Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England

»Wir sind hier nicht in fucking Germany!«

Für die das 11FREUNDE-Spezial »Die Geschichte des britischen Fußballs« sprachen wir mit Karl-Heinz Riedle über seine Zeit in England. Als Profi bei Liverpool führte Air-Riedle ein pralles Leben zwischen Pferderennen und schlüpfrigen Weihnachtsfeiern.

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Spezial-Nr. 2

Karl-Heinz Riedle, was klingt Ihnen in den Ohren, wenn Sie sich an die Anfield Road erinnern?
»You’ll Never Walk Alone« natürlich.

Das die Liverpool-Fans seit Jahrzehnten vor jedem Heimspiel singen.
Besonders emotional war es, wenn ich an die traditionelle Gedenkveranstaltung für die Opfer der Hillsborough-­Katastrophe im April 1989 denke. Wir Spieler kamen aus den Katakomben, die Stehtribüne »The Kop« war mit 8000 Zuschauern voll, und das ganze Stadion sang. Da kamen einem unweigerlich die Tränen, selbst wenn man, wie ich, nicht direkt mit der Geschichte in Sheffield zu tun hatte.

Mit welchen Empfindungen wechselten Sie 1997 von Borussia Dortmund zum FC Liverpool?
Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Kenny Dalglish, Graeme Souness, Kevin Keegan, Ian Rush – das waren Helden meiner Jugend. Das Rot des Klubs hatte für mich seit jeher eine magische Anziehungskraft.

Hatten Sie keine Sorgen, dass es für einen Deutschen schwer werden könnte?
Die Sorge wurde beim ersten Pub-Besuch ausgeräumt. Ich wollte mit einem Freund in den Tagen der Vertragsunterzeichnung was trinken gehen. Wir standen an einem Tisch, da kam ein Engländer daher, stellte uns zwei Bier hin und wir waren im Gespräch: »Wo kommt ihr her? Was macht ihr hier?« Der kannte mich überhaupt nicht. Da wusste ich: »Hier bist du richtig!«

Und auch der Klub erfüllte Ihre Erwartungen?
Peter Robinson war damals noch Sportdirektor. Ein Edelmann in jeder Hinsicht. Die Vertragsgespräche fanden in seinem kleinen Büro statt. Alles in Rot gehalten, mit Holz verkleidet und mit schweren Ledermöbeln eingerichtet. Wie alle Verantwortlichen begegnete er mir mit großem Respekt aufgrund meiner sportlichen Erfolge, er kannte alle Details meiner Karriere.

Bayern-Boss Uli Hoeneß schlendert an der Säbener Straße regelmäßig am Trainingsplatz herum.
Das hat Peter Robinson nie gemacht. Er kam zu Spielen, die er sich mit Präsident David Moore und ein paar Freunden oben vom President’s Room aus anschaute. Während einer Verletzung habe ich allerdings mal erlebt, wie es dort abging, während wir unten kickten. Da standen diese distinguierten Herren in ihren teuren Maßanzügen und fluchten wie die Hafenarbeiter.

Der nordenglische Dialekt ist für Deutsche sicher nicht leicht zu verstehen.
Da sagen Sie was! In den ersten Trainingseinheiten verstand ich nur Kauderwelsch, der in regelmäßigen Abständen von dem Wort »Fuck« unterbrochen wurde. Roy Evans, unser Trainer, sprach in einem solchen Tempo im Scouser-Dialekt, dass ich ständig nachfragen musste. Seit der Schule hatte ich ja kaum Englisch gesprochen.

Wie waren Sie als in die Jahre gekommener Weltmeister aus Deutschland in der Mannschaft gelitten?
Das Team war im Umbruch. Mit Paul Ince kam ein weiterer erfahrener Spieler von Inter Mailand, es gab ein paar ältere Norweger, und zudem hatten wir die männlichen »Spice Girls« – Robby Fowler, Michael Owen, Steve Mc Manaman, Steven Gerrard und Jamie Redknapp, die zur ersten Mannschaft stießen. Die hatten riesigen Respekt vor uns.

