Kalle Riedle über seinen Sohn Alessandro

»Er ist ein Diamant«

Eine Generation von Vorstoppern verzweifelte an Kalle Riedles Kopfballstärke. Der Schrecken geht weiter: Sein Sohn Alessandro hat beim VfB Stuttgart unterschrieben. Wir sprachen mit dem Vater über das Potenzial von »Air junior«. Kalle Riedle über seinen Sohn AlessandroImago

Herr Riedle, können Sie sich noch daran erinnern, an welchem Punkt Ihrer Karriere Sie mit 17 Jahren standen?

Ich glaube, ich war damals beim FC Augsburg in der Bayernliga und hatte schon die erste Doppelbelastung, weil ich für die A-Jugend und auch schon für die erste Mannschaft gespielt habe. Mein damaliger Leistungsstand ist aber schwer einzuschätzen.

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Ihr Sohn Alessandro hat in der vergangenen Woche einen Zweijahresvertrag beim VfB Stuttgart unterschrieben – seine erste Bundesligastation. Ist er in seiner Entwicklung schon weiter als Sie damals in dem Alter?

In einigen Sachen ist er sicher weiter als ich, in anderen Dingen weniger – das hebt sich am Ende wahrscheinlich gegenseitig auf. Ich habe damals erst mit 19 Jahren bei einem Bundesligisten unterschrieben (Blau-Weiß 90 Berlin, Anm. d. Red.), hätte das aber auch schon früher machen können.

Inwieweit haben Sie als Vater die Wechselentscheidung von Alessandro beeinflusst?

Er hat mich natürlich nach meinem Rat gefragt, und ich habe gesagt: An Deiner Stelle würde ich Stuttgart vorziehen.

Wäre es nicht vielleicht besser gewesen, wenn er noch ein, zwei Jahre in Zürich geblieben wäre?

Er hat bei den Grashoppers in den letzten drei Jahren eine super Ausbildung genossen, die Jugendarbeit hier in der Schweiz ist wirklich gut. Er hätte hier in der ersten Schweizer Liga sehr wahrscheinlich Stammspieler werden können, das war sportlich gesehen für ihn nicht uninteressant. Zumal er hier alles kennt und sich schon einiges erarbeitet hat. Aber in seinem Alter musst du schon sehen, dass du vorankommst, und bei den Grashoppers war nicht ganz klar, wie es weitergeht. Bleibt oder geht der Trainer, wer wird sein Nachfolger, bleibt das Management und Präsidium? Es ging ein bissl drunter und drüber.

Warum Stuttgart? Waren auch andere Vereine, zum Beispiel Ihre Ex-Clubs Werder Bremen und Borussia Dortmund interessiert?

Es gab auch noch ein paar Anfragen von anderen Vereinen, ja. Den Ausschlag gab, dass der VfB sich wahnsinnig um ihn bemüht hat und man da auch weiß, dass sie eine klare Linie haben und jungen Spielern eine Chance geben, wenn sie gut genug sind. Dort muss er jetzt erst einmal hinkommen und sich die Chance verdienen, irgendwann in der ersten Mannschaft zu spielen. Ich habe mich für Stuttgart entschieden, weil das für einen jungen Spieler wie ihn im Moment die beste Lösung ist. Außerdem ist das nicht so weit weg vom Elternhaus, und man kann ihn auch mal besuchen, wenn irgendetwas ist.

Sie waren bis zum Frühjahr 2008 Sportdirektor bei Grashoppers Club Zürich. Hat das Ihrem Sohn den Weg in die erste Mannschaft erleichtert?

Überhaupt nicht. Als ich damals ein bisschen was für den Verein gemacht habe, ist Alessandro gerade erst in die U16 gekommen. Meine Tätigkeit hat ihm also weder geholfen noch geschadet. Obwohl es ganz sicher auch Leute in dem Verein gibt, die mich nicht mögen. Da musste er sich schon durchbeißen und das hat er auch gut gemacht.

Wann haben Sie gemerkt, dass Alessandro genug Talent hat, es in die Bundesliga zu schaffen?

Als er ein ganz junger Spund war, so zwischen 4 und 8 Jahren, habe ich gedacht, er wird mal ein ganz Großer. In dieser Zeit waren wir gerade nach England gezogen, und ich habe viel mit den Kindern im Garten gespielt, da war er für sein Alter sensationell. Dann hatte er leider ein schlechtes Erlebnis und fast mit dem Fußball aufgehört. In diesen zwei Jahren ist er ein bisschen auseinander gegangen, dann kam auch noch die Pubertät dazu. In dieser Zeit hat er in seiner Entwicklung eine Menge liegen gelassen, was er jetzt wieder aufholen muss. Aber in den letzten drei Jahren konnte man dann schon sehen, dass er was kann. Er hat sich wahnsinnig weiterentwickelt, vom Körper und seiner Einstellung her. Er hat einen großen Ehrgeiz und will unbedingt. Das sind gute Merkmale, aber er muss sicher auch noch einiges lernen.

Was sind die fußballerischen Stärken Ihres Sohnes? Hat er Ihre legendäre Sprungkraft und das starke Kopfballspiel geerbt?

Er ist relativ kalt vor dem Tor, hat einen super Abschluss und einen sehr guten rechten Fuß, der linke ist noch verbesserungsfähig. In der Luft hat er eigentlich die gleiche Gabe wie ich und kann absolut hoch springen, aber auf dem Platz zeigt er das noch überhaupt nicht. Daran muss er noch arbeiten, aber die Fähigkeit hat er. Er weiß noch nicht genau, wo die Bälle hinkommen. Dieses blinde Verständnis, das ein Stürmer haben muss, zu riechen, wo die Bälle landen werden, das fehlt ihm noch. Für ihn ist jetzt entscheidend, dass er viele Spiele hat. Da ist die Dritte Liga perfekt, weil er da genügend Spielpraxis hat und auch die nötige Härte kriegt, die er dann braucht, um oben zu bestehen.

