mir zugesetzt. Sportlich lief es nicht besonders, und als Vorstand musste ich viel Kritik einstecken. Nach einer Hauptversammlung bekam ich den Brief eines Beiratsmitglieds. Er hatte in der Sitzung gesehen, wie sehr mir einige Reden zusetzten. Er schrieb: »Kalle, ruhig bleiben. Keine vorschnellen, emotionalen Handlungen.«

Sonst hätten Sie den Schlussstrich gezogen?
So weit will ich nicht gehen, aber ich habe mich sehr schlecht behandelt gefühlt. Denn für die sportliche Situation war ich ja nun nicht allein verantwortlich.
2016 sind Sie 42 Jahre beim FC Bayern. Wann ist Schluss mit Fußball? Da gibt es keinen festgelegten Zeitpunkt. Aber eins ist klar: Jeder ist ersetzbar.

Da spricht der Ostwestfale.
Richtig. Wissen Sie, ich erinnere mich noch an den Tag, als Franz Beckenbauer sein Abschiedsspiel hatte und nach New York ging. Damals titelte »Bild«: »Bayern am Ende!« In der Tat führte sein Abgang zu Irritationen, aber bald waren wir wieder in der Spur. Selbst einen Spieler wie Beckenbauer konnte dieser Klub ersetzen. Es wird also auch nach mir einen Vorstandschef beim FC Bayern geben.

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Hinweis: Dieses Interview wurde bereits im April 2013 geführt und ist in 11FREUNDE #139 erschienen.

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