Kapitän Johnny Ertl über die Übernahme des FC Portsmouth durch die Fans

»Es hat mich magisch angezogen«

In unserer aktuellen Ausgabe 11FREUNDE #144 berichten wir über die spektakuläre Übernahme des FC Portsmouth durch die eigenen Fans. Wir trafen auch Johnny Ertl, Kapitän des Viertligisten, der sein Studium mit einer Abschlussarbeit über die Insolvenz seines Klubs abschloss. Erin Gespräch über das Leben in einer Fußball-WG, die Chancen seines Klubs und Samba-Tänzerinnen im Fratton Park.

Chris Gloag
Heft: #
144

Im April 2013 hatten es die Fans des FC Portsmouth geschafft: Für vier Millionen Pfund kauften sie sich ihren Klub und das Stadion Fratton Park aus den Fängen eines Investors zurück. Die ganze Geschichte über den spektakulären Übernahmeprozess gibt es in der neue 11FREUNDE #144 lesen, die ab sofort im Handel erhältlich ist. Johnny Ertl ist Kapitän des Viertligisten.

Johnny Ertl, Sie liefen insgesamt sieben Mal für die österreichische Nationalmannschaft auf. Nun spielen Sie in der vierten englischen Liga. Wie konnte es dazu kommen?
Ich bin seit fünf Jahren in England, habe zwei Jahre bei Crystal Palace und zwei Jahre bei Sheffield United gespielt. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages eine englische Mannschaft als Kapitän auf das Feld zu führen. Hier in Portsmouth habe ich diese Chance bekommen. Das war vielleicht einer der größten Momente in meiner Karriere.

Für Sie ist die Vierte Liga kein Abstieg?
Der Trainer hat bei meiner Verpflichtung klar gemacht, dass das hier ein lang angelegtes Projekt ist. Das hat mich gereizt. Und sehen Sie sich diesen Klub an, er hat eine unglaubliche Tradition, hier arbeiten Menschen mit Herzblut für ihren Klub. Die Stadt lebt Fußball in jeder Ecke. Das ist nicht immer nur schön, aber es hat mich auch magisch angezogen.

Dennoch verlief Ihre erste Zeit in Portsmouth durchaus ungewöhnlich. Sie lebten in einer Art Fußball-WG.
Der Verein war finanziell am Boden, steckte mitten in einem Konkursverfahren. Zudem standen phasenweise 52 Spieler im Kader. Wir alle hatten Monatsverträge, weil der Klub keine langfristigen Kontrakte aushandeln durfte. Es herrschte eine große Unsicherheit. Dann hat der Klub einigen Spielern angeboten, gemeinsam in ein Klubhaus zu ziehen, um Übernachtungskosten bei den Hotels zu sparen.

Ist das nicht abschreckend für einen Profi?
Hier wurden im Laufe der Jahre viele Versprechen auf der Grundlage von Versprechen gemacht. Mir wurde gesagt: »In drei Wochen ist der Verein gerettet. Dann bekommst Du einen Drei-Jahres-Vertrag.« Das hat dann doch etwas länger gedauert. Und so wurden viele Menschen enttäuscht. Aber jetzt sind wir alle zusammen gefordert, diese Enttäuschungen vergessen zu machen.

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen offeriert wurde, mit ein paar Kollegen in eine WG zu ziehen.
Ich dachte: Warum eigentlich nicht? Das Klubhaus lag vor den Toren der Stadt. Es war riesig. Und außerdem habe ich die Möglichkeit gesehen, so auch meine Mitspieler etwas besser kennen zu lernen.

Und wie viele Spielkonsolen hatte Ihre Wohngemeinschaft auf dem Gewissen?
Das ist immer so ein Klischee von Fußballern. Völliger Unsinn. Bei uns ging es recht bunt zu, das lag schon allein an den verschiedenen Kulturen, die im Chandlers Ford (der Name des Klubhauses Anm. d. Red.) zusammen gelebt haben. Bulgaren, Engländer, Ungarn, Österreicher – da bringt jeder seinen Einfluss in das alltägliche Leben.

Was war Ihr Einfluss?
Ich spiele Gitarre und mache mit meiner Frau Selma zusammen Musik. Da habe ich abends ab und zu mal gejammt. Und natürlich habe ich auch mal ein wunderbares Wiener Schnitzel gezaubert. Da blieb den Kollegen die Spucke weg.

Haben alle diese für Fußballer ungewöhnliche Lebenssituation akzeptiert?
Nein. Als nach ein paar Monaten noch immer keine Rettung des Klubs in Sicht war, sind viele Spieler gegangen. Das ist aber auch normal. Die meisten Menschen wünschen sich eben Sicherheit im Leben. Ich auch. Aber ich fand auch die Idee faszinierend, die hier im Umfeld als Gerücht kursierte: Die Fans wollen den Verein übernehmen.

Was haben Sie als Spieler vom Übernahmeprozess mitbekommen?
Während der Verein in seiner schlimmsten Krise steckte, habe ich ein Fernstudium in »Master of Business Administration« gemacht. Meine Abschlussarbeit habe ich über den Konkurs des Vereins geschrieben. Da habe ich die Optionen, Risiken und Potenziale des Klubs analysiert. So erhielt ich Einblicke in die Funktionsweise eines Klubs, die nicht jeder Spieler hat.