War es in England noch üblich, dass die Jungen den Oldies die Tasche nachtrugen?
Die A-Jugendlichen putzten unsere Schuhe. Michael Owen hat meine in den ersten Wochen noch für mich gesäubert. Als er dann fest bei den Profis war, musste er es aber nicht mehr machen.

Michael Ballack musste bei seinem Einstand beim FC Chelsea ein Lied auf Deutsch singen: »Du entschuldige, i kenn di« von Peter Cornelius. Wie war das bei Ihnen?
Die Story erzähle ich nicht, das gab nachher einen Riesenskandal.

Dann sollten Sie es aber erzählen.
Also gut. In Liverpool war es Tradition, das Einstandslied nicht am Anfang, sondern bei der sagenumwobenen »Christmas Party« zu singen. Ich habe mir also an Weihnachten eine Lederhose angezogen und irgendein Lied in dieser Richtung, was weiß ich, »Zieht den Bayern die Lederhosen aus« oder so, angestimmt.

Sie können sich nicht mehr erinnern?
Was daran liegt, dass mein Vortrag offenbar so schlecht war, dass schon nach zehn Sekunden zahllose Biergläser über meinem Kopf ausgeleert wurden. Die Taufe setzte meinem Gesang ein Ende.

Aber das war noch kein Skandal.
Nein, nein. Mehr habe ich mir an dem Abend auch nicht zuschulden kommen lassen. Das Problem war, dass die ganze Mannschaft später in einer Bar landete, wo wirklich für alles gesorgt war: Alkohol, gute Laune und auch ein paar leicht bekleidete Damen. Da waren viele von uns schon jenseits von Gut und Böse. Und in der Begleitung der Damen war auch ein Typ, der die ganze Szenerie mit einer Kamera filmte und die Aufnahmen später an die Boulevardzeitung »News of the World« verkaufte. Danach gab es diese legendären »Christmas Partys« in Liverpool nie wieder.



Deutsche Trainer wie Ewald Lienen verbieten ihren Spielern sogar, Cola zu trinken.
Ein Coach, der in England solche Ansagen gemacht hätte, wäre ausgelacht worden. Wenn wir nach einem siegreichen Spiel in Liverpool in den Bus einstiegen, standen dort schon die gekühlten Kisten Bier. In Fulham in der zweiten Liga sind die Spieler fast jeden Tag nach dem Training in den Pub gegangen. Und was soll ich sagen? Die sind trotzdem in jedem Match neunzig Minuten gerannt.

War es auch in Sachen Ernährung eine Umstellung?
In Italien und Deutschland waren die Auflagen schon damals sehr penibel. Nur weißes Fleisch, viel Obst, Gemüse. Ich werde deshalb nie vergessen, wie ich vor meinem ersten Spiel für Liverpool morgens um elf Uhr zum Frühstück kam. Ein wunderbarer englischer Brunch war dort aufgebaut. Baked Beans, Kartoffeln, Speck, Eier und diese kleinen Würstchen. Ich stand davor und hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Nichts davon wäre bei einem anderen Verein erlaubt gewesen – schon gar nicht am Spieltag. Dann sah ich aber unseren Keeper David James, wie er sich den Teller vollpackte. Aus jeder Schale nahm er einen großen Löffel, bis der Teller überquoll. Oben drüber ein ordentlicher Schlag Soße mit roten Bohnen, dann hat er alles mit dem Messer durchgeschnitten und in sich reingestopft. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Stern.

Was unterschied sich sonst noch von der hiesigen Auffassung von profigerechtem Lebenswandel?
In Dortmund wurde jeder Spieler mindestens zwei Mal in der Woche massiert. In Liverpool bin ich nach drei harten Trainingstagen zu unserem Physiotherapeuten Mark gegangen und habe nach einer Massage gefragt. Und was entgegnet er? »Oh, Karl, go in the fucking bath!« Es gab keine Massage, wer sich nicht gut fühlte, legte sich in die warme Badewanne. In vier Jahren in England hatte ich trotzdem nicht einmal einen Muskelfaserriss.

