06.06.2008

Josef Hader im Interview

»Verdammt zu verlieren«

Der österreichische Kabarettist Josef Hader erzählt von seinem schweren Los als Sportler, warum er Hickersberger und Österreichs EM-Team mag – und (erstaunlich!) warum er seit der WM die Deutschen gern siegen sieht.

Interview: Josef Kelnberger und Christian Zaschke Bild: Imago
Josef Hader gibt das Interview in seiner Garderobe, kurz vor einem Auftritt. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Spiegel, darauf eine Linie weißes Pulver, daneben eine Kreditkarte und eine Wodkaflasche. Braucht der Künstler den Stoff, um sich in Schwung zu bringen? Das weiße Pulver ist Mehl, in der Flasche nur Wasser. Von hier aus wird er den ersten Teil seines Programms bestreiten, wird vermeintlich koksend und Wodka trinkend mit seinem Assistenten das Publikum beschimpfen, das die Szene auf einer Leinwand verfolgen wird. Hader sagt, er sei nervös, denn im Publikum sitzt Sepp Bierbichler, sein Schauspieler-Idol. Aber über Sport spricht er immer gerne, sagt der Kabarettist, »lieber, als dass ich ihn betreibe«. Und ist nicht der Fußball in seiner Heimat Österreich Kabarett schlechthin?

Herr Hader, Ihrem ansonsten prall gefüllten Tourneeplan entnehmen wir: kein einziger Auftritt in den drei EM-Wochen. Weil Sie Fußball schauen wollen, oder weil Ihr Publikum in dieser Zeit nur Fußball schauen will?

Es ist in ganz Europa so, dass die Kabarettisten in der Zeit nichts machen. Das ist zu riskant. Früher konnte man noch Frauenvorstellungen geben, aber heutzutage sind die Frauen an Fußball interessiert, das geht auch nicht mehr - abgesehen davon, dass ich mir selber Matches anschauen möchte.



Haben Sie Karten?

Ich krieg’ keine Karten in Österreich. Ich habe Zeit meines Lebens versucht, meinen Beruf so auszuüben, dass ich mich von den Mächtigen fernhalte. Und jetzt muss ich aushalten, dass ich keine Verbindungen habe. Außerdem bin ich ja ohnehin keiner, der regelmäßig ins Stadion geht, höchstens in der Art: Man muss einmal in Dortmund im Stadion gewesen sein, weil das was Besonderes ist.

Sind Sie im Wiener Fußball für Rapid oder Austria?

In meiner Jugend war ich Austrianer. Die Mannschaft der siebziger Jahre spielte nahezu körperlosen Fußball, alles nur mit intelligenten Pässen, die natürlich zu nichts geführt haben, weshalb alle Tore aus Freistoßtricks erzielt wurden. Ich war ein dickes, unsportliches Kind, deshalb hat mir diese Art von Fußball sehr gut gefallen, weil das Spiel quasi ohne Kampf war.

Haben Sie selbst diese Art von Fußball hingekriegt?

Nein, ich war schlecht im Fußball. Immer schlecht und immer nur zwangsweise dabei, also im Turnunterricht. Im Dorf und später im Internat war es natürlich eine Tragödie, gesellschaftlich, wenn man schlecht Fußball spielte. Ich war in der Unterstufe sozial immer ziemlich weit unten angesiedelt. Wurde immer als Letzter oder Vorletzter gewählt. Ich war immer in der Verteidigung, und wenn Tore gefallen sind, hat niemand geschimpft mit mir - weil eh keiner damit rechnete, dass ich jemanden aufhalten könnte.

Sie hätten ja Torwart werden können, wenn Sie wirklich so dick waren.

Ich hatte ja Angst, dass ich mich hinhau’, wenn mir einer entgegenläuft. Wenn jemand scharf geschossen hat, habe ich mich geduckt. Ich hatte eigentlich Angst vor allem, Berührungsangst vorm Gegner, vorm Ball. Ich war ein sehr angstbesetztes Kind.

Noch eine Idee: Warum nicht Schiedsrichter?


Im Internat waren wir nur katholische Buben, da brauchten wir keinen Schiedsrichter. Der oberste Schiedsrichter saß hoch droben in den Wolken.

Als österreichisches Kind konnten Sie aber bestimmt Skifahren.

Kann ich auch nicht. Ich war einmal im Schulskikurs, und weil ich keine Freunde hatte, habe ich mit zwei Leuten aus einer oberen Klasse zusammenwohnen müssen. Die haben mich immer gequält, die Kleidung versteckt, wenn ich beim Duschen war, nachts nasse Sachen ins Bett geschüttet. Dann bin ich nie wieder mitgefahren beim Skikurs.

Sport war also nie Ihr Ding?


Hallenfußball mit Gleichschlechten, das war mal ganz nett. Aber ich hatte nie diesen Willen, ich muss ... Ich habe mich immer wohler gefühlt im Klavierzimmer oder im Lesezimmer. Habe immer mehr dem Geistigen als dem Körperlichen vertraut.

Kein Fußballer, kein Skifahrer, Sie waren zum Außenseiter prädestiniert - und mussten vermutlich Kabarettist werden in Österreich.

Das klingt wie ein blöder Witz, aber es ist so: Das erste große soziale Erlebnis, dass ich wirklich was werd’ im Leben, war im Schultheater. Deshalb bin ich dabei geblieben. Menschen, die mit Ihrer Rolle nicht ganz im Einklang sind, können aber durchaus gute Sportler werden. Tennisspieler zum Beispiel können asozial sein und sind gerade dadurch gut. Der Punkt bei mir war: Mir erschien es von vornherein sinnlos zu trainieren, weil ich so dick war. Heute denke ich manchmal: Vielleicht hätte ich das machen sollen. Bertolt Brecht hat ja gemeint, dass alle großen Kulturleistungen durch Sport jederzeit zu verhindern gewesen wären. Ich bin allerdings nicht ganz so antisportlich eingestellt. Es gibt gerade bei den Regisseuren große Fußballspieler, Detlev Buck zum Beispiel, oder Sönke Wortmann.

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