26.07.2008

Jürgen Klinsmann im Interview

»Der Kopf wird nicht trainiert«

Der neue Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann ist in der Bundesliga angekommen. Der gebürtige Schwabe zieht ein erstes Fazit und spricht über unnötige Millionentransfers, Energiekuchen, Rotwein mit Uli Hoeneß und den Ausbildungsberuf Fußballprofi. 

Interview: Moritz Kielbassa und Ludger Schulze Bild: Imago
Herr Klinsmann, man hört, dass dass Sie bis zu zwölf Stunden täglich auf dem Gelände des FC Bayern verbringen.

Wenn ich mich für etwas entscheide, dann gehe ich in der Umsetzung auf. Automatisch. Da schaue ich nicht auf die Uhr.

Sie gehen also auch in der Arbeit als Vereinstrainer auf.

In meiner Findungsphase bei der Nationalelf habe ich gespürt: Dieser Beruf macht dir Spaß, er füllt dich aus und fordert doch. Auch meine Firma in den USA hat mir Freude bereitet, aber seit der Zeit beim DFB weiß ich: Du gehörst wieder auf den Platz.



Kann man mit derselben Intensität, mit der Sie das Projekt WM 2006 gepuscht haben, tägliche Vereinsarbeit über einen langen Zeitraum gestalten? Sie hatten in die WM so viel Energie investiert, dass Sie danach innerlich leer waren und eine Auszeit brauchten.

Ich werde manchmal zum Workaholic, das stimmt, aber ich habe gelernt, mich relativ gut einzuteilen. Bei der WM mussten wir alles für ein Mega-Event bis zu einer Deadline hinbringen, auf den Punkt genau. Danach fiel körperlich und emotional viel ab von mir, und ich hatte die Verpflichtung, meine Familie wieder in Balance zu bringen. Hätte ich nach der WM drei Monate freikriegen können, hätte ich vielleicht nicht aufgehört.

Was heißt: Sie haben gelernt, sich einzuteilen?

Ich bin jetzt noch einen Schritt weiter beim Thema Verantwortungsübergabe.

»Empowerment«, wie es in der Klinsmann-Sprache heißt ...

... ja, die Aufgabenverteilung im Trainerstab ist beim FC Bayern noch besser als beim DFB. Alle vier Fitnesscoaches arbeiten selbstverantwortlich, meine zwei Assistenten bereiten die Trainingseinheiten vor. So kann ich meinen Schwerpunkt auf die Umsetzung der Trainingsarbeit legen - und auf die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler.

Durch den WM-Film Sommermärchen entstand der Eindruck, der Trainer Klinsmann sei gar kein Trainer gewesen, sondern nur der Heißmacher in der Kabine, während die taktische Arbeit in den Händen von Joachim Löw lag.

Ich wusste, dass es in diese Richtung läuft. Sönke Wortmann (Regisseur, Anm. d. Red.) kam damals zu mir nach Kalifornien und zeigte mir den Film in der Rohfassung. Ich habe gesagt: Der Film gibt eigentlich überhaupt nicht wider, was ich beim DFB zwei Jahre lang gearbeitet habe. Aber ich habe Sönke verstanden, er muss seinen Film auf die Emotionen der Zuschauer im Kino auslegen. Ich sagte: Sönke, mach, wie du es für richtig hältst, ich habe kein Problem damit.

Und wie sah die Wahrheit hinter dem Filmszenario aus?

Sämtliche Trainingseinheiten waren zwischen mir und Jogi (Löw, d.Red.) voll abgestimmt. Die Umsetzung auf dem Platz habe ich Jogi übergeben, damit er in diese Aufgabe wächst. Die Planung, die Strategie war aber immer unser gemeinsames Ding, und alle Entscheidungen im sportlichen Bereich, Auswechslungen und so weiter, kamen durch meine Sichtweise der Dinge zustande - die wir dann gemeinsam besprochen haben.

Anfangs war das aber nicht so: Sie sagten, Joachim Löw könne ein Spiel viel besser lesen und analysieren.

Ja, aber ich habe Monat für Monat dazugelernt. Nach dem Confederations Cup 2005 hatte ich das Gefühl: Ich könnte das auch. Aber warum hätte ich das gut Eingespielte auf den Kopf stellen sollen? Sollte ich Jogi eine Aufgabe wegnehmen, in der er voll aufgeht? Wir haben uns beide gegenseitig viel gegeben - und es hat riesig Spaß gemacht.


Auf der nächsten Seite: Warum Jürgen Klinsmann das Argument der finanziellen Diskrepanz zu den Großen nicht akzeptiert.

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