29.10.2013

Kapitän Johnny Ertl über die Übernahme des FC Portsmouth durch die Fans

»Es hat mich magisch angezogen«

In unserer aktuellen Ausgabe 11FREUNDE #144 berichten wir über die spektakuläre Übernahme des FC Portsmouth durch die eigenen Fans. Wir trafen auch Johnny Ertl, Kapitän des Viertligisten, der sein Studium mit einer Abschlussarbeit über die Insolvenz seines Klubs abschloss. Erin Gespräch über das Leben in einer Fußball-WG, die Chancen seines Klubs und Samba-Tänzerinnen im Fratton Park.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Chris Gloag

Im April 2013 hatten es die Fans des FC Portsmouth geschafft: Für vier Millionen Pfund kauften sie sich ihren Klub und das Stadion Fratton Park aus den Fängen eines Investors zurück. Die ganze Geschichte über den spektakulären Übernahmeprozess gibt es in der neue 11FREUNDE #144 lesen, die ab sofort im Handel erhältlich ist. Johnny Ertl ist Kapitän des Viertligisten.

Johnny Ertl, Sie liefen insgesamt sieben Mal für die österreichische Nationalmannschaft auf. Nun spielen Sie in der vierten englischen Liga. Wie konnte es dazu kommen?
Ich bin seit fünf Jahren in England, habe zwei Jahre bei Crystal Palace und zwei Jahre bei Sheffield United gespielt. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages eine englische Mannschaft als Kapitän auf das Feld zu führen. Hier in Portsmouth habe ich diese Chance bekommen. Das war vielleicht einer der größten Momente in meiner Karriere.

Für Sie ist die Vierte Liga kein Abstieg?
Der Trainer hat bei meiner Verpflichtung klar gemacht, dass das hier ein lang angelegtes Projekt ist. Das hat mich gereizt. Und sehen Sie sich diesen Klub an, er hat eine unglaubliche Tradition, hier arbeiten Menschen mit Herzblut für ihren Klub. Die Stadt lebt Fußball in jeder Ecke. Das ist nicht immer nur schön, aber es hat mich auch magisch angezogen.

Dennoch verlief Ihre erste Zeit in Portsmouth durchaus ungewöhnlich. Sie lebten in einer Art Fußball-WG.
Der Verein war finanziell am Boden, steckte mitten in einem Konkursverfahren. Zudem standen phasenweise 52 Spieler im Kader. Wir alle hatten Monatsverträge, weil der Klub keine langfristigen Kontrakte aushandeln durfte. Es herrschte eine große Unsicherheit. Dann hat der Klub einigen Spielern angeboten, gemeinsam in ein Klubhaus zu ziehen, um Übernachtungskosten bei den Hotels zu sparen.

Ist das nicht abschreckend für einen Profi?
Hier wurden im Laufe der Jahre viele Versprechen auf der Grundlage von Versprechen gemacht. Mir wurde gesagt: »In drei Wochen ist der Verein gerettet. Dann bekommst Du einen Drei-Jahres-Vertrag.« Das hat dann doch etwas länger gedauert. Und so wurden viele Menschen enttäuscht. Aber jetzt sind wir alle zusammen gefordert, diese Enttäuschungen vergessen zu machen.

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen offeriert wurde, mit ein paar Kollegen in eine WG zu ziehen.
Ich dachte: Warum eigentlich nicht? Das Klubhaus lag vor den Toren der Stadt. Es war riesig. Und außerdem habe ich die Möglichkeit gesehen, so auch meine Mitspieler etwas besser kennen zu lernen.

Und wie viele Spielkonsolen hatte Ihre Wohngemeinschaft auf dem Gewissen?
Das ist immer so ein Klischee von Fußballern. Völliger Unsinn. Bei uns ging es recht bunt zu, das lag schon allein an den verschiedenen Kulturen, die im Chandlers Ford (der Name des Klubhauses Anm. d. Red.) zusammen gelebt haben. Bulgaren, Engländer, Ungarn, Österreicher – da bringt jeder seinen Einfluss in das alltägliche Leben.

Was war Ihr Einfluss?
Ich spiele Gitarre und mache mit meiner Frau Selma zusammen Musik. Da habe ich abends ab und zu mal gejammt. Und natürlich habe ich auch mal ein wunderbares Wiener Schnitzel gezaubert. Da blieb den Kollegen die Spucke weg.

Haben alle diese für Fußballer ungewöhnliche Lebenssituation akzeptiert?
Nein. Als nach ein paar Monaten noch immer keine Rettung des Klubs in Sicht war, sind viele Spieler gegangen. Das ist aber auch normal. Die meisten Menschen wünschen sich eben Sicherheit im Leben. Ich auch. Aber ich fand auch die Idee faszinierend, die hier im Umfeld als Gerücht kursierte: Die Fans wollen den Verein übernehmen.

Was haben Sie als Spieler vom Übernahmeprozess mitbekommen?
Während der Verein in seiner schlimmsten Krise steckte, habe ich ein Fernstudium in »Master of Business Administration« gemacht. Meine Abschlussarbeit habe ich über den Konkurs des Vereins geschrieben. Da habe ich die Optionen, Risiken und Potenziale des Klubs analysiert. So erhielt ich Einblicke in die Funktionsweise eines Klubs, die nicht jeder Spieler hat.

Sie kennen die Finanzlage des Klubs?
Ich habe nicht die Bücher aufgeschlagen und die Zahlen studiert. Das wäre für mich als Angestellter des Vereins sicher auch nicht gut. Aber hier in England wird das Thema Finanzen sehr offen behandelt. Eine Zeitung veröffentlichte zuletzt die ausstehenden Schulden des Klubs an Ex-Spieler, die sich auf knapp sieben Millionen Pfund belaufen. Das weiß hier jeder.

Welche Chancen hat der Portsmouth Football Club aus Ihrer Sicht?
Er hat zwei große Vorteile: Durch die Übernahme wurde der Verein demokratisiert. Die Fans wollen wissen, was los ist. Und sie haben sich ihr Recht erkämpft, das zukünftig auch zu erfahren. Außerdem sind wir in der League Two angekommen. Vierte Liga. Ganz unten. Es kann also nur noch bergauf gehen. In dieser Liga sind wir ein großer Fisch in einem kleinen Teich. Mit einem Zuschauerschnitt von 16.000 stehen wir über allem. Wenn alle den Klub als langfristiges Projekt sehen, kann etwas Großes entstehen.

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