04.10.2012

Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England

»Wir sind hier nicht in fucking Germany!«

Für die das 11FREUNDE-Spezial »Die Geschichte des britischen Fußballs« sprachen wir mit Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England. Als Profi bei Liverpool führte Air-Riedle ein pralles Leben zwischen Pferderennen und schlüpfrigen Weihnachtsfeiern.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago



Im Ernst?
Nein, so schlimm war es nicht, aber »Grand National« (bedeutendstes englisches Pferdehindernisrennen in Aintree bei Liverpool, d.Red.) hatte für ihn mindestens so einen Stellenwert wie der »Boxing Day«.

Wurde unter Spielern auch gewettet?
Pferdewetten waren an der Tagesordnung. Wenn wir zum Spiel fuhren, hatten viele Profis noch ihre Agenten am Telefon und platzierten Wetten. In Liverpool schauten wir noch eine Stunde vor dem Anpfiff in der Kabine die Rennen im Fernsehen an. Michael Owen und Robby Fowler hatten sogar eigene Pferde laufen.

Und Sie?
Beim »Grand National« in Chester habe ich bestimmt auch mal hundert Pfund gewettet, aber das bewegte sich nicht ansatzweise in den Kategorien mancher Kollegen.

Die Trinkgewohnheiten von Männern wie Paul Gascoigne und Tony Adams sind legendär. Können Sie bestätigen, dass unter Premier-League-Profis anders getrunken wurde als in der Bundesliga?
Als ich später in Fulham in der zweiten Liga spielte, wunderte ich mich schon, wie regelmäßig manche Teamkollegen sich die Pints reinknallten und trotzdem am nächsten Tag im Spiel abgingen. Was da in London nach dem Training getrunken wurde, war Wahnsinn. Ich mag Lager-Bier nicht so gern und brauche für ein Pint bestimmt ein halbe Stunde. Anderen fiel das deutlich leichter: Die ließen das erste auf Ex reinlaufen und hatten nach zwei Minuten das nächste auf dem Tisch stehen.

Und was sagten die Trainer dazu?
Wenn wir in Liverpool am Samstag gewonnen hatten, wusste Roy Evans natürlich, dass wir hinterher ausgehen würden. Der fand das sogar ganz gut, glaub ich. Aber er hat es sich auch nie nehmen lassen, am Sonntag ein ausführliches Kopfballtraining anzusetzen. Ich erinnere mich an ein Auslaufen, das Paul Ince und Michael Owen jeweils mit Wasserflaschen in beiden Händen machten, weil sie ihren Brand vom Vorabend löschen mussten.

Evans war also ein kleiner »Quälix«.
Ach nein, Roy war wie ein Vater für uns Spieler. Er hat sich eine Zeitlang einen Spaß daraus gemacht – und dann hat er es gut sein lassen.

Klingt nach einer angenehmen Zeit.
Das war es. Einmal fragte ich ihn vor einem spielfreien Wochenende, ob ich dienstags für einen runden Geburtstag meines Vaters über Nacht nach Deutschland fahren dürfe. Da sagte er: »Karl, stay a week!« Wenn er uns drei Tage frei gab, setzte sich die halbe Mannschaft in den Flieger und jettete nach Marbella zum Golfen.

Wie müssen wir uns den Umgang untereinander im Training vorstellen?
Ganz anders, als man es vom rustikalen Spiel her erwartet. In Dortmund haben wir uns in den Trainingseinheiten auf die Socken gegeben, dass es sogar Kreuzbandrisse gab. Wo Jürgen Kohler hintrat, wuchs kein Gras mehr. In England war das ganz anders, da ließ man den Kollegen auch mal durchlaufen, härtere Zweikämpfe kamen selten vor.

Haben Sie analog zu den deutschen auch englische Tugenden kennengelernt?
Die Engländer geben neunzig Minuten lang alles, selbst ein Fehlpassfestival kann da noch einen gewissen Reiz haben, weil beide Teams sich trotz Grottenkick noch auspowern. Und, wie gesagt, englische Profis würden nie bei einem Zweikampf zurückziehen. Jammern ist schlichtweg verpönt.

Nach zwei Jahren in Liverpool wechselten Sie zum FC Fulham in die First Division. Wie muss man sich die Niederungen des Zweitligafußballs vorstellen?
Es war noch familiärer als in Liverpool. Wenn ich zu den Spielen zum Craven Cottage fuhr, parkte ich mein Auto in einer Nebenstraße, nahm meine Tasche und schlenderte zwischen Fans hindurch ins Stadion. Ein altes Holzstadion für 20 000 Zuschauer, fast immer ausverkauft, großartig.

Mäzen war der ägyptische Geschäftsmann Mohamed Al-­Fayed. Kannte er sich aus mit Fußball?
Na ja, es ging so. Der Vertrag war ausgehandelt, und ich fuhr nach London, um zu unterschreiben. Al-Fayed empfing mich im fünften Stock seines Kaufhauses  »Harrods«, wo er sein Büro hatte. Mit Manager Mark Griffith hatte ich schon alle Vertragsangelegenheiten geregelt, als plötzlich Al-Fayed den Raum betrat, seine Hose von dicken Hosenträgern gehalten. Griffith stellte mich vor: »This is our new signing from Liverpool.« Und Al-Fayed entgegnete: »Oh, great, where do you come from?« Er hatte keine Ahnung, wer ich war.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden