Jürgen Klopp im Interview

»Ich bin Einzelkämpfer«

Nach 18 Jahren als Spieler und Trainer beim FSV Mainz wechselt Kloppo zum BVB. Ein Gespräch über sein Image als Kumpeltyp, nervige Sportjournalisten, den Materialraum des BVB 09 und wehleidige Profis. Jürgen Klopp im InterviewThomas Herrmann

Jürgen Klopp, sollen wir uns Aktien von Borussia Dortmund zulegen?

Wie Sie Ihr Geld anlegen, müssen Sie schon selbst entscheiden.

Kennen Sie den aktuellen Kurs?

Nein.

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Der liegt bei etwa 1,60 Euro. Können Sie mit dieser Zahl etwas anfangen?

Nein. Es gibt nichts, was mich mehr langweilt als Zahlen. Ich habe noch nie Aktien gekauft. Wenn ich in der FAZ auf die Seite mit den Börsenkursen komme, klappen mir die Augen zu. (lacht) Das ist nicht meine Welt.

Spüren Sie, dass Sie nun einen börsennotierten Verein trainieren?


Borussia ist für mich ein Fußballverein, weil sie eine Mannschaft haben. Die Organisationsform ist für mich als Trainer nicht relevant. Aber ich wurde vorab darauf hingewiesen, dass ich bestimmte Dinge nicht oder nicht zu früh sagen darf. Wobei ich ohnehin kein Plauderer bin, auch wenn es vielleicht anders wirkt. (lacht.)

Wenn Sie einen Top-Star an der Angel hätten, würden Sie es uns also wegen des Aktienkurses nicht erzählen?

Ich würde es Ihnen sowieso nicht verraten. Es gibt hier genug andere Leute, die den richtigen Zeitpunkt der Veröffentlichung kennen.

Hat sich Ihr Job als Trainer beim BVB im Vergleich zu Ihrer Zeit beim FSV Mainz 05 verändert?


Ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen anderen Job mache, wobei ich in Mainz noch einige Aufgaben übernehmen musste, die nun wegfallen.

Zum Beispiel?

In Mainz bin ich anfänglich noch die Sportplätze der Umgebung abgefahren, auf der Suche nach Trainingsmöglichkeiten. Bis zum Schluss war ich noch bei vielen Marketingterminen dabei, weil Sponsoren immer wieder fragten, ob sie mich kennen lernen könnten.

Sie waren gleichzeitig Trainer und Gesicht des Marketings.

Wenn man so will. Die Zeit in Mainz war eben geprägt von einer Goldgräberstimmung: Schaufel raus und los! Da musste jeder mit anpacken, dafür konnten wir fast neu anfangen und peu a peu wachsen.

Wie schwer fiel es Ihnen, von diesem Indie-Konzept Abschied zu nehmen?

Ich wusste schon sehr lange, dass der Moment kommen würde. Es ist mir nicht leicht gefallen, sonst wäre es ja kein Abschied, sondern eine Flucht gewesen. Aber die Abschiedsmelancholie war auch gepaart mit einer großen Vorfreude auf das, was jetzt kommt.

Es wurde Zeit, das warme Nest zu verlassen.

Klar. Ich wollte nach 18 Jahren die Veränderung. Ich brauche keine Sicherheit. Bevor ich nach Mainz kam, habe ich jedes Jahr den Klub gewechselt, mitunter auch gezwungenermaßen wegen meines Sportstudiums. Jetzt freue ich mich brutal auf Dortmund. Es gab keinen Plan B.

In Mainz konnten Sie es sich später sogar erlauben, per Megaphon mit dem Publikum zu diskutieren. Bei 80 000 im ehemaligen Westfalenstadion wird diese Nähe zu den Fans schwierig.

Jetzt macht es Euch mal nicht so leicht. So eine Frage enttäuscht mich. Ihr solltet in der Lage sein zu abstrahieren, dass meine Nähe und der daraus resultierende Umgang mit den Fans in Mainz über Jahre gewachsen ist.

Natürlich. Trotzdem fragen wir uns, ob Ihnen diese Nähe nicht fehlen wird.

Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, das habe ich beim Wechsel mit einkalkuliert. Überhaupt bin ich in diesem Gefüge sensationell unwichtig. Ich genieße es lediglich, total am Limit mit einer Gänsehaut im Stadion zu sein. Und ich möchte dafür sorgen, dass auch andere Menschen dieses Empfinden haben. Was jetzt in Dortmund passiert, ist etwas ganz anderes. Und ich garantiere Ihnen, ich werde bei meinem ersten Heimspiel kein Megaphon in der Hand haben und nicht auf den Zaun gehen.

Sie hatten langfristig bekannt gegeben, dass Sie im Falle des Nichtaufstiegs Mainz verlassen würden. Wie lange planten Sie ihren Abschied schon?

Den Zeitpunkt gab es nicht, aber es war immer klar, dass ich nicht bis an mein Lebensende Trainer von Mainz 05 bleiben würde. Dafür bin zu neugierig. Andererseits kam für mich aber auch nicht in Frage, vor Ablauf meines Vertrages zu gehen.

Wann reifte die Entscheidung, wohin es geht?


Als bekannt wurde, dass ich mit den Verantwortlichen des FC Bayern gesprochen hatte, fing ich an zu überlegen. Ich habe mich mit der Bundesligatabelle hingesetzt und überlegt, welche Vereine, mich reizen würden. Natürlich war Dortmund dabei. Mein Plan war: 1. Liga, ja, 2. Liga, nein. Und wäre kein passendes Angebot gekommen, hätte ich ein paar Praktika bei Top-Klubs in England absolviert.

Wie heiß war Ihr Flirt mit dem FC Bayern?

Dazu ist alles gesagt. Das war kein Flirt. Uli Hoeneß hat mich in Kenntnis gesetzt, dass ich einer von zwei möglichen Kandidaten bin.

Bedauern Sie, dass es mit den Bayern nicht geklappt hat?


Um es noch einmal klarzustellen: Nicht ich habe entschieden, dass ich nicht Bayern-Trainer werde, sondern das dortige Präsidium. Ob ich dahin gewechselt wäre, weiß kein Mensch, denn soweit sind die Gespräche nie gediehen. 

Ist der BVB in der gegenwärtigen Verfassung ein Klub, in dem ein Trainer kreativer wirken kann als beim FCB?

Als starker Trainer kann man überall etwas bewegen. Jürgen Klinsmann kann in München auch noch an vielen kleinen Schrauben drehen. Und an den großen muss er gar nicht drehen, denn die laufen schon im richtigen Rhythmus.

Auch der HSV soll für Sie eine Option gewesen sein. Auch dieser Klub steht sportlich wesentlich besser da als der BVB.

Was interessieren mich die Tabellensituationen von anderen Vereinen? Ich bin nach Dortmund gegangen, weil ich große Lust auf die Stadt, den Verein und diese Mannschaft habe. Den UEFA-Cup-Platz on top fand ich lässig. Es gab kein tieferes Kalkül.

Beschreiben Sie doch mal, wie schnell die Entscheidung für Dortmund fiel.

Montags nach dem letzten Spieltag in der 2. Liga wachte ich schlecht gelaunt auf. Dann kam der Anruf aus Dortmund, und am Freitag habe ich den Vertrag unterschrieben. Vorher gab es keinen Kontakt, weder persönlich noch über mein Management.

Welche Rolle spielte Geld bei der Entscheidung?

Keine. Auf diesem Niveau ist vollkommen klar, was ein Trainer bekommen muss. Egal wohin ich in der 1. Liga gewechselt wäre, hätte ich aus meiner Perspektive genug verdient.

Die Infrastruktur in Dortmund, gerade was die Medien angeht, ist etwas anders als in Mainz. Die Brandrede von Thomas Doll in der letzen Saison kam nicht von ungefähr.


Aber das kenne ich doch zur Genüge. Manchmal habe ich den Eindruck, alle dächten, wir hätten in Mainz nur Kindergarten gespielt und jetzt begänne der Ernst des Lebens. Auch wir hatten vor Zweitligaspielen Pressekonferenzen mit bis zu 50 Journalisten. Zudem stand ich durch meine Arbeit fürs ZDF im Blickpunkt: Ich war »TV-Bundestrainer«, war »Harry Potter«, der beim Abstieg aus der 1. Liga seinen Zauberstab verloren hatte. Auch darüber wurde überregional berichtet.