Ihr erstes Spiel in der Premier League absolvierten Sie gegen den FC Wimbledon.
Da wurde mir auch gleich bewusst gemacht, wie es in der Premier League abläuft.

Ihr Gegenspieler hieß Vinnie Jones.
Ich kannte den nur vom Namen und wusste nicht, welchen Stellenwert er in England genoss. Ihm eilte der Ruf als »Schlächter« voraus. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich einen Fuß von ihm im Gesicht hatte.

Haben Sie sich während des Spiels mit Jones unterhalten?
Zur Begrüßung hat er mir mal kräftig auf den Fuß getreten, um sich Respekt zu verschaffen, aber sonst hatten wir nicht viel miteinander zu tun. Innen war er stark, im Zentrum ordentlich draufhauen, das konnte er. Aber insgesamt war er ein steifer Typ, wenn ich raus auf den Flügel ging, hatte er Probleme, hinterher zu kommen.

War Jones der härteste Gegenspieler, auf den Sie in England getroffen sind?
Sicher ein harter Knochen, aber von seiner Güteklasse gab es einige. Nach dem 1:1 in Wimbledon fiel mir dann ein, wie Paul Gascoigne bei Lazio Rom mal sein Video dabei hatte. Vinnie Jones hat darin seine brutalsten Fouls zu einem Film zusammengestellt, und er erklärt auch, wie man am cleversten Foul spielt. Der ganze Bus hat sich beim Anschauen schlapp gelacht.

In der 71. Minute foulte er sie erneut, der Schiedsrichter gab Elfmeter, den Michael Owen zum 1:1-Endstand versenkte.
Vorher gab es noch eine andere Strafraumsituation, als der Ball nach innen kam, ein Verteidiger grätschte dazwischen, und ich flog spektakulär über ihn drüber.

Sie wollten einen Elfmeter schinden.
So in der Art. Ich lag also als sterbender Schwan am Boden und wartete ab, als mich plötzlich mein Teamkollege Steve McManaman packte, mich hochzog und anschnauzte: »Junge, das kannst du in fucking Germany machen!« In England schreiten sogar die eigenen Leute ein, wenn einer eine Schwalbe versucht.

War die veränderte Regelauslegung für Sie eine Umstellung?
Definitiv. Ein gestrecktes Bein ist in England kein Foul, und auch in Kopfballduellen kann man machen, was man will. Das pfeift kein Schiedsrichter. Die Zuschauer hassen es, wenn einer den Fuß aus einem Zweikampf nimmt, weil er sich vor einer Verletzung fürchtet. Ich lernte schnell, dass ein Fußballer auf der Insel dagegenhalten muss. Auch das Tempo in der Premier League ist wesentlich höher als in der Bundesliga. Es ging ständig rauf und runter.

Gab es verpflichtende Maßnahmen zum Teambuilding, etwa regelmäßige Mannschaftsabende?
Nein, aber wir haben viel Golf zusammen gespielt. Dabei habe ich mich gleich am Anfang auch ziemlich in die Nesseln gesetzt.

Was war passiert?
Ich kam aus Dortmund und hatte Handicap 13 – aus meiner Sicht eine ganz solide Basis. Also fragte ich in der Kabine: »Spielt hier jemand Golf?« Ohne mir Gedanken darüber zu machen, dass in England jeder mit dem Golfschläger in der Hand groß wird. Ich ging also mit Michael Owen, Jamie Redknapp und Neil Ruddock aufs Green und trat als Erster ans Tee, in der Annahme, mein Handicap sei das beste. Kurz bevor ich abschlagen wollte, fragte ich aber in die Runde. Jamie Redknapp sagt schüchtern: »Handicap vier«. Neil Ruddock: »Drei!«

Und Michael Owen?
»Handicap zwei!« Mit knallroter Birne stellte ich mich wieder hinten an. Auf der Runde traf ich keinen Ball mehr, so peinlich war mir das. Sie können sich das nicht vorstellen: Wenn bei uns das Training zu Ende war, raste der ganze Kader in die Umkleidekabine, duschte und fuhr raus zum Golfen. Jeden Tag!

Auch Trainer Roy Evans?
Der nicht. Der ließ nur einmal am Tag trainieren, weil er ständig Termine auf der Pferderennbahn hatte.



Im Ernst?
Nein, so schlimm war es nicht, aber »Grand National« (bedeutendstes englisches Pferdehindernisrennen in Aintree bei Liverpool, d.Red.) hatte für ihn mindestens so einen Stellenwert wie der »Boxing Day«.

Wurde unter Spielern auch gewettet?
Pferdewetten waren an der Tagesordnung. Wenn wir zum Spiel fuhren, hatten viele Profis noch ihre Agenten am Telefon und platzierten Wetten. In Liverpool schauten wir noch eine Stunde vor dem Anpfiff in der Kabine die Rennen im Fernsehen an. Michael Owen und Robby Fowler hatten sogar eigene Pferde laufen.

Und Sie?
Beim »Grand National« in Chester habe ich bestimmt auch mal hundert Pfund gewettet, aber das bewegte sich nicht ansatzweise in den Kategorien mancher Kollegen.

Die Trinkgewohnheiten von Männern wie Paul Gascoigne und Tony Adams sind legendär. Können Sie bestätigen, dass unter Premier-League-Profis anders getrunken wurde als in der Bundesliga?
Als ich später in Fulham in der zweiten Liga spielte, wunderte ich mich schon, wie regelmäßig manche Teamkollegen sich die Pints reinknallten und trotzdem am nächsten Tag im Spiel abgingen. Was da in London nach dem Training getrunken wurde, war Wahnsinn. Ich mag Lager-Bier nicht so gern und brauche für ein Pint bestimmt ein halbe Stunde. Anderen fiel das deutlich leichter: Die ließen das erste auf Ex reinlaufen und hatten nach zwei Minuten das nächste auf dem Tisch stehen.

Und was sagten die Trainer dazu?
Wenn wir in Liverpool am Samstag gewonnen hatten, wusste Roy Evans natürlich, dass wir hinterher ausgehen würden. Der fand das sogar ganz gut, glaub ich. Aber er hat es sich auch nie nehmen lassen, am Sonntag ein ausführliches Kopfballtraining anzusetzen. Ich erinnere mich an ein Auslaufen, das Paul Ince und Michael Owen jeweils mit Wasserflaschen in beiden Händen machten, weil sie ihren Brand vom Vorabend löschen mussten.

Evans war also ein kleiner »Quälix«.
Ach nein, Roy war wie ein Vater für uns Spieler. Er hat sich eine Zeitlang einen Spaß daraus gemacht – und dann hat er es gut sein lassen.

Klingt nach einer angenehmen Zeit.
Das war es. Einmal fragte ich ihn vor einem spielfreien Wochenende, ob ich dienstags für einen runden Geburtstag meines Vaters über Nacht nach Deutschland fahren dürfe. Da sagte er: »Karl, stay a week!« Wenn er uns drei Tage frei gab, setzte sich die halbe Mannschaft in den Flieger und jettete nach Marbella zum Golfen.

Wie müssen wir uns den Umgang untereinander im Training vorstellen?
Ganz anders, als man es vom rustikalen Spiel her erwartet. In Dortmund haben wir uns in den Trainingseinheiten auf die Socken gegeben, dass es sogar Kreuzbandrisse gab. Wo Jürgen Kohler hintrat, wuchs kein Gras mehr. In England war das ganz anders, da ließ man den Kollegen auch mal durchlaufen, härtere Zweikämpfe kamen selten vor.

