Jugendtrainer Guido Fring über Jan Schlaudraff

»Was ist das für einer? Der ist ja verrückt!«

Jugendtrainer Guido Fring über Jan SchlaudraffImago
Heft#120 11/2011
Heft: #
120

Guido Fring, haben Sie eine Erklärung für das Comeback des Jan Schlaudraff?

Guido Fring: Früher dachte ich immer, dass er ein Spieler sei, der vor allem eines braucht: Vertrauen. Die letzten Jahre haben mich eines besseren belehrt, schließlich gab es bei Hannover 96 viele Stimmen, die sagten: »Jan wird nie wieder für Hannover spielen.«

[ad]

Woran liegt es dann?

Guido Fring: Schwer zu sagen. Ich denke, er hat sich einfach frei gemacht von all den kritischen Stimmen. Außerdem hat er an sich gearbeitet. Er hängt sich rein, um Erfolg zu haben.

Sie haben Jan Schlaudraff mehrere Jahre in der Jugend des Klubs Hassia Bingen trainiert. Wie war es denn damals? Hing er sich nie rein?

Guido Fring: Er hat selten etwas für den Erfolg tun müssen, ihm fiel vieles einfach zu. Fußball war wie ein Spiel für ihn, alles wirkte leicht und locker. Kurzum: Jan war ein Genie.

Haben Sie ein Beispiel?

Guido Fring: Ich erinnere mich an eine schöne Wette. Jan spielte damals seine letzte Saison in der A-Jugend-Regionalliga. Vor dem ersten Spiel tönte er: »Ich schieße in jedem Spiel mindestens ein Tor.« Ich hielt dagegen. Doch er hielt tatsächlich Wort, in jedem Spiel machte er ein oder mehr Tore. Das war der Wahnsinn. Einmal hat er sich den Ball an der Eckfahne geschnappt und ist an der Grundlinie entlang zum Tor gerannt, fünf, sechs, sieben Leute hat er dabei ausgetanzt. Er ist durch sie spaziert wie durch Slalomstangen. Die Zuschauer schrien schon: »Was ist das denn für einer!? Wechsel den Egoisten aus!« Ich pöbelte noch zurück: »Wir sollten froh sein, dass wir einen Jungen haben, der auch mal was Geniales versucht!« Dann hat er den Ball einfach ins Tor geschossen.

Trainiert hat er für diese Fähigkeit nicht?

Guido Fring: Kaum. Dieses Ballgefühl, das er heute noch hat, kann man auch schwer trainieren. Das ist einfach da. Zugute kam ihm sicherlich, dass seine Mutter Lehrerin war und er häufig den Schlüssel zur Turnhalle bekam. Dort trainierte, nein anders, dort spielte er dann viele Nachmittage lang. Und zwar nicht nur Fußball, auch Basketball, Badminton, Handball, alle Sportarten mit einem Ball.  

Den Badmintonspieler Jan Schlaudraff haben Sie einst kennengelernt.

Guido Fring: Eines Tages fragte ich ihn, ob er nicht Lust auf ein Badminton-Match habe. Ich wollte den Platz organisieren. Man muss dazu wissen, dass ich ein regelmäßiger Spieler war. Jan hingegen kannte Badminton aus dem Sportunterricht oder eben von seinen nachmittäglichen Aufenthalten in der Halle. Doch er hatte noch nie unter einem Trainer gespielt. Er sagte damals zu – und fegte mich am Abend über den Platz, als habe er nie etwas anderes gemacht.



Später wurde ihm neben seiner Schludrigkeit oft Aufmüpfigkeit nachgesagt. Wie war das in der Jugend?

Guido Fring: Er hatte schon immer den Schalk im Nacken. Wir mussten ihn häufig zurechtweisen. Ich habe ihn deswegen auch mal von der Jugendmannschaft C1 in die C2 strafversetzt. Letztendlich konnte man ihm aber nie lange böse sein. Er war einfach ein zu guter Junge. Manchmal hatte man das Gefühl, dass er die Leute mit seinem Charme um den Finger wickelte.

Wie war er im Umgang mit älteren Spielern?

Guido Fring: Er verstand das Spiel besser als andere und erzählte seinen Mitspielerm, auch älteren Spielern, wie Fußball funktioniert. So brachte er sie natürlich zur Weißglut. Oft genug kamen die nach dem Training zu mir und sagten: »Was ist das denn für einer? Der ist ja verrückt!«

Wie kommt Jan Schlaudraff in einer Fußballwelt zurecht, in der manche Trainer den Spieler vornehmlich als Befehlsempfänger verstehen?

Guido Fring: Jan ist tatsächlich ein bisschen zu schlau für den Fußball. Schon mit 16 oder 17 habe ich mit dem über komplexe taktische Dinge diskutiert, das war hochinteressant. Diese forsche Haltung mag später die Jörg Schmadtkes oder Willi Landgrafs verstört haben. Die dachten: Jetzt kommt da einer, der erklärt uns alten Recken den Fußball. Mir war klar, dass ihm diese Attitüde später auch mal als Arroganz ausgelegt werden kann. Ich glaube aber, dass er heute gelassener geworden ist. 

Gab es in der Jugend eine Art Schlüsselerlebnis für ihn?

Guido Fring: Es gab ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich habe ihn einmal zu einem Spiel zwischen der Mainzer A-Jugend und den Bayern-Profis eingeladen. Dort spielten all die Superstars, Giovane Elber oder Mehmet Scholl etwa. Und da habe ich gesagt: »Guck Jan, da könntest du auch spielen.«

Was antwortete er?

Guido Fring: Er grinste nur, gelassen, locker, ein bisschen kindlich, als wäre der Weg zum FC Bayern nur dieser Schritt auf den vor ihm liegenden Rasen.

----
In 11FREUNDE #120: Die sieben Leben des Jan Schlaudraff – die wechselhafte Karriere des ehemals begehrtesten Spielers der Bundesliga. Jetzt am Kiosk!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!