10.09.2012

Julian Draxler über die Kombination Schule und Profifußball

»Herr Bierhoff bot mir an, mit mir zu lernen«

Nationalspieler Julian Draxler über die Doppelbelastung aus Schule und Fußball, das Ausspielen des einen gegen das andere und den Anruf von Bundestrainer Löw im Geschichtsunterricht.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago

Herr Draxler, während die EM für Ihre Nationalmannschaftskollegen nicht so optimal verlief, hatten Sie Ihr persönliches Erfolgserlebnis: Sie haben Ihr Abitur abgelegt.
Stimmt, auch wenn es nur das Fachabitur ist.

Zwischenzeitlich sah es nicht danach aus: als Sie mit 17 Jahren bei Schalke einen Profivertrag unterschrieben haben und Ihr damaliger Trainer Felix Magath Ihnen dazu riet, die Schule ganz abzubrechen.
Ja, das war im Januar 2011. Und es waren turbulente Tage.

Immer mehr Sportler streben inzwischen einen Abiturabschluss an. Vielen fällt es schwer, beiden Ansprüchen gerecht werden zu können. Worin genau besteht das Problem?
Bei mir war das Komplizierte an dieser Zweigleisigkeit, dass ich einen sehr hohen Anspruch an mich habe. Übrigens auch der Verein, der mir früh einen Profivertrag gegeben hat. Als Profi gibt es nun mal keine Ausreden. Bei mir war es so, dass ich die Schule zwar nicht vernachlässigt habe, aber ich habe auf ein, zwei bessere Noten verzichtet. Ich habe in Kauf genommen, dass es schulisch mal nicht so gut läuft, um die Kraft zu sparen für den Sport.

Es ist also ein Kraftproblem?
So meine ich das gar nicht. Das Problem ist: Ich habe in zwei Welten gelebt. Auf der einen Seite in der Fußballwelt, wo so viele hinwollen. Andererseits ist man der normale Schüler. Da immer kühlen Kopf zu bewahren, sich manchmal zur Schule zu quälen, ist nicht immer leicht. Der Unterrichtsstoff ist ja auch anspruchsvoll.

Und wenn dann noch mitten in der Unterrichtsstunde der Bundestrainer anruft …
(lacht) Sie meinen meine Berufung in den vorläufigen EM-Kader! Als ich den Anruf bekam, saß ich tatsächlich im Unterricht. In der Pause habe ich meine Mailbox abgehört und zurückgerufen.

Welches Fach hatten Sie gerade, als der Anruf des Bundestrainers eintraf?
Moment, wenn ich mich recht entsinne – ja, es war Geschichte.

Hübsche Geschichte, oder?
Klar, ich war gedanklich ja schon im Urlaub. Ich hatte die Tasche gepackt für unsere Abschlussfahrt mit Schalke 04 nach New York.

Auch nicht schlecht!
Ja, die Tasche habe ich dann gerne wieder ausgepackt. Wobei die Jungs in New York eine Menge Spaß hatten, wie ich mir habe sagen lassen. Aber die Erfahrung, die ich bei der Nationalmannschaft gesammelt habe, ist um einiges wichtiger, auch wenn ich den Sprung in den endgültigen Kader nicht geschafft habe. Und New York? Das hole ich dann nach, wenn ich 21 bin. In irgendwelche Diskotheken dort wäre ich ja noch nicht reingekommen.

Hört sich alles besonnen an für einen 18-Jährigen. Sie sind jetzt Nationalspieler. Wie groß sind die Entbehrungen bis dahin?
Man muss nach dem Sport leben. Das hört sich vielleicht banal an, ist aber so. Man darf halt nicht jeden Tag Hamburger oder Pizza essen, braucht genügend Schlaf, um fit zu sein. Mit Diskotheken ist da nicht viel. Wenn man am Wochenende spielt und unter der Woche Schule hat, kann man nicht bis tief in die Nacht rumhängen. Das gehört zum Jugendlichsein zwar eigentlich dazu, aber während der Saison steht mir ohnehin nicht der Sinn danach.

Fehlt Ihnen das?
Nö, ich bin sowieso nicht der, der unbedingt feiern geht. Ab und zu habe ich auch mal das Bedürfnis. Aber einmal im Monat reicht mir, wenn überhaupt. Aber gerade das muss gemanagt sein.

Ist Ihnen diese Disziplin gegeben, oder ist das Einsicht in die Notwendigkeit?
Das ist wohl eine Mischung, glaube ich. Mein Papa war auch Fußballer, er weiß so in etwa, wie man sich auf die Spiele vorzubereiten hat. Meine Eltern haben mich da schon aktiv begleitet. Andererseits ist es ja auch logisches Denken: Wenn ich die Nacht vor einem Spiel zum Tage machen würde, kann ich nicht die beste Leistungen bringen.

Haben Sie das Gefühl, etwas zu verpassen?
Nein. Mein Freundeskreis ist der alte, mit ihm habe ich viele Supersachen erlebt. Auch die Auswärtsfahrten mit den unterschiedlichen Jugendmannschaften oder die Turniere im Ausland. Mir fehlt nichts.

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