Julian Draxler über die Kombination Schule und Profifußball

»Herr Bierhoff bot mir an, mit mir zu lernen«

Nationalspieler Julian Draxler über die Doppelbelastung aus Schule und Fußball, das Ausspielen des einen gegen das andere und den Anruf von Bundestrainer Löw im Geschichtsunterricht.

Herr Draxler, während die EM für Ihre Nationalmannschaftskollegen nicht so optimal verlief, hatten Sie Ihr persönliches Erfolgserlebnis: Sie haben Ihr Abitur abgelegt.
Stimmt, auch wenn es nur das Fachabitur ist.

Zwischenzeitlich sah es nicht danach aus: als Sie mit 17 Jahren bei Schalke einen Profivertrag unterschrieben haben und Ihr damaliger Trainer Felix Magath Ihnen dazu riet, die Schule ganz abzubrechen.
Ja, das war im Januar 2011. Und es waren turbulente Tage.

Immer mehr Sportler streben inzwischen einen Abiturabschluss an. Vielen fällt es schwer, beiden Ansprüchen gerecht werden zu können. Worin genau besteht das Problem?
Bei mir war das Komplizierte an dieser Zweigleisigkeit, dass ich einen sehr hohen Anspruch an mich habe. Übrigens auch der Verein, der mir früh einen Profivertrag gegeben hat. Als Profi gibt es nun mal keine Ausreden. Bei mir war es so, dass ich die Schule zwar nicht vernachlässigt habe, aber ich habe auf ein, zwei bessere Noten verzichtet. Ich habe in Kauf genommen, dass es schulisch mal nicht so gut läuft, um die Kraft zu sparen für den Sport.

Es ist also ein Kraftproblem?
So meine ich das gar nicht. Das Problem ist: Ich habe in zwei Welten gelebt. Auf der einen Seite in der Fußballwelt, wo so viele hinwollen. Andererseits ist man der normale Schüler. Da immer kühlen Kopf zu bewahren, sich manchmal zur Schule zu quälen, ist nicht immer leicht. Der Unterrichtsstoff ist ja auch anspruchsvoll.

Und wenn dann noch mitten in der Unterrichtsstunde der Bundestrainer anruft …
(lacht) Sie meinen meine Berufung in den vorläufigen EM-Kader! Als ich den Anruf bekam, saß ich tatsächlich im Unterricht. In der Pause habe ich meine Mailbox abgehört und zurückgerufen.

Welches Fach hatten Sie gerade, als der Anruf des Bundestrainers eintraf?
Moment, wenn ich mich recht entsinne – ja, es war Geschichte.

Hübsche Geschichte, oder?
Klar, ich war gedanklich ja schon im Urlaub. Ich hatte die Tasche gepackt für unsere Abschlussfahrt mit Schalke 04 nach New York.

Auch nicht schlecht!
Ja, die Tasche habe ich dann gerne wieder ausgepackt. Wobei die Jungs in New York eine Menge Spaß hatten, wie ich mir habe sagen lassen. Aber die Erfahrung, die ich bei der Nationalmannschaft gesammelt habe, ist um einiges wichtiger, auch wenn ich den Sprung in den endgültigen Kader nicht geschafft habe. Und New York? Das hole ich dann nach, wenn ich 21 bin. In irgendwelche Diskotheken dort wäre ich ja noch nicht reingekommen.

Hört sich alles besonnen an für einen 18-Jährigen. Sie sind jetzt Nationalspieler. Wie groß sind die Entbehrungen bis dahin?
Man muss nach dem Sport leben. Das hört sich vielleicht banal an, ist aber so. Man darf halt nicht jeden Tag Hamburger oder Pizza essen, braucht genügend Schlaf, um fit zu sein. Mit Diskotheken ist da nicht viel. Wenn man am Wochenende spielt und unter der Woche Schule hat, kann man nicht bis tief in die Nacht rumhängen. Das gehört zum Jugendlichsein zwar eigentlich dazu, aber während der Saison steht mir ohnehin nicht der Sinn danach.

