Kann Deutschland Weltmeister werden, Christoph Daum?

»Joachim Löw braucht B- und C-Pläne«

Christoph Daum verfolgt die deutsche Mannschaft vorort in Brasilien. Der Motivator hat seine ganz eigene Sicht auf das DFB-Team. Er findet Philipp Lahm besser als Außenverteidiger, sieht in Sami Khedira den heimlichen Chef und hält den Bundestrainer für einen souveränen Primus inter Pares.

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Christoph Daum, Sie haben das Achtelfinale gegen Algerien im Stadion verfolgt. Wie fanden Sie es?
Ich bin doch nicht der Vordenker und Besserwisser zur aktuellen Situation der deutschen Mannschaft.

Aber?
Nein, ich respektiere die Arbeit von Joachim Löw in jeglicher Hinsicht. Schließlich ist er ein sehr erfolgreicher Nationaltrainer, dem zur Krönung seiner Arbeit nur der Titel fehlt. Und nichts, das wissen wir beide, ist erfolgreicher als der Erfolg.

Dennoch plädieren Sie dafür, Philipp Lahm aus dem Mittelfeld wieder auf seine angestammte Außenverteidigerposition zu setzen.
Das meine ich nicht als Kritik, denn im Fußball gibt es immer unterschiedliche Meinungen, sonst würden alle ein- und dasselbe System spielen. Ich kann nur sagen, dass ich gewisse Dinge anders machen würde.

Das heißt?
Ich habe eine andere Vorstellung von der Spielweise und davon, wie man eine Mannschaft mit den vorhandenen Spielerpersönlichkeiten ausbalanciert. An einigen Stellen würde ich Leute eher ihren Fähigkeiten entsprechend einsetzen.  


Was hat sich verbessert, als Philipp Lahm vor der Verlängerung gegen Algerien nach hinten rechts gewechselt ist.
Lahm kann genauso wie Khedira dem Mittelfeld Stabilität geben, keine Frage. Aber wenn ein Trainer Leute wie Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira hat, kann er Weltklassespieler wie Lahm gewinnbringender einsetzen.

Warum ist Lahm außen besser?
Weil er zu seiner Klasse auf der Außenposition gereift ist und bewiesen hat, wieviel er von dort für das Spiel tun kann. Von dort ist er noch wertvoller.

Nach dem Algerien wurde das Umschaltspiel der deutschen Elf kritisiert.
Wir erleben gegenwärtig eine absolute Verdichtung des Mittelfelds. Spiele werden heute aus dem Mittelfeld heraus gemacht, auch wenn sie natürlich vor dem Tor entschieden werden. Im Mittelfeld aber wird die Spielkontrolle erarbeitet. Hier wird das schnelle Umschaltspiel kreiert, was von vielen als das rasante Erarbeiten von Torchancen verstanden wird. Umschaltspiel meint aber auch die Rückwärtsbewegung, dass Angriffsspieler schnell wieder in die Verteidigungslinie zurückkehren, wenn ein Gegenangriff erfolgt. Das spielt die Nationalelf, sie liegt damit also im Trend. Allerdings mangelt es dem Team manchmal beim schnellen Umschalten in die Tiefe.

Wo konnte man das im Algerien-Spiel erleben?
Bis zur Einwechslung von Andre Schürrle war die Mannschaft zu sehr auf sichere Ballzirkulation ausgelegt und entwickelte nur wenig Dynamik nach vorne. Als Schürrle dann reinkam, hat er Zug in die Sache gebracht und ist in die Löcher gestoßen. Kurz: Er war ein belebendes Element.

Vor der Verlängerung hielt nicht der Bundestrainer die Ansprache an die Mannschaft, sondern Hansi Flick und teilweise sogar Sami Khedira. Wie deuten Sie diese Aufteilung?
Ihr Journalisten bekommt in solchen Situationen natürlich Munition. Das ist klar. Aber für mich ist es ein Zeichen, wie sehr Joachim Löw die Fäden in der Hand hält. Er hat immer bekräftigt, dass er flache Hierarchien schätzt. Khedira ist ein verlängerter Arm des Trainers, ein Typ, auf den die Mitspieler hören. Manchmal ist es in solchen Situationen besser, wenn andere sprechen.

Was hat das für einen Effekt?
Sie müssen sich vorstellen, dass der Trainer schon in der Vorbereitung ständig Ansprachen gehalten hat, direkt vor dem Match, wahrscheinlich auch in der Halbzeit. Wenn er in so einer Situation Verantwortung an Leute delegiert, denen er vertraut, ist das ein Zeichen seiner Stärke. Ich bin sicher, dass alles, was wir da gesehen haben, unter seiner Federführung geschieht. Und, keine Sorge, im Stillen wird er dem ein oder anderen auch ein paar Worte gesagt haben.