Sie kennen die Finanzlage des Klubs?
Ich habe nicht die Bücher aufgeschlagen und die Zahlen studiert. Das wäre für mich als Angestellter des Vereins sicher auch nicht gut. Aber hier in England wird das Thema Finanzen sehr offen behandelt. Eine Zeitung veröffentlichte zuletzt die ausstehenden Schulden des Klubs an Ex-Spieler, die sich auf knapp sieben Millionen Pfund belaufen. Das weiß hier jeder.

Welche Chancen hat der Portsmouth Football Club aus Ihrer Sicht?
Er hat zwei große Vorteile: Durch die Übernahme wurde der Verein demokratisiert. Die Fans wollen wissen, was los ist. Und sie haben sich ihr Recht erkämpft, das zukünftig auch zu erfahren. Außerdem sind wir in der League Two angekommen. Vierte Liga. Ganz unten. Es kann also nur noch bergauf gehen. In dieser Liga sind wir ein großer Fisch in einem kleinen Teich. Mit einem Zuschauerschnitt von 16.000 stehen wir über allem. Wenn alle den Klub als langfristiges Projekt sehen, kann etwas Großes entstehen.

Ist dieses große Ziel die Rückkehr in die Premier League?
Ein Klub wie Pompey muss eines Tages wieder in die Premier League. Aber sie sollte nicht das vorranige Ziel sein. Wichtiger ist, dass der Klub sich sein Gemeinschaftsdenken bewahrt und vielleicht eines Tages bis in die zweite Liga hochgeht. Dazu muss man sich immer wieder auf seine demokratischen Strukturen besinnen – Klub, Spieler und Fans. Nur so können wir eine Vorreiterrolle in England einnehmen. Wenn hier nicht alle in die gleiche Richtung gehen, dann wird das nicht klappen.

Was hat sich für Sie als Spieler seit der Übernahme verändert?
Die Interaktion der Fans mit den Spielern war hier lange Zeit nicht vorhanden. Hier haben Weltstars gespielt, aber die Leute haben nur deren Luxusautos gesehen. Das ist heute anders. Wir haben keine Weltstars mehr, aber dafür wohnen die Spieler fast alle in Portsmouth. Es ist schön zu beobachten, wie gut es den Fans tut, dass ihre Mannschaft wieder Teil der Stadt ist. Jeder hilft hier jedem.

Merkt man sonst noch Veränderungen?
Ich habe vor ein paar Wochen mal länger mit unserem Parkwächter gesprochen und ihn gefragt, was sich hier eigentlich verändert hat. Er hat nur gesagt: »Johnny, bei Pompey ist alles gleich. Nur die Größe des Car-Parks ändert sich von Zeit zu Zeit.« (lacht)

Sie sind Kapitän der Mannschaft. Welchen Maßnahmen haben Sie in der Mannschaft ergriffen.?
Wir hatten keinen Spirit. Also habe ich einen Spielerrat gegründet, damit die Verantwortung auf viele Schultern verteilt wird. Trotzdem herrscht eine flache Hierarchie. So kann jeder seinen Beitrag leisten. Denn eines ist klar: Der sportliche Erfolg ist genau dass, was wir zum Gelingen dieses Projekts beitragen können.

Wie sehr will man als Spieler überhaupt in die Neuordnung seines Klubs einbezogen werden?
Unser Beruf ist das Fußballspielen. Darauf müssen wir uns konzentrieren, das ist das Allerwichtigste. Aber die Situation, die hier herrscht, ist für alle ungewohnt, weil es nichts Vergleichbares gibt. Das ist doch auch eine großartige Chance! Wo sonst kann man als Spieler seine Ideen bei der Gestaltung seines Klubs einfließen lassen?

Und wenn ein neuer Investor kommt? Bricht das Märchen vom Verein der Fans dann zusammen?
Das haben wir als Mannschaft auch gefragt: Werden Investoren in Zukunft abgewiesen? Der Vorstand hat dann gesagt: Jeder Investor ist willkommen – wenn er vertrauenswürdig ist. Aber der Klub wird nie wieder komplett in die Hände eines Einzelnen fallen. Die Fans werden sich ihre Anteile und ihr Mitspracherecht immer sichern. Das halte ich für ein sehr wichtiges Signal.

Zwei Tage nach der Übernahme spielte Pompey sein letztes Heimspiel der Saison 2012/13. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?
Über diesen Tag redet hier bis heute jeder. Es war surreal. Wir waren gerade in die vierte Liga abstiegen, und trotzdem kamen 20.000 Leute ins Stadion. Ich habe noch nie eine solche Euphorie in einem Fußballstadion erlebt. Als wir in die Halbzeitpause gingen, liefen plötzlich Samba-Tänzerinnen an uns vorbei auf das Spielfeld. Ich dachte: Samba-Tänzerinnern im Fratton Park. Geht's noch? (lacht)

Der Saisonstart war eher durchwachsen. Derzeit liegt der Klub auf Platz 17. Ist die Mannschaft gezwungen aufzusteigen?
Die Erwartungshaltung war hier am Anfang riesig. Die Buchmacher haben uns als Aufsteiger eingeordnet. Aber mittlerweile ist Realismus und Ruhe eingekehrt. Das, was da ist, muss langsam wachsen. Und diese Geduld zu haben, ist für das Fußballgeschäft unüblich. Aber das Leben ist nun mal eine Reise und keine Endstation.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!