Fehlt Ihnen das?
Nö, ich bin sowieso nicht der, der unbedingt feiern geht. Ab und zu habe ich auch mal das Bedürfnis. Aber einmal im Monat reicht mir, wenn überhaupt. Aber gerade das muss gemanagt sein.

Ist Ihnen diese Disziplin gegeben, oder ist das Einsicht in die Notwendigkeit?
Das ist wohl eine Mischung, glaube ich. Mein Papa war auch Fußballer, er weiß so in etwa, wie man sich auf die Spiele vorzubereiten hat. Meine Eltern haben mich da schon aktiv begleitet. Andererseits ist es ja auch logisches Denken: Wenn ich die Nacht vor einem Spiel zum Tage machen würde, kann ich nicht die beste Leistungen bringen.

Haben Sie das Gefühl, etwas zu verpassen?
Nein. Mein Freundeskreis ist der alte, mit ihm habe ich viele Supersachen erlebt. Auch die Auswärtsfahrten mit den unterschiedlichen Jugendmannschaften oder die Turniere im Ausland. Mir fehlt nichts.

Seit diesem Sommer haben Sie auch das Abitur in der Tasche. Aber was wäre gewesen, wenn Sie zur EM mitgefahren wären?
Die Termine wären kollidiert! Ich hätte die Prüfungen dann in den Ferien ablegen müssen. Aber es wäre gegangen. Das ist der Unterschied zu einem herkömmlichen Gymnasium.

Es gab damals mehrere Gespräche zwischen Ihnen, Ihrem damaligen Trainer Magath und Ihren Eltern. Das Argument Magaths war, das Abi könne der Junge später nachholen …
Richtig. Das war eine ganz schwere Entscheidung für meine Eltern und mich. Wir hatten drei Möglichkeiten. Zum einen hat Felix Magath ganz klar gesagt: Wenn ich auf dem Gymnasium bleibe, würde ich wichtige Trainingseinheiten verpassen. Meine Karriere als Fußballer würde nicht so schnell vorangehen. Die zweite Möglichkeit wäre das krasse Gegenbeispiel: Die Schule erst einmal unterbrechen, um zu gucken, wie schnell meine Karriere im Profifußball gehen kann. Und die dritte Möglichkeit, die wir letztlich gewählt haben, war die, auf die Gesamtschule Berger Feld zu wechseln und die Sache weiterhin zweigleisig laufen zu lassen.

Die Schule ist eine sogenannte Eliteschule des Fußballs. Hört sich dramatisch an.
Der Titel ist nicht so wichtig. Wichtig sind die Bedingungen. Die Schule grenzt unmittelbar an die Trainingsanlage des Vereins. Es sind kurze Wege. Sie ist die Partnerschule des FC Schalke und erhält Fördergelder des DFB, so dass sie auch Lehrer abstellen kann, wenn der Schüler mal Einzelunterricht braucht. Von daher war der Wechsel zwingend notwendig für mich, damit ich schulisch hinterherkomme. Auf dem Gymnasium hätte ich das vermutlich nicht mehr geschafft. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich das durchgezogen habe.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?
Sie saßen zwischen zwei Stühlen. Sie wussten, dass ich unbedingt Profifußballer werden will. Auf der anderen Seite haben sie gesehen, dass der Fußball ein hartes Geschäft ist, wo immer etwas passieren kann. Eine Absicherung wäre nicht schlecht. So sind wir zu dem Entschluss gekommen, auf die Gesamtschule zu wechseln.

Ist es das viele Geld, das einen Fußballer dazu verführt, die Schule aufzugeben?
Was mich gezogen hat, war, dass es so viele Jungs gibt, die die Chance haben wollen, Profifußballer zu werden. Ich wollte mir die Chance einfach nicht entgehen lassen. Ich war zu einhundert Prozent davon überzeugt, meinen Werdegang im Fußball machen zu können. Diese Chance kriegt nicht jeder und man kriegt sie nicht alle Tage. Ich wollte es einfach versuchen. Und klar, der finanzielle Effekt ist natürlich ein großer Unterschied zu vielen anderen Sportarten. Das ist zwar nicht das Hauptausschlaggebende, aber nicht zu unterschätzen.

