04.01.2011

Kalli Kamp über Drill und Netzer

»Bis einer kotzen musste«

Werder-Legende Karl-Heinz Kamp war es in seiner aktiven Zeit nicht vergönnt, einen Pokal in Händen zu halten. An ihm lag es nicht, stellte er doch Netzer, Overath und all die anderen Feinmechaniker kalt. Hier erinnert er sich.

Interview: Maik Großmann Bild: imago
In der neuen Spielzeit wurde dann alles anders. Entgegen aller hanseatischen Vernunft nahm Werder nicht vorhandenes Geld in die Hand kaufte die so genannte Speckflaggenelf zusammen. Ist die Mann­schaft von diesen Plänen überrumpelt worden?

Der Grundgedanke war ja eigentlich richtig. Werder wusste, die Ablösesummen würden nächstes Jahr hochgesetzt. Sonst hatte ein Nationalspieler immer 120.000 oder 150.000 Mark gekostet, und danach ging es dann los mit 500.000 oder 600.000 für gute Spieler. Deswegen wollte der Verein noch mal los und einkaufen gehen, bevor die festen Ablösen fallen.

Andere Vereine haben das nicht gemacht.

Ich schätze, wir hatten da durch unseren neuen Präsidenten Dr. Böhmert und seine Verbindungen zum DFB einige Vorteile oder womöglich sogar einen Wissensvorsprung. Von der Logik her finde ich die Sache auch heute immer noch in Ordnung. Als Mannschaft waren wir damals vielleicht nicht unbedingt begeistert. Aber unternehmen konnten wir dagegen sowieso nichts. Nun war ich aber auch gerade 22 oder 23 und hab mir keine Gedanken gemacht, ob der Verein damit richtig oder falsch liegt. Meine einzige Sorge war, dass ich spielen muss, schließlich hat es damals ja auch noch nicht viel Geld gegeben. Ich musste sehen, dass ich ein paar Mark Prämie mache, damit ich die Miete bezahlen kann.

Der Kader wurde mit hochprominenten Spielern aufgemotzt, sogar Günter Netzer wäre fast noch gekommen. Wie sehr haben Sie um Ihren Stammplatz gebangt?

Natürlich war das für uns, die wir vorher gespielt haben, nicht ganz so einfach. In den Aufstel­lungen, die in der Zeitung standen, tauchten unsere Namen ja gar nicht mehr auf. Aber wir haben um unsere Plätze ge­kämpft. Ich weiß noch, der Egon Coordes und der Bernd Lorenz zum Beispiel, die haben dann in der Vorbereitung schon mal die 18er Stollen angezogen. Ich selbst hab auch mächtig um meinen Platz kämpfen müssen. Manchmal ging es so hoch her im Training, dass das eigentliche Spiel dagegen fast Erholung war.

Umso erstaunlicher, dass die Rakete nicht gezündet hat. Gerade der Konkurrenzkampf hätte die Mannschaft doch eigentlich voran bringen müssen.

Der Fehler lag in der Zusammensetzung. Die Leute sind einfach eingekauft worden, weil sie preiswert waren, aber von den einzelnen Positionen her hat das nicht funktioniert. Darauf hatte niemand geachtet. Es war aber nicht so, dass die Neuen unseren Teamgeist vergiftet hätten. Die Jungs waren alle in Ordnung und nett. Neid war in der ganzen Mannschaft kein Problem.

Die verschworene Gemein­schaft, die Werder laut Max Lorenz in den 60ern gewesen war, hat es zu Ihrer Zeit also immer noch gegeben?

Das war immer noch ganz genau so. Montags zum Beispiel haben wir uns immer nach dem Training im Gasthof Grothenn’s getroffen, denn das war die einzige Kneipe mit König-Pilsener. Oder wenn es uns ganz schlecht ging, dann haben wir gesagt, komm’, jetzt hauen wir uns mal alle einen in den Kopp und sprechen uns richtig aus, und dann geht das alles wieder. Das kam auch schon mal vor. Es sind zwar immer viele Spieler gekommen und gegangen, aber dass mal einer menschlich nicht dazu gepasst hätte, das war wirklich ganz selten. Auch zu Zeiten der Millionenelf.

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