Jupp Heynckes im Interview

»Ich wollte nicht mehr«

Jupp Heynckes im InterviewDominik Pietsch

Jupp Heynckes, Sie haben in den Neunzigern gesagt, dass Sie mit spätestens 60 nicht mehr auf der Trainerbank sitzen wollen.

Im Laufe eines Trainerlebens sagt man so einiges. Aber Sie haben schon Recht: Ich bin jetzt seit 1979 Cheftrainer, bei verschiedenen Bundesligaklubs, im In- und Ausland. Während dieser Zeit glaubt man nicht immer, dass man mit über 60 noch als Trainer fungieren wird.

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Warum haben Sie in Leverkusen unterschrieben?

Ein triftiger Grund war, dass die fünf Wochen bei Bayern München viel Spaß gemacht haben. Ich habe gemerkt, dass mir die Arbeit mit jungen Menschen etwas bedeutet. Natürlich habe ich auch gewusst, dass Bayer Leverkusen eine talentierte Mannschaft mit vielen jungen Spielern hat, die immer wieder hervorragenden Fußball spielte, aber letztlich die Konstanz vermissen ließ.

Sie mussten der Elf beibringen, dass es auch für ein schmutziges 1:0 drei Punkte gibt.

Das habe nicht ich gesagt, das kam von einem Journalisten. Ich habe nur gesagt, dass man enge Spiele gewinnen muss, auch wenn es nicht immer attraktiv aussieht. Bayer 04 hat stets Angriffsfußball gespielt, so wie die Spieler gerade drauf waren: Wenn es gut geht, geht es gut, wenn nicht, haben wir Pech gehabt. Das ist natürlich nicht meine Philosophie.

Was ist denn Ihre Philosophie?

Zunächst mal braucht es eine gute Defensivorganisation. Jeder muss wissen, was er in der Vorwärts- und Rückwärtsbewegung zu leisten hat. Ein gutes Spiel ist abhängig von taktischer Ordnung und taktischer Disziplin. Ich habe versucht, der Mannschaft einiges mit auf den Weg zu geben: dass man Schiedsrichterentscheidungen respektiert, sich nicht verbal mit dem Gegenspieler auseinandersetzt und nicht vom Publikum beeinflussen lässt.

Haben Sie den Spielern damit ein Aha-Erlebnis verschafft?

Es ist eher ein langsamer Reifeprozess. Die Mannschaft muss ökonomischer spielen, sie muss lernen, ein Spiel zu kontrollieren und Tempowechsel vorzunehmen. Das alles hat sie vorher nicht beherrscht, vielleicht auch ignoriert.

Haben Sie sich als Trainer geändert? Man rühmt Ihre neue Gelassenheit.

Vielleicht lege ich heute mehr Wert auf meine Außendarstellung. Ich bin immer ein Mann des Trainingsplatzes gewesen, und es bedeutet mir nach wie vor nicht so viel, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen, wie das vielleicht bei anderen der Fall ist.

Sie kämen auch ohne Medienrummel aus?

Ja, klar.

Manchmal ist es doch ganz schön, seine Vision vom Fußball unter die Leute zu bringen.

Ich habe mich auch schon dabei ertappt, dass es mir gefallen hat, wenn sich ein Politiker oder eine andere öffentliche Person gut und eloquent präsentiert hat. Dass ich gedacht habe: Der ist gut, der hat was zu verkaufen.

Haben Sie sich früher unter Wert verkauft?

Ich habe auf Öffentlichkeitsarbeit einfach keinen Wert gelegt. Aber ich habe eingesehen, dass das durchaus von Bedeutung ist, weil man den Klub repräsentiert. Außerdem wollen die Fans Teil des Ganzen sein, schauen Sie sich nur mal die Internetforen an: Die Leute leben und sterben für ihren Klub. Es ist vieles anders als früher, deshalb bin ich der Meinung, dass die Öffentlichkeit partizipieren sollte.

Kaum einer ist als Spieler und Trainer so lange in der Bundesliga wie Sie. Wie hat sich der Fußball in all den Jahren verändert?

Rasant. Auf dem Platz, aber auch außerhalb, wenn man die Vermarktung sieht. Wenn Sie heute den Fernseher einschalten, können Sie es fast nicht mehr vermeiden, Fußball zu schauen. Früher hat man sich drei Tage auf ein Länderspiel gefreut, das übertragen wurde.

