Kalli Kamp über Drill und Netzer

»Bis einer kotzen musste«

Werder-Legende Karl-Heinz Kamp war es in seiner aktiven Zeit nicht vergönnt, einen Pokal in Händen zu halten. An ihm lag es nicht, stellte er doch Netzer, Overath und all die anderen Feinmechaniker kalt. Hier erinnert er sich. Kalli Kamp über Drill und Netzer

Hallo, Herr Kamp. Sie haben von 1970 bis 1984 für Werder Bremen gespielt. Würden Sie von einer schönen Zeit sprechen?

Eigentlich schon, denn für mich als junger Mann ist die Bundesliga immer ein Traum gewesen. Natürlich war es oft auch sehr schwer in all den Jahren.  


Eben. Die 70er waren das einzige Jahrzehnt, in dem Werder keinen Titel geholt hat. Sie haben fast nichts anderes als Klassenkampf bis hin zum einzigen Abstieg erlebt. Sicher hatten Sie sich ihre Karriere etwas anders ausgemalt.

Klar hätte ich lieber weiter oben gestanden, aber mehr als in der Bundesliga zu spielen habe ich im Grunde nie gewollt. Ein paar Jahre vorher hatte ich schon ein Angebot aus Gladbach, aber da war ich erst 18 und wollte noch nicht von zu Hause weg. Zu Werder kam ich dann durch »Zapf« Gebhardt, der mich vor seiner Bremer Zeit in Fürth trainiert hatte. Natürlich galt Werder damals auch als solider, vernünftiger Verein in der Tradition der Bremer Kaufmannsleute und so weiter. Aber in Wahrheit wollte ich nur in diese Liga.

Trotz aller Klarsicht hatte Werder sich in Ihnen aber getäuscht.

Stimmt, ich bin als Stürmer eingekauft worden und hab in Rüsselsheim auch meistens im Angriff gespielt. Als ich dann hier war, stellte sich aber raus, dass Andere doch etwas torgefährlicher waren. Ich konnte dafür ganz gut laufen und wurde dann auf andere Weise wertvoll.

Wie denn genau?

Ich war vor allem kämpferisch ganz gut dabei. Wir haben ja damals auch noch nicht Raumdeckung gespielt, sondern im­mer nur Mann gegen Mann. Da hieß es, du spielst gegen den, und du kannst gut laufen und spielst deshalb gegen den anderen. Ich hatte immer das Glück, gegen Netzer oder Overath zu spielen, das war schön für mich. Die konnte ich dann richtig bearbeiten und aus dem Spiel rausnehmen und selbst noch was probieren. Schwieriger war es zum Beispiel gegen „Hacki“ Wimmer, weil der selbst so viel gelaufen ist. Solchen Leuten ist man einfach nur hinterhergerannt und hat sich mit ihnen neutralisiert. Dann hat man das ganze Spiel über keinen Ball gesehen. Das war irgendwie typisch für die 70er Jahre.

Gleich in Ihrem ersten Jahr ging es mächtig rund im deutschen Fußball: Der große Bundesligaskandal kam ins Rollen. Was waren das für Zustände damals in der Liga?

Wir haben das natürlich gehört. Auf dem Platz wurde dann auch eine Menge gefrotzelt nach dem Motto „Lasst uns gewinnen“. Aber trotzdem ist bei uns niemals mit Geld gespielt worden. Grundsätzlich hab ich nur vom Hörensagen davon mitbekommen, immer nur Gerüchte und nie etwas Konkretes. Und das volle Ausmaß haben wir dann selbst erst erfahren, als auf der berühmten Gartenparty alles aufgeflogen ist.

Werder kämpfte bis kurz vor Saisonschluss noch um ein Uefa-Cup-Ticket. Gegen Schmiergelder war die Mannschaft also immun. Wie sicher sind Sie, dass es sonst nicht anders gekommen wäre?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich kann nur sagen, dass wir als Spieler uns überhaupt nicht um so was gekümmert haben. Es gab da ein Spiel in Oberhausen, das haben wir gewonnen. Später hieß es dann, jemand anderes hätte etwas dafür geboten. Wir wollten ja sowieso gewinnen und hätten wahrscheinlich das Geld glatt genommen. Aber das wäre natürlich ein Fehler gewesen.

