Jürgen Sundermann über den VfB Stuttgart

»Babbel war zu nett«

Fanrevolte und Trainerentlassung beim VfB Stuttgart - auf Markus Babbel folgt Christian Gross. Wir sprachen mit Stuttgarts Trainer-Urgestein Jürgen Sundermann über den Verein, den Trainer, das Umfeld und die Ansprüche. Jürgen Sundermann über den VfB Stuttgart

Herr Sundermann, kam die Entlassung von Markus Babbel für Sie überraschend?

Nein, überrascht hat mich das nicht. Ich habe viel mit Markus gesprochen und hatte zuletzt den Eindruck, er spürte selbst, dass er die Sache nicht mehr in den Griff bekommen würde. Das hat man auch in der Mannschaft gemerkt und beim Training, das ich mir öfter angesehen habe. Auch in der Pressekonferenz hat man gemerkt, dass Markus sich selber ein bisschen überfordert fühlt.

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Überfordert von der Doppelbelastung Trainerlehrgang in Köln und Tätigkeit beim VfB Stuttgart?

Wenn man mehrere Tage in der Woche als Trainer nicht vor Ort ist, bekommt man nicht mit, was in der Mannschaft los ist. Man kann die Körpersprache und Reaktionen der Spieler nicht beobachten und nicht mit ihnen diskutieren. Der persönliche Kontakt ist für einen Trainer unheimlich wichtig. Solch eine Situation wird von den Spielern sofort als Alibi genutzt.

Was sind in Ihren Augen die Gründe für den Misserfolg des VfB Stuttgart in dieser Saison?


Dass sich in der letzten Saison sofort der Erfolg einstellte, als Markus Babbel übernahm, hat mich nicht überrascht. Markus hatte sofort ein enges Verhältnis zu den Spielern, was Armin Veh alleine von seiner Art her nicht haben konnte. Das läuft aber auch schnell wieder aus.

Was meinen Sie damit?

Markus war sehr nett zu seinen Spielern, aber wenn man eine Gruppe von so vielen Leuten hat, muss eine Grundordnung herrschen, ohne Privilegien für Einzelne und ohne im Ernstfall die Augen zuzudrücken. Was die Disziplin angeht, muss es einige Sachen gegeben haben, bei denen Markus zu nett zur Mannschaft war.

Eine klare Linie vermissten auch viele Außenstehende. Zunächst wurden die Aufstellungen rotiert, dann wieder nicht...


Man muss in Betracht ziehen, dass der VfB einen riesigen, ausgeglichenen Kader hat. Ich habe mir das Training nach dem Spiel gegen Glasgow angesehen. Der Trainer hat zwei Gruppen gebildet, in der einen die Spieler, die gespielt hatten, in der anderen die, die nicht eingesetzt wurden. Das waren 15 Spieler – nur Nationalspieler! Da ist es für einen Trainer schwierig, eine Grundformation zu finden.

Man könnte den Kader auch als aufgebläht bezeichnen.

Sicher, der Kader ist unheimlich groß und auch dementsprechend teuer. So entsteht natürlich bei vielen eine große Unzufriedenheit. Heutzutage ist ganz besonders schlimm, dass jeder weiß, was jeder verdient.

Das war früher anders?

Das Gehalt einzelner Spieler kam nie an die Öffentlichkeit. Man sprach höchstens über Prämien, an denen aber die ganze Mannschaft beteiligt war. Heute ist ja bei jedem Spieler klipp und klar, was er verdient. Das führt zu Neid innerhalb der Mannschaft, es wird dauernd über Geld gesprochen, auch weil jeder Profi heute mindestens einen Manager hat.

Markus Babbel musste gehen, obwohl er offiziell Rückendeckung bis zur Winterpause erteilt bekam. Es hieß, der Vorstandsvorsitzende Dieter Hundt hätte Babbel bis zuletzt verteidigt und seinen früheren Rauswurf verhindert.

