02.06.2012

Jugoslawiens Branko Oblak über das EM-Halbfinale von 1976

»Bei uns ging die Angst um«

Branko Oblak spielte in den 70ern für Schalke und Bayern. Im EM Halbfinale 1976 stand er mit der jugoslawischen Mannschaft gegen Deutschland vor einer Sensation. Ein Gespräch über die Angst vor der Niederlage und Stan Libuda.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: imago

Branko Oblak, sie trafen 1976 in einem denkwürdigen EM-Halbfinale in Belgrad mit der jugoslawischen Nationalmannschaft auf Deutschland. Sie selbst spielten zu dieser Zeit in der Bundesliga beim FC Schalke 04. War die Partie auch deswegen etwas Besonderes in ihrer Karriere?
Es war wirklich ein unglaubliches Spiel. Wir hatten vor heimischem Publikum in Belgrad die Möglichkeit, in das Europameisterschaftsfinale einzuziehen. Und dann auch noch gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland. Ich kannte viele Spieler aus der Bundesliga. Mit Paul Breitner habe ich mich vor dem Spiel noch kurz unterhalten. Ich erinnere mich also noch gut an die Partie. Die Erinnerungen sind aber nicht nur positiv.

So sehr schmerzt die späte Niederlage?
Das war natürlich eine Katastrophe für uns. Die damalige politische Führung hat uns mehrfach darauf hingewiesen, wie wichtig das Spiel für unser Land ist sei. Es war eine Frage der Ehre. Im Grunde waren wir gezwungen das Spiel zu gewinnen. Niemand wusste, was uns im Falle einer Niederlage passieren könnte. Das war ein unglaublicher Druck.

Das Spiel ging auch gleich sehr gut los für Sie, denn sie bereiteten das 1:0 für Jugoslawien vor.
Ja, Popivoda hat für uns das 1:0 gemacht. Ich habe ihn mit einem Pass sehr schön frei gespielt. Dafür wurde ich später immer wieder gelobt. Auch von Bundesligakollegen. Dann schossen wir sogar das 2:0. Die Stimmung im Stadion kochte fast über. Wir haben fantastisch gespielt und plötzlich haben wir auch daran geglaubt, dass wir das Spiel gewinnen können. Beim Halbzeitpfiff konnte man fast sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Das ganze Stadion stand auf und klatschte, alle sangen vom Finale, es war ein einziger Freudentaumel. In dieser Atmosphäre fiel es uns schwer die Ruhe zu bewahren.

Der deutsche Nationaltrainer Helmut Schön wechselte dann in der Halbzeit Heinz Flohe ein, später kam noch Dieter Müller...

Ich habe noch in der Halbzeit gesagt, dass wir auf die deutschen Einwechselspieler aufpassen müssen. Heinz Flohe war ein sehr guter Spieler und auch vor Dieter Müller hatten wir Respekt. Müller war sehr kopfballstark - ein richtiger Torjäger. Ich habe dem Trainer gesagt, dass wir einen weiteren Mann nach hinten stellen müssen. Aber genützt hat mein Hinweis uns am Ende nichts. Niemand hat darauf reagiert. Die Mannschaft wollte einfach weiter nach vorne spielen.

Das 2:1 erzielte Heinz Flohe in der 65. Minute. Wurde die Mannschaft spätestens da nervös?
Flohe hatte bei seinem Tor aber auch ein bisschen Glück. Flohe war ein Linksfuß, aber sein Schuss wurde unglücklich abgefälscht. Auf einmal wurde es ganz still im Stadion. Ich habe in die Gesichter meiner Mitspieler geschaut. Bei einigen konnte man Angst erkennen.

Vielleicht ahnten alle schon, dass Deutschland noch einmal zurückkommt. Immerhin wird den deutschen Spielern weltweit nachgesagt, dass man bis zur letzten Minute auf sie aufpassen muss.
Das wussten wir auch. Aber was soll man gegen so eine Mannschaft machen? Man muss nur mal sehen, wer alles dabei war bei den Deutschen. Sepp Maier, Rainer Bonhof, Paul Breitner, Franz Beckenbauer – das waren die besten Spieler der Welt. Die waren zwar auch müde, aber trotzdem konnten diese Spieler jederzeit ein Spiel drehen.

So kam es dann auch. Dieter Müller kam ins Spiel und köpfte mit seiner ersten Ballberührung in der 80. Minute das 2:2. War das der Genickbruch für die Moral Ihrer Mannschaft?

Ich denke schon. Müller köpfte das 2:2 und alle wussten, dass die Deutschen jetzt noch stärker werden. Bei uns ging die Angst um. Was passiert wenn wir verlieren? Das hat auch unsere Beine langsamer gemacht. Wir waren immer einen Schritt zu spät. Wir wollten das Ergebnis nur noch über die Zeit retten.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden