Karl-Heinz Granitza über die NASL

»Ich war King Bomber Karl«

Torsten Frings wechselt in die US-amerikanische Profiliga zum Toronto FC. Wir sprachen einst mit Karl-Heinz Granitza, der ab 1978 bei Chicago Sting spielte und zu einem der Top-Stars der amerikanischen Operettenliga NASL aufstieg. Karl-Heinz Granitza über die NASL
Heft #64 03 / 2007
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Karl Heinz Granitza, in Deutschland sind sie nur noch Experten ein Begriff. In den USA bei den Chicago Sting waren Sie hingegen einer der besten Spieler überhaupt.

Stimmt. In der Geschichte der North American Soccer League (NASL) bin ich der erfolgreichste deutsche Stürmer. Ich wurde mit Franz Beckenbauer und Pelé in die Hall-of-Fame des Fußballs aufgenommen.

In der Rangliste der besten Spieler in der NASL-Geschichte rangiert nur Giorgio Chinaglia vor Ihnen.

Giorgio hat mir mal gesagt, er läge nur vor mir, weil ich zu gut war.

Zu gut? Wir verstehen nur Bahnhof.

Er war der Ansicht, meine Mannschaftskameraden seien oft nicht in der Lage gewesen, zu erkennen, wie gut ich stand. Die Mitspieler von Giorgio waren spielerisch besser, deshalb hat er in aussichtsreicher Position auch öfter den Ball bekommen. Aber ich gönne Chinaglia seinen Spitzenplatz. Schließlich hat keiner die NASL mehr geprägt als er.

Wie meinen Sie das?

Er hat nicht nur im Hintergrund der New York Cosmos die Fäden gezogen, sondern eigentlich die ganze Liga geleitet.

Wie konnte Chinaglia die Liga leiten?

Nur soviel: Er war der beste Kumpel von Cosmos-Chef Steve Ross. Er kannte alle Besitzer der Vereine in der NASL und war er auch fast mit jedem Trainer bekannt. Er hatte großen Einfluss auf die Schiedsrichter und die Sponsoren. Wenn Coca Cola oder McDonald’s kamen, haben die einen Diener vor ihm gemacht. Und: Er war Italiener. Er hatte er das entscheidende Fünkchen Charisma und Respekt, dass ihm nie jemand reingeredet hat.

Wie ist der Klub Chicago Sting auf Sie aufmerksam geworden?

Der Manager hatte deutsche Vorfahren und interessierte sich daher sehr für die Bundesliga. Ihm imponierte, dass ich mich als ehemaliger Zweitligaprofi sofort bei Hertha in der 1. Liga durchgesetzt habe – immerhin habe ich in 73 Bundesliga-Partien 34 Tore geschossen.

Wie lukrativ war für Sie der Wechsel in die USA?

Bei Hertha habe ich monatlich 6.000 Mark brutto verdient. Der Klub war permanent in finanziellen Schwierigkeiten und erhielt für meinen Transfer 500.000 Mark Ablöse – und ich ein Monatsgehalt von 10.000 Dollar netto.

Wie populär war Fußball damals in Chicago?

Mein Klub löste eine regelrechte Fußballeuphorie aus. Zu uns ins Stadion kamen mehr als 18000 Besucher. Als wir dann 1981 den Titel holten, stand die Stadt Kopf. Wir waren nach 23 Jahren das erste Profiteam in Chicago, das eine Meisterschaft gewann. Die Begeisterung war riesig, meine Vertragsverlängerung wurde von der Bürgermeisterin bekannt gegeben. Wenn ich mit meiner Familie in den Zoo ging, haben mich Hunderte von Leuten angesprochen.

Wie erklären Sie sich ihre Beliebtheit?

Ich war erfolgreich, engagierte mich, und die Amis mochten mein Markenzeichen: Ich trug außerhalb des Platzes stets pinkfarbene Brillen.

Hatten Sie einen Spitznamen?

Gerd Müller war »der Bomber«, ich war »King Bomber Karl«.

Worin unterschied sich die NASL von der Bundesliga?


Als populärer Spieler in Chicago wurde man überhäuft mit Anfragen aus dem sozialen Bereich. Für einen Sportler in USA gehört es dazu, sich im gemeinnützig zu engagieren. So was kannte ich aus der Bundesliga überhaupt nicht. Man wurde als Person völlig vereinnahmt.

Was machte Ihnen in Bezug auf das Sportliche zu schaffen?

Die riesigen Entfernungen zwischen den Spielorten und die starken Witterungsgegensätze. Manchmal haben wir an einem Tag in Matsch und Schnee gespielt und kurz darauf mussten wir wieder bei extrem heißen Temperaturen auflaufen. Wenn wir nachmittags in Tulsa, Oklahoma, spielten, haben regelrecht die Fußsohlen gequalmt.

Wie kamen Sie generell mit dem Belag in den USA zurecht?


Wir haben auf unterschiedlichen Untergründen gekickt, zumeist auf Rasen. In Chicago spielten wir eine Zeitlang in einem Baseball-Stadion, in dem an der Seitenlinie noch eins der Abschlagmale herausguckte und man ständig über einen Hügel laufen musste. Die Engländer und Holländer haben sich mitunter geweigert, bei uns aufzulaufen.

Als Chicago Sting 1981 im Endspiel um die Super Bowl die New York Cosmos besiegte, war der Platz in Toronto eine Katastrophe.

Oh, Mann, wir kickten wirklich auf einem brettharten Kunststoff-Platz. Aber immerhin – es waren 40.000 Zuschauer dabei.



Waren Sie mit anderen deutschen Spielern in der NASL befreundet?


In erster Linie mit meinen Kollegen bei Chicago Sting, Hans Weiner, Ingo Peter und Arno Steffenhagen. Und nach einer After-Game-Partie mit Fort Lauderdale habe ich auch einmal Gerd Müller gefoppt.

Bitte etwas mehr Details.

Ach Gott, wir waren am Morgen nach dem Spiel zum Frühstück verabredet. Er hatte für Freunde Grillwürste für den Abend gekauft und war bereits auf dem Sprung. Unser Klubboss Lee Stern hatte aber ein Boot gemietet und mein Team wollte zu einer Tour aufbrechen. Also überredete ich Gerd, mitzukommen: »Los Gerd, ist doch nur ‘ne kleine Spritztour.« Der Ausflug dauerte zehn Stunden, die Würstchen schimmelten in der Sonne und Gerd war stinksauer. (lacht)

Die NASL wurde als Operettenliga belächelt. Ist die Verniedlichung angesichts des spielerischen Niveaus zulässig?

Wie hoch das Niveau war, lässt sich daran ablesen, dass die New York Cosmos 1983 den frischgebackenen Europapokalsieger HSV mit 7:2 nach Hause schickten.

Die Cosmos-Stars wurden vom Verein mit Luxus-Limousinen und Extraleistungen verhätschelt. Haben Sie in Chicago ähnliche Privilegien genossen?

Nein. Extrawürste gab es bei uns nicht. Ich bin zehn Jahre lang mit meinem alten Ford Bronco herumgefahren. Wenn ich in einem Jahr nach Steuern 120.000 Dollar verdient habe, sind die Cosmos-Spieler mit zwei Millionen nach Hause gegangen. Das war eine andere Welt.

Während der Saison 1980 wurden ausgewählte Liga-Spiele live im Fernsehen übertragen – doch die Einschaltquoten waren unterirdisch.

Der Sender »ABC« ist nach einem Jahr wieder abgesprungen, und ohne das Fernsehen fehlte der Liga die notwendige Aufmerksamkeit.

Wurde deshalb die Liga 1984 eingestellt?

Gut möglich. Der Warner-Konzern und damit die New York Cosmos zogen sich nach der Saison aus dem Spielbetrieb zurück. Das war ein Signal für andere große Klub-Besitzer in Minnesota, in Seattle und in Chicago ihr Engagement einzustellen. Cosmos war das Zugpferd, ohne das der Spielbetrieb nicht aufrecht zu erhalten war. Wenn Cosmos nicht aufgegeben hätte, wäre die NASL heute wohl eine der besten Ligen der Welt.

Wie nahmen Sie das Ende der NASL auf?

Ich war extrem geschockt: Eine Liga löste sich einfach in Luft auf! Ich habe dann noch vier Jahre lang bei dem neuen Klub Chicago Power in der Hallen-Liga gekickt.

Warum sind Sie nach dem Ende der NASL im Alter von 32 Jahren nicht in die Bundesliga zurückgekehrt?

Aus Europa lagen mir damals nur Angebote von Girondins Bordeaux und Panathinaikos Athen vor. Ich wäre auch fast nach Frankreich gewechselt, aber dann wurde mir von den Verantwortlichen des neuen Klubs ein sehr gutes Angebot gemacht. Wenn Frau und Tochter später nicht so großes Heimweh nach Deutschland gehabt hätten, würde ich wohl immer noch in Amerika leben.

Was haben Sie sportlich aus den USA mitgenommen?

Die freie Entfaltung. Ich habe gelernt, dass es okay ist, auch mal zu dribbeln und allein den Abschluss zu suchen. In Deutschland ist es verpönt, wenn ein Spieler zu eigensinnig ist. Die Trainer in den USA haben ihre guten Kicker nicht in Schemata gepresst – und waren trotzdem erfolgreich.

Was halten Sie davon, dass die Major Soccer League (MLS) mit David Beckham nun wie in den Siebzigern wieder einen europäischen Star im Herbst seiner Karriere verpflichtet?

Mit dem eigenen Nachwuchs haben sie es in den vergangenen 11 Jahren mit mäßigem Erfolg probiert. Es ist richtig, große Stars aus Europa zu holen. Die Verantwortlichen sollten versuchen, auch einen Japaner oder Deutschen zu verpflichten.

Wird es Beckham leicht fallen, in der MLS Fuß zu fassen?

Jeder, der in die USA wechselt, muss sich sein Ansehen erarbeiten. Mit Sicherheit wird er auf die Socken bekommen, wenn er den Ball nicht spielt. Beckham wird nicht so schön spielen können wie bei Real Madrid. In den USA wird sehr körperbetont gespielt. Der Fußballer ist schnell und athletisch.

Ist er Markt für Fußball in den USA groß genug, dass es sich für die Klub-Bosse lohnt, horrende Summen in Spieler wie Beckham zu investieren?

Bisher wurde für Kicker nicht viel in die Hand genommen. Der bestbezahlte Spieler, Landon Donovan von Los Angeles Galaxy, verdient pro Jahr etwa 1,5 Millionen Dollar. Mit solchen Gehältern kann man keinen Star in die USA locken. Beckham aber bringt den US-Fußball nach vorne. Ich habe gehört, dass schon mehr als 100 Hollywoodschauspieler Saisontickets gekauft haben – nur wegen David und Victoria.


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