04.01.2011

Kalli Kamp über Drill und Netzer

»Bis einer kotzen musste«

Werder-Legende Karl-Heinz Kamp war es in seiner aktiven Zeit nicht vergönnt, einen Pokal in Händen zu halten. An ihm lag es nicht, stellte er doch Netzer, Overath und all die anderen Feinmechaniker kalt. Hier erinnert er sich.

Interview: Maik Großmann Bild: imago

Hallo, Herr Kamp. Sie haben von 1970 bis 1984 für Werder Bremen gespielt. Würden Sie von einer schönen Zeit sprechen?

Eigentlich schon, denn für mich als junger Mann ist die Bundesliga immer ein Traum gewesen. Natürlich war es oft auch sehr schwer in all den Jahren.  


Eben. Die 70er waren das einzige Jahrzehnt, in dem Werder keinen Titel geholt hat. Sie haben fast nichts anderes als Klassenkampf bis hin zum einzigen Abstieg erlebt. Sicher hatten Sie sich ihre Karriere etwas anders ausgemalt.

Klar hätte ich lieber weiter oben gestanden, aber mehr als in der Bundesliga zu spielen habe ich im Grunde nie gewollt. Ein paar Jahre vorher hatte ich schon ein Angebot aus Gladbach, aber da war ich erst 18 und wollte noch nicht von zu Hause weg. Zu Werder kam ich dann durch »Zapf« Gebhardt, der mich vor seiner Bremer Zeit in Fürth trainiert hatte. Natürlich galt Werder damals auch als solider, vernünftiger Verein in der Tradition der Bremer Kaufmannsleute und so weiter. Aber in Wahrheit wollte ich nur in diese Liga.

Trotz aller Klarsicht hatte Werder sich in Ihnen aber getäuscht.

Stimmt, ich bin als Stürmer eingekauft worden und hab in Rüsselsheim auch meistens im Angriff gespielt. Als ich dann hier war, stellte sich aber raus, dass Andere doch etwas torgefährlicher waren. Ich konnte dafür ganz gut laufen und wurde dann auf andere Weise wertvoll.

Wie denn genau?

Ich war vor allem kämpferisch ganz gut dabei. Wir haben ja damals auch noch nicht Raumdeckung gespielt, sondern im­mer nur Mann gegen Mann. Da hieß es, du spielst gegen den, und du kannst gut laufen und spielst deshalb gegen den anderen. Ich hatte immer das Glück, gegen Netzer oder Overath zu spielen, das war schön für mich. Die konnte ich dann richtig bearbeiten und aus dem Spiel rausnehmen und selbst noch was probieren. Schwieriger war es zum Beispiel gegen „Hacki“ Wimmer, weil der selbst so viel gelaufen ist. Solchen Leuten ist man einfach nur hinterhergerannt und hat sich mit ihnen neutralisiert. Dann hat man das ganze Spiel über keinen Ball gesehen. Das war irgendwie typisch für die 70er Jahre.

Gleich in Ihrem ersten Jahr ging es mächtig rund im deutschen Fußball: Der große Bundesligaskandal kam ins Rollen. Was waren das für Zustände damals in der Liga?

Wir haben das natürlich gehört. Auf dem Platz wurde dann auch eine Menge gefrotzelt nach dem Motto „Lasst uns gewinnen“. Aber trotzdem ist bei uns niemals mit Geld gespielt worden. Grundsätzlich hab ich nur vom Hörensagen davon mitbekommen, immer nur Gerüchte und nie etwas Konkretes. Und das volle Ausmaß haben wir dann selbst erst erfahren, als auf der berühmten Gartenparty alles aufgeflogen ist.

Werder kämpfte bis kurz vor Saisonschluss noch um ein Uefa-Cup-Ticket. Gegen Schmiergelder war die Mannschaft also immun. Wie sicher sind Sie, dass es sonst nicht anders gekommen wäre?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich kann nur sagen, dass wir als Spieler uns überhaupt nicht um so was gekümmert haben. Es gab da ein Spiel in Oberhausen, das haben wir gewonnen. Später hieß es dann, jemand anderes hätte etwas dafür geboten. Wir wollten ja sowieso gewinnen und hätten wahrscheinlich das Geld glatt genommen. Aber das wäre natürlich ein Fehler gewesen.

Gutes Stichwort, denn in derselben Spielzeit bekam Werder noch Punkte am grünen Tisch zugeschoben. Grund war der legendäre Pfostenbruch.

Das war natürlich eine unglaubliche Hektik, und niemand hatte eine Ahnung, was passieren soll. Wir dachten ja selbst auch, es gibt eine Wiederholung. Es stand jedenfalls 1:1, was für uns ein prima Ergebnis war. Deswegen haben wir verzweifelt versucht, das Tor wieder aufzustellen und die letzten zwei Minuten noch zu spielen, während die Gladbacher genau das verhindern wollten. Ein Wiederholungsspiel war denen natürlich lieber. Ich hab noch ganz genau Jupp Heynckes vor Augen, der immer wieder hinten ins Netz getreten hat, damit das Tor wieder umfällt. Vor allem daran kann ich mich gut erinnern.

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