30.06.2011

Karl-Heinz Granitza über die NASL

»Ich war King Bomber Karl«

Torsten Frings wechselt in die US-amerikanische Profiliga zum Toronto FC. Wir sprachen einst mit Karl-Heinz Granitza, der ab 1978 bei Chicago Sting spielte und zu einem der Top-Stars der amerikanischen Operettenliga NASL aufstieg.

Interview: Tim Jürgens Bild: imago

Karl Heinz Granitza, in Deutschland sind sie nur noch Experten ein Begriff. In den USA bei den Chicago Sting waren Sie hingegen einer der besten Spieler überhaupt.

Stimmt. In der Geschichte der North American Soccer League (NASL) bin ich der erfolgreichste deutsche Stürmer. Ich wurde mit Franz Beckenbauer und Pelé in die Hall-of-Fame des Fußballs aufgenommen.

In der Rangliste der besten Spieler in der NASL-Geschichte rangiert nur Giorgio Chinaglia vor Ihnen.

Giorgio hat mir mal gesagt, er läge nur vor mir, weil ich zu gut war.

Zu gut? Wir verstehen nur Bahnhof.

Er war der Ansicht, meine Mannschaftskameraden seien oft nicht in der Lage gewesen, zu erkennen, wie gut ich stand. Die Mitspieler von Giorgio waren spielerisch besser, deshalb hat er in aussichtsreicher Position auch öfter den Ball bekommen. Aber ich gönne Chinaglia seinen Spitzenplatz. Schließlich hat keiner die NASL mehr geprägt als er.

Wie meinen Sie das?

Er hat nicht nur im Hintergrund der New York Cosmos die Fäden gezogen, sondern eigentlich die ganze Liga geleitet.

Wie konnte Chinaglia die Liga leiten?

Nur soviel: Er war der beste Kumpel von Cosmos-Chef Steve Ross. Er kannte alle Besitzer der Vereine in der NASL und war er auch fast mit jedem Trainer bekannt. Er hatte großen Einfluss auf die Schiedsrichter und die Sponsoren. Wenn Coca Cola oder McDonald’s kamen, haben die einen Diener vor ihm gemacht. Und: Er war Italiener. Er hatte er das entscheidende Fünkchen Charisma und Respekt, dass ihm nie jemand reingeredet hat.

Wie ist der Klub Chicago Sting auf Sie aufmerksam geworden?

Der Manager hatte deutsche Vorfahren und interessierte sich daher sehr für die Bundesliga. Ihm imponierte, dass ich mich als ehemaliger Zweitligaprofi sofort bei Hertha in der 1. Liga durchgesetzt habe – immerhin habe ich in 73 Bundesliga-Partien 34 Tore geschossen.

Wie lukrativ war für Sie der Wechsel in die USA?

Bei Hertha habe ich monatlich 6.000 Mark brutto verdient. Der Klub war permanent in finanziellen Schwierigkeiten und erhielt für meinen Transfer 500.000 Mark Ablöse – und ich ein Monatsgehalt von 10.000 Dollar netto.

Wie populär war Fußball damals in Chicago?

Mein Klub löste eine regelrechte Fußballeuphorie aus. Zu uns ins Stadion kamen mehr als 18000 Besucher. Als wir dann 1981 den Titel holten, stand die Stadt Kopf. Wir waren nach 23 Jahren das erste Profiteam in Chicago, das eine Meisterschaft gewann. Die Begeisterung war riesig, meine Vertragsverlängerung wurde von der Bürgermeisterin bekannt gegeben. Wenn ich mit meiner Familie in den Zoo ging, haben mich Hunderte von Leuten angesprochen.

Wie erklären Sie sich ihre Beliebtheit?

Ich war erfolgreich, engagierte mich, und die Amis mochten mein Markenzeichen: Ich trug außerhalb des Platzes stets pinkfarbene Brillen.

Hatten Sie einen Spitznamen?

Gerd Müller war »der Bomber«, ich war »King Bomber Karl«.

Worin unterschied sich die NASL von der Bundesliga?


Als populärer Spieler in Chicago wurde man überhäuft mit Anfragen aus dem sozialen Bereich. Für einen Sportler in USA gehört es dazu, sich im gemeinnützig zu engagieren. So was kannte ich aus der Bundesliga überhaupt nicht. Man wurde als Person völlig vereinnahmt.

Was machte Ihnen in Bezug auf das Sportliche zu schaffen?

Die riesigen Entfernungen zwischen den Spielorten und die starken Witterungsgegensätze. Manchmal haben wir an einem Tag in Matsch und Schnee gespielt und kurz darauf mussten wir wieder bei extrem heißen Temperaturen auflaufen. Wenn wir nachmittags in Tulsa, Oklahoma, spielten, haben regelrecht die Fußsohlen gequalmt.

Wie kamen Sie generell mit dem Belag in den USA zurecht?


Wir haben auf unterschiedlichen Untergründen gekickt, zumeist auf Rasen. In Chicago spielten wir eine Zeitlang in einem Baseball-Stadion, in dem an der Seitenlinie noch eins der Abschlagmale herausguckte und man ständig über einen Hügel laufen musste. Die Engländer und Holländer haben sich mitunter geweigert, bei uns aufzulaufen.

Als Chicago Sting 1981 im Endspiel um die Super Bowl die New York Cosmos besiegte, war der Platz in Toronto eine Katastrophe.

Oh, Mann, wir kickten wirklich auf einem brettharten Kunststoff-Platz. Aber immerhin – es waren 40.000 Zuschauer dabei.

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