Gutes Stichwort, denn in derselben Spielzeit bekam Werder noch Punkte am grünen Tisch zugeschoben. Grund war der legendäre Pfostenbruch.

Das war natürlich eine unglaubliche Hektik, und niemand hatte eine Ahnung, was passieren soll. Wir dachten ja selbst auch, es gibt eine Wiederholung. Es stand jedenfalls 1:1, was für uns ein prima Ergebnis war. Deswegen haben wir verzweifelt versucht, das Tor wieder aufzustellen und die letzten zwei Minuten noch zu spielen, während die Gladbacher genau das verhindern wollten. Ein Wiederholungsspiel war denen natürlich lieber. Ich hab noch ganz genau Jupp Heynckes vor Augen, der immer wieder hinten ins Netz getreten hat, damit das Tor wieder umfällt. Vor allem daran kann ich mich gut erinnern.

In der neuen Spielzeit wurde dann alles anders. Entgegen aller hanseatischen Vernunft nahm Werder nicht vorhandenes Geld in die Hand kaufte die so genannte Speckflaggenelf zusammen. Ist die Mann­schaft von diesen Plänen überrumpelt worden?

Der Grundgedanke war ja eigentlich richtig. Werder wusste, die Ablösesummen würden nächstes Jahr hochgesetzt. Sonst hatte ein Nationalspieler immer 120.000 oder 150.000 Mark gekostet, und danach ging es dann los mit 500.000 oder 600.000 für gute Spieler. Deswegen wollte der Verein noch mal los und einkaufen gehen, bevor die festen Ablösen fallen.

Andere Vereine haben das nicht gemacht.

Ich schätze, wir hatten da durch unseren neuen Präsidenten Dr. Böhmert und seine Verbindungen zum DFB einige Vorteile oder womöglich sogar einen Wissensvorsprung. Von der Logik her finde ich die Sache auch heute immer noch in Ordnung. Als Mannschaft waren wir damals vielleicht nicht unbedingt begeistert. Aber unternehmen konnten wir dagegen sowieso nichts. Nun war ich aber auch gerade 22 oder 23 und hab mir keine Gedanken gemacht, ob der Verein damit richtig oder falsch liegt. Meine einzige Sorge war, dass ich spielen muss, schließlich hat es damals ja auch noch nicht viel Geld gegeben. Ich musste sehen, dass ich ein paar Mark Prämie mache, damit ich die Miete bezahlen kann.

Der Kader wurde mit hochprominenten Spielern aufgemotzt, sogar Günter Netzer wäre fast noch gekommen. Wie sehr haben Sie um Ihren Stammplatz gebangt?

Natürlich war das für uns, die wir vorher gespielt haben, nicht ganz so einfach. In den Aufstel­lungen, die in der Zeitung standen, tauchten unsere Namen ja gar nicht mehr auf. Aber wir haben um unsere Plätze ge­kämpft. Ich weiß noch, der Egon Coordes und der Bernd Lorenz zum Beispiel, die haben dann in der Vorbereitung schon mal die 18er Stollen angezogen. Ich selbst hab auch mächtig um meinen Platz kämpfen müssen. Manchmal ging es so hoch her im Training, dass das eigentliche Spiel dagegen fast Erholung war.

Umso erstaunlicher, dass die Rakete nicht gezündet hat. Gerade der Konkurrenzkampf hätte die Mannschaft doch eigentlich voran bringen müssen.

Der Fehler lag in der Zusammensetzung. Die Leute sind einfach eingekauft worden, weil sie preiswert waren, aber von den einzelnen Positionen her hat das nicht funktioniert. Darauf hatte niemand geachtet. Es war aber nicht so, dass die Neuen unseren Teamgeist vergiftet hätten. Die Jungs waren alle in Ordnung und nett. Neid war in der ganzen Mannschaft kein Problem.

Die verschworene Gemein­schaft, die Werder laut Max Lorenz in den 60ern gewesen war, hat es zu Ihrer Zeit also immer noch gegeben?

