Jürgen Croy über die Spiele seines Lebens

»Wir waren Außenseiter«

Jürgen Croy stand 86 Mal im Tor der DDR-Nationalelf. In den 70er Jahren wurde er in einem Atemzug mit Dino Zoff und Sepp Meier genannt. Wir sprachen mit ihm über Prestige, 5000 Mark und Torhüter, die Elfmeter schießen. Jürgen Croy über die Spiele seines LebensImago

Jürgen Croy, Sie haben als Torwart der BSG Sachsenring Zwickau und Nationalkeeper der DDR viele große Spiele erlebt. Können Sie sagen, welche die drei Spiele Ihres Lebens waren?

Das Olympiafinale 1976, das Pokalendspiel mit meiner Klubmannschaft 1975 und natürlich auch das deutsch-deutsche WM-Spiel 1974.

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1975 standen Sie sehr überraschend im Pokalfinale.

Wir sind, soweit ich mich erinnern kann, ziemlich souverän ins Endspiel marschiert. (überlegt) Was heißt souverän?! Nun, es waren schon schwere Begegnungen dabei, aber ich denke, dass wir nicht unverdient im Finale standen.

Dennoch war Dynamo Dresden der haushohe Favorit?

Für die Öffentlichkeit waren wir ein größerer Außenseiter als für uns selbst. Denn wir haben, was der Spielverlauf auch gezeigt hat, an unsere Chance geglaubt. Und je weiter die Partie dem Ende zuging, desto größer wurden unsere Chancen. Ein bisschen haben wir mit dem Elfmeterschießen geliebäugelt.

Dresden ging zweimal in Führung. War die Sensation nach dem 2:1 in der 99. Spielminute immer noch in Reichweite?

Wir hatten noch mehr als 20 Minuten um auszugleichen. In der 118. Minute machten wir dann das 2:2. Obwohl das Tor sehr spät gefallen ist, kam es für die Besucher im Stadion gar nicht mal so überraschend. Wir hatten uns zuvor einige gute Möglichkeiten herausgespielt und man hatte gespürt, dass wir noch in der Lage sind, den Ausgleich zu schaffen.

Was empfanden Sie, als so kurz vor Schluss noch der Ausgleich gelang?

Da fällt einem erstmal ein großer Stein vom Herzen. Dann hatten wir das psychologische Plus durch das späte Tor auf unserer Seite. Als Nationaltorhüter habe ich mir auch, ohne den Dresdner Kollegen unterschätzen zu wollen, größere Chancen ausgerechnet, im Elfmeterschießen etwas bewegen zu können.

Wie lief die Begegnung für Sie als Torhüter?

Für mich als Torwart war es ein durchschnittliches Spiel, aber dann kam dieser Kulminationspunkt Elfmeterschießen, der für uns Torhüter immer eine besondere Herausforderung darstellt. Zumal ich ja nicht nur als Keeper, sondern auch als Schütze aktiv war, was es zu diesem Zeitpunkt auf höherklassiger Ebene noch nicht gegeben hat.

Wurden Sie vom Trainer bestimmt, den letzten Elfer zu schießen?

Beim Elfmeterschießen ist ja nicht nur eine solide Technik, sonder vor allem ein starkes Nervenkostüm gefragt. Ich war auch ein guter Feldspieler und da hat sich schon die Woche vor dem Spiel herauskristallisiert, dass ich antrete. Das es nun ausgerechnet der letzte Elfmeter war, das war mein Wunsch. Sonst hätte ich meine Torwarthandlungen unterbrechen müssen und das wäre nicht gut für mich gewesen. Als letzter Schütze hatte ich mehr Verantwortung, aber das war in Ordnung, gerade weil ich vorher zwei Elfmeter der Dresdner parieren konnte.

Haben Sie im Training Elfmeterschießen trainiert?

Da ich ohnehin im Training ganz gerne »draußen« gespielt habe, hat sich gelegentlich die Situation ergeben, so etwas zu trainieren. Aber man kann Elfmeter nicht spieleffektiv trainieren, da im Training die nervliche Belastung fehlt.

War es der einzige Elfmeter, den Sie in Ihrer Karriere geschossen haben?

