03.07.2014

Kann Deutschland Weltmeister werden, Christoph Daum?

»Joachim Löw braucht B- und C-Pläne«

Christoph Daum verfolgt die deutsche Mannschaft vorort in Brasilien. Der Motivator hat seine ganz eigene Sicht auf das DFB-Team. Er findet Philipp Lahm besser als Außenverteidiger, sieht in Sami Khedira den heimlichen Chef und hält den Bundestrainer für einen souveränen Primus inter Pares.

Interview: Tim Jürgens Bild: imago

Christoph Daum, Sie haben das Achtelfinale gegen Algerien im Stadion verfolgt. Wie fanden Sie es?
Ich bin doch nicht der Vordenker und Besserwisser zur aktuellen Situation der deutschen Mannschaft.

Aber?
Nein, ich respektiere die Arbeit von Joachim Löw in jeglicher Hinsicht. Schließlich ist er ein sehr erfolgreicher Nationaltrainer, dem zur Krönung seiner Arbeit nur der Titel fehlt. Und nichts, das wissen wir beide, ist erfolgreicher als der Erfolg.

Dennoch plädieren Sie dafür, Philipp Lahm aus dem Mittelfeld wieder auf seine angestammte Außenverteidigerposition zu setzen.
Das meine ich nicht als Kritik, denn im Fußball gibt es immer unterschiedliche Meinungen, sonst würden alle ein- und dasselbe System spielen. Ich kann nur sagen, dass ich gewisse Dinge anders machen würde.

Das heißt?
Ich habe eine andere Vorstellung von der Spielweise und davon, wie man eine Mannschaft mit den vorhandenen Spielerpersönlichkeiten ausbalanciert. An einigen Stellen würde ich Leute eher ihren Fähigkeiten entsprechend einsetzen.  


Was hat sich verbessert, als Philipp Lahm vor der Verlängerung gegen Algerien nach hinten rechts gewechselt ist.
Lahm kann genauso wie Khedira dem Mittelfeld Stabilität geben, keine Frage. Aber wenn ein Trainer Leute wie Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira hat, kann er Weltklassespieler wie Lahm gewinnbringender einsetzen.

Warum ist Lahm außen besser?
Weil er zu seiner Klasse auf der Außenposition gereift ist und bewiesen hat, wieviel er von dort für das Spiel tun kann. Von dort ist er noch wertvoller.

Nach dem Algerien wurde das Umschaltspiel der deutschen Elf kritisiert.
Wir erleben gegenwärtig eine absolute Verdichtung des Mittelfelds. Spiele werden heute aus dem Mittelfeld heraus gemacht, auch wenn sie natürlich vor dem Tor entschieden werden. Im Mittelfeld aber wird die Spielkontrolle erarbeitet. Hier wird das schnelle Umschaltspiel kreiert, was von vielen als das rasante Erarbeiten von Torchancen verstanden wird. Umschaltspiel meint aber auch die Rückwärtsbewegung, dass Angriffsspieler schnell wieder in die Verteidigungslinie zurückkehren, wenn ein Gegenangriff erfolgt. Das spielt die Nationalelf, sie liegt damit also im Trend. Allerdings mangelt es dem Team manchmal beim schnellen Umschalten in die Tiefe.

Wo konnte man das im Algerien-Spiel erleben?
Bis zur Einwechslung von Andre Schürrle war die Mannschaft zu sehr auf sichere Ballzirkulation ausgelegt und entwickelte nur wenig Dynamik nach vorne. Als Schürrle dann reinkam, hat er Zug in die Sache gebracht und ist in die Löcher gestoßen. Kurz: Er war ein belebendes Element.

Vor der Verlängerung hielt nicht der Bundestrainer die Ansprache an die Mannschaft, sondern Hansi Flick und teilweise sogar Sami Khedira. Wie deuten Sie diese Aufteilung?
Ihr Journalisten bekommt in solchen Situationen natürlich Munition. Das ist klar. Aber für mich ist es ein Zeichen, wie sehr Joachim Löw die Fäden in der Hand hält. Er hat immer bekräftigt, dass er flache Hierarchien schätzt. Khedira ist ein verlängerter Arm des Trainers, ein Typ, auf den die Mitspieler hören. Manchmal ist es in solchen Situationen besser, wenn andere sprechen.

Was hat das für einen Effekt?
Sie müssen sich vorstellen, dass der Trainer schon in der Vorbereitung ständig Ansprachen gehalten hat, direkt vor dem Match, wahrscheinlich auch in der Halbzeit. Wenn er in so einer Situation Verantwortung an Leute delegiert, denen er vertraut, ist das ein Zeichen seiner Stärke. Ich bin sicher, dass alles, was wir da gesehen haben, unter seiner Federführung geschieht. Und, keine Sorge, im Stillen wird er dem ein oder anderen auch ein paar Worte gesagt haben.

Kommt nach schlauchenden 90 Minuten in so einer hitzigen Phase überhaupt noch etwas bei Spielern an?
Das kommt auf den Einzelnen an. Da braucht ein Coach Fingerspitzengefühl. Es gibt Spieler, die brauchen fachliche Informationen: »Mach die linke Seite zu?« oder »Achte mehr auf den Sechser«. Andere brauchen eher emotionale Informationen: »Junge, zwei Dinger waren schon weltklasse, setz nochmal nach, dann machst Du Dein Tor« Es ist wichtig, dass die Mannschaft insgesamt mit einer optimistischen Stimmung in die Verlängerung geht, den Glauben behält, dass alles gut ausgeht.

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