Haben Sie analog zu den deutschen auch englische Tugenden kennengelernt?
Die Engländer geben neunzig Minuten lang alles, selbst ein Fehlpassfestival kann da noch einen gewissen Reiz haben, weil beide Teams sich trotz Grottenkick noch auspowern. Und, wie gesagt, englische Profis würden nie bei einem Zweikampf zurückziehen. Jammern ist schlichtweg verpönt.

Nach zwei Jahren in Liverpool wechselten Sie zum FC Fulham in die First Division. Wie muss man sich die Niederungen des Zweitligafußballs vorstellen?
Es war noch familiärer als in Liverpool. Wenn ich zu den Spielen zum Craven Cottage fuhr, parkte ich mein Auto in einer Nebenstraße, nahm meine Tasche und schlenderte zwischen Fans hindurch ins Stadion. Ein altes Holzstadion für 20 000 Zuschauer, fast immer ausverkauft, großartig.

Mäzen war der ägyptische Geschäftsmann Mohamed Al-­Fayed. Kannte er sich aus mit Fußball?
Na ja, es ging so. Der Vertrag war ausgehandelt, und ich fuhr nach London, um zu unterschreiben. Al-Fayed empfing mich im fünften Stock seines Kaufhauses  »Harrods«, wo er sein Büro hatte. Mit Manager Mark Griffith hatte ich schon alle Vertragsangelegenheiten geregelt, als plötzlich Al-Fayed den Raum betrat, seine Hose von dicken Hosenträgern gehalten. Griffith stellte mich vor: »This is our new signing from Liverpool.« Und Al-Fayed entgegnete: »Oh, great, where do you come from?« Er hatte keine Ahnung, wer ich war.



Und Sie klärten ihn auf.
Ich sagte: »I am Karl-Heinz Riedle, I come from Germany!« Und er sagte: »Oh, Germany, okay. Hitler!« Wo war ich jetzt wieder gelandet? Aber ansonsten war er sehr nett, auch wenn ich ihn bis zu meiner Berufung zum Trainer nur noch auf der Tribüne sah oder wenn er kurz vor Anpfiff in die Kabine kam, um uns Glück zu wünschen.

Aber als Sie für drei Monate Spielertrainer wurden, mussten Sie regelmäßig zu ihm zum Rapport?
Nein, nein. Es war nur so, dass unser Manager fragte, ob ich mir zutrauen würde, nach der Entlassung unseres Coachs Paul Bracewell übergangsweise bis zur Sommerpause – es waren noch sechs Spiele – das Training zu leiten. Weil ich ein sehr gutes Verhältnis zu Paul hatte, rief ich ihn erst einmal an, um zu fragen, ob er einverstanden sei. »Kein Problem«, sagte er. Am nächsten Morgen wollte er aber eine letzte Trainingssession machen und sich ordentlich von den Spielern verabschieden. Während wir also mit ihm auf dem Platz standen, hörten wir auf einmal ein ohrenbetäubendes Geräusch. Der Hubschrauber von Al-Fayed landete direkt neben uns auf dem Rasen und die Mannschaft wurde in den Aufenthaltsraum gebeten.

Der offizielle Teil des Rausschmisses.
So ungefähr. Al-Fayed und Manager Mark Griffith kamen herein, und wir saßen hufeisenförmig um die Verantwortlichen herum. Al-Fayed ergriff das Wort, appellierte an unseren Ehrgeiz und verkündete, dass Paul zukünftig nicht mehr bei uns sei. Und abschließend sagte er mit großer Geste: »Und unser neuer Trainer ist ab sofort … Karl-Heinz Riedle!« Und zeigte dabei er auf unseren Vizekapitän Simon Morgan, der in der gegenüberliegenden Ecke saß. Al-Fayed schaute Simon an und sagte: »Karl-Heinz, please come and speak to the team.«

Sie rangen vermutlich um Fassung.
Das kann ich Ihnen sagen. Ganz kleinlaut meldete ich mich aus meiner Ecke: »Herr Präsident, ich bin hier.« Als Paul sich von der Mannschaft verabschiedet hatte, sollte ich noch etwas sagen, aber meine Antrittsrede dauerte nur drei Sekunden, denn der ganze Saal lachte sich inzwischen kaputt.

