04.10.2012

Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England

»Wir sind hier nicht in fucking Germany!«

Für die das 11FREUNDE-Spezial »Die Geschichte des britischen Fußballs« sprachen wir mit Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England. Als Profi bei Liverpool führte Air-Riedle ein pralles Leben zwischen Pferderennen und schlüpfrigen Weihnachtsfeiern.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago



Deutsche Trainer wie Ewald Lienen verbieten ihren Spielern sogar, Cola zu trinken.
Ein Coach, der in England solche Ansagen gemacht hätte, wäre ausgelacht worden. Wenn wir nach einem siegreichen Spiel in Liverpool in den Bus einstiegen, standen dort schon die gekühlten Kisten Bier. In Fulham in der zweiten Liga sind die Spieler fast jeden Tag nach dem Training in den Pub gegangen. Und was soll ich sagen? Die sind trotzdem in jedem Match neunzig Minuten gerannt.

War es auch in Sachen Ernährung eine Umstellung?
In Italien und Deutschland waren die Auflagen schon damals sehr penibel. Nur weißes Fleisch, viel Obst, Gemüse. Ich werde deshalb nie vergessen, wie ich vor meinem ersten Spiel für Liverpool morgens um elf Uhr zum Frühstück kam. Ein wunderbarer englischer Brunch war dort aufgebaut. Baked Beans, Kartoffeln, Speck, Eier und diese kleinen Würstchen. Ich stand davor und hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Nichts davon wäre bei einem anderen Verein erlaubt gewesen – schon gar nicht am Spieltag. Dann sah ich aber unseren Keeper David James, wie er sich den Teller vollpackte. Aus jeder Schale nahm er einen großen Löffel, bis der Teller überquoll. Oben drüber ein ordentlicher Schlag Soße mit roten Bohnen, dann hat er alles mit dem Messer durchgeschnitten und in sich reingestopft. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Stern.

Was unterschied sich sonst noch von der hiesigen Auffassung von profigerechtem Lebenswandel?
In Dortmund wurde jeder Spieler mindestens zwei Mal in der Woche massiert. In Liverpool bin ich nach drei harten Trainingstagen zu unserem Physiotherapeuten Mark gegangen und habe nach einer Massage gefragt. Und was entgegnet er? »Oh, Karl, go in the fucking bath!« Es gab keine Massage, wer sich nicht gut fühlte, legte sich in die warme Badewanne. In vier Jahren in England hatte ich trotzdem nicht einmal einen Muskelfaserriss.

Ihr erstes Spiel in der Premier League absolvierten Sie gegen den FC Wimbledon.
Da wurde mir auch gleich bewusst gemacht, wie es in der Premier League abläuft.

Ihr Gegenspieler hieß Vinnie Jones.
Ich kannte den nur vom Namen und wusste nicht, welchen Stellenwert er in England genoss. Ihm eilte der Ruf als »Schlächter« voraus. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich einen Fuß von ihm im Gesicht hatte.

Haben Sie sich während des Spiels mit Jones unterhalten?
Zur Begrüßung hat er mir mal kräftig auf den Fuß getreten, um sich Respekt zu verschaffen, aber sonst hatten wir nicht viel miteinander zu tun. Innen war er stark, im Zentrum ordentlich draufhauen, das konnte er. Aber insgesamt war er ein steifer Typ, wenn ich raus auf den Flügel ging, hatte er Probleme, hinterher zu kommen.

War Jones der härteste Gegenspieler, auf den Sie in England getroffen sind?
Sicher ein harter Knochen, aber von seiner Güteklasse gab es einige. Nach dem 1:1 in Wimbledon fiel mir dann ein, wie Paul Gascoigne bei Lazio Rom mal sein Video dabei hatte. Vinnie Jones hat darin seine brutalsten Fouls zu einem Film zusammengestellt, und er erklärt auch, wie man am cleversten Foul spielt. Der ganze Bus hat sich beim Anschauen schlapp gelacht.

In der 71. Minute foulte er sie erneut, der Schiedsrichter gab Elfmeter, den Michael Owen zum 1:1-Endstand versenkte.
Vorher gab es noch eine andere Strafraumsituation, als der Ball nach innen kam, ein Verteidiger grätschte dazwischen, und ich flog spektakulär über ihn drüber.

Sie wollten einen Elfmeter schinden.
So in der Art. Ich lag also als sterbender Schwan am Boden und wartete ab, als mich plötzlich mein Teamkollege Steve McManaman packte, mich hochzog und anschnauzte: »Junge, das kannst du in fucking Germany machen!« In England schreiten sogar die eigenen Leute ein, wenn einer eine Schwalbe versucht.

War die veränderte Regelauslegung für Sie eine Umstellung?
Definitiv. Ein gestrecktes Bein ist in England kein Foul, und auch in Kopfballduellen kann man machen, was man will. Das pfeift kein Schiedsrichter. Die Zuschauer hassen es, wenn einer den Fuß aus einem Zweikampf nimmt, weil er sich vor einer Verletzung fürchtet. Ich lernte schnell, dass ein Fußballer auf der Insel dagegenhalten muss. Auch das Tempo in der Premier League ist wesentlich höher als in der Bundesliga. Es ging ständig rauf und runter.

Gab es verpflichtende Maßnahmen zum Teambuilding, etwa regelmäßige Mannschaftsabende?
Nein, aber wir haben viel Golf zusammen gespielt. Dabei habe ich mich gleich am Anfang auch ziemlich in die Nesseln gesetzt.

Was war passiert?
Ich kam aus Dortmund und hatte Handicap 13 – aus meiner Sicht eine ganz solide Basis. Also fragte ich in der Kabine: »Spielt hier jemand Golf?« Ohne mir Gedanken darüber zu machen, dass in England jeder mit dem Golfschläger in der Hand groß wird. Ich ging also mit Michael Owen, Jamie Redknapp und Neil Ruddock aufs Green und trat als Erster ans Tee, in der Annahme, mein Handicap sei das beste. Kurz bevor ich abschlagen wollte, fragte ich aber in die Runde. Jamie Redknapp sagt schüchtern: »Handicap vier«. Neil Ruddock: »Drei!«

Und Michael Owen?
»Handicap zwei!« Mit knallroter Birne stellte ich mich wieder hinten an. Auf der Runde traf ich keinen Ball mehr, so peinlich war mir das. Sie können sich das nicht vorstellen: Wenn bei uns das Training zu Ende war, raste der ganze Kader in die Umkleidekabine, duschte und fuhr raus zum Golfen. Jeden Tag!

Auch Trainer Roy Evans?
Der nicht. Der ließ nur einmal am Tag trainieren, weil er ständig Termine auf der Pferderennbahn hatte.

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