Julian Schieber über gegnerische Fans und die lieben Kollegen

»Mensch Julian, du bist echt beliebt!«

Wer weiß noch, dass Julian Schieber den BVB in der vergangenen Saison ins Halbfinale der Champions League geschossen hat? Auf den ganz großen Durchbruch wartet der Stürmer trotzdem noch. Wir sprachen mit ihm.

Julian Schieber, am Anfang müssen wir Ihnen eine seltsame Frage stellen.
Ich bin gespannt.

Wie fühlt es sich für Sie an, wenn zehntausende Fans den Schiedsrichter im Stadion beleidigen?
Mittlerweile habe ich mich an die »Schieber, Schieber«-Sprechchöre gewöhnt. Meine Mitspieler machen sich aber immer noch einen Spaß daraus. »Mensch Julian«, sagen sie, »du bist echt beliebt!«

Sie könnten antworten: »Kein Wunder, in Wahrheit habe ich den BVB ins Halbfinale der Champions League geschossen.«
Ein typischer Torklau. (lacht) Nein, Spaß beiseite, das 3:2 gegen Malaga gehört natürlich Felipe Santana. Letztendlich war es auch egal, wer die Bude macht. Wichtig war, dass wir weiterkommen.

Können Sie die Schlussminuten dieses Spiel nochmal beschreiben?
Das war der absolute Wahnsinn. Wir haben in der Nachspielzeit ein 1:2 in ein 3:2 verwandelt. Als der Ball links vorm Tor plötzlich vor mir lag, habe ich einfach draufgehalten. Irgendwie rein, irgendwie in die Mitte. Und dann war das Ding drin. Der totale Adrenalinkick.

In jenen Wochen waren Sie richtig gut drauf. Kurz vor dem Malaga-Spiel haben Sie zwei Tore gegen den FC Augsburg erzielt. Jürgen Klopp hat Sie nach dem Spiel allerdings ein wenig auf die Schippe genommen. Wie kam’s?
Als ich vor dem Spiel in der Kabine saß, merkte ich, dass mir meine Haare ständig ins Gesicht fielen. Ich hatte meine Frisur über ein paar Wochen ein wenig vernachlässigt, denn mein Stammfriseur sitzt in Stuttgart, und ich war zuvor länger nicht dort gewesen. Ich dachte, die Strähnen würden mich im Spiel stören, und so habe ich mir klammheimlich die Tape-Schere unseres Physiotherapeuten ausgeliehen, um mir den Pony zu schneiden. Ich habe geglaubt, das fällt eh niemandem auf.

Stimmte aber nicht.
Das Gelächter war groß – es sah aber auch wirklich bescheuert aus. Nach dem Spiel bin ich sofort zum Friseur gegangen und habe den Haar-Unfall korrigieren lassen.

Als Kontrast zu diesen Spielen fällt uns eine Partie aus der aktuellen Saison ein. Das Pokalspiel gegen Wilhelmshaven Anfang August.
Ich war nicht im Kader, und ja, das war eine Situation, die nicht einfach war. Doch Marvin Duksch hatte sich im Gegensatz zu mir in der Vorbereitung empfohlen und seine Chance verdient.

Er machte in dem Spiel ein Tor und bereitete einen weiteren Treffer vor. Mit welchen Gedanken haben Sie auf der Tribüne gesessen?
Es ist nicht so, dass man innerlich durchdreht. Letztendlich habe ich mich auch gefreut, dass wir gewonnen haben und ich so die Chance habe, bei einem kommenden Pokalmatch zu spielen. Für manche mag eine solche Situation durchweg unbefriedigend sein, ich habe sie allerdings als Ansporn genommen.

Sie haben danach Selbstkritik geübt und gesagt, dass Ihnen Ihre eigene Körpersprache missfalle. Wie fällt einem Spieler so etwas auf? Analysieren Sie Ihre Körperhaltung am Fernseher?
Es ist ein Gefühl, das jeder Fußballprofi kennt. Manchmal steht man in schwierigen Phasen morgens auf und denkt: »Verdammt, Training heute.« Und dann gibt es Tage, da springst du vor Freude förmlich aus dem Bett.

Wie war es, als Sie in der vergangenen Saison Robert Lewandowski vertreten haben?
Lewi war gesperrt, und ich durfte von Anfang an ran. In der 31. Minute bekam ich meine zweite Gelbe Karte und musste wieder runter. Blöd gelaufen.

Und dann sind Sie den kompletten nächsten Tag im Bett geblieben?
Ich habe mir nicht zu viele Gedanken gemacht, denn ich wusste, dass das zwei unglückliche Situationen waren. Ich habe mir die Szenen auch noch einmal im Fernsehen angeguckt. Der Platzverweis war jedenfalls nicht eine Folge von Übermotivation oder dergleichen.

Aber mal ehrlich: Haben Sie der Chance nicht hinterhergetrauert?  
Natürlich ärgert man sich, aber ich war sehr froh, dass der Trainer mich nach der Sperre wieder gebracht hat – und dann kam das besagte Spiel gegen Augsburg.

Zu Stuttgarter Zeiten haben Sie mal gesagt: »Wenn ich auf der Bank sitze, bin ich unzufrieden.« Wie ist es heute?
Jeder Spieler will spielen, klar. Allerdings ist die Konkurrenzsituation in Dortmund eine ganz andere. Ich kann mich besser damit arrangieren.

