24.05.2008

Jupp Tenhagen im Interview

»Nur die Spitzen geschnitten«

Was macht Ihr Friseur eigentlich hauptberuflich? Jupp Tenhagen weiß nicht, wie oft ihm diese Frage gestellt wurde. Wir sprachen mit dem Bochumer Urgestein über buschige Koteletten, die VfL-Familie und wie er fast den Kaiser beerbt hätte.

Interview: Ralf Piorr Bild: Imago
Jupp Tenhagen, lassen Sie uns die Pflichtfragen für einen Bochumer Spieler der 1970er Jahre gleich zu Anfang klären: Das Spiel gegen Bayern!

Am 18. September 1976. (lacht) Der kleine VfL führt zur Halbzeit gegen die großen Münchener mit Beckenbauer, Maier, Müller, Hoeneß & Co. mit 3:0. Das hatte es noch nie gegeben, und wir waren in der Kabine völlig euphorisiert. Unser Trainer Heinz Höher versuchte noch, zu bremsen. Er sagte alles das, was ein Trainer in solch einer Situation sagen muss: »Bleibt ruhig. Das Spiel dauert noch 45 Minuten und ist längst noch nicht gewonnen« und so weiter. Aber wer wollte das hören? Wir jedenfalls nicht. Wir wollten die Bayern so richtig nass machen. Dann fiel das 4:0 durch Sammy Pochstein. Jeder rannte nur noch nach vorne. Plötzlich machten die Bayern innerhalb von zehn Minuten drei Tore. Wir kapierten erst gar nicht, was da passierte. Der Rest ist bekannt. Bayern führte schließlich sogar mit 5:4, uns gelang noch der Ausgleichstreffer und in der letzten Minute startete Uli Hoeness einen Alleingang von der Mittellinie aus und erzielte den Siegtreffer. Der VfL bekam ein legendäres Spiel und die Bayern die Punkte.



Pflichtfrage Nr. 2: Die Frisuren. Gab es einen Einheitsschnitt?

Einen Schnitt? (lacht) Viel geschnitten wurde nicht, nur die Spitzen. Der Friseur hatte eher weniger zu tun. Lange Haare und Kotletten gehörten damals einfach dazu, obwohl so manche wilde Frisur heute durchaus komisch wirkt. In den 1980ern kam Wolfgang Kleff, der mit Gladbach mehrfach Deutscher Meister geworden war, zum VfL und half mit beinah 40 Jahren bei uns aus. Seine Markenzeichen waren die Ähnlichkeit mit Otto Waalkes, deswegen nannten ihn alle nur »Otto«, und die langen Haare. Von der Matte her sahen wir uns also relativ ähnlich. Jedenfalls fuhren wir nach Bremen zum Auswärtsspiel. Ich stieg aus dem Bus aus und da kam so ein Knirps auf mich zu gerannt und sagte: »Herr Kleff, können Sie mir ein Autogramm geben!«

Ihre Profistationen waren RW Oberhausen, VfL Bochum und Borussia Dortmund. Hat es Sie nie gereizt, aus dem Ruhrgebiet wegzugehen?

Ich habe zu der Zeit, als ich im Kader der Nationalmannschaft war, viele Angebote bekommen. Das interessanteste kam mit Sicherheit vom FC Bayern München. Franz Beckenbauer wechselte 1977 zu Cosmos New York, und ich sollte dessen Nachfolge antreten. Dettmar Cramer, damals Trainer der Bayern, wollte mich unbedingt haben. Mich persönlich hat es sportlich gereizt, aber meine damalige Frau wollte hier bleiben, und es kam für mich nicht in Frage, den Schritt ohne meine Frau und meine Kinder zu machen. Hätte sie damals »ja« gesagt, wäre ich allerdings nach München gegangen. So bin ich hier bei meiner Familie und beim VfL Bochum geblieben.

Denken Sie darüber nach, was gewesen wäre wenn?

Einerseits ist es müßig, darüber nachzudenken, weil ich auch so mit meiner Karriere zufrieden bin. Andererseits spekuliert jeder Mensch gerne. Mit Sicherheit hätte meine Karriere als Spieler des FC Bayern München einen anderen Verlauf genommen, gerade auch im Hinblick auf die Nationalmannschaft. Es war und ist bis heute unbestreitbar ein größeres Plus, Bayern München auf seinem Spielerpass stehen zu haben als VfL Bochum. Es ist toll, in Bochum von den Fans bis heute als Legende verehrt zu werden. Das schmeichelt mir und dafür bin ich auch dankbar, aber trotzdem bleibt in manchen Momenten die Frage, ob ich nicht eine andere sportliche Herausforderung hätte suchen sollen.

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