Haben Sie trotzdem vorab mit Thomas Doll gesprochen?

Nein. Es ist doch klar, dass der letzte Trainer mir kein übermäßig positives Bild vermitteln kann. Auch von den Spielern will ich nichts über das letzte Jahr wissen. Ich kann doch nicht ankündigen, es gehe hier bei Null los und beginne dann bei minus 50, weil ich gehört habe, dass der ein oder andere schwierig sein soll.

Glauben Sie, dass Sie sich auf die BVB-Chefs verlassen können?


Ja, ich habe das Gefühl, hier absolut vertrauensvoll arbeiten zu können. Und das Leben ist viel zu kurz, als dass man sich ständig negative Gedanken dazu machen sollte – und, keine Sorge, ich bin nullkommanull naiv. Ich kenne die Gesetzmäßigkeiten des Geschäfts. Ich denke bei Euch ja auch nicht: »Hm, da musst du aufpassen, mal sehen, was die schreiben. 11Freunde war mal ein tolles Blatt, aber irgendwann wird alles zum Boulevard…«. (lacht.) 

Die Borussia hat in 18 Monaten drei Trainer verschlissen. Mit Verlaub, darüber denkt doch jeder vor seinem Amtsantritt nach.

Klammern Sie die letzte Zeit aus und fragen Sie irgendeinen Trainer auf der Welt – die würden alle loslaufen, um den Job in Dortmund zu machen. Das ist ein sensationeller Verein, der seine größten Erfolge in einer Zeit hatte, als sie relativ viel Geld zur Verfügung hatten – oder auch nicht hatten – aber ausgegeben haben. (lacht.) Dieser Zeit müssen sie Tribut zollen und Erfolg neu definieren.

Definieren Sie doch mal.

Ich bin der Letzte der sagt: »Platz 13 ist nicht so schlecht«. Das hat aber auch Thomas Doll nie gesagt. Wenn wir die Stärke und das Potential für Platz 7 haben, und würden Elfter werden, wäre ich natürlich nicht zufrieden. Aber warum soll ich mich, bevor das Ganze begonnen hat, mit der Tabellensituation auseinandersetzen?

Sie haben einen Zweijahres-Vertrag mit Option auf ein drittes Jahr. Gab es in den Gesprächen mit dem BVB- Präsidium konkrete Zielsetzungen?

Solche Absprachen sind substanzlos und haben nicht stattgefunden. Natürlich erwartet ein Klub von der Verpflichtung eines neuen Trainers eine Verbesserung, alles andere wäre Quatsch.

Wurden ansonsten Erwartungen in den Vorgesprächen formuliert? Gar keine. Die Verantwortlichen waren einfach gut informiert. In Dortmund hatte ich von Anfang an den Eindruck, dass sie mich, den Trainer Jürgen Klopp, mit all seinen Fähigkeiten haben wollten.

Das sollte doch bei jedem Klub eine Selbstverständlichkeit sein.


Wissen Sie, ich habe bei den Gesprächen, die ich mit Vereinen geführt habe, zwei Erfahrungen gemacht: Die einen schauen genau hin und wissen, wie wir in den letzten Jahren in Mainz gearbeitet haben. Dass wir Spieler weiterentwickelt und oft gewinnbringend verkauft haben und in schwierigen Situationen immer wieder reagieren konnten. Die anderen achten mehr darauf, wie ich mich in der Öffentlichkeit bewege.

Sie sprechen in Rätseln.


Für manche Klubs ist die Qualität eines Trainers offensichtlich weniger wichtig, als die Tatsache, dass er in der Presse gut rüber kommt. Ich habe es mehrfach erlebt, dass ich mich als Person immer wieder erklären musste.

Wie genau lief das ab?

Ich will nicht ins Detail gehen, aber es wurde sogar meine Optik thematisiert.

Nach dem Motto: Wenn Du unser Team trainieren willst, muss der Drei-Tage-Bart ab?

Aufgrund meines Aussehens wurden offen Spekulationen angestellt, inwieweit meine Autorität beim Team darunter leiden könnte. Mag sein, dass ich als Bankvorstand vielleicht Probleme mit der Glaubwürdigkeit hätte. Ich bin gerne nett zu Leuten, und ich mag auch Fußballspieler. Warum auch nicht, die haben das gleiche Hobby wie ich? Aber deswegen bin ich noch lange kein Kumpeltyp.

