Juri Schlünz und Axel Schulz über den Triumph der Vokuhilas

»Wir wollten Hansa am Leben erhalten«

Juri Schlünz wird heute 50 Jahre alt. Im Interview mit Axel Schulz erinnert er sich der ehemalige Hansa-Rostock-Profi an die letzte DDR-Meisterschaft der Geschichte, zu viel Salat und ein Pferd am Ostseestrand. Juri Schlünz und Axel Schulz über den Triumph der Vokuhilas
Heft#114 05/2011
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Juri Schlünz, Axel Schulz – Sie sind beide alteingesessene Rostocker. In der Meistersaison 1990/91 gehörten Sie schon zum alten Eisen. Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie kurz vor Saisonbeginn erfuhren, dass nur die ersten sechs Mannschaften in den bezahlten gesamtdeutschen Fußball aufgenommen werden?

Juri Schlünz: Ich habe meine ganzes Fußballerleben bei Hansa verbracht und meine größte Sorge war, dass wir den Sprung in die Bundesligen nicht schaffen würden. Uns allen war klar, dass dann die Lichter in Rostock ausgegangen wären. Das war also unser Anspruch in dieser Saison: Hansa Rostock am Leben zu erhalten.

Axel Schulz: Für mich gab es keine Alternative zu Hansa, woanders hätte ich nie spielen wollen. Ich brauche nun mal die Ostsee wie die Luft zum Atmen und Hansa zum Fußball spielen. Wir alle hatten uns vor Saisonbeginn auf das Ziel sechster Platz eingeschworen. Ohne die Qualifikation für die Bundesliga wären wir heute sicherlich nicht da wo wir sind.

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Der Erfolg dieser Saison ist eng mit dem Namen Uwe Reinders verbunden. Was machte er besser?

Axel Schulz: Er machte vor allem vieles anders. Vorher trainierten wir in der Vorbereitung teilweise vier Mal am Tag. Da verlor man schon mal die Lust. Unter Uwe Reinders wurde dann kürzer und nicht mehr so häufig trainiert und er hatte auch eine andere Art der Ansprache. Das kam gut bei uns an.

Juri Schlünz: Das fanden wir natürlich schon mal super! Außerdem trainierten wir nicht mehr so häufig, dafür aber intensiver und  abwechslungsreicher. Und wenn ihm unsere Leistung im Training besonders gefiel, dann konnte es schon mal vorkommen, dass er uns den Nachmittag frei gab. Eine völlig neue Situation für uns.

Axel Schulz: Da fällt mir eine schöne Anekdote aus dem Training ein: Bei einer Übung, wo wir nach Flanken die Bälle volley aufs Tor schossen, traf bei den ersten zehn Versuchen keiner die Kiste. Uwe Reinders unterbrach und ließ sich selbst einen Ball von außen zuspielen. Der kam alles andere als optimal und er zimmerte ihn genau in den Winkel. Er verzog keine Miene und sagte nur trocken: »So, weitermachen«. Dieses Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen hat er vorgelebt und uns eingeimpft. Auch davon haben wir profitiert.

Was änderte sich noch unter dem neuen Trainer?

Juri Schlünz: Die Ernährung. Ich trank zu Hause eigentlich nur Cola, bis mir Uwe klar machte, dass ich als Sportler doch bitteschön auf Wasser umsteigen solle. Das tat ich mit Hingabe. Ich trank jeden Tag literweise »Staatlich Fachingen« . Ich dachte, dass es genau das richtige für mich sei.

Spürten Sie die Folgen der Veränderungen?

Axel Schulz: Ich brauche mir nur unsere Fotos von damals anzuschauen – wir sahen schon alle ziemlich schlank aus! So viel Salat wie in dieser Saison habe ich in meinem Leben nie wieder gegessen.

Juri Schlünz: Früher trafen wir uns vor den Heimspielen immer in einem Rostocker Hotel, um uns auf Vereinskosten die Bäuche voll zu schlagen. Da gab es dann deftige Hausmannskost und anschließend Eis mit Kuchen. Eine Stunde später standen wir schon auf dem Platz. Das Motto lautete: Wenn wir sowieso verlieren, dann wenigstens mit vollem Magen.