Ich kenne Erwin Staudt, Dieter Hundt und auch Horst Heldt gut. Bei allen Gesprächen, die ich mit ihnen in letzter Zeit geführt habe, hatte ich das Gefühl, dass man mit Markus Babbel auf jeden Fall bis zur Winterpause weiterarbeiten wollte.

Hat sich die Vereinsführung dem Druck der Fans gebeugt?

Das kann ich mir gut vorstellen. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als auf dem Weg zum Stadion von den eigenen Fans an der Weiterfahrt gehindert zu werden. Beleidigungen nach einem schlechten Spiel habe ich oft erlebt, aber eine solche Aktion vor einem Spiel war für mich bis zum Wochenende undenkbar!

Haben Sie auch Verständnis für die enttäuschten Anhänger?

Die Leute, die das vor dem Spiel gemacht haben, sind Chaoten. Nach dem Spiel haben sich aber drei- oder viertausend versammelt. Da waren viele normale Fans dabei.

Wie hat sich die Fanszene in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten in Ihrer Wahrnehmung verändert?

Es hängt alles von der Entwicklung der Gesellschaft ab. Viele junge Menschen haben heute keine persönlichen Erfolgserlebnisse mehr. Diese Jungs und Mädels suchen eine Identifikation, um darüber ein Erfolgserlebnis zu bekommen. Deswegen ist der Fußball ja so populär, obwohl das Niveau der Spiele insgesamt unfassbar schlecht ist. Es geht darum, nach dem Spiel sagen zu können: »Wir haben sie weggefegt!«

Im Umkehrschluss bedeutet das: Bleibt der Erfolg aus, werden die persönlichen Frustrationen auf die Mannschaft und den Trainer projiziert.


Ganz genau. Der einzelne Spieler oder der Verein als Ganzes ist dann derjenige, der das persönliche Erfolgserlebnis verhindert.

Ist es dann aber nicht die Aufgabe der Vereinsführung, den Trainer zu schützen?

Das würde ich mir wünschen. Ich weiß aber nicht, inwiefern das Verhalten der Randalierer am Samstag noch ausschlaggebend war oder ob schon vorher eine Entscheidung getroffen wurde. Falls nicht, hätte der Verein sich kategorisch hinter Markus Babbel stellen müssen.

Der neue Trainer wurde bereits eine Stunde nach Bekanntgabe der Trennung präsentiert.

Die Entscheidung gegen Babbel fiel am Samstagabend und wurde erst am Sonntag bekannt gegeben. Dass in solch einer Situation mit potenziellen Nachfolgern verhandelt wird, ist ganz normal. Alles andere wäre ja fahrlässig, denn auch der Trainer kann ja zurücktreten, weil er mit der Mannschaft nicht mehr klarkommt. Dann muss es eine Alternative geben.

Der Ausgleich gegen Bochum fiel durch einen Freistoß in den Winkel in der 90. Minute. Ist es fair, einen Trainer nach solch einem unglücklichen Ergebnis zu entlassen?


Das Wort »Fairness« ist hier vollkommen falsch. Das Selbstwertgefühl darf niemals von der Meinung anderer Menschen abhängen. Einem Fußballtrainer muss klar sein, dass er nicht nach seiner Arbeit beurteilt wird, sondern am nackten Resultat. Ob das Ergebnis nun in der letzten Minute zu Stande kommt, spielt überhaupt keine Rolle.

In den letzten 25 Jahren wurde der VfB Stuttgart drei Mal Deutscher Meister. Waren das Ausrutscher nach oben in Jahren, in denen die Favoriten patzten, oder kann der VfB den berechtigten Anspruch erheben, eine Spitzenmannschaft zu sein?

Der VfB ist eine Spitzenmannschaft. Die Vereinsstruktur und das öffentliche Auftreten könnte man sich gar nicht besser vorstellen, verkörpert durch die Personen Mayer-Vorfelder und seit sechs Jahren Erwin Staudt. Gleiches gilt für die Jugendarbeit und die Sponsoren. Der VfB ist immer in der Lage, oben mitzuspielen.