Bei welchen Klubs liefen die Gespräche so ab?

Sag ich nicht, aber bitte keine falschen Rückschlüsse ziehen.

An die Bayern und Uli Hoeness dachten wir gar nicht.

Nein, bei denen war es auch nicht so. 

Was denkt Jürgen Klopp, wenn ein Vereinsmanager über seine Glaubwürdigkeit spekuliert?


Er denkt, dass Deutschland viel größer ist, als er ursprünglich annahm. Es haben wohl doch nur die wenigsten mitbekommen, was wir in Mainz in den vergangenen sieben Jahren bewegt haben. Aber solche Gespräche hatten auch etwas Gutes: So wusste ich gleich, dass ich zu diesem oder jenem Klub nicht passe. Dort hätte ich jeden Tag Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Interessant, dass im Fußballgeschäft die Optik eine Rolle spielt. Dabei gelten Sie doch fast als Prototyp des modernen Trainers.

Aber Ihr Journalisten spielt das Spiel doch mit. Auch in der Presse wird immer wieder darüber spekuliert, ob ich bei einem Verein mit dieser Tradition und in dieser Stadt der Richtige bin.
Dabei sind gerade Sportjournalisten gelinde gesagt nicht die Oberstyler. Aber Ihr wollt auch nicht Bundesligatrainer werden und steht die meiste Zeit hinter der Kamera. (lacht.)

Trotz des Erfolges, den Sie in Mainz hatten, fühlen Sie Ihre Arbeit offensichtlich nicht entsprechend gewürdigt. Was muss nach einem Treffen mit den Bayern denn noch passieren?

Ich beklage mich ja nicht, aber ich habe den Eindruck, dass viele Leute durch das Fernsehen wissen, dass ich das, was ich mache, sehr gut verkaufe. Die Leute wissen: Der ist dreimal Vierter in der 2. Liga geworden – unter welchen Voraussetzungen hinterfragt aber kaum einer.

Ist das nicht auch der Preis, den ein Trainer für die große Wahrnehmung, die der Fußball hierzulande hat, zahlen muss?


Ich bin schon froh, dass es mit dem Beruf geklappt hat, weil ich sonst gar nicht wüsste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Aber im Moment habe ich den Eindruck, dass alles nur noch bunt ist. Riesenüberschrift, kein Inhalt. Keiner interessiert sich noch für die Hintergründe, warum Felix Magath mit Medizinbällen trainieren lässt, sondern nur noch dafür, dass er es tut. Genauso wird über Klinsmanns Trainerteam berichtet. Keiner fragt, warum sein Team mit Gummibändern Entengang macht, aber jede Sendung zeigt die Szene. Dabei arbeiten Trainer tagein, tagaus für den Erfolg der Mannschaft und machen sich pausenlos Gedanken.

Sind Sie im Fußballgeschäft schon mal persönlich enttäuscht worden?

Nein, das hängt aber auch mit meiner Erwartungshaltung zusammen. Ich verteile eine Unmenge Chancen, habe aber nur wenig Erwartungen an Menschen. Ich habe mehrere Situationen erlebt, die andere als persönliche Enttäuschung gewertet haben. Mir tat es nur Leid für den Betreffenden, dass er nicht anders konnte.

Ein Trainer ist und bleibt eben ein Einzelkämpfer.


Ja, natürlich, zumindest im Verbund mit meinem Co-Trainer Zeljko Buvac, der mich nie enttäuschen würde, bin ich Einzelkämpfer. Ich muss Ergebnisse abliefern. Aber ich fühle mich trotzdem wohl, weil ich gerne mit einer Mannschaft arbeite. Ich konnte viel besser Tennis als Fußball spielen, wurde aber Kicker, weil es mir besser gefiel, mit anderen zusammen zu spielen, als für mich allein.

Jürgen Klinsmann hat in München alles auf den Kopf gestellt: Neues Trainerteam, veränderte Medienpolitik, das Trainingsgelände wurde umgebaut, auch, um die Spieler besser abschirmen zu können. Haben Sie beim BVB auch einen Anforderungskatalog eingereicht?