Das traditionelle Hotelessen wurde abgeschafft?

Juri Schlünz: Das war Geschichte.  Mit ein paar Mitspielern trafen wir uns zum Nudelnessen in meiner Wohnung. Alles frisch zubereitet durch meine Frau. Keine Cola, keine Hausmannskost – ich war bald dünn wie eine Gerte und konnte laufen wie ein Wahnsinniger.

Axel Schulz: Uwe Reinders lud sogar die Spielerfrauen ein, um ihnen zu erzählen, welches Essen sie ihren Männern zubereiten sollten.

Wie griff Reinders noch in Ihren Alltag ein?

Juri Schlünz: Das fing schon mit den ersten Trainingseinheiten an. Er sagte uns: »Jungs, ich bin immer für euch zu erreichen. Hier ist meine Telefonnummer.« Als er die Zettel verteilen wollte, sagte ich: »Trainer, ich habe gar kein Telefon.« Er schaute mich an, als hätte ich ihm gerade gesagt, ich sei vom Mars. Dann meldeten sich auch meine Kollegen. Eine Telefon war damals in Rostock eine Seltenheit.

Das war allerdings nicht die einzige kuriose Konfrontation zwischen Wessi und Ossi...

Juri Schlünz: Nach einer Trainingseinheit am Nachmittag sagte Uwe zu uns: »Jungs, jetzt geht ihr in die Sauna, lasst euch massieren, dann geht’s um 19 Uhr nach Hause.« Ich sagte: »Das geht nicht!« »Wieso?« »Ich muss um halb sechs meine Kinder aus  dem Kindergerten abholen. Meine Frau hat heute Spätschicht.« Für ihn war das unbegreiflich. Er meinte nur: »Dann sag deiner Frau, ab heute braucht sie nicht mehr arbeiten zu gehen. Jetzt verdienst du das Geld.«

Wie haben Sie reagiert?

Juri Schlünz: Ehrlich gesagt,  ich  fand  die Antwort ziemlich cool! (lacht) Aber meiner Frau  wollte natürlich  weiterarbeiten.



Dennoch: Der Erfolg gab den Methoden von Reinders schließlich recht. Zur Winterpause führte Hansa Rostock, in der DDR als »Fahrstuhlmannschaft« gebrandmarkt, sensationell die Tabelle in der DDR-Oberliga an.

Axel Schulz: Nur schade, dass ich zur Winterpause bereits nicht mehr mitmachen konnte...

Warum?

Axel Schulz: Weil mir Juri im Training das Kreuzband zertreten hatte! (lacht)

Sie lachen?

Juri Schlünz: Kurz zuvor hatte Axel eine Invalidenversicherung abgeschlossen, also wollte ich ihn rechtzeitig vor dem Karriereende absichern (beide lachen). Kleiner Scherz. Eine unglückliche Grätsche, das passiert schon mal.

Sie, Juri Schlünz, sollen ja eh ein richtiger Heißsporn gewesen sein. Ihr damaliger Kollege Henri Fuchs verriet uns, dass Sie vor den Spielen gerne mit gefletschten Zähnen an die Kabinen des Gegners hämmerten und brüllten: »Kommt jetzt raus, ihr Feiglinge!« Das kann man sich heute gar nicht vorstellen.

Juri Schlünz: Das war Uwes größte Waffe: Er hat uns mit seiner Leidenschaft und seinem Enthusiasmus angesteckt. Früher hätten wir beispielsweise eigentlich nie gegen Carl Zeiss Jena antreten müssen, die Punkte hätten wir ihnen auch per Post zuschicken können. Perry Bräutigam, ein ehemaliger Jenenser, sagte mir Jahre später: »Euch brauchte man in den ersten Minuten nur ein paar Mal tüchtig auf die Stöcker treten, dann war das Spiel schon gewonnen.«

Und das änderte sich unter Reinders?