Eine Zeitung hat Sie mal als »1B-Stürmer« betitelt. Nett oder unverschämt?
Ich versuche es zu vermeiden, zu viel in der Presse über meine Person zu lesen. Aber natürlich weiß ich, dass Robert Lewandowski gesetzt ist, und das auch vollkommen zurecht. Ich habe auch kein Problem mit ihm. Wir kommen gut miteinander aus.



So oder so: Wäre ein Wechsel zu einem Ligakonkurrenten, bei dem Sie in der Stammelf spielten, nicht von Vorteil? Sie standen immerhin mal bei Jogi Löw hoch im Kurs. Ende 2010 sagte er: »Von allen jungen Stürmern ist Julian Schieber am nächsten an der A-Elf dran.«
Ich will mich in Dortmund durchsetzen, denn ich fühle mich hier wohl. Das habe ich auch immer wieder gesagt. Und mit der Nationalelf beschäftige ich mich überhaupt nicht. Da gibt es etliche andere Spieler auf meiner Position, die eine Nominierung eher verdient hätten, weil sie über Jahre Top-Leistungen gebracht haben. Zum Beispiel Stefan Kießling.

Es wird dennoch seit Wochen über einen Wechsel spekuliert. Nervt das nicht?
Es gab zahlreiche Gerüchte...

...als mögliche Vereine wurden der HSV oder der VfL Wolfsburg genannt.
Vereinsnamen will ich nicht kommentieren, aber es stimmt, dass es Anfragen gab. Dennoch: Mein Berater und ich haben immer abgelehnt, und dabei wird es auch bleiben. Wie das an die Presse gelangt? Keine Ahnung. Ich könnte jetzt auf transfermarkt.de gucken und würde 15 neue Spieler finden, die laut irgendwelcher Quellen zu einem Verein wechseln, von denen aber sicher ist, dass sie überhaupt keine Wechselabsichten haben. Da darf man sich nicht verrückt machen lassen.

Herr Schieber, mögen Sie Ihre Spitznamen?
Sie meinen den »Bullen von Backnang«?

Zum Beispiel. Die Süddeutsche Zeitung nannte Sie auch mal eine »athletische Wuchtbrumme«.
(lacht) Ach, es gibt Mitspieler, die haben doch ein breiteres Kreuz. Aber ich weiß schon, was das ausdrücken soll: Ich bin ein Spielertyp, der kräftig ist und gerne richtig in die Zweikämpfe geht.

Würden Sie sich auf Dauer mit einer Position auf der Außenbahn anfreunden?
Ich habe ein paar Mal links vorne gespielt und mich dort wohl gefühlt. Als Stürmer hängst du ja oft minutenlang in der Luft, und manchmal hast du das Gefühl, das Spiel finde ohne dich statt. Auf der Außenbahn ist man besser involviert, hat mehr Ballkontakte. Das macht auf jeden Fall auch Spaß.

Sie könnten dann der »Flitzer von Backnang« werden.
Hauptsache meine Heimatstadt wird genannt. (lacht)

Sie sind ein heimatliebender Mensch. Wie kommen Sie eigentlich mit der manchmal schnoddrigen Pott-Schnauze zurecht?
Zunächst mal sind die Menschen hier und der Pott selbst nicht so schnoddrig, wie Sie vielleicht annehmen. Es gibt hier unglaublich viele Grünflächen, und die Menschen sind sehr herzlich. Abgesehen davon verbringe ich ja sehr viel Zeit mit meinen Mitspielern und die wenigsten sind aus dem Pott.

Wie häufig sind Sie noch in der Heimat?
Nicht mehr so oft, mir bleibt einfach zu wenig Zeit.

Aber Sie informieren sich noch jeden Sonntagabend, wie Ihr alter Verein SV Unterweissach gespielt hat?
Natürlich. Bald geht die Saison wieder los, Bezirksliga Rems/Murr. Viele meiner Freunde spielen noch dort.

Hand aufs Herz: Vermissen Sie als Profifußballer manchmal die Unbeschwertheit dieser Hobbykicker?
Nein, Fußball war immer mein Traumberuf und es ist toll, dass ich es geschafft habe.

Doch eine Weltreise konnten Sie nie machen.
Stimmt. Mein großer Traum war es, den Rucksack aufzuschnallen und dann einfach loszufliegen: ein oder zwei Jahre um die Welt, vor allem nach Südostasien, Laos, Kambodscha und Thailand. Einige meiner Freunde haben das gemacht und mir tolle Geschichten erzählt.

Kennen Sie den Film »Tom meets Zizou«?
Klar. Die große Reise des Thomas Broich. Ein guter Film. Leider habe ich ihn nie kennengelernt.

Könnte es denn auch irgendwann ein Option für Sie sein, tausende Kilometer entfernt ein neues Fußballleben anfangen?
Nein. Da darf man nicht zu romantisch denken. Der Fußball und dieser Reisewunsch sind für mich zwei völlig unterschiedliche Sachen. Sowieso habe ich gerade andere Dinge im Kopf als einen Trip um die Welt: Mein Fokus gilt jetzt Borussia Dortmund und dem Kampf um einen Platz im Kader.

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