Kommt nach schlauchenden 90 Minuten in so einer hitzigen Phase überhaupt noch etwas bei Spielern an?
Das kommt auf den Einzelnen an. Da braucht ein Coach Fingerspitzengefühl. Es gibt Spieler, die brauchen fachliche Informationen: »Mach die linke Seite zu?« oder »Achte mehr auf den Sechser«. Andere brauchen eher emotionale Informationen: »Junge, zwei Dinger waren schon weltklasse, setz nochmal nach, dann machst Du Dein Tor« Es ist wichtig, dass die Mannschaft insgesamt mit einer optimistischen Stimmung in die Verlängerung geht, den Glauben behält, dass alles gut ausgeht.

Besteht vor einem WM-Achtelfinale noch die Gefahr, dass ein Team einen Gegner unterschätzt?
Unter- oder überschätzen sind Kategorien, in denen ein Trainer nicht denkt. Löw wird die Mannschaft optimal auf Algerien vorbereitet haben. Aber: In diesem Spiel hatte nur ein Team etwas zu gewinnen: Algerien. Deutschland konnte nur etwas verlieren. Das macht die Aufgabe sehr schwer. Die Deutschen hatten lediglich ihre Pflicht zu erfüllen und ihre Stärke zu bestätigen. Sowas spukt Spielern natürlich im Kopf herum, insbesondere wenn dieser Eindruck durch die Medien noch verstärkt wird.


Wie muss ein Trainer darauf reagieren?
Er macht den Spielern klar, dass sie gegen eine Festung anrennen, es aber nur um das eine entscheidende Tor geht. Die Mannschaft sucht nach dem Weg, wie sie durch die Mauer durchkommt.

In Deutschland überschlagen sich die Medienberichte wegen der Torwartleistung von Manuel Neuer.
Das ist ein mitspielender Torhüter, der kann diese Dinge. Und bis auf ein, zwei Rettungsaktionen hat er nach hinten raus immer weniger auf sein Tor bekommen. Für mich war es eine gute Leistung, die nicht anders zu erwarten war.

Per Mertesacker hat nach dem Spiel ein TV-Interview gegeben. Auf die Frage nach dem holprigen Umschaltspiel sagte er, er könne die ganze Fragerei nicht verstehen. Zitat: » Was wollen Sie jetzt vorn mir. (...) Glauben Sie jetzt unter den letzten 16 ist irgendwie ne Karnevalstruppe oder was?«
Wenn eine Mannschaft 120 Minuten gespielt hat, die schwere Pflichtaufgabe erfüllt hat, dann befindet sich ein Spieler in einer Extremsituation. Auch Per Mersteacker sah in ein, zwei Situationen nicht so gut aus, andererseits hat er dann auch sensationell geklärt und seine Bedeutung fürs Team unter Beweis gestellt. Wenn so einer vom Platz kommt, stecken all die Stressoren, die körperlichen Belastungen, die Eindrücke aus dem Stadion noch in ihm drin. Da ist ein Mensch manchmal nicht in der Lage, analytisch an eine Situation heran zu gehen. Sprechen Sie eine halbe Stunde später mit ihm und sie haben einen ganz anderen Menschen vor sich.

Mit Sami Khedira auf der Sechs, Andre Schürrle auf rechts außen und Philipp Lahm auf der Außenverteidigerposition – könnte das die erste Elf im Match gegen Frankreich sein?
Halte ich für denkbar. Aber die Aufstellung ist gar nicht so entscheidend, sondern die Einstellung. Lukas Podolski oder Miroslav Klose wären ebenfalls Alternativen. Die gehen auch dahin, wo es weh tut.

Aber mit Khedira und Schürrle lief es am Ende gegen Algerien doch sehr gut.
Bedenken sie aber bitte, dass Khedira noch nicht komplett fit. Es ist für Joachim Löw ein Tanz auf der Rasierklinge. Die Wahrscheinlichkeit, dass Khedira neunzig Minuten auf höchstem Niveau schafft, ist nicht gegeben. Der Bundestrainer muss also, wenn er ihn aufstellt, Alternativen im Kopf haben. Er braucht B- und C-Pläne, weil er viele Spieler dabei hat, die nicht im regelmäßigen Spielrhytmus sind: Özil, Götze, Schweinsteiger, Klose, auch Schürrle war beim FC Chelsea eher ein Einwechselspieler. Die haben zum Teil nicht das absolute Selbstvertrauen.

Wird das Spiel gegen Frankreich einfacher, weil es ein Gegner auf Augenhöhe ist.
Zumindest hat die Mannschaft in diesem Spiel auch wieder etwas zu gewinnen.

Christoph Daum, können Sie als Trainer schon einen Trend bei dieser WM ablesen?
Die Dreierkette kommt in der Abwehr wieder in Mode.

Brasilien, Argentinien, die Niederlande, Deutschland, Frankreich sind aktuell noch mit im Turnier…
... und auch die Kolumbianer haben mir sehr gut gefallen, die sollte man auf der Rechnung haben.


Wer wird es am Ende machen?
Die Zeiten der uneingeschränkten Favoriten sind vorbei. Bei Ihrer Auswahl kann jeder jeden schlagen. Und in einem Viertelfinale sind es Details, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Ein falscher Schiedsrichterpfiff, die individuelle Klasse eines Einzelnen, die Tagesform. Alle Genannten können den Weltpokal theoretisch mit nach Hause nehmen – auch die deutsche Mannschaft.

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