Juri Schlünz: Auf jeden Fall. Ihm war es völlig egal, ob der Gegner nun Dynamo Dresden, BFC Dynamo oder Carl Zeiss Jena hieß. Er wollte einfach jedes Spiel gewinnen.

Wie motivierte er Sie in der Kabine vor den Spielen?

Axel Schulz: Auf ganz unterschiedliche Weise. Mal malte er uns das Horrorszenario an die Wand und erinnerte an die Existenzangst, die dieser letzten DDR-Oberligasaison anhaftete.  Ein anderes Mal faltete er scheinbar grundlos einen Spieler zusammen. Uwe Reinders sorgte dafür, dass immer alle unter Spannung standen und niemand sich zufrieden zurücklehnte. Ein Beispiel: Einmal aß einer von uns einen Tag vor dem Spiel auf dem Flughafen ein Eis. Uwe Reinders machte ihn deswegen zur Minna. Wenn er ihn beim Rauchen erwischt hätte, wäre wohl nichts passiert.

Juri Schlünz: Häufig erzählte er uns auch Dinge, die er in seinem Alltag als westdeutscher Neuling in der DDR erlebt hatte. Im Neubaugebiet Rostocks  gab es damals nur eine  große Tankstelle, davor staute sich natürlich immer eine lange Schlange. Ein Mercedesfahrer versuchte sich allerdings vorzudrängeln. Uwe erzählte uns, wie er dem dreisten Kerl gedroht hatte: »Wenn du den Zapfhahn berühst, dann haue ich dir den Arm ab!« Das fanden wir natürlich großartig. Dieser Wessi war einer von uns!

Axel Schulz: In dieser Saison passte einfach alles und wir erlebten eine unerwartet erfolgreiche Saison. Der frische Wind, der mit Uwe Reinders kam, beflügelte alle. Ich kann mich an ein Spiel gegen Vorwärts Frankfurt erinnern, als mir mein Gegenspieler mitten im Spiel sagte: »Mann, habt ihr das gut in Rostock! Bei uns läuft alles im alten Trott.«

Hansa Rostock hatte in diesem Jahr sogar einen richtigen Paradiesvogel in den eigenen Reihen: Paul Caliguri, der erste US-Amerikaner im DDR-Fußball!

Axel Schulz: Für ihn war natürlich vieles neu und ungewohnt. Juri hat sich um ihn gekümmert, das hat ihm das Einleben erleichtert.

Juri Schlünz: Nach den ersten Wochen im Hotel, zog Paul in  eine Neubauwohnung in den fünften Stock.  Ich wohnte im Nachbarhaus. Ich zeigte ihm die Stadt und sorgte dafür, dass er sich schnell eingewöhnte.

Gab es keine Differenzen zwischen dem US-Boy und dem altgedienten DDR-Sportler?

Juri Schlünz: Eigentlich nicht. Bis auf eine Ausnahme: Ich zeigte ihm den Ostseestrand in Warnemünde und er war sichtlich begeistert. Mit seinem lustigen Akzent sagte er: »Wonderful! Das ist perfect zum Reiten! Juri, wo bekomme ich hier ein Pferd?« Er wollte tatsächlich einen Gaul, um mit seiner Frau an der Ostsee entlang zu reiten. Ich war völlig von den Socken und antwortete: »Paul, unser Strand hat noch nie ein Pferd gesehen!«

Mit Caliguri in der Stammformation wurden Sie am Ende dieser letzten DDR-Saison Meister und Pokalsieger. Wann war Ihnen klar, dass sie die Meisterschaft gewinnen würden?

Juri Schlünz: Eigentlich erst, als wir vier Spieltage vor Saisonende mit 3:1 gegen Dynamo Dresden gewannen und dadurch auch rechnerisch vorzeitig Meister waren. Natürlich hatten wir auch schon vorher mal einen Gedanken an die Meisterschaft verschwendet, wir führten schließlich fast die gesamte Saison über die Tabelle an. Aber über allem stand der Einzug in den bezahlten Fußball.

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