30.01.2013

Karim Adel, Anführer der al Ahly-Ultras, über die neue Gewalt in Ägypten

»Die Menschen sterben hier nicht wegen Fußball«

Nach den 21 Todesurteilen für die mutmaßlichen Drahtzieher der Stadionkatastrophe von Port Said ist die Gewalt auf den Straßen Ägyptens erneut eskaliert. Mit Karim Adel von der al Ahly Kairo-Ultra-Gruppierung »Ahlawy« nimmt erstmals einer der führenden Ultras des Landes Stellung zu der Katastrophe von Port Said und ihren Folgen.

Interview: Ben Kilb Bild: Ben Kilb

Karim Adel ist Anführer der mehrere tausend Mann starken Ultra-Gruppierung »Ahlawy« des ägyptischen Klubs al Ahly Kairo, einem der erfolgreichsten Vereine Afrikas. Er war dabei, als Ultras die Revolution auf dem Tahrir-Platz anführten und im Stadion von Port Said 74 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben kamen. Knapp ein Jahr nach der Stadionkatastrophe hat die ägyptische Regierung nun 21 mutmaßliche Drahtzieher der Massenpanik zum Tode verurteilt. Die selbst für ägyptische Verhältnisse drastischen Urteile haben erneut für gewalttätige Straßenschlachten gesorgt. Mit Karim Adel (auf dem Foto in der Mitte) nimmt erstmals einer der führenden ägyptischen Ultras Stellung zu der neuen Gewalt und der blutigen Fehde zwischen Politik und Fußballfans.

Karim Adel, können Sie beschreiben, was aktuell in Kairo vor sich geht? Wer kämpft weshalb gegen wen?
Die Muslimbrüder, denen einst auch unser Präsident Mohammed Mursi angehörte und die aktuell die stärkste politische Kraft sind, haben die Revolution gestohlen! Die Menschen auf den Straßen versuchen, sie zurückzugewinnen. Die Muslimbruderschaft beeinflusst die Medien, wie es auch das System Mubarak getan hat: Sie verbreiten, dass die Revolutionäre aus Anhängern des alten Systems bestünden und Verbrecher seien. Dabei hat sich an dem, was die Menschen wollen, seit dem 25. Januar 2011 (dem Tag, als die Menschen erstmals gegen das Mubarak-Regime auf die Straßen gingen, d. Red.) nichts geändert. Sie bekämpfen weiterhin das System, das nun aus Mursi und der Muslim-Bruderschaft besteht.

Am vergangenen Samstag wurden 21 Personen, die beschuldigt werden, für das Massaker an Anhängern der al Ahly-Fans in Port Said im Februar 2012 verantwortlich zu sein, zum Tode verurteilt. Wie haben die Ultras »Ahlawy« auf die harten Urteile reagiert?
Wir sind glücklich, weil wir teilweise bekommen haben, was wir haben wollten. Aber wir werden weitermachen. Noch wurden nicht alle unserer Forderungen erfüllt.

Wie lauten diese Forderungen?
Der Port-Said-Prozess muss fortgesetzt werden! Alle Verantwortlichen für das Massaker müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Und es muss Gerechtigkeit für die Opfer der Revolution geben. Solange unsere Nation kein besseres System hat, werden wir weiterkämpfen.

Seit dem Massaker von Port Said wurden alle professionellen Fussballspiele in Ägypten ausgesetzt. Am morgigen Freitag soll der Ligabetrieb eigentlich wieder aufgenommen werden. Glauben Sie daran, solange auf den Straßen gekämpft wird?
Nein, das wird nicht passieren. Wir Ultras haben uns eigentlich immer für eine baldige Wiederaufnahme des Spielbetriebs ausgesprochen, aber bis der Prozess im Fall Port Said kein faires Ende gefunden hat, sind wir gegen die Wiederaufnahme.

Sie fordern offiziell Vergeltung für die Toten von Port Said. Was verstehen Sie darunter?
Dass alle Verantwortlichen für das Massaker so hart wie möglich bestraft werden. Aber nicht nur die ausführenden Organe, sondern genauso alle, die den Angriff in Port Said aus dem Hinterhalt initiiert haben.

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