04.10.2012

Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England

»Wir sind hier nicht in fucking Germany!«

Für die das 11FREUNDE-Spezial »Die Geschichte des britischen Fußballs« sprachen wir mit Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England. Als Profi bei Liverpool führte Air-Riedle ein pralles Leben zwischen Pferderennen und schlüpfrigen Weihnachtsfeiern.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Karl-Heinz Riedle, was klingt Ihnen in den Ohren, wenn Sie sich an die Anfield Road erinnern?
»You’ll Never Walk Alone« natürlich.

Das die Liverpool-Fans seit Jahrzehnten vor jedem Heimspiel singen.
Besonders emotional war es, wenn ich an die traditionelle Gedenkveranstaltung für die Opfer der Hillsborough-­Katastrophe im April 1989 denke. Wir Spieler kamen aus den Katakomben, die Stehtribüne »The Kop« war mit 8000 Zuschauern voll, und das ganze Stadion sang. Da kamen einem unweigerlich die Tränen, selbst wenn man, wie ich, nicht direkt mit der Geschichte in Sheffield zu tun hatte.

Mit welchen Empfindungen wechselten Sie 1997 von Borussia Dortmund zum FC Liverpool?
Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Kenny Dalglish, Graeme Souness, Kevin Keegan, Ian Rush – das waren Helden meiner Jugend. Das Rot des Klubs hatte für mich seit jeher eine magische Anziehungskraft.

Hatten Sie keine Sorgen, dass es für einen Deutschen schwer werden könnte?
Die Sorge wurde beim ersten Pub-Besuch ausgeräumt. Ich wollte mit einem Freund in den Tagen der Vertragsunterzeichnung was trinken gehen. Wir standen an einem Tisch, da kam ein Engländer daher, stellte uns zwei Bier hin und wir waren im Gespräch: »Wo kommt ihr her? Was macht ihr hier?« Der kannte mich überhaupt nicht. Da wusste ich: »Hier bist du richtig!«

Und auch der Klub erfüllte Ihre Erwartungen?
Peter Robinson war damals noch Sportdirektor. Ein Edelmann in jeder Hinsicht. Die Vertragsgespräche fanden in seinem kleinen Büro statt. Alles in Rot gehalten, mit Holz verkleidet und mit schweren Ledermöbeln eingerichtet. Wie alle Verantwortlichen begegnete er mir mit großem Respekt aufgrund meiner sportlichen Erfolge, er kannte alle Details meiner Karriere.

Bayern-Boss Uli Hoeneß schlendert an der Säbener Straße regelmäßig am Trainingsplatz herum.
Das hat Peter Robinson nie gemacht. Er kam zu Spielen, die er sich mit Präsident David Moore und ein paar Freunden oben vom President’s Room aus anschaute. Während einer Verletzung habe ich allerdings mal erlebt, wie es dort abging, während wir unten kickten. Da standen diese distinguierten Herren in ihren teuren Maßanzügen und fluchten wie die Hafenarbeiter.

Der nordenglische Dialekt ist für Deutsche sicher nicht leicht zu verstehen.
Da sagen Sie was! In den ersten Trainingseinheiten verstand ich nur Kauderwelsch, der in regelmäßigen Abständen von dem Wort »Fuck« unterbrochen wurde. Roy Evans, unser Trainer, sprach in einem solchen Tempo im Scouser-Dialekt, dass ich ständig nachfragen musste. Seit der Schule hatte ich ja kaum Englisch gesprochen.

Wie waren Sie als in die Jahre gekommener Weltmeister aus Deutschland in der Mannschaft gelitten?
Das Team war im Umbruch. Mit Paul Ince kam ein weiterer erfahrener Spieler von Inter Mailand, es gab ein paar ältere Norweger, und zudem hatten wir die männlichen »Spice Girls« – Robby Fowler, Michael Owen, Steve Mc Manaman, Steven Gerrard und Jamie Redknapp, die zur ersten Mannschaft stießen. Die hatten riesigen Respekt vor uns.

War es in England noch üblich, dass die Jungen den Oldies die Tasche nachtrugen?
Die A-Jugendlichen putzten unsere Schuhe. Michael Owen hat meine in den ersten Wochen noch für mich gesäubert. Als er dann fest bei den Profis war, musste er es aber nicht mehr machen.

Michael Ballack musste bei seinem Einstand beim FC Chelsea ein Lied auf Deutsch singen: »Du entschuldige, i kenn di« von Peter Cornelius. Wie war das bei Ihnen?
Die Story erzähle ich nicht, das gab nachher einen Riesenskandal.

Dann sollten Sie es aber erzählen.
Also gut. In Liverpool war es Tradition, das Einstandslied nicht am Anfang, sondern bei der sagenumwobenen »Christmas Party« zu singen. Ich habe mir also an Weihnachten eine Lederhose angezogen und irgendein Lied in dieser Richtung, was weiß ich, »Zieht den Bayern die Lederhosen aus« oder so, angestimmt.

Sie können sich nicht mehr erinnern?
Was daran liegt, dass mein Vortrag offenbar so schlecht war, dass schon nach zehn Sekunden zahllose Biergläser über meinem Kopf ausgeleert wurden. Die Taufe setzte meinem Gesang ein Ende.

Aber das war noch kein Skandal.
Nein, nein. Mehr habe ich mir an dem Abend auch nicht zuschulden kommen lassen. Das Problem war, dass die ganze Mannschaft später in einer Bar landete, wo wirklich für alles gesorgt war: Alkohol, gute Laune und auch ein paar leicht bekleidete Damen. Da waren viele von uns schon jenseits von Gut und Böse. Und in der Begleitung der Damen war auch ein Typ, der die ganze Szenerie mit einer Kamera filmte und die Aufnahmen später an die Boulevardzeitung »News of the World« verkaufte. Danach gab es diese legendären »Christmas Partys« in Liverpool nie wieder.

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