Dortmund hat nicht die Möglichkeiten wie München. Wir werden auch kleinere Umbaumaßnahmen vornehmen in unserem Trakt auf dem Trainingsgelände. Zum Glück wird bei uns nicht soviel darüber geschrieben. Auch unser Trainerteam ist nicht viel kleiner als das in München, nur schlechter bezahlt.

Was steht denn in Ihrem Anforderungskatalog?

Ich sehe keinen Sinn darin, diesen hier zu veröffentlichen. Nur soviel: Wir waren im Materialraum und haben geschaut, was wir noch brauchen.

Sie müssen im Materialraum nach dem Rechten sehen? Wir nahmen an, bei Borussia Dortmund sei schon alles vorhanden.


Ist es ja auch. Aber jeder hat andere Vorstellungen, was er für seine Arbeit braucht.

Nach dem Vorbild von Felix Magath haben Sie also noch ein paar Medizinbälle nachbestellt.


Es waren keine Medizinbälle da, und wir haben auch keine bestellt. Im Ernst: Wir haben nur Kleinigkeiten geordert.

Als Moderator für das ZDF schwärmen Sie oft von Spielern aus allen Teilen der Welt. Auf wen haben Sie sich beim BVB besonders gefreut?

Ich wäre ein Schwachkopf, wenn ich anfangen würde, einzelne Spieler herauszupicken. Ich freue mich auf die Mannschaft, ehrlich. Und die Gespräche vorab waren sehr gut: Die Jungs sind sehr selbstkritisch. Keiner möchte noch mal 13ter werden und ein dreiviertel Jahr jeden Tag auf die Mütze bekommen.

Hat Ihnen Michael Zorc noch einen Hochkaräter versprochen?

Wir haben nicht die Möglichkeit, Spieler zu verpflichten, die fünfzig Prozent über dem Gehaltsniveau liegen, das wir jetzt haben. Transfersummen von 10 bis 15 Millionen können wir nicht leisten.

Aber Geld schießt gemeinhin Tore.


Stimmt. Wenn Wolfsburg auch noch Aleksander Hleb holt, sind sie neben Bayern der Topfavorit. Aber so was ist bei uns nicht möglich. Was können wir also machen? Wir können die Drucksituation erhöhen. Bislang bestand der Eindruck, dass bei Dortmund alle spielen, sobald sie fit sind. Es ging nicht mehr um die Form, nur noch um die Fitness. Das ist jetzt vorbei.

Wie erhöhen Sie den Druck?


Das muss ich gar nicht. Letztlich hängt es bloß davon ab, welche Spieler sich auf die Leistungsbereitschaft einlassen, die ich fordere. Wer weiterkommen möchte, ist herzlich eingeladen. Alle anderen haben kein besonders schönes Jahr vor sich.

Gibt es denn in der heutigen Zeit, in der körperliche Fitness das A und O im Fußball ist, noch Trainer, die auf einen Mangel an Leistungsbereitschaft bei bestimmten Spielern Rücksicht nehmen?


Keine Ahnung, ich vergleiche mich nicht. Aber wenn ich ein Trainingsspiel sehe, in dem nicht alle mitziehen, beginnt es in mir zu kochen. Wir trainieren schließlich nicht acht Stunden, sondern eineinhalb. Da möchte ich sehen, dass alle sich verausgaben. Training muss müde machen. Wo ist der Ertrag, wenn ich mich nach der Einheit genauso fühle wie vorher?

Sind manche Profis von heute zu weich?


Nein, aber es gibt heute einen Hang zur medizinischen Überversorgung. Die Jungs haben heute Verletzungen, die kannten wir vor zehn Jahren gar nicht: Die alte Knochenprellung, die ich als Spieler noch hatte, ist gestorben. Die gibt es nicht mehr. Heute heißt sie Bone Bruise, und ihr Heilungsprozess dauert vier Wochen. Ich konnte als Spieler mit Verletzungen ganz gut umgehen. Für übertriebenes Schmerzempfinden gibt es also verständnisvollere Menschen als mich.

Wie läuft bei Ihnen ein Gespräch mit einem eingebildeten Kranken ab?

Ich weiß nicht, wie sich Sodbrennen anfühlt, also kann auf mein Mitgefühl zählen, der darunter leidet. Bei Dingen, die ich selbst nachempfinden kann, ist das anders. Wenn ein Spieler zu mir kommt und sagt »Trainer, mein Zehennagel ist eingewachsen und hat sich entzündet«, dann warte ich auf einen Zusatz. Denn meine Zehen waren schon in alle Richtungen verbogen.


