06.06.2008

Josef Hader im Interview

»Verdammt zu verlieren«

Der österreichische Kabarettist Josef Hader erzählt von seinem schweren Los als Sportler, warum er Hickersberger und Österreichs EM-Team mag – und (erstaunlich!) warum er seit der WM die Deutschen gern siegen sieht.

Interview: Josef Kelnberger und Christian Zaschke Bild: Imago
Würde es Sie reizen, analog zum Sommermärchen von Sönke Wortmann einen Film über die österreichischen Fußballer zu machen.

Ich bin ja kein Regisseur. Aber so ein schönes, depressives Fußballmärchen in Schwarzweiß, wo die österreichischen Fußballer mit hängenden Köpfen spielen und wissen, sie verlieren wieder, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, am besten im Novembernebel - diese existentialistische österreichische Fußballstimmung sollte man einmal einfangen. Sartre-Camus-Fußball: Man weiß, man ist ins Spiel geworfen und verdammt zu verlieren.

Das scheint das Schicksal der Österreicher zu sein. Da verlieren sie unverdient 0:3 gegen Deutschland, führen gegen Holland zur Pause 3:0 - und gehen 3:4 unter. Es ist schlimm, und dann kommt es immer nochmal schlimmer.


Im Vergleich zu früheren Nationalmannschaften, die sehr feig 0:1 verloren haben, bin ich wirklich ein Fan dieser Mannschaft. Das ist wieder eine Mannschaft, die keine Angst hat, die nicht hat, was Ernst Happel gesagt hat: den Beistrich in der Unterhose. Dieses Einbrechen nach 60 Minuten ist leichter zu beheben, als wenn sie nicht spielen könnten.Nach dem Holland-Match habe ich mir gedacht: Die haben ein schönes Spiel geboten. Den Endstand, na ja, den finde ich ein bisschen überschätzt.

In der ORF-Satire »Hicke und die starken Männer« hieß es, die Doppelbelastung aus erster und zweiter Halbzeit sei zu viel gewesen.


Josef Hickersberger, der Teamchef, ist ein interessanter Mann. Der bekommt langsam das, was alle großen österreichischen Fußballer, vor allem Ernst Happel natürlich, gehabt haben: diese starke Eigenwilligkeit. Auch Peter Pacult, der bei 1860 davongejagt und jetzt mit Rapid Meister geworden ist, hat das. So grundsätzlich: Als Trainer brauch’ ich wirklich nicht freundlich dreinschauen oder irgendwem entgegenkommen. Großartig.

Könnte man Sport auch im Kabarett verarbeiten?

Es darf halt nicht zu populistisch sein. Es ist fad, einfach über Fußballer herzuziehen. Man müsste sich Grundlegenderes überlegen.

Österreichischer Sport wirkt auf viele Deutsche per se wie Kabarett, daher kommt wohl die Popularität, die der Rundfunkreporter Edi Finger erlangte mit seinem »I wer’ narrisch.«

Es gibt es diesen typisch österreichischen Stil der Sportreporter, der in Deutschland so beliebt ist - und uns in Österreich immer furchtbar auf die Nerven gegangen ist. Ich finde es großartig, dass die nächste Generation viel ruhiger und kompetenter ist. Dass sie das Spiel auch mal stumm laufen lassen und nicht dauernd die Fress’n offen haben. Außerdem ist der ost-österreichische, Wiener Kulturkreis, aus dem Finger und auch Hickersberger kommen, schon sehr ironiebetont. Da kommt Ironie aus einer Lebenshaltung heraus, aus einer Ausdrucksform, die man gar nicht absichtlich macht. Solche Originale gäbe es bestimmt auch in Berlin - nur, das mag der Münchner halt nicht so gern. Der mag lieber die Österreicher, die ironisch sind.

Wäre es für Sie der größte anzunehmende Unfall, wenn Deutschland in Österreich Europameister würde?

Was ich nicht gern hätte, ist: Wenn eine Mannschaft Europameister würde, die sehr kalkuliert und unschön spielt. In der Beziehung hat Deutschland vor kurzer Zeit eine Änderung herbeigeführt, seither gewinnen sie auf eine schöne Art. Es gab auch Zeiten, in denen die Deutschen hässlich gewonnen haben. Aber bei der letzten WM hat man richtig schön für Deutschland sein können.

Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst.


Doch, doch, das geht. Ich habe viele Freunde in Deutschland und kann mich gut damit identifizieren. Der Trend, den ich im Fußball beobachten kann in den letzten zehn Jahren, geht überhaupt dahin, dass alle Mannschaften inzwischen so schnell und gleich gut sind, dass plötzlich der Individualist wieder entscheiden kann. Dass es wieder erlaubt ist zu dribbeln. Es geht in eine Richtung, die mir sehr gut gefällt.

Für Österreicher ist doch wichtiger, Deutschland rauszuhauen, als Europameister zu werden.


Die Deutschen rauszuhauen wäre natürlich großartig. Es wäre aber auch großartig, auch nur ein Spiel zu gewinnen. Es ist ja eine komische Wendung gewesen, was die Deutschen betrifft. Lange war Ungarn der größere Gegner. Österreich gegen Ungarn war der Höhepunkt an Ländermatch. Irgendwann hat sich das geändert mit dem Abstieg der Österreicher als Fußballnation. Im Lauf der Geschichte hatte Österreich eine der ersten Profiligen und profitierte von zugewanderten, meistens tschechischen Fußballern. Als dieses Erbe verloren ging, ging auch das Selbstbewusstsein verloren, und da brauchte man einen mächtigen Feind, an dem man sich reiben kann. Da bot sich Deutschland sehr gut an.

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