Und auf dem Platz?

Früher hatte man viel mehr Raum. Wenn ich heute Acht gegen Acht trainieren lasse, auf zwei kleine Tore, mache ich das, weil ich meine Spieler dazu bringen muss, auf reduziertem Raum Lösungsmöglichkeiten zu finden. Im Spiel machen defensiv eingestellte Mannschaften die Räume so eng, dass man das im Training immer wieder simulieren muss.

Hat das den Job als Trainer anspruchsvoller gemacht?

Natürlich. Heute ist alles viel schneller, athletischer. Ich bin ein Verfechter von präzisem Passspiel. Der Ball, das Passspiel, Laufwege, Doppelpässe – das ist das A und O! Damit sind die Spanier Europameister geworden.

Lässt sich das auf Bayer 04 übertragen?

Es gibt eine wichtige Parallele: Auch hier sind viele Spieler, die schon lange zusammenspielen. Das ist das Geheimnis des FC Barcelona: Die Spieler kennen sich über Jahre und haben dadurch einen größeren Respekt voreinander. Real Madrid kann kaufen, was es will – die haben ja gerade den ganzen Markt leer gekauft – doch Barcelona wird immer den anspruchsvolleren, den perfekten Kollektivfußball spielen.

Hört sich an, als wären Sie Barcelonafan, obwohl Sie Real Madrid trainiert haben.

Ich erfreue mich am Spiel von Barcelona, aber ich bin kein Fan. In Madrid habe ich noch viele Freunde. Aber es ist eben ein Unterschied, ob eine Mannschaft über Jahre wächst oder kurzfristig mit Superstars zusammengestellt wird.

Hat es Sie damals eher zufällig ins Ausland verschlagen?

Nachdem ich vier Jahre bei Bayern München war, stellte sich die Frage: Kann ich in der Bundesliga noch etwas Höheres erreichen? Als das Angebot von Athletic Bilbao kam, habe ich mir gesagt: »Komm, geh’ das Abenteuer ein.« Das war sicher ein gewagter Schritt, weil ich kein Spanisch sprach, im Nachhinein war es aber eine große Bereicherung, als Trainer und Mensch.

War es schwieriger, Bilbao und Teneriffa in den UEFA-Cup zu führen, als mit Real Madrid die Champions League zu gewinnen?

Nein, das war auch schwierig! (lacht) Wenn Real das nach 32 Jahren endlich wieder schafft, ist das schon etwas Außergewöhnliches. Das eine ist mit dem anderen nicht zu vergleichen, es hängt ja auch immer von den Zielsetzungen der Vereine ab. Daran scheitern heute viele junge Trainer, die es wesentlich schwerer haben als ich zu meiner Zeit. Bei den Klubs gibt es keine Geduld mehr. Wenn ich sehe, dass ein Trainer seine Sache gut macht, motiviert ist, motivieren kann und über eine gute Menschenführung verfügt, muss ich ihn unterstützen und nicht nach zwei oder drei Niederlagen einknicken.

Junge Trainer versuchen sich oftmals durch exzessive Datenerhebungen abzusichern. Wie halten Sie es damit?

Das läuft bei uns auch und ich registriere das. Aber es ist und bleibt ein Hilfsmittel. Außerdem habe ich schon mal im Vorfeld eines Laktattests zu unserem Fitnesstrainer gesagt: »Ich sage dir jetzt, wer welche Ergebnisse hat.« Aus der Erfahrung weiß man vorher, wer in der Spitzengruppe liegt, wer in der Mitte und wer am Ende. Trotzdem möchte ich auf die wissenschaftlichen Daten nicht verzichten, weil man durch sie ein Feedback bekommt: Entweder man wird bestätigt oder man kann das eine oder andere korrigieren.

Lernen Sie noch dazu?

Ja, selbstverständlich. Jeden Tag. Zum Beispiel, dass ich unserem rasend schnellen Zeitgeist nicht immer folgen muss. Wenn es die jungen Menschen nicht lernen, ihr Leben zu organisieren, dann verzetteln sie sich. Deshalb ist es gerade heute sehr wichtig, dass man als Trainer in sich ruht und dieses Unaufgeregte, Gelassene auf die Mannschaft überträgt. Man muss heutzutage eher entschleunigen als beschleunigen.


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