06.08.2008

Jürgen Klopp im Interview

»Ich bin Einzelkämpfer«

Nach 18 Jahren als Spieler und Trainer beim FSV Mainz wechselt Kloppo zum BVB. Ein Gespräch über sein Image als Kumpeltyp, nervige Sportjournalisten, den Materialraum des BVB 09 und wehleidige Profis.

Interview: Fabian Jonas und Tim Jürgens Bild: Thomas Herrmann
Jürgen Klopp im Interview
Jürgen Klopp, sollen wir uns Aktien von Borussia Dortmund zulegen?

Wie Sie Ihr Geld anlegen, müssen Sie schon selbst entscheiden.

Kennen Sie den aktuellen Kurs?

Nein.



Der liegt bei etwa 1,60 Euro. Können Sie mit dieser Zahl etwas anfangen?

Nein. Es gibt nichts, was mich mehr langweilt als Zahlen. Ich habe noch nie Aktien gekauft. Wenn ich in der FAZ auf die Seite mit den Börsenkursen komme, klappen mir die Augen zu. (lacht) Das ist nicht meine Welt.

Spüren Sie, dass Sie nun einen börsennotierten Verein trainieren?


Borussia ist für mich ein Fußballverein, weil sie eine Mannschaft haben. Die Organisationsform ist für mich als Trainer nicht relevant. Aber ich wurde vorab darauf hingewiesen, dass ich bestimmte Dinge nicht oder nicht zu früh sagen darf. Wobei ich ohnehin kein Plauderer bin, auch wenn es vielleicht anders wirkt. (lacht.)

Wenn Sie einen Top-Star an der Angel hätten, würden Sie es uns also wegen des Aktienkurses nicht erzählen?

Ich würde es Ihnen sowieso nicht verraten. Es gibt hier genug andere Leute, die den richtigen Zeitpunkt der Veröffentlichung kennen.

Hat sich Ihr Job als Trainer beim BVB im Vergleich zu Ihrer Zeit beim FSV Mainz 05 verändert?


Ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen anderen Job mache, wobei ich in Mainz noch einige Aufgaben übernehmen musste, die nun wegfallen.

Zum Beispiel?

In Mainz bin ich anfänglich noch die Sportplätze der Umgebung abgefahren, auf der Suche nach Trainingsmöglichkeiten. Bis zum Schluss war ich noch bei vielen Marketingterminen dabei, weil Sponsoren immer wieder fragten, ob sie mich kennen lernen könnten.

Sie waren gleichzeitig Trainer und Gesicht des Marketings.

Wenn man so will. Die Zeit in Mainz war eben geprägt von einer Goldgräberstimmung: Schaufel raus und los! Da musste jeder mit anpacken, dafür konnten wir fast neu anfangen und peu a peu wachsen.

Wie schwer fiel es Ihnen, von diesem Indie-Konzept Abschied zu nehmen?

Ich wusste schon sehr lange, dass der Moment kommen würde. Es ist mir nicht leicht gefallen, sonst wäre es ja kein Abschied, sondern eine Flucht gewesen. Aber die Abschiedsmelancholie war auch gepaart mit einer großen Vorfreude auf das, was jetzt kommt.

Es wurde Zeit, das warme Nest zu verlassen.

Klar. Ich wollte nach 18 Jahren die Veränderung. Ich brauche keine Sicherheit. Bevor ich nach Mainz kam, habe ich jedes Jahr den Klub gewechselt, mitunter auch gezwungenermaßen wegen meines Sportstudiums. Jetzt freue ich mich brutal auf Dortmund. Es gab keinen Plan B.

In Mainz konnten Sie es sich später sogar erlauben, per Megaphon mit dem Publikum zu diskutieren. Bei 80 000 im ehemaligen Westfalenstadion wird diese Nähe zu den Fans schwierig.

Jetzt macht es Euch mal nicht so leicht. So eine Frage enttäuscht mich. Ihr solltet in der Lage sein zu abstrahieren, dass meine Nähe und der daraus resultierende Umgang mit den Fans in Mainz über Jahre gewachsen ist.

Natürlich. Trotzdem fragen wir uns, ob Ihnen diese Nähe nicht fehlen wird.

Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, das habe ich beim Wechsel mit einkalkuliert. Überhaupt bin ich in diesem Gefüge sensationell unwichtig. Ich genieße es lediglich, total am Limit mit einer Gänsehaut im Stadion zu sein. Und ich möchte dafür sorgen, dass auch andere Menschen dieses Empfinden haben. Was jetzt in Dortmund passiert, ist etwas ganz anderes. Und ich garantiere Ihnen, ich werde bei meinem ersten Heimspiel kein Megaphon in der Hand haben und nicht auf den Zaun gehen.

Sie hatten langfristig bekannt gegeben, dass Sie im Falle des Nichtaufstiegs Mainz verlassen würden. Wie lange planten Sie ihren Abschied schon?

Den Zeitpunkt gab es nicht, aber es war immer klar, dass ich nicht bis an mein Lebensende Trainer von Mainz 05 bleiben würde. Dafür bin zu neugierig. Andererseits kam für mich aber auch nicht in Frage, vor Ablauf meines Vertrages zu gehen.

Wann reifte die Entscheidung, wohin es geht?


Als bekannt wurde, dass ich mit den Verantwortlichen des FC Bayern gesprochen hatte, fing ich an zu überlegen. Ich habe mich mit der Bundesligatabelle hingesetzt und überlegt, welche Vereine, mich reizen würden. Natürlich war Dortmund dabei. Mein Plan war: 1. Liga, ja, 2. Liga, nein. Und wäre kein passendes Angebot gekommen, hätte ich ein paar Praktika bei Top-Klubs in England absolviert.

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