24.05.2008

Jupp Tenhagen im Interview

»Nur die Spitzen geschnitten«

Was macht Ihr Friseur eigentlich hauptberuflich? Jupp Tenhagen weiß nicht, wie oft ihm diese Frage gestellt wurde. Wir sprachen mit dem Bochumer Urgestein über buschige Koteletten, die VfL-Familie und wie er fast den Kaiser beerbt hätte.

Interview: Ralf Piorr Bild: Imago
Vor der WM 1978 in Argentinien standen Sie im Kader der Nationalmannschaft.

Ich habe am Abschlusslehrgang in Malente teilgenommen, und dann ist der Kader noch einmal reduziert worden. Rudi Seliger, Manfred Burgsmüller und ich sind schließlich nicht berücksichtigt worden.

Viel verpasst haben Sie nicht.

(lacht) Nein, das kann man nicht sagen. Ich war seit 1972 im Umfeld der Nationalmannschaft, erst bei den Junioren, dann in der B-Elf und schließlich wurde ich 1977 erster Nationalspieler des VfL Bochum. Im Sommer 1977 nahm ich an der Südamerika-Reise teil mit Spielen in Mexiko, Argentinien, Uruguay und im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro vor 160.000 Zuschauer. Dort wurde ich eingewechselt und habe nur 15 Minuten auf dem Platz gestanden, aber die werde ich nie vergessen. Natürlich ist man nach solchen Erlebnissen auch ambitioniert, und hofft, an der WM teilzunehmen. Welcher Fußballer will das nicht? Davon träumen tausende.

Als Sie 1973 zum VfL Bochum kamen, war der Verein längst noch nicht etabliert.

Der Verein wurde in den Medien als »graue Maus« bezeichnet und das ist ja bis heute nicht abgelegt worden. Der VfL Bochum steht hier in der Region schon im Schatten der Traditionsvereine Borussia Dortmund und Schalke 04, aber deswegen müssten die Erfolge eigentlich umso höher bewertet werden. Für uns war es in den 1970er Jahren Saison für Saison ein Überlebenskampf. Mit sehr geringen Mitteln hielten wir uns in der höchsten Spielklasse. Wir hatten nur das alte Ruhrstadion mit der kleinen Tribüne und einem Fahrradschuppen. Das große Plus des Vereins bestand darin, dass er durch die Person Ottokar Wüst ganz anders geführt wurde. Er sprach immer von »der großen Familie des VfL Bochum«, und das war kein Schlagwort, sondern die hat es wirklich gegeben. Jahrelang war Heinz Höher unser Trainer, der bei aller Sachkompetenz ein kumpelhaftes Verhältnis zu uns pflegte. Es gab Freiräume, Höher drückte schon mal ein Auge zu, aber jeder kannte auch die Grenzen. Er arbeitete gerne mit der Mannschaft, und das haben wir beim Training, beim Spiel und nach dem Spiel in der Vereinskneipe auch gemerkt. Wir sind mit den Frauen und Kindern ins Trainingslager nach Gran Canaria gefahren. So etwas gab es bei keinem anderen Bundesligisten.

Welche Rolle spielte die Person Ottokar Wüst?

Wüst war wie ein Vater für uns. Ich würde ihn nicht als Patriarchen bezeichnen, da er sehr demokratisch und kooperativ war. Er wirkte rhetorisch sehr geschult und strahlte nach außen einfach etwas aus. Als ich damals noch zu Oberhausener Zeiten vor dem Wechsel stand, war mir nach dem ersten Gespräch mit ihm klar, dass ich zum VfL gehen würde. Wüst war eine Vaterfigur, der man trauen konnte.

Vertrauen und eine Art von Beständigkeit spielten für Sie also eine Rolle.

Das gehört zu meinem Charakter. Ich bin sehr Heimat verbunden und bodenständig. Nicht umsonst war Uwe Seeler mein großes Vorbild. Mein Vater war einfacher Postangestellter und meine Mutter Hausfrau, wie es eben früher üblich war. Ich habe eine ältere Schwester und hatte einen älteren Bruder, der allerdings mit 16 Jahren tödlich verunglückt ist. Mit einer Kreidler, frontal vor den Baum, doppelter Schädelbasisbruch. Damals gab es noch keine Helmpflicht. Ich war zwölf Jahre, als es passierte, und habe natürlich alles mitbekommen. (Pause.) Es war am Abend des 17. Juli. So etwas kann man nicht vergessen. (Pause.) Auch er war ein guter Fußballer und so mancher in unserem Heimatverein Fortuna Millingen sagte: »Der Herbert hatte sogar noch mehr Talent als der Jupp.«

War der familiäre Charakter Bochums strategisches Plus in der Konkurrenz zu anderen Vereinen?

Mit Sicherheit. Ata Lameck, Dieter Bast, Jochen Abel, Lothar Woelk, Walter Oswald und wie sie alle heißen. Jeder hat sich mit dem Verein hundertprozentig identifiziert. Dadurch entstand ein unglaublicher Zusammenhalt in der Mannschaft. Es gab Konkurrenz untereinander, aber keinen Neid. Jeder wollte spielen, aber es haben auch diejenigen mitgefiebert, die auf der Bank gesessen haben, was im heutigen Profigeschäft nicht immer der Fall ist. Nur so und mit den Leuten und Charakteren konnte der Mythos der „Unabsteigbaren“ entstehen - und er hat so lange gehalten, wie wir gespielt haben.

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