09.10.2008

Jürgen Röber über Russland

»Die spielen um den Titel«

Seit der EM wissen wir: Russland, einst schlafender Riese, ist aufgewacht. Vor dem Länderspiel gegen Deutschland sprachen wir mit Jürgen Röber, Trainer bei Saturn Moskau, über Gegenwart und Zukunft der »Sbornaja«.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Herr Röber, erst gewinnt Zenit St. Petersburg den Uefa-Pokal und wenig später staunt die Welt über den Tempofußball der Russen bei der Europameisterschaft. Haben Sie eine Erklärung für diese rasante Entwicklung?

Was Zenit angeht, sind die Möglichkeiten dort ganz einfach phantastisch. Gazprom steht dahinter, das erleichtert vieles. Zenit-Trainer Dick Advocaat hat hervorragende Spieler in seinen Reihen. Aber wie Sie schon andeuteten, der russische Fußball ist insgesamt auf dem Vormarsch. Man hat sich auch durch das Auftreten bei der EM Respekt verschafft. Advocaat und Hiddink haben den Erfolg reingebracht. Sie haben an der Fitness der Spieler gearbeitet, sie aber auch in taktischer und technischer Hinsicht weiterentwickelt.



Wie sehen die Perspektiven aus?


Ich bin mir sicher, dass Russland in absehbarer Zeit um den Weltmeistertitel mitspielen kann, vielleicht sogar schon in Südafrika. Aber dafür muss man sich zuerst einmal in der Qualifikation durchsetzen. Ich bin mir sicher, dass Deutschland großen Respekt vor dem Gegner am Samstag hat. Es würde mich nicht überraschen, wenn die Russen am Ende der Qualifikation auf Platz eins stehen würden.

Was fehlt noch, um bei einer WM oder EM ganz vorne mitzuspielen?


Manchmal sind die Russen zu schnell mit dem zufrieden, was sie erreicht haben. Mit der Einstellung, der Konzentration und der Willensstärke wie beim Sieg über die Niederlande hätte die Mannschaft von Guus Hiddink im EM-Halbfinale wohl Spanien geschlagen.

Brauchte der russische Fußball Impulse aus dem Ausland?


So etwas tut immer gut. Auch wir in Deutschland haben Phasen gehabt, in denen man gesehen hat, wir müssen etwas ändern und uns im Ausland umschauen. In Russland hat man das ebenfalls begriffen, traut sich jetzt neue Wege zu gehen und alte Zöpfe abzuschneiden. Die Verantwortlichen vom Saturn Moskau holten einen deutschen Trainer, um Disziplin und Ordnung reinzubringen und auch um die Mannschaft in spielerischer Hinsicht zu verbessern. Ich habe zudem an der Fitness der Spieler gearbeitet.

In Deutschland interpretiert man den Wechsel eines ehemaligen Bundesligatrainers in die russische Premjer Liga noch als Abstieg, der Mitleid verdient.


Es gibt viele Trainerkollegen, die sehr froh wären, wenn sie hier meinen Job machen dürften. Ich hatte Angebote aus Schottland und der Türkei, ich war aber auch in Kontakt mit Bundesligaklubs. Ich wollte zu Saturn.

Warum?


Auf die finanziellen Möglichkeiten in Russland muss man ja eigentlich nicht hinweisen. Die Infrastruktur bei Saturn ist zudem perfekt. Uns steht ein Trainingszentrum zur Verfügung, das seinesgleichen sucht. Wir haben drei Rasenplätze und einen Kunstrasenplatz nur für die Profimannschaft, moderne medizinische Einrichtungen, ein Schwimmbad mit 40-Meter-Becken, Konferenzräume mit Touchscreen. Jedes Mal, wenn ich durch den Wald auf das Trainingszentrum zufahre, denke ich, ich bin in einem Schweizer Fünf-Sterne-Hotel gelandet – (lacht) nur dass ich hier arbeiten muss. Guus Hiddink, Dick Advocaat und Carlo Anchelotti vom AC Milan waren da und zeigten sich hinterher tief beeindruckt.

Klingt auch nach einem attraktiven Arbeitsplatz für Stars wie Ballack oder Ronaldo. Warum spielen die noch in England und nicht in Russland?


Finanziell könnten sich die russischen Geldgeber Top-Spieler leisten. Aber es fehlen noch die internationalen Erfolge als Zugmittel. Wenn sich die auch noch einstellen, kommen die großen Stars rüber. Die Verdienstmöglichkeiten sind jetzt schon erstklassig. Ein Arshavin und andere russische Spieler, die bei der EM glänzten, haben es gar nicht nötig ins Ausland zu gehen.

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