Das war immer noch ganz genau so. Montags zum Beispiel haben wir uns immer nach dem Training im Gasthof Grothenn’s getroffen, denn das war die einzige Kneipe mit König-Pilsener. Oder wenn es uns ganz schlecht ging, dann haben wir gesagt, komm’, jetzt hauen wir uns mal alle einen in den Kopp und sprechen uns richtig aus, und dann geht das alles wieder. Das kam auch schon mal vor. Es sind zwar immer viele Spieler gekommen und gegangen, aber dass mal einer menschlich nicht dazu gepasst hätte, das war wirklich ganz selten. Auch zu Zeiten der Millionenelf.

Als das geplante Spitzenteam aus Werder nichts wurde, waren die Stars bald wieder verschwunden. Sie dagegen waren nur als Talent verpflichtet worden, haben in all der Zeit aber immer gespielt. Noch nach sieben Jahren Werder hatten Sie ganze acht Spiele verpasst. Kann man da von Genugtuung sprechen?

Das kann man ganz sicher. Allerdings hab ich auch immer hart gekämpft und in jedem Training Vollgas gegeben. Mein Glück war, dass ich selten verletzt war und mit dem Laufen keine Probleme hatte. Schließlich hatten wir Trainer wie Zapf Gebhardt und Fritz Langer, die zwar menschlich völlig in Ordnung waren, aber auch ganz viel Unsinn verlangt haben. Bei Gebhardt haben wir nach jedem Training noch zehn mal 200 Meter laufen müssen. Da war man dann zwar wochenlang topfit und hat alles niedergerannt, aber irgendwann hat sich das gerächt. So war es aber damals einfach üblich. Normal war auch: erstes Saisontraining vor Zuschauern und dann ein so harter Drill, bis einer kotzen musste. Und die Leute haben geklatscht.

Wie stand es überhaupt um die Bundesliga in dieser Zeit? Man denkt an Beckenbauer, Netzer und Overath. Die Zuschauerzahlen waren trotzdem reichlich mäßig. Manche Spiele fanden vor weniger als 5.000 Fans statt.

Allein an deutschen National–spielern war schon sehr viel Qualität vorhanden. Ich hab ja auch anfangs noch gegen Uwe Seeler gespielt. Nur das große Geld war eben noch nicht da, und nach dem Skandal hatte die Liga grundsätzlich wohl ein Imageproblem. Dann die alten Stadien, die schlechte Infrastruktur. Allein das Weserstadion war ja lange Zeit kaum bundesligatauglich. Einzig die Südtribüne war ein bisschen überdacht, sonst hat alles im Freien gestanden. Ich glaube, wir hatten selten mehr als 15.000 Zuschauer. Finanziell war das für den Klub ein großes Problem.

Ab Mitte der Siebziger hielt Werder sich nur noch mit Talenten über Wasser. Schon 1975 kam es beinahe zum Abstieg. Waren Sie nie versucht, woanders Ihr Glück zu versuchen?

Ich hatte da mal ein Angebot aus Braunschweig, aber großes Geld gab es damals ja ohnehin nicht zu verdienen. Es ging mehr darum, dass man sich wohlfühlt, dass man spielt und dass man anständig behandelt wird. Und genau das hab ich hier gefunden. Ich hab Werder schon viel zurückgegeben, bin aber vor allem in den Jahren auch immer sehr gut behandelt worden. Wahrscheinlich hätte ich woanders auch nicht mehr verdienen können, das war damals ja vergleichsweise lachhaft. Ich glaube, ich habe hier angefangen mit 1800 brutto. Dazu gab es vielleicht mal ein Handgeld ab und zu. Und man musste halt sehen, so 400 Mark gab es für einen Sieg, dass man zwei Mal gewinnt. Dann ist man gut über die Runden gekommen. Bei einem früheren Abstíeg wäre es sicherlich etwas anderes gewesen. Aber so hab ich an einen Wechsel nie wirklich gedacht.

Zu rechnen war mit besagtem Abstieg dann beinahe jeden Moment. Vor der Saison 1977/78 kam es kurz zum Lizenzentzug, anschließend reichte es mit Ach und Krach zum 15. Platz. Lauter können Warnsignale kaum sein.