Wie kam der Klub auf Sie?
Ich war der erfahrenste Spieler. Es sollte auch wie gesagt nur kurz sein, weil sie damals schon an Jean Tigana dran waren.

Das Team hatte zu dem Zeitpunkt seit acht Spielen nicht mehr gewonnen.
Mir war von Anfang an klar, dass ich den Job nicht allein machen kann. Um die Spieler wie ein Coach anzusprechen, reichte mein Englisch schlicht nicht aus. Also holte ich Roy Evans, der für mich das Training machte, und gemeinsam stellten wir die Mannschaft auf. Ich habe mich sehr auf seine Erfahrung verlassen, auch wenn er immer sagte: »Du musst entscheiden, es ist deine Verantwortung!« Roy war nach seinem Abgang in Liverpool gewissermaßen im Ruhestand, er wollte am Anfang noch nicht mal Geld für den Aushilfsjob.

Spielten Sie parallel zu dieser Tätigkeit in der ersten Elf?
Als ich den Trainerjob übernahm, hatte ich mich an der Halswirbelsäule verletzt. Es ging für uns immer noch um den Aufstieg in die Premier League. Nach drei Spielen Pause wollte mich Roy wieder einsetzen. Wir standen an der Tafel, er schrieb meinen Namen in die Aufstellung, ich strich ihn durch. Er schrieb ihn wieder rein, ich strich mich wieder aus der Aufstellung. Immer wieder, die Tafel war nachher total vollgekritzelt. Ich fühlte mich an diesem Tag nach meiner Verletzung einfach noch nicht fit genug, aber dann redeten auch die Spieler auf mich ein, und ich ließ mich breitschlagen.

Ein Fehler?
Es war das Ligaspiel gegen Nottingham Forest. Nach fünf Minuten kam ein langer Ball, ich sprang hoch, und mein Gegenspieler trat mir mit den Stollen voran in den Oberkörper. Das Nächste, woran ich mich wieder erinnern kann, ist, dass ich im Krankenhaus mit einer Lungenembolie aufwachte. Zu dem Zeitpunkt wusste ich es noch nicht, aber es war das Ende meiner aktiven Laufbahn.

War die zweite Liga härter als die Premier League?
In Fulham spielten wir klassisches »Kick and Rush«, das war für mich als Stürmer insgesamt belastender, weil ich mich ständig mit diesen langen Schlächtern aus der gegnerischen Abwehr im Luftkampf befand. Da gab es immer wieder Schläge in den Nacken, ich hatte einige Probleme mit den Halswirbeln. Ich erinnere mich noch gut an einen Zweikampf, als mir ein Gegner von hinten mit gestrecktem Bein in die Achillessehne fuhr. In Deutschland hätte es Dunkelrot dafür gegeben.

Aber?
Der Schiedsrichter schoss heran, bückte sich zu mir runter und sagte: »Karl, come on, be tough!«

Wie war der Umgang der Spieler mit den Referees?
Wesentlich rustikaler. Was der Schiri sich auf der Insel alles anhören muss, wäre bei uns undenkbar. Da ist »Arschloch« noch eine der leichteren Beleidigungen, die ein Unparteiischer erträgt, ohne Karten zu zücken.

Karl-Heinz Riedle, warum haben Sie später Ihre Trainerkarriere nicht fortgesetzt?
Ich hatte auch genug von dem unsteten Leben. Ein Jahr hier, ein Jahr da, das reichte mir. Und außerdem hat man als Spieler einfach das schönste Leben. Man trainiert und hat danach Ruhe. Aber in den Wochen als Trainer fing nach der Session die Arbeit erst an. Agenten kamen zu mir und wollten mir Spieler andrehen. Dieses Telefonieren und Planen! Spieler haben dauernd irgendwelche Fragen oder Probleme. Nein, die drei Monate als Spielertrainer in Fulham haben wirklich gereicht.

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