Seit Christoph Daum, der im Dezember 1993 entlassen wurde, ist Christian Gross der 14. Trainer. Röber, Löw, Schäfer, Rangnick, Magath, Sammer, Trapattoni – die Liste der Gescheiterten ist prominent besetzt. Woran liegt das?

Schwer zu sagen. Als ich Ende der Siebziger VfB-Trainer war, haben wir es geschafft, vier, fünf Jahre lang oben mitzuspielen. Aber seitdem folgte auf ein sehr erfolgreiches Jahr immer ein Absturz.

Warum fehlt es nur auf dem Trainerposten an Konstanz? Ist das Umfeld zu ungeduldig?

Abgesehen von der Katastrophe am letzten Wochenende standen die Fans immer hinter dem Verein. Das bestätigt mir auch immer wieder Peter Reichert, ein ehemaliger Spieler von mir, der jetzt Fanbetreuer ist.

Sie haben den Klub 1977 in die Bundesliga geführt und in der Spitze etabliert, wurden der Stuttgarter »Wundermann«. Wie kann man in Stuttgart als Trainer konstant und erfolgreich arbeiten?

Nach dem Abstieg hatte sich der Verein damals von vielen prominenten und arrivierten Spielern getrennt. Mit jungen Profis bauten wir dann ein neues Team auf. 80 Prozent des Kaders kam aus dem Raum Stuttgart. Dass sich solch eine Mannschaft bildet und über Jahre zusammenbleibt, ist heute gar nicht mehr möglich. Es gibt viel zu viele Wechsel, und oft gelingen Transfers nicht.

Hätte der VfB Stuttgart Mario Gomez lieber nicht verkaufen sollen?

Ich hätte mir gewünscht, dass Mario hier bleibt. Mit ihm und seiner Identifikation bei den Fans und im Verein hätte man eine Zukunft aufbauen können. Ich weiß natürlich nicht, inwieweit finanzielle Dinge und auch sein Berater eine Rolle gespielt haben.

Pawel Pogrebnjak sollte Gomez ersetzen, läuft aber seiner Form hinterher.

Die Frage ist, ob der VfB wirklich alles getan hat, um ihn zu akklimatisieren. Man muss sich vorstellen, dass er mit Frau und zwei Kindern nach Monaten immer noch im Hotel wohnt! Ein Bundesligaverein muss doch in der Lage sein, eine Wohnung oder ein Haus zu organisieren. Kein Wunder, dass der so traurig auf dem Trainingsplatz herumtrottet. Er fühlt sich nicht wohl!

Markus Babbel fand am Wochenende deutliche Worte und sagte, die Zuschauer und die Branche hätten trotz großer Reden nach dem Tod Robert Enkes nichts gelernt?

Ich bin da vollkommen anderer Meinung. Der Fußball existiert ja nicht am Rande der Gesellschaft. Und unsere Gesellschaft wird immer kälter und brutaler. Nach dem Krieg, als ich aufwuchs, gab es ein unglaublich großes Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Leuten. Heute ist nichts davon zu spüren. Mich wundert gar nichts mehr, nicht die Anfeindungen von den Rängen und auch nicht die Wettmanipulationen.

Was kann ein Trainer dem entgegensetzen?

Als Trainer kann man nichts dagegen machen außer zu versuchen, diese negativen Dinge von seiner Familie und seiner Mannschaft fernzuhalten. Viele haben aber nicht die Kraft und die Nerven dazu.

Der neue VfB-Trainer Christian Gross sagte zum Amtsantritt, er hasse das Mittelmaß und wolle oben mitspielen. Ist das mit dem Kader realistisch?


Absolut. In diesem Kader stehen Superfußballer. Der Erfolg im Fußball hängt nicht von der Technik oder der Muskulatur ab, sondern von der Art des Denkens. Wenn Gross die Denkweise der Spieler ändern kann, geht es sofort nach oben.

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