Grundsätzlich haben wir immer aufs Neue gedacht, dieses Jahr haben wir nichts damit zu tun. Aber Werder war einfach dauerklamm. Ich kann mich an eine Weihnachtsfeier im Saal der alten Südtribüne erinnern. Da saßen wir bei Butterkuchen und haben alle unser Weihnachtsgeld bekommen: 130 Mark. Einmal hat sogar noch Willy Scharnow, der große Bremer Reisekaufmann, eine Belohnung ausgesetzt und hat der Mannschaft 200.000 DM geboten, wenn wir nicht absteigen. Das war dem Verein eine sehr große Hilfe.

Zu dieser Zeit hatte bereits Rudi Assauer die Hebel in der Hand. Sie waren zeitgleich mit ihm in Bremen angekommen und haben dann erlebt, wie er fast über Nacht vom Mitspieler zum Manager und zeitweise sogar zum Trainer wurde. Das muss seltsam sein für eine Mannschaft.

Klar, das war schon eine komische Situation. Letztendlich hab ich aber kein Problem damit gehabt, und die meisten anderen auch nicht. Bei den Älteren sah das vielleicht etwas anders aus.

Horst-Dieter Höttges bekam eine schriftliche Kündigung, Dave Watson nannte Assauer einen »Alleinherrscher«. Stimmen Sie zu?

Ja, das ist er ein Stück weit schon gewesen. Er war eben sehr von sich überzeugt, und das kam sicher nicht bei jedem gut an. Sehr überraschend war vor allem sein Abgang. Wir waren gerade ab- und wieder aufgestiegen, und man hatte natürlich gedacht, es geht mit ihm weiter. Ich weiß noch, wie er gesagt hat, hier gäbe es keine Chance, Meister zu werden und auf Schalke sehe er die besseren Perspektiven. Danach sind wir dann drei Mal Deut–scher Meister geworden und drei Mal Pokalsieger.

1979/80 war es dann so weit: Werder stieg zum ersten Mal aus der Bundesliga ab. Wie selbstverständlich war es für Sie, mit in die Zweite Liga zu gehen?

Das war keine Frage, ich war zehn Jahre hier und wollte hier auch bleiben. Außerdem war ich da auch schon 32 oder 33 Jahre alt. Und dann hat mir der Rudi auch schon angeboten, dass ich mein Gehalt weiter bekomme und dafür dann nebenbei als Amateurtrainer anfange. Und dann war die Sache schnell klar.

Letztendlich fand Werder im Abstieg dann sogar seinen Frieden, vorher waren aber nicht nur Geld und Spieler, sondern auch reihenweise Trainer verschlissen worden. Wolfgang Weber zum Beispiel mochte nach seiner Entlassung nie wieder einen anderen Klub übernehmen. Hans Tilkowski soll von der Mannschaft gestürzt worden sein. War Werder in den 70ern untrainierbar?

Ich würde es eher andersrum sehen. Dass das keine guten Trainer waren, würde ich mir nicht anmaßen zu sagen, aber es hat einfach nie so richtig gepasst. An Otto Rehhagel hat man das dann ja deutlich gesehen, denn der war einfach zu 100 Prozent der Richtige. Auch beim ersten Mal schon. Wir als Spieler hatten uns da schon unheimlich für ihn stark gemacht. Aber leider hatte er in Dortmund schon zugesagt.

Insgesamt waren es elf Trainer, die Sie während Ihrer aktiven Zeit haben kommen und gehen sehen, einige davon sogar mehrfach. Hat das dazu beigetragen, dass sie später lieber Assistent geblieben sind?

Das nicht unbedingt. Es war eher so, dass ich mich selbst sehr gut einschätzen konnte, und das war ganz einfach das Richtige für mich. Auch in der jahrelangen Arbeit als Amateurtrainer hab ich das herausgefunden. Und so viel sicherer ist der Job schließlich nicht, denn heute wird mit einem Trainer ja meist auch der Co-Trainer entlassen, und jeder Neue bringt seinen eigenen Assistenten mit. Es ist also gar nicht normal, dass man so viele Trainer als Co-Trainer hat. Aber ich fühle mich eben längst als ein Werderaner, und so haben sie das zum Glück auch in den oberen Etagen immer gesehen. Da hatte ich dann den nötigen Rückhalt.


Mit freundlicher Genehmigung von fussballdaten.de

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