Nein, ich habe zwei Elfmeter in offiziellen Spielen geschossen. Zum zweiten Mal bin ich im Europapokal der Pokalsieger gegen den AC Florenz angetreten. Dort haben wir im Hinspiel 1:0 verloren, das Rückspiel 1:0 gewonnen und dann habe ich, vor 40.000 Zuschauern im Westsachsenstadion, wieder den letzten Elfmeter verwandelt. Ein sehr schönes Gefühl. Wir haben damals neben Florenz noch Panathinaikos Athen und Celtic Glasgow rausgeworfen und sind erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger Anderlecht gescheitert.

>> »Es war für beide Seiten ein Prestigespiel« – Jürgen Croy über das Olympia-Finale von 1976 und das deutsch-deutsche WM-Spiel 1974
Zwei Jahre zuvor haben Sie bei der WM 1974 gegen die BRD den Kasten sauber gehalten...

Ich würde das olympische Endspiel von 1976 höher ansiedeln. Das war mit Abstand mein größter sportlicher Erfolg.

Obwohl dies die Öffentlichkeit weitaus weniger erreicht hat als der Sieg gegen Westdeutschland.

Um in dieses Endspiel zu kommen, mussten wir in der Quali den Europameister von 1976, die CSSR, ausschalten. In der Vorrunde sind wir auf Brasilien getroffen, die zwar ohne sieben oder acht Stammspieler angereist waren, aber man weiß ja, wie viele gute Fußballer es in Brasilien gibt. Dann haben wir im Halbfinale die Sowjetunion geschlagen, die zu dieser Zeit eine große Rolle im Weltfußball gespielt hat.

Finalgegner war Polen.

Und die sind 1974 WM-Dritter geworden mit ihrer Mannschaft um Tomaszewski, Lato und Gadocha. Gegen diese Top-Mannschaft haben wir mit 3:1 gewonnen. Deswegen hat der Olympiasieg sportlich auch so eine hohe Bedeutung für mich.

1974 sind Sie bei der WM noch in der sehr schwierigen Finalrundengruppe A gescheitert. Wäre eine Niederlage gegen die DFB-Elf – beide Teams waren ja schon für die nächste Runde qualifiziert – vielleicht besser für das weitere Abschneiden gewesen?

Obwohl die beiden deutschen Mannschaften schon durch waren, wollten sie dieses Spiel natürlich unbedingt gewinnen. Und wir waren wieder, analog zum Pokalfinale mit Zwickau und zu Olympia 1976, klarer Außenseiter. Dennoch hatten wir das feste Ziel, uns so teuer wie möglich zu verkaufen. Ob der zweite Platz vorteilhafter gewesen wäre, darüber wurde im Nachhinein viel spekuliert. Ich denke, wir hatten mit Sicherheit keine einfache Gruppe, aber wir hatten auch in dieser Gruppe unsere Chance und hätten gegen die Brasilianer nicht verlieren müssen. Zumindest das Spiel um Platz 3 wäre möglich gewesen.

Wie wichtig war dieser Sieg fürs Prestige?

Es war für beide Seiten ein Prestigespiel – und das nicht nur aufgrund der politischen Brisanz. Jeder Spieler wollte zeigen, dass er leistungsfähig ist und in der Weltspitze mitmischen kann. Das Spiel wurde aufgrund der hohen Brisanz ja in vielen Ländern ausgestrahlt und  viele Millionen Menschen haben zugeschaut.

Was ist Ihnen vom Spiel besonders in Erinnerung geblieben?

Das es ein sehr faires Spiel war, in dem es Torchancen für beide Seiten gab. Das Spiel hätte auch Unentschieden ausgehen können, am Ende haben wir allerdings nicht unverdient gewonnen.

Gab es besondere Prämien für den Sieg gegen die BRD?

Das ist ja immer von vorneherein festgelegt, was es für die einzelnen erreichten Ziele gibt. Für den unerwarteten Sieg der WM-Vorrunde bekamen wir insgesamt 5000 Mark. Das beinhaltete auch den Sieg gegen die BRD. Für diese Summe macht sich heute ja kaum noch jemand die Schuhe zu.

Mehr gab es nicht?

Nein, auch wenn in der Bevölkerung spekuliert wurde, dass wir Autos oder andere Luxusgüter bekommen haben sollen. So war es nicht, es gab überhaupt nichts außer die 5000 Mark. Nur im Hotelzimmer lag mal ein Kugelschreiber, den ein Unternehmen als Werbung hingelegt hat, aber nichts Hochwertiges, sondern solche, die sie heute überall geschenkt kriegen.

Wem haben Sie im Finale die Daumen gedrückt?

Wir als Sportler haben das objektiv gesehen und wollten, dass die bessere Mannschaft den Sieg erringt.

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