26.07.2008

Jürgen Klinsmann im Interview

»Der Kopf wird nicht trainiert«

Der neue Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann ist in der Bundesliga angekommen. Der gebürtige Schwabe zieht ein erstes Fazit und spricht über unnötige Millionentransfers, Energiekuchen, Rotwein mit Uli Hoeneß und den Ausbildungsberuf Fußballprofi. 

Interview: Moritz Kielbassa und Ludger Schulze Bild: Imago
Beim FC Bayern sollen Sie nun einen Klub aus der zweiten finanziellen Liga Europas an die Spitze der Champions League führen - auf Augenhöhe zu Vereinen, die für Spieler wie Kaka oder Ronaldo 100 Millionen bezahlen können.

Ich akzeptiere das Argument der finanziellen Diskrepanz zu den Großen nicht. Der FC Bayern muss finanziell niemals in diese Regionen gehen. Sicherlich sind solche Ausnahmespieler etwas Besonderes. Aber die Top-15-Vereine in Europa sind alle mit lauter Nationalspielern bestückt. Und letztlich ist die Atmosphäre, ist die Arbeitsphilosophie, die ein Verein entwickelt, wichtiger als ein Hundert-Millionen-Transfer. Inter Mailand hat in den letzten zehn Jahren immer fünfzig bis hundert Millionen in neue Spieler investiert - trotzdem hat die Chemie nie richtig gepasst.

Heißt das: Entscheidend sind nicht teure Spieler, entscheidend ist vielmehr ein Trainer mit Konzepten?

Entscheidend ist, ob die Mannschaft eine Philosophie mitträgt, ob sie sich selbst definieren kann und imstande ist, Probleme zu lösen. An dieser Stelle reduziert sich die Rolle des Trainers. Entscheidungen im Fußball werden am Platz getroffen. Wenn ich als Trainer versuche, das Gehirn des Spielers genau zu programmieren - spiele so, so, so, so - dann wird er nie sein Top-Leistungsniveau erreichen. Der Trainer kann immer nur ein Helfer sein, damit der Spieler sich selbst inspiriert und den Blick öffnet: und zwar keinen 90-Grad-, sondern einen 180- Grad-Blick. Ich kann dem Spieler helfen in Bezug auf Fitness, auf Selbstvertrauen und Motivation. Für seine Entscheidungen im Spiel aber muss der Spieler selbst eine Balance entwickeln.

Am Ende entscheiden im modernen Spitzenfußball oft Details.

Genau deshalb sehe ich Bayern keineswegs in einer zweiten Kategorie. Es können noch so viele Milliardäre kommen, ob aus Russland oder Amerika - egal! Wenn ich mit einem Topkader arbeiten kann - und das können wir beim FC Bayern auch ohne 50-Millionen-Einkäufe - dann gibt es genug Chancen, diesen Kader kontinuierlich zu entwickeln. Wir haben den Spielern hier ein Leistungszentrum hinstellen können, wo sie sehr viel Input kriegen - im Gegenzug kann man von ihnen etwas zurückerwarten. Wir können hier genau ermitteln, wo es bei einem Spieler hapert, wo wir ansetzen müssen: Im leistungsanalytischen Bereich? Im menschlichen? Im Persönlichkeitsprofil?

Als sie Nationaltrainer wurden, sagten Sie: Ich muss zum Beispie den kopfballschwachen Lukas Podolski dazu bringen, dass er zwei Zentimeter höher springt, denn vielleicht macht Podolski am Ende im WM-Finale das entscheidende Tor, weil er diese zwei Zentimeter höher springt als sein Gegenspieler.

Mein Job ist es, meine Leute so zu verbessern, dass wir auch mit finanzstarken Klubs wie Chelsea oder Milan konkurrieren können. Im WM-Halbfinale gegen Italien hatten wir in der 89. Minute einen Freistoß in der Nähe des Sechzehners. Hätte da einer gesagt: Den lupfe ich über die Mauer - bumm, wären wir im Endspiel gewesen. In solchen Momenten spielen Budgets keine Rolle, sonst hätte Chelsea seit Jahren alle Titel abgeräumt.


Auf der nächsten Seite: Jeden Spieler jeden Tag besser machen - warum Fußball-Trainer für die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler mehr Zeit investieren müssen.

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