Sie sind also mit dem dritten Weg glücklich geworden?
Meine Eltern erst. Ich glaube, sie waren richtig erleichtert, als sich dieses Thema aus den Medien wieder verabschiedet hatte. Da wurde einiges diskutiert. Da ging es schon nicht mehr um Fußball, sondern darum, wer und wie die Verantwortung für mich trägt. Es hieß: Darf ich das überhaupt allein entscheiden? Müssten die Eltern nicht ihre Hand schützend über den Jungen halten? Und und und. Für sie war es damals nicht ganz leicht.

Warum sind Sie nicht viel früher auf eine solche Schule gewechselt?
Dazu gab es erst mal keine Notwendigkeit. Als Nachwuchsspieler hatte ich von 8 bis 14 Uhr Schule, um 18 Uhr war Training. Ich hatte keinen Unterrichtsausfall. Aber als ich zum Profikader gestoßen bin, hatte ich vormittags um 10 Uhr Training. Ein normales Gymnasium verfügt eben nicht über die Mittel, mich mit Einzelunterricht da irgendwie durchzuschleusen. Deswegen der Wechsel. Bei mir war es dann so, dass ich einen Privatlehrer an die Seite bekam, wenn mal ein Loch zu stopfen war.

Waren Sie in einem richtigen Klassenverbund integriert, oder sind Sie als Extrawurst durchgelaufen?
Wenn es mir möglich war, hatte ich Klassenunterricht. Aber dadurch, dass ich durch die Europa League und die Champions League viel unterwegs war, habe ich jede Menge verpasst. Den Stoff musste ich dann nacharbeiten.

War es anstrengend?
Schon. Die Phasen, in denen keine Klausuren anstanden, die waren in Ordnung. Aber wenn es auf Klausuren hinlief und ich gemerkt habe, oh, da hapert’s noch, dann musste ich mich nach den Trainingseinheiten hinsetzen oder eben auch am Tag vor dem Spiel, abends im Hotel.

Wie hat der Verein diesen Weg begleitet?
Mit Verständnis. Alle Trainer, also Felix Magath, Ralf Rangnick und Huub Stevens, haben mir angeboten, mich mal für einen Tag aus dem Training zu nehmen.

Und, haben Sie?
Nein, das habe ich nie in Anspruch genommen, weil ich mich als Profi gesehen habe. Ein Stück weit stehe ich ja in der Bringschuld. Der Verein bezahlt mich, und auch gegenüber den Mitspielern hätte ich das nicht in Ordnung gefunden. Die müssen ja auch jeden Tag da sein. Aber der Verein und die Schule haben stets in Kontakt gestanden. Da wurden Unterrichts- und Trainingspläne abgeglichen. Wir haben ein gutes Dreieck gebildet: die Schule, ich, der Verein.

Könnte Ihr Weg beispielhaft sein?
Es ist immer schwer zu verallgemeinern. Es kommt im Sport ja auch darauf an, welche Perspektive man hat. Insgesamt ist aber der Schritt, den ich gemacht habe, empfehlenswert, die Ausbildung also dual laufen zu lassen. Generell würde ich versuchen, beides unter einen Hut zu bekommen. Man sollte sich schulisch absichern, auch wenn man kein Einser-Kandidat ist. Ich habe jedenfalls heute ein gutes Gefühl.

Ihrer Nationalmannschaftskarriere hat es nicht geschadet. Jetzt sind Sie zu den beiden WM-Qualifikationsspielen eingeladen.
Ja, und wissen Sie was? Im EM-Trainingslager in Südfrankreich hatte sogar der Herr Bierhoff angeboten, sich mit mir mal hinzusetzen und zu lernen, aber auch das habe ich ausgeschlagen. Ich wüsste auch nicht genau, wie sehr Herr Bierhoff da noch im Stoff gewesen wäre. Aber immerhin, das Angebot stand.

Das Interview ist im Tagesspiegel erschienen

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