Für einen Spieler wie Mohamed Zidan hatten Sie hingegen mehr Verständnis als seine Teamkollegen bei Werder Bremen und beim HSV. Dort gilt er als Sonderling mit extravaganten Eigenschaften.


Einen Spieler muss man dort abholen, wo er steht. Ich kann Marko Rose und Mohamed Zidan nicht unter den gleichen Voraussetzungen behandeln. Sonst würde ich beiden nicht gerecht werden. Trotzdem müssen sich beide bestimmten Regeln unterordnen, sonst können sie nicht mitspielen. Das tut Mohamed. Ich habe mich vielleicht ein, zwei Mal mit ihm hingesetzt und ihn erzählen lassen. Er ist ein netter, verrückter Kerl, der mitunter auch Dinge macht, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Aber gerade das zeichnet ihn als Spieler aus. Wenn ich höre, dass sich Teamkollegen über seine Albernheiten aufregen und ihn ausgrenzen, habe ich dafür wenig Verständnis. Die erkennen offensichtlich nicht, was für ein Potential er als Kicker besitzt.

Als Moderator im ZDF erklären Sie dem Zuschauer Dinge, von denen er keine Ahnung hat. Wie viel Ahnung haben Spieler vom Fußball?


Mein Vorteil als Trainer ist, dass ich eine Unmenge Spiele aus unterschiedlichsten Kameraperspektiven angeschaut habe. Ein Spieler sieht ein Match meistens nur aus seiner Sicht, und auch Top-Stars vergessen immer wieder, wie sie ihre Position richtig interpretieren und sich ins Spiel einbringen.

Ein Trainer ist also auch dazu da, Spieler immer wieder an Dinge zu erinnern, die er schon weiß.

In vielen Fällen ist das so. Leider.

Wie viel Ahnung hat Johannes B. Kerner vom Fußball?


Ich war überrascht, wie gut er sich auskennt. Natürlich habe ich auch ihm gegenüber einen Vorsprung. Aber er hat enormes Interesse, dazu zu lernen. Und in WM- und EM-Statistiken kennt er sich ohnehin viel besser aus als ich.  

Sie haben den Job beim ZDF mit der EM abgeschlossen. War das Engagement für Ihren Job als Trainer kontraproduktiv?

Nicht so, dass ich es wahrgenommen hätte.

Obwohl manche Medien beim Abstieg des FSV Mainz 05 in der Saison 2006/07 spotteten, ob Sie der Richtige seien, um den Deutschen Fußball zu erklären.

Über Konsequenzen dieser Art war ich mir im Vorfeld schon klar. Aber ich hatte Lust auf diese Aufgabe. Es war eine wunderbare Zeit. Ich war beim ConFed Cup und der WM in Deutschland dabei und habe aus nächster Nähe die EM 2008 erlebt. Turniere, die in Mitteleuropa stattfanden und mir die Möglichkeit gaben, parallel dazu zu arbeiten.

Was passiert, wenn es in Mainz unter dem neuen Trainer nicht läuft? Befürchten Sie, dass die Fans alle Nachfolger an Ihnen messen werden?

Nein. Wir haben dort in sieben Jahren gemeinsam gelernt, wie man mit Erfolg umgeht. Auch die Fans wissen, dass sie ihren Teil dazu beitragen können und dass es keinen Sinn macht, allzu laut zu schreien. Jörn Andersen findet optimale Voraussetzungen vor und hat einen sehr loyalen Vorstand, der Kummer gewohnt und deshalb stressresistent ist. Er kann sich auf diesen Job freuen.

Beschreiben Sie doch mal, wie es für Sie wäre, mit dem BVB gegen den FSV Mainz 05 anzutreten.

Ein besonderes Spiel wäre es allemal, aber ich sehe es wie Guus Hiddink, als er mit Russland gegen die Niederlande spielte: »Es ist nur Sport.« Ich muss nicht wie im Mittelalter die Stadtmauern erobern oder das Brunnenwasser in Mainz vergiften, sondern nur ein Spiel gewinnen. Das ist mein Job.

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