Das heißt, wir werden Alessandro in der nächsten Saison noch nicht in der Bundesligamannschaft des VfB Stuttgart im Einsatz sehen?

Man weiß es nie, vielleicht geht es auch viel schneller. Ich habe Lionel Messi damals bei einer Nachwuchs-WM in Holland gesehen und schon gemerkt, dass er ein guter Spieler ist. Aber ich hätte nie gedacht, dass er in einem Jahr so einen großen Schritt macht. Bei so jungen Spielern ist die Entwicklung immer schwer zu beurteilen.

Also ist Alessandro in zwei Jahren auch ein Weltstar wie Messi heute?

Das glaube ich nicht, aber es ist alles möglich. Sein Körper ist gut. Er muss noch ein bisschen schneller werden, obwohl er eigentlich von unten heraus einen guten Antritt hat. Er ist ein Diamant, aber er muss noch geschliffen werden. Nur dann kann er es auch schaffen.

Haben Sie Angst, dass Alessandro immer an Ihren Leistungen und Erfolgen gemessen wird und an den hohen Erwartungen zerbricht?

Er wird wahrscheinlich schon hin und wieder mal mit mir verglichen werden, aber ich habe ihn inzwischen schon abgehärtet. Solche Sachen gehen bei ihm in einem Ohr rein und im anderen wieder raus, und genauso sollte es auch sein.

Benjamin Kirsten, der Sohn ihres ehemaligen Sturmpartners in der Nationalmannschaft, Ulf Kirsten, steht bei Dynamo Dresden im Tor. Ist es für ihn vielleicht einfacher, weil er auf einer komplett anderen Position spielt und nicht ständig mit seinem Vater verglichen werden kann?

Das kann ich schwer beurteilen. Klar wird es weniger Vergleiche geben, weil Ulf ja nie im Tor gespielt hat, da gibt es weniger Parallelen. Bei Alessandro stand das aber nie zur Diskussion. Er war schon immer Stürmer.

Sie kennen sowohl die Glanz- als auch die Kehrseiten des Fußballgeschäfts. Hätten Sie sich lieber gewünscht, dass Ihr Sohn einen soliden Beruf erlernt?

Nein, ich hab ihn weder ins Fußball-Business gedrängt, noch habe ich ihn aufgehalten. Er hat das Talent, und es war immer sein großer Traum, Fußballprofi zu werden. Wenn man die Chance und das Talent hat, diesen Beruf auszuüben, würde ich das allem vorziehen. Es gibt so viele schöne Momente im Fußball, die man in keinem anderen Job so erleben kann. Aber es ist trotzdem ein harter Beruf, und ich versuche ihm auch immer vor Augen zu halten, dass es nicht so einfach geht. Es gibt genügend Talente in dem Alter, da brauchen wir uns nichts vormachen. Und es schaffen nur ganz wenige nach oben. Und wenn er schon Fußballprofi werden will, dann auch ganz nach oben.

Sie machten vor Ihrer Profikarriere eine Lehre zum Metzger, dem Beruf ihres Vaters. Hätten Sie sich für Alessandro etwas Ähnliches vorstellen können?

Nein, diese Lehre war sozusagen mein Abhärtungsmittel und der Grund, warum ich unbedingt Fußballprofi werden wollte. Metzger wollte ich eigentlich nie werden, mein Vater hat mir das damals im Prinzip aufgedrückt. Er hatte ein Geschäft, und ich war der einzige Sohn mit vier Schwestern. Er hat mir das zur Bedingung gemacht, den Beruf zu erlernen, falls mal etwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Für mich war es eine harte Lehre, aber vielleicht hat es mir auch viel geholfen. Trotzdem, Alessandro würde ich das nicht zumuten.

Wann kehren Sie wieder auf die Fußballbühne zurück? Wie sieht die weitere Karriereplanung aus?

Ich hab damals, als ich aus England zurückgekommen bin, eine Entscheidung zugunsten der Familie getroffen. Ich wollte nicht gleich ins Trainergeschäft einsteigen, dann wäre es so weitergegangen wie vorher, dass ich ein Jahr hier und ein Jahr da gewesen wäre. Das wollte ich nicht. Jetzt muss ich mal schauen. Der Große ist jetzt draußen, das war schon mal wichtig. Der Kleine hat noch ein Jahr, und vielleicht werde ich dann mal meinen Trainerschein machen. Jucken würde es mich schon. Ich habe auf jeden Fall die Motivation, irgendwann mal Trainer zu werden.

Wie kam eigentlich dieser doch etwas ungewöhnliche Name Alessandro zustande? Welcher Lazio-Spieler stand dafür Pate?

Keiner. Da gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Mir hat der Name schon immer ganz gut gefallen. Und wie der Zufall es wollte, habe ich gerade in Rom gespielt habe, als wir einen Namen gesucht haben – da war Alessandro gar nicht so ungewöhnlich. Sein Spitzname ist Ale.

Beim AC Mailand wird die Rückennummer 3 von Paolo Maldini solange nicht mehr vergeben, bis sein Sohn vielleicht eines Tages in den Profikader aufrückt. Soll Alessandro auch ihre 13 auf dem Rücken tragen?

Ich hab beim VfB Stuttgart mit Jochen Schneider (Sportdirektor, Anm. der Red.) und Horst Heldt mal gesprochen, ob er nicht die Nummer 13 bekommen kann – und ich glaube, sie haben sie zumindest für ihn reserviert.

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